Interview: „Es ging um den Bestand Österreichs“

Der Salzburger Landeshauptmann Franz Schausberger, von Beruf Zeithistoriker, über 1934, Patriotismus und Demokratie.

profil: Herr Landeshauptmann, war Dollfuß ein Diktator, oder war er das erste Opfer des Nationalsozialismus?
Schausberger: Es überwiegt auf jeden Fall die Tatsache, dass er im Kampf um die Erhaltung der Selbstständigkeit Österreichs einem Nazi-Anschlag erlegen ist. Dass er auf undemokratische Weise regiert hat, das steht ja außer Zweifel, aber das sind zwei verschiedene Ebenen. Auf der einen Seite ging es um den Bestand Österreichs, auf der anderen Seite geht es um die Frage der Demokratie.
profil: Wiegt also Patriotismus mehr als Demokratie?
Schausberger: Diese Alternative gab es nicht. Man muss das in der Gesamtschau sehen. In Europa war damals das autoritäre Regieren sehr weit verbreitet. Damals ging es um den Bestand des österreichischen Staates und nicht um die Frage, ob jetzt wirklich demokratisch regiert wird oder nicht. Auch die radikalen Sozialdemokraten hatten ja nicht die liberale Demokratie von heute im Sinn.
profil: Zeitgeschichtler diskutieren seit Jahrzehnten die Frage, ob Dollfuß der erste Widerständler in der Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland gewesen ist oder ob er durch sein Agieren in den Jahren 1933/34 diese Abwehrfront gegen Hitler geschwächt hat. Was ist Ihre Meinung?
Schausberger: Die Abwehrfront gegen die Nazis ist sehr stark auch vom Ausland her geschwächt worden. Der Druck des faschistischen Italien auf Österreich war sehr groß, und natürlich ist die Tatsache, dass die beiden großen politischen Lager nicht miteinander, sondern gegeneinander gekämpft haben, nicht gerade förderlich in der Abwehrfront gegen die Nazis gewesen. Aber da muss die Schuld nach beiden Seiten verteilt werden. Denn 1932, als die erste Dollfuß-Regierung angelobt wurde – sie fußte ja auf einer parlamentarischen Mehrheit –, da gab es für die Sozialdemokraten noch die Möglichkeit und das Angebot mitzutun. Das wurde leider ausgeschlagen. Auf der einen Seite gab es also seitens der Sozialdemokraten Obstruktion und keine Bereitschaft, in eine Regierung einzutreten; und auf der anderen Seite begab sich der christlichsoziale Bundeskanzler in die Geiselhaft der Heimwehren, die eindeutig faschistisch orientiert waren. Das war letztendlich der Boden, auf dem sich die Tragödie dann entwickeln konnte.
profil: Trifft eigentlich Ihrer Meinung nach der Begriff „Austrofaschismus“ auf das Ständestaatregime zu?
Schausberger: Es waren ganz sicher faschistische Elemente dabei. Ich habe lieber den Begriff einer autoritären Regierung. Ich glaube, da geht es um Nuancen und auch um die Frage, wie man den Faschismus letztendlich definiert.
profil: Nach 1945 hat die ÖVP erklärt, sie sei nicht die Nachfolgepartei der Christlichsozialen der Ersten Republik. Aber es gab personelle Kontinuität, etwa in der Person von Julius Raab. War das nicht etwas fadenscheinig?
Schausberger: Nein. Es besteht ja kein Zweifel daran, dass das Programm der ÖVP ein klares Bekenntnis zur Demokratie beinhaltet hat. Damit war sowohl organisatorisch als auch inhaltlich keine Verbindung zu den Christlichsozialen im Ständestaat da. Ich kann ja auch nicht sagen, dass die SPÖ nach dem Krieg die direkte Nachfolgeorganisation der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war. Und ich würde ihr auch nicht vorwerfen, dass in der SDAP der Ersten Republik der Anschlussgedanke an Deutschland vorgeherrscht hat. Man soll da wirklich einen Schnitt machen und akzeptieren, dass sich die Parteien in der Zweiten Republik im Wesentlichen neu gegründet haben und unbestritten demokratische Parteien gewesen sind.
profil: ÖVP und SPÖ haben sich nach 1945 in der Bewertung der Nazijahre gefunden. In der Bewertung der Ereignisse zwischen 1927 und 1938 ist man sich nie näher gekommen. Warum?
Schausberger: Es wurden diese von beiden Seiten, aber insbesondere von der SPÖ, nach dem Zweiten Weltkrieg sehr parteipolitisch gesehen. Auch die Geschichtsschreibung hat diese Epoche meiner Ansicht nach ziemlich einseitig dargestellt und versucht, Schuld zuzuteilen. Aber wir sind heute von diesen Ereignissen so weit weg, und auch wenn ich ein ÖVP-Politiker bin, so bin ich als Historiker doch absolut in der Lage zu abstrahieren und das Ganze aus der parteipolitischen Sicht herauszunehmen. Das muss man nämlich tun. Und man sollte nicht ständig der Versuchung erliegen, mit der Geschichte Politik zu machen und Schuldzuweisungen vorzunehmen.