Interview: „Dieses alte Zeug“

Jean Schulz, Witwe und Nachlassverwalterin des „Peanuts“-Erfinders Charles M. Schulz, über dessen Werk.

profil: Vier Jahre nach Charles Schulz’ Tod beginnt Fantagraphics Books nun, sein gesamtes Werk in Buchform wieder zu veröffentlichen. Was bedeutet das für Sie?
Schulz: Ich bin darüber sehr glücklich. Endlich wird Sparkys Vermächtnis wieder zurück in die Öffentlichkeit gebracht. Viele Strips wurden ja bis heute niemals nachgedruckt, und in den vergangenen 20 Jahren sind die Lizenzprodukte so allgegenwärtig geworden, dass sie vieles überlagert haben und sich nur noch wenige an die Strips selbst erinnern.
profil: Das wurde auch schon stark kritisiert.
Schulz: Ja, Lizenzierungen und Merchandising waren aber nicht immer so übermächtig. Jetzt wird mit diesen Büchern wieder Sparkys eigentliche Arbeit in den Vordergrund gerückt. Es gibt heute ja noch kaum jemanden, der seine frühen Arbeiten kennt. Dabei waren die Zeichnungen der ersten fünf Jahre völlig anders als die späteren. Die Charaktere sahen noch anders aus und haben sich erst im Lauf der Zeit entwickelt.
profil: Sie haben Charles Schulz 1973 geheiratet. Hätten Sie damals gedacht, dass seine „Peanuts“, die damals schon in ihrem 23. Jahr waren, 30 Jahre später immer noch lebendig sein würden?
Schulz: Daran habe ich eigentlich nie gedacht. Die „Peanuts“ waren immer da. Überrascht hat mich aber immer wieder, wie sehr diese Strips die Menschen bewegt haben, welchen Einfluss Comics haben können.
profil: Warum, glauben Sie, haben Charlie Brown, Lucy, Linus & Co bis heute überlebt?
Schulz: Sparky hat immer aus dem Herzen heraus gezeichnet, was er gefühlt hat. Damit hat er die Leser direkt angesprochen. Viele Comic-Charaktere sind außerdem sehr eindimensional. Bei den „Peanuts“ ist das anders. Charlie Brown ist einerseits zwar der klassische Verlierer, andererseits hat er aber auch wunderbare philosophische Züge. Oder Lucy: Sie kann ein absoluter Besen sein, aber wenn sie Schröder anhimmelt, dann zeigt sie eine sehr liebenswerte, wertvolle Seite.
profil: Das Projekt einer „Peanuts“-Gesamtausgabe entstand, als Fantagraphics-Herausgeber Gary Groth Charles Schulz 1998 interviewte. Wie reagierte Ihr Mann damals?
Schulz: Er fragte Gary, warum jemand dieses alte Zeug lesen wollen sollte. Er selbst würde es nicht wollen. Gary war sehr diplomatisch, er versuchte nicht, meinen Mann zu drängen. Nach Sparkys Tod kam Gary auf mich zu und meinte, er wolle es machen. Ich war anfangs skeptisch, denn es gab so viele Strips, die noch niemals nachgedruckt worden waren. Ich dachte, es sei unmöglich, wirklich alle wiederzufinden. Anscheinend haben sie aber tatsächlich alle gefunden.
profil: In Interviews meinte Charles Schulz, dass etliche Strips niemals wieder veröffentlicht werden sollten. In den neuen Büchern werden aber auch diese nicht fehlen.
Schulz: Das ist richtig. Sparky hat die „Peanuts“ 50 Jahre lang gezeichnet. Bei einer solchen Zeitspanne ist es nur allzu verständlich, dass man mit einzelnen Strips nicht ganz zufrieden ist. Wenn man aber das Gesamtwerk betrachtet, erhält alles eine ganz andere Bedeutung.
profil: Was haben Sie gedacht, als Sie den ersten Band der „Complete Peanuts“ in den Händen gehalten und durchgeblättert haben?
Schulz: Für mich war es wie eine Zeitreise, wie in einem Familienalbum zu blättern und die Kinder wiederzusehen. Ein sehr schönes Gefühl. Es ist außerdem auch ein sehr schönes Buch. Einige der früher veröffentlichten Bücher waren ja sehr enttäuschend.
profil: Haben Sie eigentlich einen Liebling unter den „Peanuts“?
Schulz: Eigentlich nicht, aber wenn, dann ist es Charlie Browns Schwester Sally. Sie hat auch ein wenig etwas von mir. Der Ausspruch „Sweet Baboo“ stammt zum Beispiel von mir. Sparky hat ihn dann für Sally verwendet.
profil: Wie autobiografisch waren die „Peanuts“?
Schulz: Natürlich gab es immer wieder autobiografische Details. Aber es war und bleibt ein Comic-Strip.
profil: Wird es jemals wieder eine Serie wie die „Peanuts“ geben?
Schulz: „Calvin und Hobbes“ waren vor einiger Zeit ziemlich nahe dran. Ich glaube schon, dass es immer wieder Strips geben wird, die mit den „Peanuts“ vergleichbar sind. Dass es je wieder eine Serie geben wird, die fünf Jahrzehnte lang läuft, bezweifle ich allerdings.