Interview: „Ende der Heimlichtuerei“

Der britische Publizist Stephen Grey fordert den neu gewählten US-Kongress auf, endlich Licht in die zweifelhaften Aktivitäten des Geheimdienstes CIA zu bringen.

profil: Die Wähler haben es US-Präsident George Bush attestiert: Der Krieg gegen den Terror ist kein Erfolg. Ihr Buch über die „Geisterflüge“ und Geheimgefängnisse der CIA hat dies zur rechten Zeit illustriert. Fühlen Sie sich bestätigt?
Grey: Das Wahlergebnis birgt die Chance, das Schlaglicht auf diese heimlichen Vorgänge zu richten. Wir werden endlich herausfinden, was sich wirklich in diesem Schattenreich der CIA abgespielt hat. Die demokratische Übernahme von Kongress und Senat beschert uns, woran es bisher gemangelt hat: internen politischen Druck, dieser Heimlichtuerei ein Ende zu setzen.
profil: Wird das Repräsentantenhaus eine Untersuchung zu den außerterritorialen Gefängnissen fordern?
Grey: Ich denke schon. Ich wurde schon von mehreren Kongressabgeordneten darauf angesprochen. Bisher durften ja auch die Demokraten nicht zu viele Fragen stellen, weil sie sonst die Anklage hätten fürchten müssen, sie seien „zu sanft“ im Umgang mit Terroristen. Das wird sich jetzt ändern. Es muss auch deshalb anders werden, weil es immer noch tausende Gefangene gibt. Deren Geschichten werden uns noch Jahre beschäftigen. Sie wurden gefoltert, und jemand wird dafür die Verantwortung übernehmen müssen. Wenn die Demokraten dies nicht jetzt sofort in die Hand nehmen, dann wird die nächste Administration hineingezogen.
profil: Der fehlgeschlagene Krieg gegen den Terror wird nun Bush und seinem Team in die Schuhe geschoben. Hätte eine andere US-Regierung nach dem 11. September fundamental anders reagiert?
Grey: Entscheidend ist, dass diese Politik nicht weiter fortgeführt wird. Seit fünf Jahren betreibt Amerika eine Politik, die viele, vor allem aber die arabische Welt, radikalisiert. Hier wird eine ganze Generation geprägt, die sich gegen den Westen wenden wird. Inzwischen wächst auch in Amerika selbst das Unbehagen darüber, was aus dem Land geworden ist. Die Armee und die Moral sind auch im Inland diskreditiert. Die CIA ist moralisch und praktisch destabilisiert. Früher ist doch niemand zur „Agency“ gegangen, um Gefängniswärter und Folterknecht zu werden. Mit dem ursprünglichen Auftrag, Information zu sammeln, hat dies kaum mehr etwas zu tun. Ein CIA-Mann erklärte mir unlängst: „Ich kann keine Spione mehr rekrutieren, weil keiner mehr mit uns arbeiten will.“
profil: Trotz des neuen James-Bond-Films?
Grey: Leider ja. Bis zum Ende des Kalten Krieges war alles relativ einfach. Für den MI 6 (der britische Geheimdienst, Anm. d. Red.) zu arbeiten war eine wunderbare Sache für viele, egal, aus welchem Weltteil sie stammten. Man kämpfte für die freie Welt. Heute aber haben die westlichen Geheimdienste einen schlechten Ruf als Folterinstitute gewonnen. Unsere Geheimdienste sind die Helfershelfer von Regierungen geworden, die in andere Länder einfallen und unter dem Vorwand des Regimewandels dort Unsägliches anrichten.
profil: Wie viel Folter ist in einer Demokratie tolerierbar?
Grey: In Europa haben Länder wie Großbritannien oder Spanien eine lange Tradition mit heimischem Terrorismus. Wir müssen nicht gleich foltern, um etwas zu erfahren. Es gibt legale Methoden, Gefangene zum Reden zu bringen. Mit der politischen Bildung müssen wir aber wohl zu Hause anfangen. Der Regierungspropaganda darf man eben auch bei uns nicht glauben. Ich habe im Irak britische Soldaten getroffen, die tatsächlich glaubten, sie seien nach Bagdad gekommen, um Osama Bin Laden zu besiegen. Selbst Guantanamo war nur ein Ablenkungsmanöver. Die ganze Welt hat sich über dieses außerhalb der amerikanischen Justiz stehende Verhörlager aufgeregt. Dabei wusste man in Washington aber genau, dass zwar hunderte Verdächtige in Guantanamo saßen, die großen Fische aber ganz woanders unter noch viel schlimmeren Umständen festgehalten wurden.
