Interview: „Geld spielt nicht Fußball“

Rapid-Präsident Rudolf Edlinger über die Ziele in der Champions League, rabiate Fans, die Fehler von ATVplus und den „Fußballprofessor“ Frank Stronach.

Es dauerte nicht einmal drei Stunden, bis das Stadion restlos ausverkauft war. Als am Morgen des 5. September der freie Kartenverkauf für die drei Champions-League-Heimspiele des SK Rapid begann, war schon klar, dass im Wiener Ernst-Happel-Stadion kein Sitz leer bleiben würde. Zahlreiche Fans hatten die Nacht im Freien verbracht, um in der Früh die Ersten an den Kassen zu sein; innerhalb kürzester Zeit bildeten sich lange Schlangen. Kurz vor Mittag waren alle 44.000 Dreier-Abonnements verkauft.

„Das gibt es nur bei Rapid“, stellte Peter Klinglmüller, der Pressesprecher des Vereins, zufrieden fest. Klinglmüller traute sich in den Tagen danach kaum, sein Handy einzuschalten. Sein Bekanntenkreis war plötzlich ins Unorganisierbare gewachsen, und fast jeder Anrufer wollte nur eines: Matchkarten. „Ich hätte alleine ein paar tausend Stück verkaufen können“, berichtet Klinglmüller.

Zum ersten Mal seit fünf Jahren spielt wieder ein österreichischer Verein in der Champions League. Damals schaffte es Sturm Graz bis in die zweite Runde. Mit dem FC Bayern München und Juventus Turin bekam Rapid allerdings zwei Fußballschwergewichte zugelost, gegen die der österreichische Meister nur Außenseiterchancen hat. Der vierte Verein in der Gruppe, der belgische Meister FC Brügge, könnte eher zu bezwingen sein.

Doch auch wenn nach der Gruppenphase Schluss sein sollte, ist die Champions-League-Teilnahme ein Segen für den 106-jährigen Traditionsverein aus Wien-Hütteldorf. Aus Ticketverkäufen und Fernsehrechten werden rund sieben Millionen Euro in die Vereinskassen fließen und das ursprünglich mit 11,5 Millionen Euro kalkulierte Jahresbudget ordentlich auffetten.

Rudolf Edlinger, ehemaliger SP-Finanzminister, ist seit Herbst 2001 Präsident des SK Rapid. In seiner Amtszeit ist der Verein aus dem sportlichen und finanziellen Tief herausgekommen und wurde in der Saison 2004/05 erstmals seit 1996 wieder österreichischer Meister.

