Interview: „Das befleckt einen schon“

Der Schauspieler Bruno Ganz über Goethes gefährliche Reime, die Nebenwirkungen seiner Hitler-Darstellung und seinen Hass auf das Internet.

profil: Das Kino scheint keineswegs Ihre erste Liebe gewesen zu sein. Stand Ihnen das Theater tatsächlich immer näher?
Ganz: Ja, anfangs schon, auch gezwungenermaßen. Als ich mit 17 Jeanne Moreau im Kino in „Fahrstuhl zum Schafott“ sah, schien mir das so weit entfernt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie ich kleiner Zürcher Junge jemals in so etwas hineingeraten konnte. Das Theater dagegen war zwar vom Milieu her auch ein wenig fremd, aber doch fassbarer durch das viele Lesen und die höhere Schule, die in meinem Fall schon in der Nähe des Schauspielhauses lag. Zufällig lernte ich irgendwann einen Beleuchter kennen, der abends mit seinen Scheinwerfern Leute wie Karl Paryla oder Adrienne Gessner verfolgte. Er ließ mich gratis ins Theater, wo ich monatelang Schauspielern dieser Qualität zuschauen konnte. So wurde mir dieser Beruf auf einmal vorstellbar. Diese Wendung hat mein Leben dann tatsächlich genommen – und ich war erst einmal 15 Jahre lang am Theater. Aber ich habe natürlich trotzdem immer vom Kino geträumt. 1975 rief mich Wim Wenders an, er hätte da was für mich, einen Film namens „Im Lauf der Zeit“ – aber dazu kam es dann nicht. Leider. Was wäre ich glücklich, hätte ich diesen Film, einen seiner schönsten, mit ihm gemacht! Aber ich konnte nicht, wegen eines Engagements an der Schaubühne, so hat Hanns Zischler die Rolle gekriegt. Das wäre für mich der Supereinstieg ins Kino gewesen.
profil: Den hatten Sie ein Jahr später in dem Wenders-Krimi „Der amerikanische Freund“.
Ganz: Und dann ging’s sehr schnell. Mit den zentralen Exponenten des neuen deutschen Films hatte ich dann viel zu tun – außer mit Fassbinder, mit dem ich allerdings einmal fast am Theater in Bremen gearbeitet hätte. Alle meine Theaterfreunde außer Klaus Michael Grüber haben mir damals übrigens geraten, vom Kino die Finger zu lassen. Ich hätte da nichts verloren.
profil: Grüber riet Ihnen, es beim Film zu versuchen?
Ganz: Er hielt sich immerhin heraus, meinte nur, wenn ich denke, dahin zu wollen, solle ich es tun. Grüber hat eine bestimmte humane Qualität. Er war menschlich immer etwas größer als meine anderen berühmten Regisseure damals.
profil: Inzwischen haben Sie im Kino eine Art Weltkarriere gemacht.
Ganz: Na ja. Gut, durch meine Hitler-Rolle vielleicht.
profil: Sie haben mit Wenders und Herzog gedreht, mit Eric Rohmer und Theo Angelopoulos, in Hollywood unlängst mit Jonathan Demme und gerade erst mit Francis Ford Coppola. Planen Sie eigentlich Ihre Laufbahn?
Ganz: Nein, nein. Ich hoffe auf Angebote – und dann passiert es plötzlich, dass in meinem Hotelzimmer in Venedig das Telefon klingelt, und am anderen Ende meldet sich eine Stimme, die „Hi, I’m Francis“ sagt. Er wolle einen Film machen, in dem ich gern mitspielen könne. Ich sagte nur: Wie? Was? Coppola meinte, er lasse mir einfach ein Skript zukommen, ob ich denn E-Mail hätte. Ich verneinte. Okay, dann schicke er mir das Buch per Post. Eine Rolle sei übrigens schon besetzt, aus den anderen drei könne ich mir eine aussuchen. So etwas ist natürlich ein großes Geschenk – aber ich muss sagen, dass ich nach „Der Untergang“ auch erwartet hatte, dass solche Dinge passieren würden.
profil: In Ihren Darstellungen scheinen Sie um maximale Variationsbreite bemüht zu sein.
