Interview: „Bilder lügen nicht“

Der französische Regisseur Claude Chabrol über seine Arbeitswut, das Fernsehen, die Perversion und seine raffinierte neue Gesellschaftssatire „Die zweigeteilte Frau“.

profil: Auf die Gefahr hin, dass Sie die Frage nicht mehr hören können: Wieso ist und bleibt die Bourgeoisie Ihr Lieblingssujet und Hauptangriffsziel?
Chabrol: Ich darf Sie korrigieren: Die Bour-geoisie ist das einzig existierende Angriffsziel. Die ganze Welt ist inzwischen bürgerlich, wir alle sind Mittelklasse. Und die wenigen, die das noch nicht sind, träumen davon, es zu werden. Ist das nicht grauenhaft? Eine einzige gigantische Welt-Klasse.
profil: Seit Jahrzehnten wird die Bourgeoisie im Kino auf hohem Niveau lächerlich gemacht und hinterfragt. Was kann man noch erreichen, indem man das Bürgertum bloßstellt?
Chabrol: Trotz des Umstands, dass sie unentwegt verhöhnt wird, regiert die Bourgeoisie weiterhin ungeniert die Welt. Wie es aussieht, müssen wir unsere Angriffe also fortsetzen – nur deren Heftigkeit werden wir vielleicht erhöhen müssen.
profil: Würden Sie Ihre Arbeit in diesem Sinne für sozial relevant halten?
Chabrol: Ich bitte Sie, natürlich ahne auch ich, dass Filme die Welt letztlich nicht substanziell verändern werden. Aber was wir tun können, ist eben, den Leuten die Augen ein wenig zu öffnen – und sie damit indirekt auch in ihren Handlungen zu beeinflussen.
profil: Sie beginnen Ihren neuen Film „Die zweigeteilte Frau“ sehr melodramatisch, mit Opernarie und blutroten Bildern. Schon damit aber legen Sie Ihr Publikum aufs Kreuz: Sie brechen die Stimmung abrupt und lassen Geplänkel folgen. Was versprechen Sie sich von solchen Täuschungsmanövern?
Chabrol: Es ist sehr einfach, das Publikum zu lenken: Da sind das Rot und das Schwarz – und eine Arie aus „Turandot“, vorgetragen von einer metallischen Stimme. Diese Zeichen kennt man genau, man weiß sie zu interpretieren: Leidenschaft! Gewalt! Dunkle Abgründe! Plötzlich bricht das auf – und man stürzt in die Wirklichkeit. Das ist die Idee. Die Realität erreicht uns mit dem jähen Stopp der Musik. Mein Name erscheint in ebendiesem Augenblick, am Ende des Vorspanns auf der Leinwand. Das gefällt mir: Denn somit bin ich es, der dem Zuschauer die Wirklichkeit aufzwingt.
profil: Zeigen Ihre Filme denn „die Wirklichkeit“? Das Kino unterhält doch ein eher prekäres Verhältnis zu dem, was wir als Realität wahrnehmen. Mir würde nie einfallen, Ihre filmischen Erzählungen „realistisch“ zu nennen.
Chabrol: Natürlich: Das Kino ist die Kunst des äußeren Scheins. Es zeigt uns die Dinge zwangsläufig nur so, wie sie erscheinen, nicht in ihrer wahren Form. Ich pflege aber in jede Einstellung, jedes Bild wenigstens ein Element einzuschmuggeln, das dem Zuschauer erlaubt, jene Wirklichkeit zu ermessen, von der vordergründig überhaupt nicht die Rede ist. In „Die zweigeteilte Frau“ etwa zeige ich die Perversion, von der mein Film ja handelt, nie direkt – aber es gibt überall Details, die deutlich zu verstehen geben, welcher Natur die Beziehungen sind, von denen ich berichte. Wenn François Berléand und Mathilda May anfangs vor dem geöffneten Kofferraum eines Autos stehen und er nebenbei einen ihrer Finger streichelt, so ist das nur eine flüchtige Kleinigkeit, aber sie signalisiert dem Betrachter, dass die Beziehung dieser beiden Menschen ganz anders ist, als sie scheint.
profil: Apropos Perversion: Sie behandeln in „Die zweigeteilte Frau“ mit einiger Verve das Konzept der Amour fou, eine der Lieblingsideen der Surrealisten. Haben Ihre Filme, in denen es oft um Libertinage und antibürgerliche Revolution geht, nicht einiges mit den bösen Fantasien des Surrealismus zu tun?
