Interview: „Die Bande im Weißen Haus“

Jeremy Rifkin, Politbestseller-Autor, ist vorsichtig optimistisch für John F. Kerry und fürchtet eine nationale Krise, sollte es in mehreren Bundesstaaten umstrittene Ergebnisse geben.

profil: Was ist Ihr Gefühl: Wie geht die Wahl aus?
Rifkin: Es wird verdammt knapp. Wir haben diesmal eine Tarnkappenwahl, das heißt, bei Umfragen wird vieles nicht sichtbar. So kommen bei den Umfragen keine Leute auf den Radar, die Mobiltelefone benützen. Es gibt 170 Millionen Menschen, die Mobiltelefone benützen, viele Haushalte haben überhaupt keinen Festnetzanschluss mehr. Junge Leute haben fast nur Mobiltelefone. Dann gibt es das Gerücht, das sich rasend verbreitet, dass Bush die allgemeine Wehrpflicht wieder einführen wird. Und Bruce Springsteen bringt seine Rockstars durch das ganze Land, um die jungen Leute zur Wahl anzuspornen. Es könnte also sein, dass viele Jungwähler zu den Urnen strömen, die von den Umfragen gar nicht erfasst werden.
profil: Sie glauben, Kerry werde besser abschneiden, als die Umfragen prophezeien?
Rifkin: Ich würde nicht darauf wetten, doch es ist gut möglich. Aber es kann so viel passieren. Es gibt die Gefahr von Unregelmäßigkeiten, die Möglichkeit, dass die Wahlmaschinen nicht funktionieren. Und afroamerikanische Wähler fürchten, dass vielen von ihnen wieder der Zugang zu den Wahlen verweigert wird. Wenn sich das, was sich vor vier Jahren in Florida zugetragen hat, in einer Reihe von Schlüsselstaaten wiederholt, dann droht uns das totale Chaos. Wenn eine Hälfte des Landes überzeugt ist, die andere Hälfte hätte die Wahlen gestohlen, dann stehen wir nicht viel besser da als irgendein Land der Dritten Welt. Dann droht eine nationale Krise, eine Verfassungskrise.
profil: Es geht also um wirklich viel bei dieser Wahl?
Rifkin: Es ist ein Déjà-vu. Man fühlt sich wie im Jahr 1968. Auch damals gab es einen unpopulären Krieg. Das Land war gespalten. Die Hälfte der Amerikaner hing dem altmodischen „amerikanischen Traum“ an – dass wir, auf uns allein gestellt, die Bösen bekämpfen sollen. In diesem Fall waren das die Kommunisten in Vietnam. Es gab Proteste in den Straßen, und es gab Terrorismus, damals unseren hausgemachten, die Militanten der Black Panthers. Über dem Land hing eine Wolke der Angst. Heute ist das alles ganz ähnlich. Nur einen Unterschied gibt es: Damals gab es auch ein Gefühl der Hoffnung, man sah ein Licht am Ende des Tunnels. Heute fehlt dieses Gefühl.
profil: In Europa wird es Mode, zu sagen, Kerry wäre auch nicht viel besser. Was sagen Sie?
Rifkin: Das ist wahrscheinlich nicht ganz falsch. Was die Europäer verstehen müssen, ist, dass die Außenpolitik der Bush-Regierung vielleicht extrem ist, dass sie aber die Fortsetzung der traditionellen US-Außenpolitik ist. Sie ist sozusagen die Fortsetzung des amerikanischen Traums. Was sagt der? „Du bist auf dich allein gestellt. Niemand soll uns sagen, was wir zu tun haben.“ Das ist die Grundlage unseres Freiheitspathos. Die europäische Mentalität ist eine ganz andere.
profil: Aber Kerry verspricht doch, zum Multilateralismus zurückzukehren.
Rifkin: Er wäre besser, klar. Er hätte mehr Fingerspitzengefühl. Er würde versuchen, einen Konsens herzustellen – aber immer zu amerikanischen Bedingungen. Die Europäer sollen sich nicht erwarten, dass er so bald das Kioto-Protokoll unterschreibt oder die Autorität des Internationalen Strafgerichtshofes akzeptiert.
profil: Was würden vier weitere Jahre Bush bedeuten?
Rifkin: Ich will mir das gar nicht vorstellen. Vier weitere Jahre wären eine Katastrophe. Diese Regierung ist gefährlich und inkompetent, und sie wird von einem kleinen Klüngel Extremisten geführt.
profil: Eine Wiederwahl von Bush würde wohl zu wirklichem Antiamerikanismus führen.
Rifkin: Die Gefahr besteht. Wie immer es ausgeht, es wird ganz knapp. Nur: Wen sollen diese Antiamerikaner hassen? Das halbe Land? Amerika ist komplett in der Mitte gespalten. Es gibt zwei Amerikas.
profil: Sie haben auch über John Kerry sehr skeptisch gesprochen. Sie werden ihn doch wählen, oder?
Rifkin: Klar, absolut. Ist er ein kluger Mann? Ja. Wird er etwas sehr Dummes tun? Nein. Visionär ist er aber keiner. Doch diese Bande im Weißen Haus können wir keine weiteren vier Jahre ertragen.

Jeremy Rifkin, 59, lebt in Washington und ist Direktor der Foundation on Economic Trends und Autor mehrerer Politbestseller („Das Ende der Arbeit“). Unlängst erschien von ihm im Campus-Verlag „Der Europäische Traum“.