Interview: „Homosexuelle gab es immer“

Polens Staatspräsident Lech Kaczynski über europäische politische Correctness, das „Aggressionspotenzial“ von Schwulenaktivisten und die Bedrohung der polnischen Identität.

profil: Bei Ihrem Auftritt in der Humboldt-Universität haben Schwulenaktivisten den Saal gestürmt und Ihre Rede zu verhindern versucht. War’s schlimm?
Kaczynski: Nicht wirklich. Ich weiß, dass Berlin die internationale Hauptstadt von Damen und Herren mit etwas anderen sexuellen Präferenzen ist. Aber ich habe Schlimmeres erlebt als Störaktionen von Homosexuellen. Ich war jahrelang im antikommunistischen Untergrund tätig, da kann mich nicht so leicht etwas schrecken. Eines fällt mir aber schon auf: Gerade jene Kreise, die sich als Beschützer der Menschenrechte und unschuldige Opfer hinstellen, entwickeln immer wieder ein beträchtliches Aggressionspotenzial.
profil: Sind Sie Ihren Gastgebern böse, dass die Sie nicht besser beschützt haben?
Kaczynski: Ich habe selber fast dreißig Jahre als Universitätslehrer gearbeitet, deshalb weiß ich: Universitäten sind ein sehr spezifischer Boden. Und das Ganze war ja zu keinem Moment gefährlich. Gefährlich finde ich allerdings die gesellschaftliche Entwicklung, die hinter den Schwulenprotesten steht. Es ist kein Problem, dass es Homosexuelle gibt. Die gab es immer, die wird es geben. Das Problem ist aber, dass sie ihre Lebensweise als Alternative für die Mehrheit propagieren.
profil: Ist das nicht ein wenig alarmistisch?
Kaczynski: Stellen Sie sich eine Gesellschaft vor, in der 50 Prozent der Männer kein Interesse an Frauen mehr haben! Das wäre eine ganz andere Welt, und das wäre gefährlich, vom biologischen Standpunkt ebenso wie vom kulturellen.
profil: Die deutsche Presse steht Ihnen weiter skeptisch gegenüber. Haben Sie ein Problem mit den Deutschen?
Kaczynski: Nicht alle deutschen Medien sind so kritisch, wie Sie behaupten. Außerdem glaube ich, dass diesmal die polnischen Journalisten Recht haben, das Eis zwischen Polen und Deutschland ist tatsächlich gebrochen. Die deutsche Presse konstruiert seit geraumer Zeit einen gewissen negativen Mythos rund um meine Person. Wobei man schon ehrlich sagen muss: Sie tut das auf Grundlage von illoyalen Berichten aus Polen selbst. Gegen so etwas kann man nur schwer ankämpfen.
profil: Wenn ohnehin alles wunderbar ist, wäre es dann nicht an der Zeit, endlich einen Schlussstrich unter die deutsch-polnischen Schuldrechnungen zu ziehen?
Kaczynski: Damit wir das tun können, müssen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. Es muss sicher sein, dass es von deutscher Seite keine Versuche mehr geben wird, die Schuldfrage zu relativieren. Natürlich darf uns die Vergangenheit nicht die Gegenwart verstellen. Zugleich bin ich aber gegen das Vergessen, und noch mehr bin ich gegen Lügen. Ich habe nie bestritten, dass es im und nach dem Zweiten Weltkrieg auch deutsche Opfer gab. Aber ich werde es nie zulassen, dass man versucht zu verschleiern, wer in der Vergangenheit primär das Opfer und wer der Täter war.
profil: Ihre ersten Auslandsreisen führten Sie in den Vatikan, die USA, die Ukraine, nach Tschechien und Frankreich. Deutschland kam erst relativ spät dran. Glauben Sie, die Deutschen sind beleidigt?
