Interview: „Das gehört zum Kampf“

José Bové, Aushängeschild der Globalisierungskritiker, über die Frage, wann Gesetzesbrüche notwendig sind. José Bové, 50, entwickelte sich vom Käsebauern und Chef der französischen Minderheits-Bauerngewerkschaft Confédération paysanne zur Galionsfigur der Globalisierungskritiker. Im Kampf gegen „gefährliches, schlechtes Essen“ demolierte er 1999 eine McDonald’s-Filiale und verwüstete mehrmals Felder mit genmanipulierten Pflanzen, weshalb er zuletzt eine Haftstrafe verbüßte.

profil: Das bislang letzte Opfer der Globalisierungsbewegung war das WTO-Treffen in Cancun. Welches wird das nächste sein?
Bové: Das weiß ich nicht. Cancun war eine Demonstration der Demokratie, denn die Mehrheit der Staaten hat das Diktat der USA und Europa verweigert. Cancun stellte die Verbindung her zwischen den sozialen Bewegungen und diesen Ländern. Das war ein positiver Akt. Schwer zu sagen, was der nächste Akt sein wird.
profil: Vielleicht die Europäische Verfassung zu Fall zu bringen?
Bové: Das wird davon abhängen, ob die Debatte darüber den Bürgern offen steht. Zuerst muss demokratisch debattiert und danach abgestimmt werden.
profil: Der Text existiert ja bereits.
Bové: Wenn er nicht geändert wird, werde ich aufrufen, bei einer Abstimmung darüber mit Nein zu votieren.
profil: Sind Sie nicht ein bisschen spät dran, wenn Sie jetzt eine Debatte über die Verfassung fordern, nachdem über den Text monatelang diskutiert wurde?
Bové: Es wurde im kleinen Kreis des Konvents diskutiert, aber nicht mit den Bürgern. Deshalb haben wir jetzt einen Text, der den wirtschaftsliberalen Charakter Europas verstärkt, und das wäre nie wieder zu ändern, denn für Verfassungsänderungen gilt Einstimmigkeit.
profil: Haben Sie nicht selbst ein Legitimitätsproblem? Der „kleine Kreis“ war immerhin ein Konvent gewählter Repräsentanten – und selbst sind Sie ein Bauernvertreter in einer losen Bewegung, die sich alle paar Monate trifft.
Bové: Für mich haben Gewerkschaften und soziale Bewegungen ebenso viel Legitimität wie gewählte Politiker. Wenn ich sehe, dass in Frankreich heute alle Politiker – von ganz rechts bis ganz links – von der Globalisierungskritik sprechen und sie für notwendig halten, dann bedeutet das doch, dass wir Legitimität haben. Wir erleben eine Umkehrung der Legitimität. Die Leute wenden sich von der traditionellen Politik ab, denn sie haben kapiert, dass sie da nichts ändern können, egal, was sie tun. Man muss die Spielregeln ändern.
profil: Glauben Sie wirklich, dass die globalisierungskritische Bewegung zur bestimmenden politischen Kraft wird, nur weil die Parteien sie im Moment umgarnen?
Bové: Derzeit spielt sich alles noch auf rhetorischer Ebene ab. Man muss abwarten, ob die Parteien unsere Kritik umsetzen.
profil: Es ist ja auch nicht klar, welche Kritik sie umsetzen sollen. Beim Sozialforum wird alles gefordert, was links bis linksextrem ist. Können Sie selbst sich mit alldem identifizieren?
Bové: Dass hier viele Leute verschiedener Strömungen zusammenkommen, finde ich eher bereichernd. Es gibt eine Reihe von klaren Anliegen, die alle verbindet: die Grundrechte, die gemeinsamen Güter unseres Planeten, bis hin zu sehr konkreten Forderungen. Wir fordern etwa den Ausstieg der Welthandelsorganisation WTO aus der Landwirtschaft und die staatliche Souveränität in Ernährungsfragen.
profil: Sie sind von einem Interessenvertreter der Bauern zu einem Politiker geworden, der sich mit allem Möglichen beschäftigt, bis hin zur Palästina-Frage. Was drängt Sie?
Bové: Als Interessenvertreter ist man in eine Gesellschaft eingebettet, und es wäre katastrophal, sich nur mit unseren Feldern zu beschäftigen. Ich will Bauern in Frankreich ebenso verteidigen wie in Europa oder in Palästina, wo die Olivenbäume von der israelischen Armee ausgerissen werden.
profil: Mit Ihrem Hang zu spektakulären Aktionen tanzen Sie gelinde gesagt gern aus der Reihe. Sie brechen auch mal Gesetze, verwüsten eine McDonald’s-Filiale und landen im Gefängnis. Ist das Ihre persönliche Note?
Bové: Wenn man ein Gesetz in Bezug auf eine konkrete Situation ändern will, kann es sein, dass man das Gesetz übertreten muss. Das gehört zum Kampf eines Interessenvertreters und Bürgers.
profil: Wäre es für Sie als Politiker nicht logischer, eine Gesetzesänderung anzustreben – also in die institutionelle Politik einzutreten?
Bové: Die Gesetze ändern sich nicht, weil irgendjemand gewählt wird, sie ändern sich, weil in der Gesellschaft Kräfte auftreten, die eine Änderung erzwingen. Die Frauen zum Beispiel haben das Recht auf Abtreibung durch ihren gesellschaftlichen Kampf erzwungen. Als Folge davon mussten die Abgeordneten das Gesetz beschließen. Auch die globalisierungskritische Bewegung zwingt die Parteien heute, sich zu deklarieren: Wollen sie die Bürger partizipieren lassen, oder wollen sie weiter abgehoben agieren? Dann wird sich keiner mehr für sie interessieren.