Interview: „Auslotung von Nähe und Distanz“

Die Wiener Medizinerin und Psychotherapeutin Claudia Karolinsky über Beziehungsprobleme und die Wirksamkeit von Paartherapie. Claudia Karolinsky, 42, studierte Medizin und Psychologie. Sie besitzt psychotherapeutische Ausbildungen in den Methoden katathymes Bilderleben, integrative Gestalttherapie, systemische Familientherapie, provokative Therapie. Seit 1993 führt sie in Wien eine eigene Praxis mit dem Schwerpunkt Paartherapie.

profil: Wann wird denn Paartherapie sinnlos?
Karolinsky: Prinzipiell kann man keinem helfen, der keine Hilfe will. Wenn sich einer der beiden Partner bereits innerlich von der Beziehung verabschiedet hat und noch nicht den Mut gefunden hat, die Trennung auszusprechen, wird’s schwierig. Das erkennt man aber als Therapeut sehr schnell.
profil: Bezüglich einer funktionierenden Beziehung existieren zwei Klischees: „Gegensätze ziehen sich an“ und „Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Was soll man glauben?
Karolinsky: Paare, bei denen sich die Partner sehr ähnlich sind, wirken nach außen hin sehr harmonisch. Nur, durch die ständige Betrachtung des eigenen Spiegelbilds ist die Chance auf Wachstum und Reifung reduziert. Unterschiedliche Paare haben naturgemäß ein viel höheres Konfliktpotenzial. Wenn sie ihre Gegensätzlichkeiten aber akzeptieren und respektieren, führen solche Konstellationen eine wesentlich lebendigere und leidenschaftliche Beziehung.
profil: Wann ist denn der größte Gefahrenmoment für den Weiterbestand einer Beziehung gegeben?
Karolinsky: Ich unterteile eine Beziehung in folgende Phasen: Symbiose, was dem Zustand der ersten Verliebtheit entspricht; die Rückführung in die Realität, was zum Widerstand gegen die Symbiose führt; und schließlich die Auslotung des Nähe- und Distanzverhältnisses. Erst in dieser dritten Phase zeigt sich, ob eine solche Beziehung erwachsen werden kann und Aussicht auf Fortbestand hat.
profil: Wann braucht ein Paar Therapie?
Karolinsky: Wenn es in den ewig gleichen Konfliktmustern festgefahren ist und aus eigener Kraft keine Chance auf Lösungsmodelle findet. Wenn die Partner in der Selbsterfahrung nicht begreifen können, wie sie aus dem Wiederholungszwang austreten können.
profil: Wie geschlechtsspezifisch unterschiedlich ist der Problemkatalog?
Karolinsky: Frauen haben ein Früherkennungssensorium und leiden vor allem an Kommunikationsunvermögen. Für Männer ist eine Beziehung meist erst dann in der Krise, wenn es im Bett nicht mehr funktioniert.
profil: Die neuere feministische Literatur stellt die Behauptung auf, dass Männer
zurzeit weitaus krisenanfälliger sind als Frauen.
Karolinsky: Ich beobachte in meinem therapeutischen Alltag, dass Männer verstärkt unter den Anforderungen der Frauen leiden. Ihre Reaktion auf diesen Druck ist
zum Beispiel immer häufiger Impotenz.
Andererseits leiden auch die so genannten starken Frauen darunter, sich nicht eingestehen zu können, dass sie auch einmal eine Schulter zum Anlehnen brauchen. Die Auflösung des Patriarchats und die neue Unabhängigkeit der Frauen sind für beide
Geschlechter anstrengend und stressfördernd.
profil: Wie lange sollte eine Paartherapie dauern?
Karolinsky: Ich tendiere dazu, meine Klienten früher zu entlassen, als ihnen oft lieb ist. Während der Krisenintervention empfehle ich eine wöchentliche Sitzung in der Dauer von zweimal 50 Minuten. Später würde ich alle paar Wochen zu einem regelmäßigen Check-up raten, der sich in Folge einer Konsolidierung der Beziehung auf eine Sitzung im halben Jahr reduzieren und dann ganz aufhören kann. Der Zeitraum von neun Monaten gilt in der Regel als die Zeitspanne, die über die Wirksamkeit einer Paartherapie Auskunft gibt.
profil: Empfinden Sie die Trennung eines Paares als professionelle Niederlage?
Karolinsky: Nein. Aber auch im Falle einer Trennung kann therapeutischer Beistand im Sinne eines geordneten Rückzugs durchaus schmerzreduzierend wirken.