Interview: „Gott ist zu alt für mich“

Die Chanson-Legende Juliette Gréco über Nicolas Sarkozy, ihre Affäre mit Miles Davis und das Erbe des Existenzialismus.

profil: Sie werden bei Ihrem Konzert in der Wiener Staatsoper am 1. Juli von einem Mini-Ensemble begleitet werden: von Ihrem Mann Gérard Jouannest am Klavier und Sergio Tomassi am Akkordeon. Da bleibt viel Platz für Ihre Stimme.

Gréco: Ich suche immer nach dem Besten, und diese beiden Musiker sind außergewöhnlich. Sie produzieren Klangmagie. Wenn ich singe, brauche ich keinen Lärm um mich – ich denke, Musik ist besser.

profil: Auf Ihrem neuen Album „Le temps d’une chanson“ gibt es aber einiges an Lärm: ein ganzes Streichorchester, Bläser und eine Riege erstklassiger Jazzer, darunter Cracks wie der vor Kurzem verstorbene Saxofonist Michael Brecker oder der Trompeter Wallace Roney.

Gréco: Das ist eine ganz andere Sache: Hier wird die Welt des Jazz imaginiert und ein akustisches New-York-Porträt gezeichnet. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Die Platte war die Idee meines Chefs, des Plattenproduzenten Jean-Philippe Allard. Dieser Mann liebt den Jazz, und er kennt mich gut. Er war der Meinung, man solle versuchen, den typischen Stil von Juliette Gréco mit der Improvisationsmusik zu verknüpfen. Gleichzeitig starb mein langjähriger Arrangeur François Rauber, der auch mit Jacques Brel gearbeitet hatte. Ich war sehr traurig und ein wenig verloren, als ob ich eine Hand oder einen Teil meines Herzens verloren hätte. Deshalb stürzten wir uns in dieses Abenteuer.

profil: Es gibt Trompetensoli auf „Le temps d’une chanson“, bei denen man glaubt, Miles Davis sei wiederauferstanden.

Gréco: Es war erstaunlich und sehr bewegend. Der Trompeter Wallace Roney kam aus Kalifornien und trug einen goldbestickten Anzug – unglaublich elegant. Er nahm mich in die Arme, wir machten ein paar Fotos. Dann legte er los, und ich dachte, der Geist von Miles sei mit uns im Studio. Dabei ist Roney eigentlich Mozart-Spezialist.

profil: Hatten Sie in den vierziger Jahren nicht eine Liebesaffäre mit Miles Davis?

Gréco: Ich war damals neunzehn und besuchte mit der Frau des Schriftstellers und Jazzmusikers Boris Vian ein Konzert von Miles. Wir gingen danach hinter die Bühne – und ich verliebte mich sofort. Er sich übrigens auch. Wir führten eine Zeit lang eine tatsächlich leidenschaftliche Beziehung. Einmal fragte Jean-Paul Sartre Miles Davis: „Du liebst sie doch. Warum heiratest du sie nicht?“ Und Miles sagte: „Ich will sie nicht unglücklich machen.“ Denn er war schwarz, und ich bin weiß. Für mich spielte das überhaupt keine Rolle, denn Schönheit ist Schönheit – sie kennt keine Hautfarbe. Aber die Gesellschaft war noch nicht so weit. Immer wenn ich mit Miles ausging, gab es Probleme: rassistische Sprüche, gehässige Attacken.

profil: Dabei waren Sie doch in jener Zeit berühmt. Lange bevor Sie Ihre erste Platte aufnahmen, erschien in der Zeitschrift „Samedi Soir“ ein Foto, das Sie mit langem schwarzem Haar und in dunkler Boheme-Kleidung zeigte. Darunter die Zeile: „Eine typische Existenzialistin. Sie hat zwei Tage nichts gegessen und heißt Juliette Gréco.“

Gréco: Ja, ist das nicht lächerlich? Ich hatte nichts gemacht, war einfach da. Ich weiß bis heute nicht, was die Leute in mir sahen. Sie dichteten mir sogar große schwarze Augen an, obwohl meine Augen grün sind. So entstand praktisch im Moment meines Erscheinens auf der öffentlichen Bühne ein Image: Juliette, der traurige Clown. Dabei bin ich überhaupt nicht schwerblütig. Ich genieße die Leichtigkeit des Seins. Aber ich wurde ohne mein Zutun zur Ikone des Existenzialismus, einer Philosophie, die ich nicht einmal richtig verstanden hatte.

profil: Übertreiben Sie Ihr Understatement jetzt nicht ein wenig?

Gréco: Mag sein, dass ich anders war. Ich lebte allein, ich war frei. Ich war nie von jemandem abhängig. Und ich sah auch irgendwie anders aus.

profil: Sie gründeten doch auch einen Nachtclub namens „Tabou“: ein ziemlich wildes Kellerlokal, in dem berühmte Leute wie Sartre, Camus, Orson Welles und Marlene Dietrich verkehrten.