Ganz: Ich versuche eben, für jedes meiner Projekte alles, was sich mobilisieren lässt, aufzuwenden: ob das der Klinikprofessor ist, den ich in Coppolas Film spiele, Adolf Hitler in „Der Untergang“ oder eben der Großvater in „Vitus“. Ich finde diesen Beruf auch deshalb schön, weil ich dabei mit so verschiedenen schauspielerischen Mitteln befasst bin, weil ich den Überdruss, der sich in mir manchmal einstellt, durch die Aktivierung ganz anderer Geschichten und Stile bekämpfen kann.
profil: In „Vitus“, Ihrem neuen Film, agieren Sie an der Seite eines Kindes sehr entspannt, ganz selbstverständlich, ohne große Gesten und ohne jede Demonstration von Virtuosität. Sind solche Filme für Sie nur ein Spaziergang?
Ganz: Nein, aber angesichts der schweren Gewichte, die ich davor zu stemmen hatte, insbesondere in „Der Untergang“, hatte ich schon die Sehnsucht, wieder etwas Anmutigeres, Leichteres und Eleganteres zu spielen. Eine Rolle, die auch vom Bewegungsablauf her eher fließend ist – und ja: über eine gewisse Eleganz und Lakonik verfügt. In der man nicht jedes Gefühl erst vorführen muss. Das hat mit Entwicklung und Alter zu tun – und sicherlich auch mit dem Wunsch, sich von anderen Dingen abzugrenzen.
profil: Sie sehen also einen Film wie „Vitus“ auch als Gegenreaktion zu Ihrer Hitler-Darstellung? Die Dreharbeiten liegen gut drei Jahre zurück, und immer noch wirken sie in Ihnen nach. Hat Sie die Rolle des Hitler nachhaltig vergiftet?
Ganz: Vergiftet nicht, das wäre zu hart, aber so jemanden zu spielen, sich mit einem solchen Mann zusammenzutun, das befleckt einen schon. Es gibt ja keine rationalen Gründe, sich dafür zu schämen; ich habe mit dieser Sache gar nichts zu tun, meine Vita weist das klar aus. Aber wenn man mit dem Teufel essen will, muss man einen langen Löffel haben.
profil: Hartnäckig hält sich das Gerücht, Sie hätten Anfang der neunziger Jahre die Rolle des Oskar Schindler in Spielbergs „Schindlers Liste“ abgelehnt. Ist das wahr?
Ganz: Gegen das Internet entwickle ich allmählich wirklich Aggressionen. Da kursieren drei oder vier Dinge über mich, die dermaßen aus der Luft gegriffen sind! Ich habe Spielberg damals ein Demo-Band geschickt, habe ihn in seiner New Yorker Wohnung getroffen – natürlich wollte ich das spielen. Abgesagt hat er. Wie käme ich denn dazu, Spielberg so eine Rolle abzusagen? Ich finde es ja lustig, dass man mir das zutraut, aber dauernd mit dieser Frage konfrontiert zu werden nervt doch sehr. Aber lassen wir das; ich kann nichts tun gegen das Internet. Das ist das Allerschlimmste.
profil: Als Schauspieler sind Sie Weltreisender. Sie haben allein in den letzten paar Jahren in Griechenland, Japan, Bulgarien, Rumänien und Nordamerika gedreht. Wird Ihnen das nicht langsam zu anstrengend?
Ganz: Natürlich, aber man lernt auch viel dabei. Eine Woche in Brooklyn zu verbringen mit Jonathan Demme und dem von mir außerordentlich verehrten Denzel Washington, am Set von „The Manchurian Candidate“, das ist schon eine große Erfahrung. Dafür muss man sich eben ein bisschen strapazieren. Man kriegt mehr als genug zurück. Und ich meine damit nicht das Geld und den Ruhm, nur die Begegnung mit zwei ganz großartigen Männern. Solche Leute rücken einem auch Amerika wieder zurecht: Diese Art der Großzügigkeit, der Freiheit und Ehrlichkeit, aber auch des Humors hat man an diesem Land immer geliebt.
profil: In „The Manchurian Candidate“ gaben Sie 2004 einen exzentrischen Wissenschafter. Eine lange, sehr militärkritische Rede, die dieser hält, wurde im Schnitt eliminiert – offenbar aus ideologischen Gründen. Haben Sie das erwartet?
Ganz: Ich habe beim Drehen dieser Szene schon gemerkt, dass die Techniker, die herumstanden, das alle toll fanden, ein paar applaudierten, andere reckten nur cool den Daumen hoch. Als ich den Film sah, habe ich begriffen, dass ein Teil davon tatsächlich im Sinne Bushs gestrichen worden sein musste: Die härtesten Angriffe auf die Armee durften wohl nicht veröffentlicht werden.
profil: Selbst ein sonst so prononcierter Linker wie Demme musste sich in dieser Causa beugen?
