Interview: „Bis ich am Boden aufschlage“

Elfriede Jelinek über ihr neues Stück „Babel“, den Irak-Feldzug, US-Präsident George W. Bush, die Abu-Ghraib-Folterfotos und die Pornoästhetik des Krieges.

profil: Ihr neues Stück „Babel“ besteht aus langen Monologflächen: Warum misstrauen Sie dem Theater in seiner traditionellen Form eigentlich so sehr?
Jelinek: Ich schreibe ja durchaus auch Dialoge, etwa in meinen „Prinzessinnendramen“, die aber natürlich keine echten Dialoge sind: Die Figuren reden aneinander vorbei, geben dem anderen aber immerhin noch Raum zum Sprechen. Ich finde konventionelle Dialoge, in denen einer was sagt und der andre antwortet, in gewisser Weise banal, sie sollten dem Kino vorbehalten bleiben, dem Film. Da funktioniert das.
profil: Rede und Gegenrede als Grundprinzip von Theater halten Sie für obsolet?
Jelinek: Seit Samuel Beckett oder spätestens der „Bildbeschreibung“ von Heiner Müller entsteht im Theater doch ein ganz andrer Raum als der dialogische – ein Raum aus Sprache, aus dem ein Regisseur dann das Stück baut. Das interessiert mich sehr viel mehr. Ein Regisseur wie Jossi Wieler kann aus meinem „Wolken.Heim.“ auf geniale Weise eine private Konstellation zwischen Frauen schaffen, während ein Claus Peymann daraus vielleicht ein grelles Clownsstück macht. Das erweitert das Spektrum der theatralischen Möglichkeiten natürlich sehr, weil man sozusagen in einem Stück viele andre Stücke mitschreibt. Wenn ich Dialoge will, dann übersetze ich Feydeau oder Oscar Wilde, von denen gibt es hunderte Übersetzungen, da muss also auch meine möglich sein, da kann ich es riskieren, mich von diesen Autoren hinter sich herschleifen zu lassen, damit ich irgendwann, wenn ich aufs Vehikel raufgekommen bin, mein eigenes Zeug reinstopfen kann.
profil: „Babel“ wird am Akademietheater von Nicolas Stemann inszeniert. Wie soll er mit Ihrem Stück umgehen?
Jelinek: Stemann hat schon in „Das Werk“ bewiesen, dass er mit Texten umgehen kann. Ich glaube, er kommt, wie ich, von der Musik her, nur von einer andren natürlich, er ist ja eine Generation jünger. Er schlüsselt die Texte auch musikalisch auf, er nimmt sie eben als Textpartitur und assoziiert frei dazu. Da er machen kann, was er will, schreibt er das Stück, ich kenne es selber noch nicht und bin gespannt, was er mir zeigt, was ich geschrieben habe. Vielleicht beweist er mir, dass ich was ganz andres geschrieben habe, als ich glaube. Das wäre sogar noch spannender.
profil: „Babel“ handelt von Religion, Pornografie, dem Irak-Krieg und den Medien. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Krieg und der Berichterstattung darüber?
Jelinek: Dieser Krieg ist so sehr als Live-Übertragung dahergekommen, dass ein
Abstraktionsvorgang durch vielfältige Assoziationen, von der Antike bis zu andren Mythen, von der Psychoanalyse bis zu Aischylos, von politischer Analyse bis zur Philosophie Nietzsches, vielleicht die Wahrheit eher herausbringt als dieses so genannte „in Echtzeit dabei sein“, denn natürlich wird auch den „embedded journalists“ nur gezielt gezeigt, was sie sehen dürfen. Die Aufgabe eines Autors ist das Entmythologisieren, die Wahrheit hinter diesen Lügen, die sich für Wahrheit ausgeben, bloß weil sie das erste Wort gehabt haben.
profil: Zentrales Thema Ihres „Babel“-Textes sind die Folterfotos aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis. Wie schätzen Sie die Ästhetik dieser Fotos ein?
Jelinek: Ich weiß zwar bis heute nicht, was in dem Einsiedeglas ist, das Lynndie England auf einem Tuch auf ihrem Schoß hält, während sie mit dem wahrscheinlich sadistischen Folterer Charles Graner, ihrem Liebhaber, vor der Kamera posiert. Aber das ist die Ästhetik von Pornos, und die wollten die Beteiligten natürlich nachstellen. Körper sind dazu da, verbraucht zu werden, aber wenn möglich, sollte man sie doch in den vielfältigsten Posen und Stellungen zeigen, damit alle was davon haben, bevor sie weggeschmissen werden, die Körper. Es geht um Pornografie und Krieg, also um das Fleisch als solches, wie schon bei Rubens, zum Beispiel beim „Engelssturz“, der für mich reine Pornografie ist, auch durch die Inszenierung der nackten Körper. Bei Brecht steht das Fleisch auf in den Vorstädten, um verbraucht zu werden. Im Krieg wird es mit teuren Transportmitteln eigens hingekarrt, um zu vernichten und vernichtet zu werden. Da der Krieg so teuer ist, muss er eben ausgeschlachtet werden.
