Interview: „Die Klassik wird elitär bleiben“

Der scheidende Wiener Konzerthaus-Chef Christoph Lieben-Seutter über seine Erfolge und Misserfolge, die Zwänge des Marktes, die Wiener Staatsoper und seine Zukunft in Hamburg.

profil: Ihr letztes Konzert als Generalsekretär wird ein Abend mit Pat Metheny und Brad Mehldau sein: weil Ihr Herz eigentlich für den Jazz schlägt?
Lieben: Das wäre übertrieben, aber eine kleine Symbolik steckt dahinter. So sehr ich klassische Musik liebe, bin ich persönlich stärker anderswo verwurzelt. Ich habe mehr Pop- und Jazz- als Klassikplatten zu Hause.
profil: Warum leiten Sie dann ein Konzerthaus und veranstalten keine Popkonzerte?
Lieben: Weil man in der Klassik systematischer arbeiten kann. Pop ist reines Business und eine harte Branche, was mir zwar familiär durchaus naheliegen würde, weil mein Onkel in den sechziger und siebziger Jahren der wichtigste einheimische Popveranstalter war. Aber es ist mir nie in den Sinn gekommen, dies zu meinem Beruf zu machen.
profil: Sie verdienten Ihr Geld mit Computersoftware, ehe Sie mit 23 Assistent des damaligen Konzerthaus-Chefs Alexander Pereira wurden. Wie kamen Sie zu dem Job?
Lieben: Ich war regelmäßiger Konzerthaus-Besucher und mit einer Mitarbeiterin Pereiras befreundet. Eines Tages rief ich sie an, um eine Karte für das Hagen Quartett zu schnorren. Sie erzählte mir, dass der Chef einen neuen Assistenten suche. Ich habe Pereira noch am selben Abend getroffen, statt zum Hagen Quartett zu gehen. Am nächsten Tag hat er mich engagiert.
profil: Im Konzerthaus sind verstärkt Jazz, Pop und Weltmusik zu hören, Schauspieler lesen Texte, an manchen Abenden sind sogar alte Stummfilme zu sehen. Hat das Haus an Profil verloren?
Lieben: Das Konzerthaus hatte schon immer ein sehr breites Programmangebot, hinter dem früher vor allem private Veranstalter standen. Die Konzerthausgesellschaft hat jetzt teilweise deren Rolle übernommen, aber ich wüsste nicht, wen das stören sollte außer Journalisten. Unsere Auslastung liegt weit über 90 Prozent und ist somit höher denn je. Unsere Kernkompetenz bleibt natürlich die Klassik mit spezieller Betonung des 20. Jahrhunderts. Aber eingebettet im Umfeld zeitgemäßerer Musikformen erhält die Klassik für viele Leute eine andere Glaubwürdigkeit als in reinen Klassiktempeln wie dem Musikverein.
profil: Hat sich die Sonderstellung der Klassik überlebt – oder ist das reines Wunschdenken?
Lieben: Die Klassik wird immer elitär bleiben, insofern es ein bisschen Ausdauer braucht, sich auf sie einzulassen. Eine Bruckner-Symphonie ist nicht so leicht zu verdauen wie der neueste Hollywood-Schinken, und auch wenn ein Stück von Webern nur drei Minuten in Anspruch nimmt, ist es keine Ö3-Nummer. Dafür wird man aber reich belohnt. Klassik besitzt einen emotionalen Tiefgang, den man anderswo kaum noch bekommt. Darin liegt ihre Zukunft.
profil: Warum jammern dann Konzertveranstalter in ganz Mitteleuropa, dass ihre Abozyklen von Jahr zu Jahr leerer würden?
Lieben: Nicht die Musik ist in der Krise, sondern die Präsentation. Wer immer die gleichen Aboreihen auflegt, immer die gleichen Käsezettel verschickt, ohne neue Kundenbindungsmechanismen arbeitet, ohne eine irgendwie zeitgemäße Ansprache des Publikums – der braucht sich nicht zu wundern, wenn sich die Jungen nicht angesprochen fühlen.
profil: Wie viel Eventcharakter braucht die Klassik, um heute markttauglich zu sein?
