Interview: „Als wären wir Affen“

Frank Schirrmacher, 44, ist seit 1994 Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ („FAZ“). Der Autor mehrerer Sachbücher studierte Germanistik, Anglistik, Philosophie und Literatur in Heidelberg und Cambridge. Sein im März erschienenes Buch „Das Methusalem-Komplott“ führt zurzeit die Bestsellerlisten an, beschreibt Umwälzungen aufgrund einer älter werdenden Gesellschaft und löste heftige Kontroversen aus: Während manche Kritiker von einem Beitrag zu einem „wichtigen Gegenwartsthema“ sprachen, qualifizierten andere den Text als einen „als Sachbuch verkleideten Angstschrei eines Mannes in der Midlife-Crisis“.

profil: In Ihrem jüngst erschienenen Buch behaupten Sie, in unserer Gesellschaft würden Menschen schon im Alter von etwa 40 Jahren massiv diskriminiert. Sie sprechen von „mörderischem Altersrassismus“. Den Alternden werde alles genommen: Selbstbewusstsein, Lebenslust, Arbeitsplatz. Ist es wirklich so schlimm?
Schirrmacher: Ja. Das Schlimmste besteht in der Verschwendung von Lebenszeit. Es gibt in 60 Prozent der deutschen Unternehmen keinen einzigen Menschen, der älter ist als 50 Jahre. Wir konzentrieren die Chancen, die ein Leben bietet, auf anderthalb Jahrzehnte, auf die Zeit zwischen 25 und 40. Die Diskriminierung besteht darin, dass Sie nicht mehr anerkannt werden, dass man Ihrem Gehirn nicht mehr traut. Es ist eine mörderische Ideologie: Sie bringt Menschen um, indem sie ihnen einredet, sie würden nichts mehr taugen. Sehr schlimm wird auch sein, was wir uns selber einreden, wenn wir alt sind: Wir werden verunsichert sein, uns als Last empfinden und nicht wissen, wie wir uns legitimieren können.
profil: Sie sagen, die Jüngeren würden die Spielregeln machen. Nun liegen aber gerade Machtpositionen in der Politik und auch in den Medien zu einem Gutteil in den Händen von über 50- und 60-Jährigen, meist Männern.
Schirrmacher: Ältere sind in Machtpositionen, aber sie werden sie viel zu früh verlieren. Außerdem sind 50- und 60-Jährige ja noch nicht alt. Und selbst jemand wie „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust oder Michael Naumann, Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“, hätten, würden sie sich heute als Normalsterbliche bewerben, überhaupt keine Chance mehr.
profil: Angesichts der demografischen Fakten in den westlichen Gesellschaften – des Anstiegs der Lebenserwartung und der Tatsache, dass die Zahl der über 50-Jährigen die der Jüngeren bald übersteigen wird – rufen Sie zum „Methusalem-Komplott“, zu einer „militanten Revolution“ im Umgang mit dem Alter auf. Wie könnte diese aussehen?
Schirrmacher: Wir haben uns daran gewöhnt, und das nenne ich Rassismus, im Älteren nur etwas Unästhetisches oder Dummes oder Unattraktives zu sehen. Es gibt aber Möglichkeiten, durch Kunst, Film, durch die Art, wie wir jemandem zuhören, das anders zu machen. Und das wird kommen. Wir werden Hollywood-Filme und populäre Kultur bekommen, die viel stärker auf die alternde Gesellschaft setzt. Sehen Sie sich Fotos von George
Tabori an, das ist ein wunderschöner Mensch, dem man immer noch zuhört.
profil: Aber das halten Sie offenbar für eine Ausnahme.
Schirrmacher: Unsere Strukturen stammen aus dem 19. Jahrhundert und sind nicht an die neuen Erkenntnisse angepasst. Eine davon lautet: Die Lebenserwartung ist viel höher als gedacht. Und die zweite: Es ist nicht so, dass das Hirn irgendwann fertig ist und keine Nervenzellen mehr nachwachsen, sondern es ist bis ins hohe Alter wie ein Muskel zu trainieren und regenerationsfähig. Damit stimmen alle unsere Kategorien nicht mehr, damit kann auch ein 70-Jähriger noch große Leistungen erbringen, wenn auch nicht unbedingt körperliche. Er tut es aber nicht, weil er nicht gefordert wird und sich aufgrund der falschen Ideologie auch selber nichts mehr zutraut.
profil: Sie plädieren auch für ein viel längeres Arbeitsleben, bis 70, 80 Jahre oder noch länger. Angesichts des derzeitigen Drucks in der Arbeitswelt ist dies aber für viele eher eine Horrorvision. Der amerikanische Autor und Regisseur Michael
Moore hat pointiert das Bild gezeichnet, wonach wir künftig erst dann unsere Arbeitszeit endlich reduzieren dürfen, wenn wir 82 sind oder das Wasser nicht mehr halten können.
