Interview: „… dann droht ein Flächenbrand“

Der Islamwissenschafter Wilfried Buchta über den schiitischen Widerstand und die verheerenden Fehler, die die amerikanischen Besatzer machen können.

profil: Wer ist Muktada al-Sadr, und welche Ziele verfolgt er?
Buchta: Am besten kann man seine Bewegung als Unterschichtphänomen charakterisieren, das vor allem in den Armenvierteln der Städte verwurzelt ist: religiös, aber gleichzeitig stark national-arabisch orientiert.
profil: Was kann diese Bewegung den Menschen bieten?
Buchta: Die Grundlage für die Popularität von Muktada al-Sadr ist das – in den Augen vieler seiner Anhänger – auf ihn übergegangene Charisma seines Vaters, Großajatollah Sadiq al-Sadr, der im Februar 1999 bei Najaf vom irakischen Geheimdienst geötet wurde. Sadiq al-Sadr war ein schiitischer Geistlicher arabisch-irakischer Herkunft. Nach dem Ende des Krieges gegen den Iran und nach dem Kuwait-Abenteuer suchte das Regime in Bagdad einen ihm genehmen schiitischen Rechtsgelehrten, den es für seine Zwecke instrumentalisieren konnte. Diesen fand es in Sadiq al-Sadr und baute ihn zum privilegierten und staatlich einzig legitimierten Großajatollah auf. Und er spielte diese Rolle mit, solange sie ihm nützte.
profil: Welche Rolle war das?
Buchta: Während des UN-Embargos war das Regime nicht in der Lage, die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Da sprang Sadiq al-Sadr in die Bresche. Er sammelte Spenden bei reichen Irakern und Exil-Irakern, hob von den Händlern am Bazar Steuern ein und baute damit ein Netzwerk sozialer und kultureller Einrichtungen auf: Armenküchen, Schulen, Waisenhäuser. Viele Iraker, die bis dahin kaum religiös gewesen waren, nahmen diese Hilfe dankbar an. Das Netzwerk breitete sich allmählich über die von Schiiten bewohnten Gebiete aus und verschaffte al-Sadr eine stabile Gefolgschaft – und eine unabhängige Machtbasis, die dem Regime irgendwann unheimlich wurde. In seinen Freitagspredigten verschärfte al-Sadr seine Kritik an Saddam zusehends. Er bekam mehrere Verwarnungen, die er in den Wind schlug, und wurde schließlich erschossen.
profil: Funktioniert dieses Netzwerk heute immer noch?
Buchta: Al-Sadrs Sohn Muktada tauchte damals in den Untergrund ab und übernahm das Netzwerk. Für ihn war die amerikanische Okkupation wie ein Gottesgeschenk, um seinen Machtanspruch geltend zu machen.
profil: Er steht allerdings in Konkurrenz zu anderen Schiitenführern, wie etwa Großajatollah Ali al-Sistani.
Buchta: Theologisch ist er al-Sistani haushoch unterlegen. Heute hat er klar Frontstellung gegen ihn bezogen. Er wirft ihm vor, sich nicht gegen Saddam Hussein aufgelehnt zu haben; und dass al-Sistani nicht qualifiziert sei, die irakischen Schiiten zu führen, weil er aus dem Iran kommt.
profil: Wie berechtigt sind diese Vorwürfe?
Buchta: Al-Sistani war immer ein politischer Quietist. Schon unter Saddam wollte er sich politisch nicht einmischen und entzog sich dem Regime durch die Beschränkung auf theologische Aktivitäten.
profil: Aber al-Sistani kooperiert jetzt mit der amerikanischen Besatzung.
Buchta: Auch heute wird al-Sistani vor allem von seinen Beratern dazu gezwungen, sich politisch zu äußern. Er ist Treibender und Getriebener zugleich. Er hat radikale Kräfte im Nacken, die sich dadurch Popularität verschaffen, dass sie antiamerikanische Reden schwingen. Wenn al-Sistani zu viele Kompromisse mit den Amerikanern eingeht, läuft er Gefahr, als „Verräter“ diskreditiert und womöglich sogar bekämpft zu werden.
profil: Welche Rolle spielt der Iran in diesem Machtkampf?
Buchta: Die Beziehungen zwischen den irakischen und den iranischen Schiiten sind sehr ambivalent. Die Wiege der Schia liegt ja im Irak. Dort sind sechs der zwölf heiligen Imame begraben, dort stehen die ältesten schiitischen Hochschulen. Doch nach 1920 hat sich das Gravitationszentrum der Schia allmählich vom Irak in den Iran verlagert, zunächst durch die Flucht vieler hochrangiger Kleriker und schließlich durch die Khomeini-Revolution von 1979. Inzwischen sind die Theologieseminare im Iran viel größer. In Qom zum Beispiel gibt es heute etwa 50.000 schiitische Theologiestudenten; im irakischen Najaf, das eine viel ältere Geschichte hat, ist deren Zahl wegen der Unterdrückung durch das Baath-Regime bis auf etwa 1000 geschmolzen. Heute jedoch nützen die irakischen Schiiten ihre neue Bewegungsfreiheit. Sie fordern mehr Gewicht in der weltweiten Schia, was aber nur möglich ist, wenn sie sich stärker von den Iranern abgrenzen.
profil: Und diesen Abgrenzungswillen macht sich al-Sadr zunutze?