Lieben: In Wien haben wir die ungewöhnliche Ausgangssituation, dass das Angebot so hoch ist. Der Markt ist übersättigt. Daher reicht es nicht, den Namen eines viel versprechenden Künstlers als Plakat auszuhängen. Jedes einzelne Konzert muss einen speziellen Anreiz bieten. 60 Prozent unserer Karten werden im Abo verkauft – das ist für die Vielfalt essenziell. Die restlichen 40 Prozent verkaufen wir entweder, weil eine Symphonie von Mahler auf dem Programm steht, weil der Dirigent ein Superstar ist oder weil Hilary Hahn Geige spielt. Hinter jeder künstlerischen Entscheidung steht die wirtschaftliche Frage: Wie viele Leute werden kommen, wenn wir welches Programm mit welchen Künstlern anbieten?
profil: Sie kennen die Antwort im Vorhinein?
Lieben: Ich muss sie kennen. Das Konzerthaus arbeitet unter hohem wirtschaftlichem Druck, so haben wir keinen großen Spielraum. Die Kassa muss stimmen, ohne dass die Qualität darunter leidet. Es gibt so gut wie kein Konzert, für das ich mich genieren würde.
profil: Immer weniger Klassikstars spielen immer weniger Werke. Warum ist in den Konzerthäusern der Welt stets das Gleiche zu hören?
Lieben: So ist unsere Welt. Namen zählen mehr als Inhalt, und wenn ein neuer Markenname etabliert ist, strömen die Massen. Die Nachfrage nach Klassik ist aber auch größer denn je. Es gibt viel mehr Konzerte als vor 20 Jahren, und sie sind voller als damals. Es gibt somit laufend neues Publikum, und diese Einsteiger beginnen natürlich mit den populären Künstlern und Werken. Deshalb könnte ich mit Frau Netrebko den Großen Saal zehnmal verkaufen, deshalb gibt es einen Kanon von Werken, die immer funktionieren. Beethovens neun Symphonien etwa verkaufen sich sehr gut, aber seine „Geschöpfe des Prometheus“ – keine Chance.
profil: Frustriert Sie das als Programmmacher?
Lieben: Überhaupt nicht. Die Herausforderung besteht darin, trotzdem ein interessantes Programm zu machen.
profil: Im Konzerthaus ist kaum noch zeitgenössische Musik zu hören. Wo ist Ihre einstige Begeisterung für das Neue geblieben?
Lieben: Die Begeisterung ist nach wie vor da. Sie leidet aber durchaus unter dem wirtschaftlichen Druck, dass wir viel mehr Karten als früher verkaufen müssen. Wenn vor einer Mahler-Symphonie Mozarts Klarinetten-Konzert auf dem Programm steht, können wir neben dem Abo vielleicht tausend Karten verkaufen. Kombinieren wir Mahler mit einem neuen Werk von Wolfgang Rihm, sind es nur 250. Eine Konzerthaus-Saison ist ein sehr komplexes Puzzle, in dem alle Teile zusammenpassen müssen.
profil: Vor vier Jahren wurde im Keller des Konzerthauses um viel Geld ein neuer Saal eigens für zeitgenössische Musik gebaut. Eine Fehlinvestition?
Lieben: Nein, der Saal wurde nicht nur für neue Musik gebaut und wird nach wie vor gebraucht. Bloß die „Generator“-Reihe wurde wieder eingestellt. Es ist uns nicht geglückt, den „Generator“ als Label zu positionieren, an das die Leute so stark glauben, dass sie Karten für Musik kaufen, von der sie vorab nicht wissen, wie sie klingen wird. Für ein Nachfolgeprojekt ist das Geld aber bereits reserviert.
profil: Ein reines Marketingproblem also – oder geht der zeitgenössischen Musik das Publikum zusehends verloren?
Lieben: Es wird zumindest nicht größer. Außerhalb von Festivals wie „Wien Modern“ sind es immer dieselben 250 Menschen, die zu neuer Musik kommen. Wenn man dann Konzerte mit ganz besonders experimenteller Musik veranstaltet, wie wir das mit dem „Generator“ bewusst gemacht haben, besteht das Zielpublikum nur mehr aus 50 Leuten. Kommt von diesen nur die Hälfte, sitzen 25 Leute im Saal.
profil: Wann ist der Punkt erreicht, wo man akzeptieren muss, dass diese Musik niemand will?