Schirrmacher: Was ich ja sagen will, ist: weg von diesen Normenvorstellungen. Es ist gar nicht nötig, in den nächsten Jahren Leute zu zwingen, dass sie bis 70 arbeiten. Wir wissen gar nicht, was auf uns zukommt, wenn wir die Lebensfreude der Älteren reaktivieren. Wir werden sehen, dass von sagen wir 100 Älteren zwanzig sagen: Ja, ich will noch was machen. Und das reicht schon. Das ändert auch etwas am Problem der Lebensläufe. Derzeit muss man zwischen 30 und 35 alles gleichzeitig machen: Kinder bekommen, Karriere machen, sich um seine Eltern kümmern. Das ist die Rush Hour des Lebens. Und das können wir entzerren, indem wir sagen, wir arbeiten um fünf Jahre länger.
profil: Dennoch plädieren Sie nicht für ein höheres Pensionsantrittsalter für alle?
Schirrmacher: Überhaupt nicht. Es reicht völlig, wenn wir das jetzige erfüllen. Es gibt Leute, die können und wollen noch mit 80 arbeiten, und andere können es nicht. Niemals darf man es jemandem vorwerfen, wenn er es nicht tut, da man auch selbst nicht weiß, wie sich die Gesundheit entwickelt.
profil: Sie formulieren in Ihrem Buch teilweise sehr drastisch: Sie sprechen von „erbitterten Streitmächten“, die auf die Alten zukommen würden, prophezeien einen „Krieg“ der Generationen und Masseneuthanasie. Ist das nicht maßlos übertrieben?
Schirrmacher: Es ist ja in England schon heute so, dass bei einem 65-Jährigen bei einer Operation gesagt wird: Moment – Auge rechts ja, Auge links nein. Und heute geht es uns noch sehr gut. Wie wird das sein, wenn die Babyboomer alt werden? Sie liegen dann im Alter von 65 im Krankenhaus, können noch 40 Jahre leben, aber der Arzt steht da und sagt: Wer zahlt? Und es ist denkbar, dass die Leute dann von den Alten fordern könnten: Tod fürs Vaterland.
profil: Das glauben Sie ernsthaft?
Schirrmacher: Das sehe ich voraus. Die Jugend wird auf Darwin zurückgehen: Die Natur lässt uns altern und repariert nicht mehr, weil wir uns nicht mehr fortpflanzen können. Nach dem Darwinismus heißt das für die Gesellschaft: Frauen werden aus der öffentlichen Wahrnehmung wie dem Fernsehen eliminiert, wenn sie 45 sind. Man muss sich einmal vorstellen, was da dahinter steckt. Das ist doch Irrsinn. Als wären wir noch Affen. Menschen werden in der Gesellschaft eliminiert, wenn sie nicht mehr arbeiten können.
profil: Aber muss man das Thema so militant angehen? Andere weisen die Vision von einem Krieg zurück. Der Alternsforscher Paul Baltes meint, es werde zwar zu Verteilungsfragen, aber nie zu einem wirklichen Krieg der Generationen kommen, weil jeder Mensch irgendwann auch einmal alt sei.
Schirrmacher: Ich glaube ja nicht, dass man mit Waffen aufeinander losgeht. Der Generationenkrieg ist einerseits ein psychologischer Krieg, andererseits ein finanzieller, einer der Verteilung. Ich kann Ihnen garantieren, dass der kommen wird. Wir kommen derzeit in eine brutal kapitalistische Welt, in der nur zählt, wer stark genug ist zu arbeiten und sich fortzupflanzen. Dafür wollte ich die Augen öffnen.
profil: Könnte es sein, dass man mit Formulierungen wie den Ihren Konflikte erst recht schürt?
Schirrmacher: Nein, der Generationenkrieg braucht keine Mithilfe durch mich. Er ist ja eine Urkraft in den menschlichen Gesellschaften.
profil: Dann wären die von Ihnen beschriebenen Zustände ohnehin unausweichlich?
Schirrmacher: Nein. Ich glaube, es ist wie immer bei solchen Thesen: Wenn sie ausgesprochen sind und man das erkennt, dann ist schon mal eine neue Situation da.
profil: Wenn der Verteilungskrieg unvermeidlich ist: Wie kann dann das Methusalem-Komplott helfen? Kann es ihn lösen?
