Interview: „Die Menschen wollen belogen werden“

In den Siebzigern schockierte die Medienkünstlerin Valie Export mit ihren Aktionen, heute wird ihr Werk in Museen gefeiert: Eine Retrospektive in der Sammlung Essl zeigt nun Exports Werke.

profil: Sie setzen sich seit Jahrzehnten kritisch mit Medien auseinander. In Ihrer Videoaktion „Facing a Family“ haben Sie bereits 1971 Reality-Shows vorweggenommen. Die Bilderflut ist seither ins Unermessliche angestiegen, aber geht nicht auch die Gesellschaft kritischer mit medialen Bildern um?
Export: Nein.
profil: Dann wäre Ihre Arbeit vergebens gewesen.
Export: Bis zu einem gewissen Grad ist sie tatsächlich erfolglos geblieben. Die Leute, die sich kritisch damit auseinander setzen, sind eine kleine Schicht, die anderen wollen genau das, was ihnen die Medien an Lügen erzählen. Die Menschen wollen offenbar belogen werden.
profil: Aber weiß heute nicht fast schon jedes Kind, dass Bilder manipuliert werden?
Export: Ich glaube nicht, dass das besonders hinterfragt wird. Die Kriegs- und Katastrophenberichterstattung, um ein Beispiel zu nennen, nimmt man so hin, wie sie präsentiert wird. Die Bilder werden immer manipulativ eingesetzt. Dass bei einigen Betrachtern und Betrachterinnen infolge der künstlerischen Medienkritik der siebziger Jahre eine gewisse Sensibilisierung eingetreten ist, ist schon klar.
profil: Woran merken Sie das?
Export: Ich kann das vor allem bei meinen Studentinnen und Studenten an der Kunsthochschule in Köln feststellen. Für viele ist die gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit Fernsehen und Werbung ein wesentliches Thema. Dabei geht es aber nicht nur um die Geschlechterdebatte wie noch in meiner Generation – die Fragestellungen sind vermischter, hybrider geworden.
profil: Sie haben sich früh mit Kunst und Feminismus auseinander gesetzt. Vor ziemlich genau dreißig Jahren haben Sie in der Wiener Galerie Nächst St. Stephan die Veranstaltung „MAGNA – Feminismus: Kunst und Kreativität“ organisiert. Aus heutiger Sicht: Hat das etwas bewirkt?
Export: Die Veranstaltung entstand aus dem Bewusstsein, dass es Künstlerinnen gibt, die mit neuen Medien arbeiten und sich gegen die zu jener Zeit herrschende konservative Kunstauffassung eine eigene Karriere, eine Identität aufbauen wollen. Rückblickend betrachtet, war es ganz wichtig, dass Ausstellungen wie diese gemacht wurden und darüber hinaus damit auch eine theoretische Auseinandersetzung stattgefunden hat.
profil: Und wie stellt sich das heute dar?
Export: Um wieder bei meinen Studentinnen zu bleiben: Es gibt eine ganz starke, selbstbewusste Identitätsbehauptung als Frau und weibliche Künstlerin. Und es gibt – nach einer Ablehnung des Feminismus in den achtziger Jahren – wieder eine stärkere Hinwendung zu feministischer Theorie.
profil: In Ihrer Arbeit wurden Sie vor allem von Frauen unterstützt – von Galeristinnen wie Grita Insam oder Miryam Charim, von Kuratorinnen wie Silvia Eiblmayr oder Sabine Breitwieser. Wurde diese Frauensolidarität nicht irgendwann auch zu eng?
Export: Das war sehr positiv, auch die Unterstützung von Kritikerinnen wie Roswitha Mueller und Brigitte Huck. Ich habe das nie als zu eng empfunden, im Gegenteil, diese Zusammenarbeit war sehr wichtig für mich.
profil: Es gibt zwei Motive, die im Zusammenhang mit Ihrer Arbeit fast reflexartig auftauchen: Bilder der Aktion „Tapp- und Tastkino“, bei der Sie mit einem vor die Brust geschnallten Kasten Passanten einluden, Sie zu begrapschen, sowie das Foto „Aktionshose: Genitalpanik“, auf dem Sie mit einer im Schritt offenen Hose und einer Schusswaffe in der Hand posieren. Dieses sexuell aufgeladene Label …
Export: Ja, was soll ich machen?
profil: … überlagert den medien- und sprachanalytischen Aspekt Ihrer Arbeit doch deutlich.
Export: Ich bin ja froh, dass ich die Aktionen gemacht habe. Aber es sind immer wieder dieselben Bilder – Meret Oppenheim erging es mit ihrer berühmten Pelztasse genauso. So kann man Künstler eben gut einordnen. Das ist auch eine Frage der Zeit: In den siebziger Jahren hat sich niemand um die „Aktionshose: Genitalpanik“ gekümmert.
profil: In den früheren Arbeiten stand oft Ihr eigener Körper im Vordergrund, der Körper einer jungen Frau. Wie geht eine Körperkünstlerin mit dem Altern um?
Export: Das ist schon hart. Ich mache ja keine Performances mehr. Würde ich heute eine Performance ins Auge fassen, muss sie auch in die Zeit passen. Und von der Umsetzung her müsste auch klar sein, dass ich durch das Alter des Körpers jetzt etwas anderes transportiere. Es gibt Künstlerinnen, die noch immer mit großer Selbstverständlichkeit Aktionen machen, etwa die Amerikanerin Carolee Schneemann. Aber ich wüsste nicht, wie es mir dabei ginge.
profil: Ein wichtiger Punkt in ihren frühen Arbeiten war die bewusste Ausklammerung des Museums: Vieles fand im öffentlichen Raum oder auf der Leinwand statt. In jüngster Zeit häufen sich Ihre Museumsausstellungen. Haben Sie sich geändert, oder haben die Museen sich geändert?
Export: Die Museen haben sich geändert. Fast jedes Museum hat heute einen Raum für junge Kunst, sogar Museen, die sonst das klassische Programm machen. Um nur die Albertina zu nennen: Auch Klaus Albrecht Schröder versucht, über die Ausstellungsarbeit der Kuratorinnen und Kuratoren ein junges Publikum anzusprechen, etwa mit Fotoausstellungen. Wie die Museen haben sich auch die Galerien geändert. Das war damals ganz anders: Ins Museum wollte man nicht, weil das zu konservativ war. Man wusste außerdem, dass man dort auch an sein Publikum gar nicht herankommt. Das ist heute anders.
profil: Haben Sie Ihren Namen unter die unlängst veröffentlichte Unterschriftenliste zur Vertragsverlängerung von Mumok-Direktor Köb gesetzt?
Export: Nein. Aber nicht aus persönlichen Gründen. Ich würde mir nur erwarten, dass sich in der Museenlandschaft, vor allem in Wien, etwas ändert: Die Direktoren bleiben viel zu lange im Amt, manchmal über Jahrzehnte. Und wir hätten sicherlich auch sehr gute Frauen, die für diesen Job infrage kämen.
profil: Wen etwa? Agnes Husslein-Arco?
Export: Nein. Meine Frauensolidarität hat ihre Grenzen.