Lieben: Diese Frage ist legitim, aber ich finde auch Konzerte mit Musik legitim, die außer den Künstlern, die sie machen, niemand hören will. Kunst kann nicht nur durch Nachfrage gerechtfertigt werden, freilich gibt es aber auch Grenzen der wirtschaftlichen Machbarkeit.
profil: 2002 sagten Sie bei einer Pressekonferenz über einen unbekannten chinesischen Pianisten: „Der soll unglaublich gut sein.“ Ein Jahr später war Lang Lang weltbekannt. Weil er besser spielt als die Konkurrenz – oder das bessere Marketing hat?
Lieben: Es war immer schon so, dass Stars gemacht worden sind, aber man kann nicht aus jedem Menschen einen Star machen – zumindest nicht in der Kunst. Es gehört nicht nur totale musikalische Begabung dazu, sondern auch Persönlichkeit und Ausstrahlungskraft. Man kann heute halt innerhalb weniger Wochen eine weltweite Kampagne lancieren. Das ist für die Künstler ein größeres Problem als fürs Publikum, weil sie keine Zeit mehr haben, sich weiterzuentwickeln. Man kann nicht mit 23 glaubwürdig die Neunte von Bruckner dirigieren. Dazu muss man etwas erlebt haben.
profil: Befürchten Sie, auch selbst Künstler verheizt zu haben?
Lieben: Nicht wirklich. Wir vermeiden es beispielsweise, Teenager zu engagieren. Wenn Agenten mit einer zwölfjährigen Wundergeigerin kommen, bin ich nicht interessiert. Das Mädchen soll in die Disco gehen und eine normale Jugend haben, statt vom Business durch die Welt gejagt zu werden. Dann wird sie langfristig auch eine bessere Künstlerin.
profil: Gehen der Musik Talente verloren, weil alle Veranstalter dieselben Stars buchen wollen?
Lieben: Leider besteht einer meiner Hauptjobs darin, Künstler abzuwimmeln, die gerne hier auftreten würden. Da fragt man sich schon manchmal: Haben wir jemanden übersehen? Habe ich jemanden ungerecht beurteilt? Aber à la longue glaube ich, dass sich Talent und Qualität durchsetzen.
profil: Absagen, schwache Nerven, Erkrankungen, Gagenpoker: Wie schwierig dürfen Künstler heutzutage noch sein?
Lieben: Im Allgemeinen sind Künstler viel unkomplizierter, als man meint. Sehr viele von ihnen sind ganz reizende, viele sehr unsichere Menschen, viele sind egozentrisch, das versteht man auch. Was sie nicht dürfen, ist, sich der Medienwelt zu widersetzen. Wenn man sich nicht fotografieren lässt, keine Plattenaufnahmen machen will und keine Interviews gibt, hat man einen seriösen Nachteil.
profil: Sie hinterlassen Ihrem Nachfolger 6,4 Millionen Euro Schulden, die aus dem Umbau resultieren. Haben Sie deshalb ein schlechtes Gewissen?
Lieben: Überhaupt nicht, eher bin ich stolz darauf, dass das Konzerthaus trotzdem schwarze Zahlen schreibt und wir aus eigener unternehmerischer Kraft das ursprüngliche Budgetloch von 13,5 Millionen Euro auf die Hälfte reduzieren konnten.
profil: Sind auch die restlichen Schulden noch abzubauen – oder sind Sie bereits froh, wenn die Zinsen zu bewältigen sind?
Lieben: Wir sind schon froh, wenn wir die Zinsen zahlen können. Um die Schulden abbauen zu können, müssten wir entweder höhere Subventionen erhalten, einen Mäzen finden oder die Organisation radikal abschlanken und nur noch Johann Strauß spielen. Das will aber keiner. Mir tut es nur leid, dass wir für Zinsen und Abschreibungen jährlich eine halbe Million Euro auftreiben müssen, anstatt das Geld ins Konzertprogramm stecken zu können.
profil: Die Subvention des Konzerthauses wurde seit zehn Jahren nicht erhöht. Wird das Haus kaputtgespart?
