Interview: „Das ist beunruhigend“

Der Wiener Virologe Franz Xaver Heinz über die Vogelgrippe und die Gefahr der Entstehung eines Supervirus.

Franz X. Heinz, 54, ist stellvertretender Vorstand des Klinischen Instituts für Virologie der Wiener Medizin-Universität.
profil: Wie gefährlich ist die Vogelgrippe für den Menschen?
Heinz: Bestimmte Varianten dieses Vogel-Influenza-Virus können auch für den Menschen tödlich sein. In allen derzeitigen Fällen sind die Infektionen auf direkten Kontakt mit den erkrankten Tieren bzw. den Exkrementen der erkrankten Tiere zurückzuführen. Es gibt aber keinerlei Hinweis darauf, dass dieses Virus von Mensch zu Mensch übertragen würde, was ja die Voraussetzung für eine Influenza-Epidemie beim Menschen wäre.
profil: Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt aber dennoch vor der Entstehung eines Supervirus wie 1918, als die spanische Grippe weltweit 40 Millionen Todesopfer gefordert hat.
Heinz: Oder auch 1957 und 1967, aber die spanische Grippe 1918 war die mit Abstand verheerendste. Und da ist so ein neues Virus aufgetaucht, das durch Vermischen höchstwahrscheinlich mit Vogel-Influenza-Viren entstanden ist.
profil: Das heißt, es ist möglich, dass sich Vogel-Influenza-Viren …
Heinz: … mit den humanen oder auch Schweine-Influenza-Viren vermischen, das kennt man seit langem.
profil: Haben denn die verschiedenen Influenza-Viren ähnliche Proteine?
Heinz: Alles ist sehr ähnlich. Die genetische Information des Influenza-Virus liegt in acht verschiedenen Stücken vor. Und wenn zwei verschiedene InfluenzaViren ein und dieselbe Zelle in einem Tier oder in einem Menschen befallen, dann vermehren sich beide, und es kann zu einer Vermischung dieser acht Segmente der Erbinformation kommen, sodass ein neues Virus herauskommt.
profil: Sind nicht alle großen Grippe-Epidemien aus einem tierischen Influenza-Virus entstanden?
Heinz: Aus einem Vogel-Hintergrund, sehr wahrscheinlich sind es Wildvögel. Vor allem Wildenten sind das größte Reservoir für Vogel-Influenza-Viren, die können das auch verbreiten. Und das Problem ist, dass das Virus durch Wildvögel in diese Hühnerzuchten hineingetragen wird.
profil: Würden Sie Reisenden abraten, jetzt in die betroffenen Länder zu fahren?
Heinz: Es gibt seitens der WHO keine Reisewarnung, es wird aber empfohlen, den Besuch von Märkten, wo lebende Hühner verkauft werden, oder von Hühnerfarmen zu vermeiden.
profil: Und wenn jemand in Thailand Hühnerfleisch isst?
Heinz: Das Virus wird durchs Kochen kaputt, daher ist der Verzehr von Hühnerfleisch ungefährlich.
profil: Unter welchen Umständen wäre die Entstehung eines Supervirus vorstellbar?
Heinz: Die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt, ist dann höher, wenn gleichzeitig ein humanes Influenza-Virus zirkuliert, was ja jetzt der Fall ist.
profil: Die enorme Ausbreitung der Seuche über nahezu ganz Südostasien beunruhigt Sie nicht?
Heinz: Doch, das ist beunruhigend.