Gréco: Nein, ich habe nie etwas gegründet. Ich hatte damals kein Geld, nur meine schlechte Laune. Aber es stimmt: Ich war eine Zeit lang im „Tabou“ tätig, sorgte dafür, dass der Laden Erfolg hatte. Wir hatten eine ziemlich strenge Türpolitik. Es gab Gruppen von „Nouveaux Riches“, die glaubten, sie könnten sich den Zutritt mit Geld erkaufen. Die ließ ich einfach nicht hinein. So entstand der Mythos einer gewissen Exklusivität: Wer es schaffte, ins „Tabou“ zu gelangen, gehörte zu den Auserwählten. Ich machte mir den Spaß, den eleganten Frauen, die die enge Treppe hinunterstöckelten, auf den Hintern zu klopfen. Keine Einzige hat sich je umgedreht. Das sollte mal jemand mit mir probieren. Ich würde ihn krankenhausreif schlagen.

profil: Das scheint doch ein sehr spezielles Milieu gewesen zu sein, das Sie und der Club damals repräsentiert haben.

Gréco: Es war die Zeit nach dem Krieg, und eine ganze Generation junger Leute suchte nach neuen Perspektiven. Wir hatten unsere Freiheit wiederbekommen, und wir wussten noch nicht recht, was wir damit anfangen sollten. Freiheit gibt dir die Möglichkeit zu wählen. Und das taten wir: Wir wählten Menschen, Ideen, Lebensentwürfe. Die Schriftsteller, Künstler und Philosophen halfen uns dabei. Sartre ist sogar schuld an meiner Karriere. Ich hatte schon eine Zeit lang als Komödiantin und Schauspielerin dilettiert. Nach einem Auftritt im angesagten Theater „Le boeuf sur le toit“ sagte er zu mir: „Warum singst du nicht, Gréco? Komm morgen um 8.30 Uhr zu mir nach Hause, und wir suchen gemeinsam ein paar Texte aus. Ich kenne einen Mann namens Joseph Kosma. Der wird die Musik dazu komponieren.“ Und so hat alles begonnen: „Les feuilles mortes“, „Si tu t’imagine“, „Je suis comme je suis“ – Chansons, die heute in der ganzen Welt bekannt sind.

profil: Sartres Stücke werden kaum noch aufgeführt, seine Philosophie ist zum Ausstellungsstück im Museum der Geistesgeschichte geworden. Was ist denn vom Existenzialismus heute noch spürbar?

Gréco: Ich glaube, es gibt eine Sache, die immer noch zählt: Durch Sartre haben wir gelernt, dass wir Verantwortung für uns selbst tragen. Es gibt eine schöne Geschichte von Einstein und Sartre. Der Physiker sagte zum Philosophen: „In wenigen Jahren werden wir technisch in der Lage sein, alles aufzuzeichnen, was je gesagt und gedacht wurde. Es bleibt als unhörbare Frequenz in der Luft. Deshalb muss man genau aufpassen, was man sagt, denn nichts davon wird je verloren gehen.“ Das ist die Lektion des Existenzialismus: Man muss in jedem Moment seines Lebens Verantwortung für das Ganze übernehmen. Jede Handlung und jedes Wort zählt.

profil: Sartre war Atheist, Camus glaubte an Gott. Und Sie?

Gréco: Nicht mehr. Gott ist zu alt für mich. Ich mag seinen Sohn, und ich liebe die Mutter Gottes. Ich spreche zu ihr, sie ist eine wunderbare Frau. Aber der Vater, wenn er existiert, ist ein schlechter Mann. Denn er hat alle Macht und gestaltet damit eine Welt, die so aussieht, wie wir sie kennen. Ich wurde ja katholisch erzogen, und da habe ich vor allem gelernt, zu lügen und mich von meinen Sünden zu befreien, indem ich sie einem Mann in einem kleinen schwarzen Kasten beichtete. Mit all diesen Dingen bin ich nicht einverstanden.

profil: Frankreich hat vor Kurzem Nicolas Sarkozy zum neuen Präsidenten gewählt. Wird sich in Ihrer Heimat etwas ändern?

Gréco: Ich wünsche den Franzosen viel Glück. Es ist erstaunlich, dass ich in meinem Alter und mit allem, was hinter mir liegt, noch so etwas erleben muss. Ich kann nur hoffen, dass sich die Linke eines Tages wieder erholt. Wir brauchen Vielfalt, Abwechslung. Demokratie ist nichts wert, wenn alle Macht in einer Hand liegt. Aber Sarkozy wird sein blaues Wunder erleben, wenn er die Versprechen aus dem Wahlkampf nicht einhält. Denn ich kenne die Franzosen: Wenn sie sich betrogen fühlen, gehen sie auf die Straße. Dann wird es ungemütlich. Vor allem für den Präsidenten.

Interview: Thomas Mießgang