profil: Die Frage, welche Haltung Amerika gegenüber dem Islam einnimmt …
Jelinek: … könnte Bush vermutlich besser als ich beantworten, nachdem er engste Mitglieder des Bin-Laden-Clans ausfliegen hat lassen, als der Luftraum für andre Flugzeuge schon gesperrt war. Der Islam hat ihn dabei sicher am wenigsten interessiert. Religion ist Opium für das Volk, da hat Marx schon Recht, was uns betrifft. Aber für andre Völker ist Religion halt mehr, weil sie sonst nicht viel haben, und was sie sonst noch haben, das wollen schon andre und nehmen ihnen all das, was verborgen ist, das Öl, was unter dem Boden ist, der schwarze Dreck. Pynchon hat das meisterhaft beschrieben: Scheiße und Geld – ich füge das schmierige schwarze Rohöl dazu: die Fetische des Verborgenen, um die sich aber alles dreht.
profil: Wie aufmerksam haben Sie den Irak-Krieg verfolgt?
Jelinek: Sehr aufmerksam: als eine Art Karikatur eines „embedded writer“, mit einem Block und einem Stift. So habe ich „Bambiland“, den ersten Teil des Ganzen, geschrieben, ich habe mitgeschrieben mit der Berichterstattung über den Krieg und dann Aischylos als Schrittmacher engagiert. „Babel“, die folgenden drei langen Monologe, sind die Durchführung dieses Themas, wenn wir bei musikalischer Terminologie bleiben wollen: Durchführung mit Variationen. „Bambiland“ hieß der Vergnügungspark von Marko Milosevic, dem Sohn des serbischen Diktators. „Babel“ hieß jene Sport-Zeitschrift, die Udai Hussein, Saddams Sohn, herausgab. Er war Vorsitzender des Nationalen Olympischen Komitees. Wir bleiben also mit unseren braven Körpern beim Sport, ob wir wollen oder nicht.
profil: Erkennen Sie eine Repolitisierung des Theaters?
Jelinek: Ich weiß nicht, was am Theater so passiert. Ich erkenne aber etwa in René Pollesch oder in Fritz Kater sehr politische Dramatiker. Das Politische wird sehr oft von den Regisseuren beigesteuert, das macht das Theater dann besonders interessant, diese Schnittfläche zwischen Text und dessen Realisierung, dessen Ausformung.
profil: Wer ist Peter, der tote Mann, der den längsten der drei „Babel“-Monologe spricht?
Jelinek: Peter ist keiner der zahllosen getöteten dunklen Iraker – die US-Soldaten nennen sie in ihrem Slang „ragheads“ oder „sandniggers“ –, sondern einer der halb verbrannten, verstümmelten, an das Brückengeländer von Falludscha gebundenen Körper der US-Söldner, Angehöriger eines privaten Sicherheitsdienstes. Diese Privatisierung des Krieges hat mich sehr beschäftigt.
profil: Haben Sie an ein bestimmtes Publikum gedacht, als Sie an „Babel“ arbeiteten?
Jelinek: Ich denke überhaupt nie an irgendein Publikum, muss ich gestehen.
profil: Sie bedanken sich zu Beginn des Stücks bei allen, „die mitgeschrieben und mich angeführt haben“. Wen meinen Sie damit?
Jelinek: Das spielt auf meine Verwendung von Zitaten an. Ich hacke sie mir ja wie ein Greifvogel, noch blutend und tropfend, aus fremden Textkörpern heraus, reiß sie an mich und lasse mich von ihnen dann voranzerren, meist hinunter, die Fleischfetzen sind ja ziemlich schwer, und jeder von ihnen eröffnet neue Bedeutungsfelder, bis ich eben unsanft am Boden aufschlage. Etwa so unelegant wie ein Albatros. Und die mich angeführt haben, das heißt ja auch: denen ich auf den Leim gegangen bin.
profil: Was interessiert Sie an der alten Kunstform Theater, der Sie zugleich auch so sehr misstrauen?
Jelinek: Das Künstliche. Dass man mit Sprache noch sehr viel machen kann, was im Film kaum noch geht, außer im Experimentalfilm. Dass man Sprache auf einem Podest sozusagen verkörpert anschauen kann. Dass Sprache groß wird. Ich möchte die Dinge groß machen, sodass man nicht mehr so einfach an ihnen vorbeikommt. Die Größe eines Massensterbens im Krieg ist sowieso nicht zu fassen, aber wenigstens ein Denkmal kann man versuchen den Opfern zu setzen. Aischylos hat das ja getan, überhaupt die Griechen. Die Ilias ist ein Kriegsepos, eigentlich ein Heldenepos. Ich versuche das mit meinen eigenen kleinen, bescheidenen Mitteln, mit der Ästhetik, die ich mir erarbeitet habe. Es ist mir aber sehr wichtig, dass man diese Texte auch lesen kann. Leider werden sie, einfach als Texte, überhaupt nicht rezipiert. Ich habe für „Bambiland“ und „Babel“ nur sehr wenige Besprechungen bekommen. Also ist mein Konzept leider nicht aufgegangen. Diese Texte werden nur rezipiert, wenn sie auf der Bühne erscheinen. So war das aber auch wieder nicht gedacht.