Schirrmacher: Ich habe kein ökonomisches Buch geschrieben. Dafür ist eine andere Fraktion zuständig. Aber wir kennen alle die Lösung: Sie heißt, dass man beizeiten vorsorgen muss. Wir werden alle sehr viel weniger Geld zum Ausgeben haben. Das höre ich in jeder Nachrichtensendung. Was ich gemacht habe, war zu sagen: Ich muss auch vorsorgen, was meine Seele und Identität und mein künftiges Leben angeht. Es wird ein neues Image entstehen. Ich bin unglaublich optimistisch. Wir werden erst unsere Kultur verändern, und dann wird davon auch die Wirtschaft profitieren.
profil: Sie sprechen auch an, dass sich junge Leute künftig von der Masse der Älteren erdrückt fühlen könnten, wenn Ältere etwa als größte Wählergruppen vieles gegen die Interessen der Jüngeren durchsetzen. Wie könnte man denn in Bezug darauf Vorsorge treffen?
Schirrmacher: Ich glaube, dass uns viel gelingt, wenn wir die Lebenszeit jenseits der 35 oder 40 entgiften. Wir bekommen aber durchaus ein Riesenproblem: Die Gruppe der Jugendlichen wird irgendwann zu klein sein, als dass sie für die Industrie interessant ist. MTV, Viva, Walt Disney, auch Zeitschriften und Zeitungen haben jetzt schon Probleme. Wie erreichen wir also die künftigen Jugendlichen noch? Wie verhindern wir, dass die in ein schwarzes Loch fallen oder sich in Kleingruppen abspalten? Darauf habe ich keine Antwort. Das ist ein ungelöstes Problem und eigentlich ein zweites Buch wert.
profil: Sie setzen die unterschiedlichen demografischen Entwicklungen im Westen und in der arabischen Welt auch in Zusammenhang mit dem „Krieg der Kulturen“ und meinen, der hohe Anteil von Jugendlichen in den muslimischen Ländern brächte Instabilität und Terror mit sich.
Schirrmacher: Der Irak-Krieg und der Afghanistan-Feldzug sind ja bereits solche Kriege. Der „Clash of Civilizations“ ist das Motiv, das die neue amerikanische Politik definiert. Die These lautet: Wenn eine Gesellschaft mehr als 20 Prozent Jugendliche hat, also 15- bis 25-Jährige, neigt sie dazu, instabil zu werden. Wann immer es in Europa Kriege gab, bestand immer ein ganz hoher Anteil an Jugendlichen. Auch für Saudi-Arabien wurde vorausgesagt: Dieser Anteil wird dann und dann überschritten sein, und dann werden sich von dort Terroristen aufmachen. Nun wird die islamische Welt genau in dem Augenblick einen Jugendboom erreichen, wenn wir
einen Altersboom haben. Und die Gewalt, mit der das jetzt aus der muslimischen Welt kommt, ist ungeheuerlich. Das hat die Amerikaner, hat Bush dazu gebracht, diese Kriege zu führen. Wobei die Idee, man könne demografische Prozesse durch Besatzung lösen, natürlich ein Irrsinn ist.
profil: Macht man es sich nicht zu einfach, wenn man Terror und Kriege auf Altersstrukturen zurückführt?
Schirrmacher: Es wäre natürlich verrückt zu sagen, dass dies der einzige Faktor ist. Aber es ist der letzte entscheidende Faktor. Wann ist die iranische Revolution ausgelöst worden? In dem Augenblick, als dort der Anteil der Jugendlichen auf mehr als zwanzig Prozent stieg.
profil: Nun sind ja die demografischen Entwicklungen für die nächsten Jahrzehnte berechenbar. Glauben Sie, dass daraus resultierende Kriege und Terror ohnehin nicht mehr zu vermeiden sind?
Schirrmacher: Ich glaube, die großen Kriege wird es so nicht geben. Ich glaube zugleich aber auch, dass wir den Terror und diese ständigen Krisenherde nicht mehr loswerden.
profil: Sie reden oft von Altersängsten. Haben Sie die auch selbst?
Schirrmacher: Jeder will das immer von mir hören. Ich bin sehr privilegiert, und meine Altersangst, was den Beruf angeht, ist sehr unterentwickelt. Aber auch ich habe Angst, unter den heutigen Bedingungen in unserem Land alt zu werden. Ich kämpfe also für mich selber, aber auch für meinen Sohn, der erst zwölf Jahre alt ist. Das waren die zwei Hauptgründe, warum ich dieses Buch geschrieben habe.
profil: Und wenn die gesellschaftlichen Umstände anders wären: Hätten Sie dann keine Angst vor dem Altern?
Schirrmacher: Nein, es wäre vermessen, das zu sagen.