Lieben: Wir sitzen nicht allein in diesem Boot, es geht ja jeder größeren Kulturinstitution im Land ähnlich. Der Unterschied zwischen uns und den Bundestheatern liegt darin, dass die Subventionen bei uns nur 13 Prozent, dort aber weit über 50 Prozent des Gesamtbudgets ausmachen. Wenn also nicht erhöht wird, ist dies für uns vorerst leichter verkraftbar. Trotzdem kann es nicht so weitergehen.
profil: Ihr Nachfolger ist Bernhard Kerres, ein Industriemanager ohne Erfahrung als Konzertveranstalter. Sind Intendanzen zu normalen Führungsjobs geworden?
Lieben: Das sind sie auf jeden Fall. Die Diskussion, ob man an der Staatsoper oder in Salzburg einen Manager oder einen Künstler an der Spitze brauche, halte ich für unnötig. Man braucht einen Topmanager, das ist überhaupt keine Frage. Es gab und gibt Künstler, die auch gute Manager sind, das will ich nicht in Abrede stellen. Aber Karajan war ein Multigenie, das ist nicht jeder. Die Leute glauben, ich sitze den ganzen Tag am Schreibtisch und denke mir schöne Konzerte aus. Dabei leite ich einen mittelgroßen Betrieb mit 14 Millionen Euro Budget, 80 Angestellten und hunderten Problemen vom Verkauf bis zum Personal – mit dem kleinen Unterschied, dass es hier nicht darum geht, den Gewinn, sondern die Kunst zu maximieren. Das künstlerische Programm nimmt vielleicht fünf Prozent meiner Zeit in Anspruch.
profil: Sie übernehmen die Leitung der neuen Hamburger Elbphilharmonie, die im Sommer 2010 eröffnen wird. Wie gut muss man eine Stadt kennen, um Programm für deren Einwohner machen zu können?
Lieben: Sehr gut, ehrlich gesagt. Ein Konzertprogramm ist kein für sich stehendes Kunstwerk, es macht nur in Bezug auf ein Publikum Sinn, das man daher auch kennen muss. In Hamburg bin ich noch nicht so weit, aber dazu fange ich ja auch drei Jahre vor Eröffnung dort an. Meine Stärke in Wien war sicher, dass ich Wiener bin und im Prinzip für mich selber programmiert habe. Bis heute versuche ich immer wieder, mich in einen ahnungslosen, vage an Musik interessierten Menschen zurückzuversetzen, der vor dem Konzerthaus steht und sich fragt: Was mag da wohl drinnen sein?
profil: „Diese Elbphilharmonie wird Hamburg verändern“, prophezeite der Dirigent Christoph von Dohnanyi. Überschätzt er die Bedeutung und Manipulationskraft von Musik?
Lieben: Dohnanyi meint nicht nur die Kultur, sondern auch das Bauwerk. Die Elbphilharmonie wird zum neuen Wahrzeichen der Stadt werden, zum Symbol der Weltoffenheit Hamburgs. Ich mache mir schon jetzt ernsthaft Sorgen, dass die Konzertbesucher an den Touristenbussen nicht vorbeifinden könnten. Mir macht die Dynamik der neu entstehenden Hafen-City enormen Spaß. Dass man von der Elbphilharmonie auf einen Frachter schaut, auf dem Schanghai steht, finde ich super.

Interview: Peter Schneeberger
Christoph Lieben-Seutter
Elf Saisonen hat Christoph Lieben-Seutter, 42, das Wiener Konzerthaus insgesamt geleitet, und während dieser Zeit nicht nur die Renovierung der drei Säle und des Gebäudes umgesetzt, sondern auch die Erfolgsbilanz des Hauses merklich verbessert: Im Vergleich zu 1996 stieg die Anzahl der verkauften Karten von 244.000 auf 323.000 im Jahr 2006 (plus 32 Prozent), die Auslastung von 78 auf 90 Prozent und die Abos von rund 15.000 auf 22.100 Stück (plus 47,5 Prozent). Radikal öffnete Lieben-Seutter das Haus für Jazz, Pop, Literatur und den Film – und finanzierte mit diesen Mehreinnahmen die Klassikabende mit. Im Sommer wechselt der einstige Computerfachmann als Direktor zur neuen Hamburger Elbphilharmonie: 2010 wird der architektonisch spektakuläre Konzerthausneubau erstmals seine Pforten öffnen.