profil: Der SK Rapid spielt am Mittwoch gegen Bayern München. Das heißt, 11,5 Millionen Jahresbudget treten gegen 180 Millionen an. Freuen Sie sich auf das Match, oder haben Sie auch ein wenig Bauchweh? Schließlich könnte es mit einer Blamage enden.
Edlinger: Die Bayern sind sicherlich eine europäische Spitzenmannschaft. Überhaupt ist die Auslosung in dieser Gruppe immens reizvoll und attraktiv für unsere Fans. Insofern hab ich kein Bauchweh, sondern ich freue mich auf das Spiel und halte durchaus eine Überraschung im Sinne des SK Rapid für möglich.
profil: Ab welchem Ergebnis würden Sie sich nicht mehr freuen? In welcher Höhe wäre eine Niederlage schlimm?
Edlinger: Na ja, wenn uns die Bayern zu Hause mit einem Unterschied von drei oder vier Toren abschießen würden, das würde mich sehr schmerzen.
profil: Wissen Sie schon, neben wem Sie beim Match sitzen werden?
Edlinger: Nein, die Ehrentribüne wird erst gesetzt, wenn wir wissen, welche Gäste kommen.
profil: Ist es angenehm, neben Ihnen zu sitzen? Oder werden Sie laut, wenn es nicht nach Wunsch läuft?
Edlinger: Es gibt ein paar Leute, die nicht gerne neben mir sitzen. Angeblich stoße ich mit den Ellbogen. Ich kann das nicht bestätigen, aber es wird behauptet.
profil: Die Champions League bringt Rapid Einnahmen von rund sieben Millionen Euro. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit hat Rapid mehr Geld zur Verfügung als geplant. Was werden Sie damit tun?
Edlinger: Rapid hat eine sehr schwierige Phase hinter sich. Als ich vor vier Jahren Präsident geworden bin, waren wir Tabellen-Neunter. Im Jahr darauf haben wir die Bank Austria als Hauptsponsor verloren. Wenn man so eine Durststrecke hinter sich hat, geht man mit Geld sehr vorsichtig um. Wir werden daher keine spektakulären Transfers durchführen, sondern bei dem bleiben, was wir in den letzten Jahren getan haben. So unter dem Motto: Andere kaufen Stars, Rapid macht sie selber.
profil: Aber der Ex-Finanzminister wird das Geld nicht auf einem Eckzinssparbuch anlegen, oder?
Edlinger: Nein, sicher nicht. Das fließt alles in den Verein. Wir haben infrastrukturelle Bedürfnisse im Stadion. Und natürlich muss es auch in der Mannschaft Adaptierungen geben. Aber es ist jetzt zu früh, das festzulegen. Ich führe Rapid kollegial, die Entschlüsse werden gemeinsam mit der sportlichen Leitung gefasst.
profil: Das Happel-Stadion ist für die drei Heimspiele in der Champions League restlos ausverkauft. So wie um die Karten gekämpft wurde, hätten Sie das Stadion wahrscheinlich zweimal füllen können. Woran liegt es, dass eine für die Fans so attraktive Mannschaft nicht in der Lage ist, einen Großsponsor aufzutreiben?
Edlinger: Das liegt daran, dass es keine Großsponsoren gibt, die zweistellige Millionenbeträge zahlen würden. Es gibt mitunter Persönlichkeiten, die einen Verein kaufen wollen. Salzburg und die Wiener Austria sind gekauft worden und haben damit auch ihre Identität verloren. Rapid ist ein Verein, der niemandem gehört, daher kann man ihn auch nicht verkaufen.
profil: Wäre Rapid bereit, den Namen zu ändern?
Edlinger: Nein, absolut nicht. Was nach mir ist, das kann ich nicht bestimmen. Aber solange der Präsident Rudolf Edlinger heißt, wird Rapid den Mitgliedern gehören und sonst niemandem.
profil: … und damit arm bleiben. Austria Wien und Salzburg haben mehr als doppelt so viel Geld wie Rapid.
Edlinger: Geld spielt nicht Fußball, das hat sich in den letzten Jahren ja durchaus bewiesen. Die Vereine mit dem vielen Geld sind nicht Meister geworden. Wir haben mit der Wien Energie einen sehr guten Hauptsponsor und kommen mit insgesamt 30 Sponsoren auf sechs, sieben Millionen Euro im Jahr. Für österreichische Verhältnisse ist das viel.
profil: Angenommen, jemand wäre bereit, viel Geld zu investieren, und möchte dafür Rapid-Präsident werden. Würden Sie sich querlegen?
Edlinger: Ich würde niemandem im Weg stehen. Aber die Mitgliederversammlung müsste ihn wählen. Wir haben 6000 Mitglieder und sind ein Verein, der seine Generalversammlung nicht im Wirtshaus macht, sondern dafür die Stadthalle mietet. Wenn der Herr Mateschitz zu Rapid gekommen wäre, wäre ich ausgeschieden. Ich möchte nicht Präsident sein und als Marionette in der Gegend herumstrampeln.
profil: Als Sie 2001 Präsident wurden, haben Sie gesagt, Rapid werde in spätestens drei Jahren Meister sein. Ein bisschen länger hat es gedauert, aber im Prinzip hatten Sie Recht. Haben Sie das damals selber geglaubt, oder war es reiner Zweckoptimismus?