Chabrol: Ich hatte mal einen guten Freund, er war Surrealist, wenn auch kein bekannter. Er sagte etwas, das ich vollkommen teile: Die Wirklichkeit ist jenseits jedes Realismus real. Das heißt: In der Wirklichkeit ist das Surreale immer schon vorgesehen. Daher taucht in meinem Film auch dieser Magier auf, der das Mädchen, meine Heldin, auf offener Bühne buchstäblich zweiteilt. Das ist tatsächlich ein surrealistisches Bild.
profil: Die zentralen Figuren Ihres Films scheinen absichtlich trivial gestaltet zu sein: der alternde Erotomane, das zielstrebige süße Mädchen, die kalte Großbürgersmutter, der neurotische Playboy. Das sind künstliche Charaktere, Stereotypen, wie einem schlechten Schicksalsroman entsprungen.
Chabrol: Natürlich. Aber diese Stereotypen habe ich ja nicht erfunden – sie sind in der Welt, weil sie uns sehr nahe sind. Sie sind, was wir sind, nur ein bisschen überzeichnet. Es kommt uns daher zugute, sie sehr genau zu beobachten, um herauszufinden, was wir alle teilen in unserer schönen menschlichen Natur.
profil: Sie tun gar nicht erst so, als agierten „echte“ Menschen auf der Leinwand, die irgendeine „bewegende“ Geschichte darstellen. Sie betreiben von Anfang an nichts als ironische Stilisierung.
Chabrol: Ja, aber selbst wenn in meinem Film nun ein Chemiker, eine Varieté-Kellnerin und ein Werkstattbesitzer aufeinanderträfen, so wären diese Figuren dennoch Stereotypen. Jede Figur in einem Kunstwerk ist dies zunächst. Die Herausforderung besteht darin, sie eine Entwicklung durchlaufen zu lassen, die sie am Ende weniger typisch, weniger künstlich aussehen lässt. Man muss in ihnen das Partikelchen Wahrheit finden, das sie menschlich macht – und damit eben uns ähnlich.
profil: Man kann nicht behaupten, dass Sie in Ihren Filmen sparsam mit Dialogen umgingen. Ihre Charaktere reden unentwegt, wie aufgezogen. Geht es im Kino nicht vor allem um Bilder?
Chabrol: Klar. Im Stummfilm.
profil: Scherz beiseite: Wie arbeiten Sie mit dem gesteigerten Sprechbedürfnis Ihrer Figuren? Und wieso halten Sie dieses für kinematografisch wertvoll?
Chabrol: In Filmen, in denen viel gequasselt wird, ist es leider oft so, dass die Worte und die Bilder Pleonasmen bilden, dass das Verbale das Visuelle bloß verdoppelt. Ich versuche, die Dialoge aber so zu bauen, dass sie über die Bilder hinausreichen. Worte haben bei mir immer eine doppelte Bedeutung, denn meine Figuren tendieren nicht dazu zu sagen, was sie denken, sondern nur das, von dem sie hoffen, es helfe ihnen, so wahrgenommen zu werden, wie sie das wollen.
profil: Die Dialoge dienen Ihnen also eher dazu, die Dinge zu komplizieren, nicht dem Versuch, etwas zu erklären oder festzustellen?
Chabrol: So ist es. Deshalb klingen diese Wortwechsel auch oft so unglaublich falsch. Die einzige Figur in „Die zweigeteilte Frau“, die unentwegt ihre entsprechend verstörend wirkende Wahrheit äußert, ist Gabrielle, meine von Ludivine Sagnier gespielte Protagonistin.
profil: Gabrielle arbeitet beim Fernsehen: Erst sagt sie das Wetter an, später steigt sie zur Talkshow-Moderatorin auf. Sie scheinen dieses Medium persönlich zu nehmen: Sie haben mit „Masken“ 1987 schon einmal einen Film über Ihren Hass auf das Fernsehen gemacht.