Ganz: Ja. Paramount war stärker. Demme hatte zwar einen Vertrag, der sogar Final Cut einschloss, und er war in fast allem ziemlich beweglich, aber offensichtlich mischten sich am Ende doch noch ein paar Leute ein, die meinen Antimilitarismus, der dem Film noch eins draufgegeben hätte, einfach herausstrichen.
profil: Sie spielten für Regisseur Peter Stein 2000 und 2001 in Berlin und Wien beide „Faust“-Teile ungekürzt. Wie haben Sie die Anstrengung gemeistert, 13 Stunden fast am Stück zu spielen?
Ganz: Gut, es gab ja Pausen, und wir spielten an jeweils zwei Tagen, wobei der erste relativ harmlos war. Bei dem zweiten allerdings, der morgens um zehn anfing und abends gegen halb elf endete, gab es nachmittags zwischen vier und sechs Uhr meist ein wirklich schweres Loch. Aber danach wurde man komischerweise immer wieder wach. Unser „Faust“-Projekt erstreckte sich über lange Zeit: Erst haben wir acht Monate geprobt, dann bin ich von einem Podest gestürzt, habe mir das Becken gebrochen. So fiel ich für drei Monate aus, aber dann habe ich die Rolle übernommen – und ein ganzes Jahr lang in Berlin, danach in Wien drei Monate lang an jedem Wochenende gespielt.
profil: Waren Sie nicht auch glücklich, als diese Arbeit vorbei war?
Ganz: Das war schon tödlich. Es hatte so etwas Zwanghaftes, weil wir für ausgefallene Vorstellungen, die allesamt ausverkauft waren, keine Ersatztermine hätten anbieten können. Also musste jede Vorstellung gemacht werden, auch mit Fieber. Und ich habe sowieso große Probleme mit dem Reproduzieren am Theater.
profil: Wie kamen Sie denn mit dieser gigantischen Textmenge zurecht?
Ganz: Das war weniger das Problem. Natürlich musste ich während der Proben zwei, drei Tage jeder Woche lernfrei bekommen, um den Text zu studieren. Das erforderte viel Disziplin. In Wien habe ich jeden Freitag das gesamte Stück für mich am Donaukanal gehend wiederholt. Angst vor Hängern hatte ich nur während der ersten paar Vorstellungen, denn das Zeugs ist ja auch noch gereimt und sprachlich bekanntlich sehr gut gefügt: Wenn man da nur ein Wort weglässt oder dazunimmt, wackelt der ganze Satz. Das spürt jedes Ohr. Weil es so perfekt gemacht ist. Und wenn die Reime nicht kommen, ist es eh aus. Das merkt dann jeder.
profil: Viele große Theaterdarsteller wirken im Kino zu groß, übermächtig, unglaubwürdig – auch, weil sie es gewohnt sind, für einen weiten Zuschauerraum zu spielen. Wie gehen Sie mit diesem Problem um?
Ganz: Ich dachte beim Filmemachen immer schon, man kann nicht für die 30. Reihe spielen, wenn diese Maschine so nah vor einem steht. Ich habe früh begriffen, wie genau, wie einerseits neutral, aber auch liebevoll dieses Gerät alles registriert, was mit mir ist. Ich wusste, dass ich darauf vertrauen konnte, dass die Dinge, die sich in meinem Kopf und meinen Augen abspielen, von dieser Maschine gelesen und in den Zuschauerraum weitergegeben werden.
profil: Haben Sie als Schauspieler so etwas wie einen Wahrheitsanspruch? Sind Begriffe wie Wahrheit oder Authentizität da überhaupt zulässig?
Ganz: Authentizität vielleicht weniger. Manchmal kommt einem diese künstliche Welt, in der man sich bewegt, in der Reinheit und Unbedingtheit der Emotion wahrer vor als die Banalität des Alltags. Da geht es dann nicht mehr um Sein und Schein – das wird wahrhaftig, weil es eine Essenz ist. Ein Konzentrat. Aber das ist das Problem mit der Wahrheit: Wir wissen schon, dass wir nur spielen, dass das alles Schein ist; aber wenn man uns sagt, wir seien Lügner und Gaukler, kann man zwar protestieren, aber ganz leugnen können wir das auch nicht. Natürlich ist, was wir tun, nicht die reine Wahrheit, aber es ist, wenn es funktioniert, auch von allen Zweideutigkeiten entbunden, entschlackt.

Interview: Stefan Grissemann