Edlinger: Selbstverständlich war das Zweckoptimismus. Aber ich hab mir vorgenommen, den Verein so zu führen, dass es möglich ist – nämlich einen Trainer zu verpflichten, der mit jungen Leuten arbeiten will. Einen Sportdirektor zu bestellen, der grün-weiß bis in die Seele ist und damit nicht nur ein sportliches, sondern auch ein moralisches Vorbild darstellt. Ich habe diesen Leuten Verantwortung gegeben und ihnen nicht dreingeredet. Ich hab immer nur gesagt: Bitte, so viel Geld ist da, mehr gibt es nicht.
profil: Die Rapid-Fans gelten als besonders treu, allerdings auch als ziemlich rabiat. Es gibt immer wieder Probleme mit ihnen. Was läuft da falsch?
Edlinger: Fußball ist eine sehr emotionale Sache. Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, dass man eine politische Partei leichter verlässt als einen Fußballverein. Wir haben alles unternommen, um zu verhindern, dass es in unserem Stadion zu Ausschreitungen kommt. Wir haben für 200.000 Euro eine moderne Überwachungsanlage installieren lassen. Seither hat es im Hanappi-Stadion keine einzige Ausschreitung gegeben. Wer sich schlecht benimmt, wird gefilmt und kriegt Platzverbot. Für einen Fan ist das eine Katastrophe. Was Fußballfans in anderen Stadien machen, bei Auswärtsspielen, das ist eine andere Sache. Ich weiß auch gar nicht, ob das immer unsere Anhänger sind. Grün-weiße Leiberln gibt es überall zu kaufen.
profil: Sie glauben wirklich, dass sich manche nur als Rapidler verkleiden?
Edlinger: Ich lasse mir bloß nicht unterstellen, dass jede Ausschreitung von Leuten gemacht wird, die wirkliche Rapid-Fans sind. Nicht jeder, der ein grün-weißes Leiberl hat, ist ein Fan.
profil: Sie waren einer der wesentlichen Befürworter des Verkaufes der Bundesliga-Fernsehrechte an Premiere. Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?
Edlinger: Von der finanziellen Seite bin ich zufrieden. Rapid hat in der abgelaufenen Saison doppelt so viel Geld für die Fernsehrechte bekommen wie in den Jahren davor, nämlich fast eine Million Euro statt bisher 450.000. Zudem hat Premiere durch die neue Übertragungsqualität viel dazu beigetragen, dass sich das Image des Fußballs stark verbessert hat und die Liga einen noch nie da gewesenen Zuschauerboom erlebt.
profil: Abgesehen vom Finanziellen sind Sie nicht so glücklich?
Edlinger: Ich glaube, dass es Sinn machen würde, wenn – wie in Deutschland – der öffentlich-rechtliche Sender und Premiere einen Weg zueinander finden könnten. Das würde dem Fußball und auch dem ORF gut tun.
profil: Derzeit kooperiert Premiere mit ATVplus. Gefallen Ihnen die Sendungen nicht?
Edlinger: Ich habe den Eindruck, dass sich ATVplus nicht besonders viel überlegt. Die Sendungen sind zwar besser geworden, aber sie sind noch nicht so gut, wie man sich das wünschen würde. Außerdem hat ATVplus theoretisch eine Reichweite von 80 Prozent, aber ich habe das Gefühl, dass zu wenig Leute die Fußballsendung sehen.
profil: Nach einer Annäherung zwischen ORF und Premiere schaut es nicht aus. Der ORF erwähnt Spiele, die er nicht senden darf, oft mit keinem Wort. Ärgert Sie das?
Edlinger: Als Rapid-Fan ärgert es mich, weil ich mir denke, der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat eine Verpflichtung. Dafür bekommt er ja auch die Rundfunkgebühren.
profil: Premiere beginnt jetzt damit, gewisse Spiele nur noch im so genannten „Sport-Portal“ zu übertragen, das die Abonnenten von Premiere Österreich nicht empfangen können. Davon betroffen war unter anderem das Match Rapid gegen Lok Moskau. So war das ursprünglich nicht vorgesehen, oder?
Edlinger: Diese Frage werden wir sicherlich bei der ersten Sitzung der Bundesliga zur Sprache bringen, falls sie nicht ohnehin auf der Tagesordnung steht. Da muss man mit Premiere reden. Ich halte das für nicht sehr fair und bin davon auch überrascht worden.
profil: Sie gelten nicht als großer Fan von Frank Stronach. Erst im Frühling haben Sie ihn beim Ethik-Komitee der Bundesliga angezeigt. Wie ist Ihr Verhältnis derzeit?
Edlinger: Persönlich hab ich mit ihm überhaupt keine Probleme, nur inhaltlich. Ich finde, dass ein Bundesligapräsident Äquidistanz zu allen Vereinen halten muss. Und wenn ein Bundesligapräsident dann von einem Journalisten gefragt wird, welchen Verein er sich als Meister wünscht, dann stelle ich mir vor, dass er sagt: den Besten. Oder von mir aus auch den Glücklichsten. Aber nicht, dass er einen bestimmten Verein nennt. Als Präsident eines Bundesligavereins muss ich zum Präsidenten der Bundesliga Vertrauen haben können. Und das hab ich nicht.