Chabrol: Stimmt nicht. Ich hasse das Fernsehen doch nicht. Im Gegenteil: Ich liebe es!
profil: Davon ist aber nicht viel zu spüren. Wenn Sie Leute auftreten lassen, die im Fernsehen über Literatur sprechen, zeigen Sie Vollidioten.
Chabrol: Das Absurde am Fernsehen ist eben, dass darin ständig versucht wird, Lügen zu erzählen, dass es aber unmöglich ist, diese Lügen auch zu zeigen. Wenn man genau hinschaut und hinhört, erkennt man sofort, dass da gelogen wird. Und zwar in den Worten. Nicht aber in den Bildern. Denn die können nicht lügen. Wenn man das Fernsehen richtig benützt, tritt darin alles ganz offen zutage.
profil: Sie halten das Fernsehen also in vollem Ernst für ein Medium der Erhellung?
Chabrol: Das ist es, absolut – schon in seinem Wesen, per definitionem. Was tut das Fernsehen sonst? Es erhellt, in jedem Sinn. Es sind nur die Leute, die dort arbeiten, die es unaufhörlich in ein Medium der Lüge zu verwandeln suchen.
profil: Sie lieben es, praktisch ohne Schaffenspausen zu arbeiten. Sie haben vor ein paar Jahren erklärt, dass Sie am liebsten immer nur Filme drehen würden, jeden Tag und jede Stunde. Ist das noch so?
Chabrol: Mehr denn je. Denn inzwischen habe ich keine Angst und keine Zweifel mehr.
profil: Sie haben im letzten halben Jahrhundert an die 70 Filme inszeniert. Wie schaffen Sie es, so produktiv zu sein?
Chabrol: Das ist nur Selbstschutz. Ich werde vom Nichtstun tatsächlich müder als von meiner Arbeit. Hinter meiner Produktivität steckt also blanker Egoismus. Ich arbeite, soviel ich kann, denn wenn ich die Arbeit unterbreche, hänge ich nur daheim herum und plane verzweifelt, was ich als Nächstes drehen könnte.
profil: Ein übellauniger Rainer Werner Fassbinder nannte Sie 1975 öffentlich einen Zyniker, einen Menschenfeind und einen Fatalisten. Würden Sie sich zu einem dieser Begriffe bekennen?
Chabrol: Nicht unbedingt. Ich glaube, Fass-binder war damals schockiert über meinen Film „Nada“, in dem ich zu zeigen versuchte, dass alle Revolutionäre eigentlich Gangster waren und sich auch so benahmen. Deshalb nannte er mich zynisch – aber ich würde ihn gerne daran erinnern, dass der Zynismus mit einem recht eigensinnigen Mann namens Diogenes begann. Er etablierte das zynische Denken als einen gangbaren und gesellschaftlich übrigens durchaus produktiven Weg. In diesem Sinne bestätige ich gerne, dass ich Zyniker bin.

Interview: Stefan Grissemann

Claude Chabrol, 77,
gilt neben Kollegen wie Jean-Luc Godard, Eric Rohmer und François Truffaut als einer der Gründerväter der französischen Nouvelle Vague. Die mit den Filmen „Le beau Serge“ und „Les cousins“ einsetzende Regiekarriere Chabrols war 1958 nur die logische Fortsetzung seiner filmkritischen Tätigkeit: Deutliche Spuren der Arbeiten Alfred Hitchcocks und Fritz Langs finden sich im Kino des gebürtigen Parisers bis heute. Um 1970 inszenierte Chabrol mit „Der Schlachter“ und „Der Riss“ zwei Meisterwerke, schlitterte während der achtziger Jahre allerdings in ein prolongiertes kreatives Tief. Seit Mitte der Neunziger arbeitet der Filmemacher mit verblüffender Konsequenz an einem stetig anwachsenden hochqualitativen Spätwerk, dem unter anderem das Mörderinnendrama „La céremonie“ (1995) und zuletzt die Politsatire „Geheime Staatsaffären“ (2006) entsprangen.