Interview: „Die Welt will betrogen werden“

Roland Girtler, 63, zählt zu den populärsten Sozialwissenschaftern des Landes. Der Träger des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst hat eine Reihe von Sachbüchern veröffentlicht, darunter „Der Adler und die drei Punkte“, „Die feinen Leute“, „Echte Bauern“ oder „Randkulturen“. Bekannt geworden ist der Soziologe und Kulturanthropologe auch durch seine zahlreichen Medienauftritte.

profil: H&M verkauft eine Kollektion von Karl Lagerfeld, ATVplus zeigte eine Reality-Serie mit der Familie Lugner, die zur feineren Gesellschaft gezählt werden will und sich bei teuren Urlauben filmen lässt. Entwickelt sich Luxus zum Verkaufsschlager für alle Schichten?
Girtler: Luxus ist Bühne, das Leben ist Bühne. Der Mensch orientiert sich an angesehenen Personen, die höherrangige Symbole vorweisen können. So funktioniert auch die Mode. Lagerfeld macht Kollektionen für Bessere, mit denen wir uns von anderen differenzieren können. Essen ist auch ein Symbol. Es ist nicht wichtig, was auf den Teller kommt, sondern wie hoch die Rechnung ausfällt. Oder Sport: Je nobler jemand ist, desto mehr betreibt er Disziplinen, die zwar sinnlos sind, aber sozial nützlich.
profil: Wer sind heute die Opinion Leader, die bestimmen, was Luxus ist?
Girtler: Alle Beherrscher der Bühne wie etwa das Fernsehen oder Showstars. Karl Lagerfeld kann das perfekt. Der ist ein guter Schauspieler, der seine Originalität vor der ganzen Welt inszeniert und dadurch Trends setzt.
profil: Andererseits haben gerade Slogans wie „Geiz ist geil“ Konjunktur. Erleben wir auch eine Veränderung dessen, was als Luxus definiert wird?
Girtler: Es gibt mehr noble Schnäppchen. Ich erhalte mit E-Mail dauernd Hinweise, wo ich über das Internet eine billige Rolex bestellen kann. Es gibt auch Markenpiraten, die Luxusprodukte kopieren. Damit unterscheidet sich der Träger auch ohne echte Marke von seiner persönlichen Umgebung.
profil: VW-Chef Bernd Pischetsrieder hat den Satz geprägt: Der Mensch will Luxus. Warum, glauben Sie, ist das so?
Girtler: Der Mensch heischt nach Beifall. Wenn er den nicht bekommt, wird er furchtbar böse. Dann steigt er auf den Mount Everest, um es allen zu zeigen. Wer etwas geleistet hat, braucht diese Symbole nicht. Er wirkt als Persönlichkeit. Andere benötigen solche Tarnung.
profil: Wenn man die eher matte wirtschaftliche Lage der jüngeren Vergangenheit und steigende Arbeitslosigkeit betrachtet, könnte man annehmen, dass Luxus eher nachrangig ist.
Girtler: Die Welt will betrogen werden. Andererseits können oder wollen viele Leute da aber auch nicht mehr mitmachen. Dann wird diese Sache manchmal bewusst umgedreht. Gerade in den oberen Schichten kommen manche richtig abgerissen daher. Oder werden wie in Italien zu Kommunisten. Sie machen sich lustig über die Personen auf der Bühne oder werden zu Kritikern.
profil: Wo liegt eigentlich die Grenze zwischen Luxus und Dekadenz?
Girtler: Das ist schwer zu definieren. Im Fall der Römer sagt man, sie sind dekadent geworden, als sie im Luxus geschwelgt haben. Dann war keine Kaft mehr vorhanden, um sich gegen Bedrohungen wehren zu können. Luxus ist hingegen vor allem ein Ziel für Menschen, die hungrig sind. Gastarbeiter kommen heute aus dem Osten zu uns, sehen, was wir besitzen, und wollen unseren Standard erreichen.
profil: Die bekannte Hotelerbin Paris Hilton hat bestimmt keinerlei Geldsorgen und inszeniert sich gerne öffentlich in Videos oder in einer TV-Soap. Kann Luxus eine Kompensation von Langeweile sein?
Girtler: Sicher. An den französischen Höfen ging es um die Vertreibung der Langeweile, weil die Aristokraten ja nichts arbeiten mussten. Das wäre einer Entwürdigung gleichgekommen. Man muss sich zugleich präsentieren, es gibt schließlich Konkurrenten, die man doch immer übertreffen will.
profil: Es stellt sich gleichzeitig die Frage nach der Gegenbewegung. Zu hören ist oft: Wahrer Luxus ist, wenn man wieder mehr Zeit für sich hat.
Girtler: Es gibt den Luxus der Einfachheit. Das kann sich nur leisten, wer schon oben war. Reiche Leute fahren manchmal mit dem Fahrrad in ihr Geschäft. Das kommt sehr gut an. Bescheidenheit ist aber oft Koketterie.