profil: Dann hätten Sie Stronach eben nicht zum Bundesligapräsidenten machen dürfen.
Edlinger: Stimmt, ich habe ihn gewählt, weil ich geglaubt habe, dass er diese Äquidistanz lebt. Dass er das nicht tut, habe ich erst gemerkt, als er schon gewählt war.
profil: Sind Leute wie Frank Stronach und Dietrich Mateschitz insgesamt gut für den österreichischen Fußball, oder verderben sie nur die Spielerpreise?
Edlinger: Wenn sich erfolgreiche Wirtschaftsleute für den österreichischen Fußball engagieren, dann ist das grundsätzlich durchaus positiv. Klug wäre es allerdings, wenn solche Persönlichkeiten nicht glauben würden, dass sie Fußballprofessoren sind und sich ununterbrochen einmischen, wie das der eine tut. Der andere tut es eh nicht, zumindest nicht sichtbar. Ich bin ja auch kein Fußballprofessor, deshalb habe ich Peter Schöttel und Josef Hickersberger verpflichtet.
profil: Mit den Vereinen geht es international langsam aufwärts, mit der Nationalmannschaft dafür steil bergab. Teilen Sie den Pessimismus, wonach Österreich es ohnehin nicht verdient, an einer WM teilzunehmen, weil wir einfach zu schlecht sind?
Edlinger: Lange Zeit hat man in den österreichischen Vereinen lieber einen schlechten Ausländer verpflichtet, als einem jungen Österreicher eine Chance zu geben. Das ändert sich langsam, aber es fehlen uns ein paar Jahre. Den Pessimismus kann man begründen, und der Hans Krankl kann nicht zaubern. Ich glaube eigentlich, dass er eine recht gute Arbeit macht.
profil: Soll er Trainer bleiben?
Edlinger: Ja, ich sehe eigentlich keine Notwendigkeit, ihn vor die Tür zu setzen.
profil: Wahrscheinlich haben Sie auch ein wenig Angst, dass der ÖFB Ihnen Josef Hickersberger abwerben könnte.
Edlinger: Nein, darum geht es nicht. Ich weiß auch gar nicht, welches Lebensziel Josef Hickersberger hat, deshalb möchte ich dazu wirklich nicht Stellung nehmen.
profil: Seit wann sind Sie Fußballfan?
Edlinger: Ich bin Jahrgang 1940 und seit 1946 Rapid-Fan. Ich hatte einen Onkel, der irgendwann einmal bei Rapid gespielt hatte. Im Krieg ist er verwundet worden, und deshalb hat ihm der Verein nach dem Krieg auf der Pfarrwiese einen Laufbahnsitz gegeben. Das war so ein Heurigenbankerl vor der Tribüne. Dahin hat er mich immer mitgenommen. Und als ich dann ein halbes Jahr später in die Schule gekommen bin, hab ich mich ungeheuer gewundert, dass es Leute gibt, die sich nicht freuen, wenn Rapid gewinnt.
profil: Ist das nicht immer noch so?
Edlinger: Na ja, man lernt dazu. Jetzt denke ich: Ich kann nicht verlangen, dass jeder Fußballfan von Fußball etwas versteht. Und daher nehme ich zur Kenntnis, dass nicht jeder ein Rapid-Fan ist.
profil: Haben Sie seinerzeit Rapid-Aktien gekauft?
Edlinger: Ja, selbstverständlich. Welcher Anhänger hat das nicht? Wollen Sie noch welche? Ich hab sie mir ausdrucken lassen. Die liegen bei mir in einer Mappe, und meine Enkelkinder können sie sich später einmal teilen.
profil: Wie viel haben Sie damals investiert?
Edlinger: Eine hat 1000 Schilling gekostet, und ich hab zehn gekauft.
profil: Das geht ja gerade noch. Es gab schlimmere Fälle.
Edlinger: Ja, für mich war das eigentlich eine Art Unterstützung. Weil an die Aktien hab ich nie geglaubt, ehrlich gestanden.
profil: Sie sind seit fast 20 Jahren Sportfunktionär, Sie waren über 30 Jahre Politiker. In welcher Branche geht es unfairer zu?
Edlinger: Als ich Fußballpräsident wurde, hat mich einer Ihrer Kollegen gefragt, warum ich das mache, nachdem ich einmal Finanzminister war. Darauf habe ich gesagt: Der Fußball und die Politik haben eine merkwürdige Parallele – alle, die zuschauen, glauben, dass sie besser wissen, wie es geht. Daher bin ich in einem artverwandten Genre und fühle mich eigentlich ganz wohl.
profil: Der Millionenklub Bayern München spielt gegen den Arbeiterverein Rapid. Hat dieses Match für Sie als Sozialdemokrat auch eine ideologische Komponente?
Edlinger: Nein, das würde ich nicht sagen. Aber was mich schon sehr freut, ist, dass der SK Rapid aus seiner Tradition heraus groß geworden ist. Wir sind der klassische Arbeiterverein, wir sind ein Verein, der kleinen Leuten gehört.

Interview: Rosemarie Schwaiger