profil: Die entscheidenden Verhöre fanden in den Kerkern der befreundeten Nahost-Diktaturen statt – ein reichlich zynisches Kalkül.
Grey: Allerdings. Neben Syrien waren und sind besonders Ägypten und Jordanien wichtiger Teil dieses dunklen Gefängnisnetzwerkes. Wichtig ist nun, die tausenden Vermissten zu finden, die bis heute buchstäblich verschwunden sind. Wenn sie nicht wieder auftauchen, dann wird ihr Schicksal dem Westen noch lange nachhängen. Bisher haben die Verantwortlichen in Washington aber genau das Gegenteil versucht: die Häftlinge von Guantanamo daran zu hindern, ihren Rechtsanwälten zu erzählen, wie mit ihnen umgegangen wurde. Das ist kontraproduktiv.
profil: Trotz dieses „Schattenreichs der CIA“ versinkt der Irak im Chaos. Was ging schief im Krieg gegen den Terror?
Grey: Der Schock nach den Anschlägen vom 11. September war sehr groß. Die Tatsache, dass die Geheimdienste von 9/11 überrascht worden waren, trieb sie nachher in frenetische Aktivität. Darauf waren wiederum die Journalisten und Menschenrechtsorganisationen nicht vorbereitet. Lange Zeit unterhielten wir uns darüber, dass die Gefangenen in Guantanamo ihre Tabakrationen nicht ordnungsgemäß ausgehändigt bekamen. Tatsächlich aber ging es um etwas ganz anderes: den Einsatz von physischem Druck bei Verhören, kurz: Folter. Das Ausmaß der Verzweiflung der Geheimdienste ist auch in Abu Ghraib sichtbar geworden. Man verhörte und verhörte, aber der Mann, den man eigentlich die ganze Zeit suchte, versteckte sich noch Monate nach dem Fall seines Regimes: Saddam Hussein. Viel wurde schon über die Folterungen im Irak geschrieben, aber es ist notwendig, noch einmal darauf hinzuweisen, dass die furchtbarsten Dinge in jener Zeit geschahen, als Saddam Hussein noch frei herumlief und die Geheimdienstleute schier verrückt wurden, weil sie ihn nicht finden konnten.
profil: Liegt es am falschen System oder an der mangelnden Sorgfalt bei der Auswahl an Personal, dass die CIA ein Club der Folterknechte wurde?
Grey: Operationen zum Regimewandel wie im Irak sind alternative Karrierechancen für bereits beschädigte Persönlichkeiten geworden. Die CIA erlaubte privaten Sicherheitsfirmen, die Sondereinsätze auf eigene Verantwortung durchzuführen. Das war wie eine Einladung zum unkontrollierten Foltern. Geübt haben diese Leute teilweise in amerikanischen Gefängnissen, wo oft unfassbare Zustände herrschen. Dazu kommt, dass diese privaten Unternehmer in Sicherheitsfragen meistens überhaupt kein Verständnis für die Region hatten, in der sie operativ wurden.
profil: Stück für Stück werden diese illegalen Vorgänge nun publik. Anfang September gab US-Präsident George Bush zu, dass diese Geheimgefängnisse tatsächlich existierten. Der Irak versinkt im Chaos, Afghanistan entwickelt sich auch rückwärts. Gehen wir auf eine neue Ära zu, in der Interventionen der internationalen Gemeinschaft so unpopulär werden, dass sie nicht mehr stattfinden können?
Grey: Nicht alles ist eine Katastrophe. Die CIA hat vielleicht nicht Osama Bin Laden geschnappt, aber doch einige der Köpfe der al-Qa’ida. Grundsätzlich glaube ich nicht, dass Interventionen aus der Mode kommen werden, es gibt ja reale Gefahren, denen wir begegnen müssen. Die EU entwickelt gerade Mechanismen, um Interventionen logistisch meistern zu können. Wir brauchen aber in Zukunft eine bessere Analyse der Lage, bevor wir uns daran machen, ein Regime zu stürzen.

Interview: Tessa Szyszkowitz/London