Buchta: Ja. Tatsache ist, dass Iraner generell gegenüber den Arabern ein Überlegenheitsgefühl an den Tag legen. Weil sie sich als Arier fühlen und als Erben einer Kultur, die viel ältere Wurzeln hat als jene der Araber. Al-Sadr kontert diese traditionelle Mentalität mit einem neuen irakisch-schiitischen Selbstbewusstsein. Das ist eine der Quellen, aus denen sich seine Attraktivität speist.
profil: Parallel zum Schiitenaufstand gibt es immer noch den sunnitischen Widerstand gegen die amerikanische Besatzung. Sind das völlig verschiedene Fronten?
Buchta: Der Widerstand im sunnitischen Dreieck ist nationalistisch motiviert, nicht religiös. Die sunnitischen Gruppen, die die Attentate verüben, haben Angst, ins Hintertreffen zu geraten, wenn es zu Wahlen kommt, weil die Schiiten dann die Mehrheit haben werden. Den Saddam-Loyalisten kommt es also sehr gelegen, wenn die Besatzungstruppen sich jetzt in eine Konfrontation mit den schiitischen Massen verwickeln, weil sie hoffen, danach ihre alte Vormachtstellung wiedererlangen zu können.
profil: Die Schiiten haben also mehr zu verlieren als zu gewinnen, wenn sie jetzt gegen die Besatzungsmacht aufstehen?
Buchta: Genau. Am Anfang sagten ihre Anführer: „Wir demonstrieren zwar gegen die Amerikaner, aber wir gehen nicht so weit, auch gegen sie zu kämpfen. Wir sind erst einmal dankbar dafür, dass die USA uns die Saddam-Diktatur vom Hals geschafft haben, und bei Wahlen haben wir die Chance, die Mehrheit zu erlangen.“ Deswegen waren die meisten gegen den eifernden Wirrkopf al-Sadr. Wenn es jetzt allerdings zu einer Eskalation kommt, laufen sie Gefahr zu verlieren, was ihnen eigentlich zusteht, nämlich die Macht.
profil: Wird es diese Eskalation geben?
Buchta: Es wird immer schwieriger für al-Sistani, die Masse der Schiiten ruhig zu halten. Wenn es al-Sadr gelingt, sich propagandistisch zum Führer aller Schiiten aufzuschwingen, wird es sehr gefährlich.
profil: Wie gut organisiert sind al-Sadrs Kräfte?
Buchta: Unter den 14 bis 15 Millionen Schiiten hat er etwa zwei Millionen Sympathisanten. Zwischen 5000 und 20.000 davon sind sehr gut ausgebildete Kader: Propagandisten, Prediger, bewaffnete Milizionäre und Leute, die in den Netzwerken Geld und Geschenke verteilen. Derzeit geht es um einen Konflikt mit diesen Kadern und noch nicht mit der Masse der Sympathisanten. Wenn die Amerikaner jetzt aber Fehler machen, kann die Lage eskalieren.
profil: Welche Fehler könnten das sein?
Buchta: Wenn sich die Kader in den wichtigen schiitischen Heiligtümern verschanzen, in der Grabesmoschee von Kerbala oder in der Imam-Ali-Moschee von Najaf …
profil: … genau das tun sie derzeit …
Buchta: … dann wird es gefährlich. Das sind, über den Irak hinaus, für alle Schiiten der Welt enorm wichtige symbolische Stätten. Wenn die Amerikaner dort eine Rakete hineinschießen und die Kader als Märtyrer sterben oder es hunderte Tote gibt, dann hat al-Sadr eine gute Chance, für seinen Guerillakrieg massenhaft Anhänger zu gewinnen. Sollten die Moscheen dabei zerstört werden, wäre es noch dramatischer. Das würde Kreise bis nach Pakistan, Kuwait, Syrien und in den Libanon ziehen – wo überall große schiitische Minderheiten leben.
profil: Von den zwei Kriegen, die die Amerikaner derzeit im Irak führen, ist der gegen die Schiiten also der gefährlichere?
Buchta: Wenn es die Amerikaner schaffen, die Nester auszuräuchern und die Kader zu verhaften, dann haben sie noch eine Chance. Wenn es aber zu einer wochen- oder monatelangen Belagerung der heiligen Stätten kommt und die Besatzer mit Brachialgewalt vorgehen, dann droht ein Flächenbrand. Ich kann mir nur wünschen, dass sie gute Berater haben.