Kaczynski: Besuchstermine dieser Art werden über diplomatische Kanäle vereinbart, und ich konnte schwer mit den anderen Staatsbesuchen warten, nur damit ich vorher in Deutschland gewesen bin. Aber ich gebe zu: Es gab gewisse Altlasten. Die Art, in der der frühere polnische Premier Leszek Miller, ein Ex-Kommunist zwar, aber immerhin der demokratisch gewählte Premier meines Landes, am Ende seiner Amtszeit von deutscher Seite behandelt wurde, kann ich nicht akzeptieren. Das spielt natürlich eine Rolle und beeinflusst ein wenig die Reihenfolge der Besuche.
profil: Aber Sie werden nicht nur in Deutschland kritisiert. Auch die „Herald Tribune“ schrieb: „Lech Kaczynski bringt eine euroskeptische, nationalistische Version Europas mit.“
Kaczynski: Das ist Teil einer Kampagne gegen Leute, die anders sind, als die europäische Political Correctness erlaubt. Ich bin kein Nationalist, allein schon deshalb, weil Nationalismus in Polen stets Antisemitismus bedeutet. Und man kann viel über mich sagen, aber nicht, dass ich Antisemit bin. Ich bin aber ohne Zweifel ein Patriot. Und was die Europaskepsis betrifft: Ich bin bloß Realist. Immer mehr Politiker erkennen inzwischen, dass die europäische Verfassung zwar eine intellektuelle Herausforderung ist und zu wichtigen Diskussionen führt, dass ihre Umsetzung aber nicht realisierbar ist.
profil: Viele haben aber den Eindruck, Sie stellen sich auch gegen den Grad von Wirtschaftsintegration, der schon in Europa erreicht ist. Man wirft Ihnen Rückfall in den Protektionismus vor.
Kaczynski: Alle betreiben Protektionismus, wir sollten es genauso tun. Wir haben ein Recht auf den Schutz unserer nationalen Interessen. Man hat versucht uns einzureden, dass es in Europa keine nationalen Interessen gibt. Doch gerade die Staaten, die stets diesen Europagedanken betonen, sind beinhart, wenn es um die Verteidigung ihrer eigenen Interessen geht. Aus meiner Sicht sollten wir daher bestimmte Sektoren der Wirtschaft wie Energie, Presse, Banken in eigener Hand behalten.
profil: Damit die polnische Identität nicht Schaden nimmt?
Kaczynski: Wir sollten unsere nationale Identität verteidigen. Zu jenen Punkten, die dringend eines deutsch-polnischen Dialogs bedürfen, gehört für mich daher auch der Polnischunterricht in Deutschland. Die in Deutschland lebenden Polen sollten meiner Ansicht nach als nationale Minderheit anerkannt werden.
profil: Den Euro wollen Sie auch nicht einführen in Polen. Warum eigentlich nicht?
Kaczynski: Aus einem einfachen Grund: Die Einführung des Euro hat in vielen Ländern eine rapide Teuerungswelle ausgelöst. Die Einführung des Euro hat überdies zu einer Verschiebung des Wohlstands zuungunsten der armen Länder geführt. Polen soll den Euro daher erst einführen, wenn es sicher ist, dass wir dabei nicht draufzahlen.
profil: Sie gelten als sehr religiöser Mensch und als Kämpfer gegen die Verletzung von religiösen Gefühlen, in Medien etwa oder in der Kunst. Haben Sie Verständnis mit den moslemischen Frömmlern, die im Karikaturenstreit mobilmachten?
Kaczynski: Ich würde meine Gläubigkeit nicht überzeichnen. Ich bin ein praktizierender Katholik, doch es gibt viel bessere Katholiken als mich. Und was religiöse Gefühle betrifft: In vielem, was sie tun, sind die polnischen Künstler, die den katholischen Glauben verächtlich machen, drastischer als die Mohammed-Karikaturisten. Der Unterschied besteht freilich darin, dass selbst auf die schlimmste Verhöhnung des katholischen Glaubens niemand mit der Androhung von Terroranschlägen reagiert. Solche Reaktionen sind schlicht und einfach inakzeptabel.
profil: Aber inkludiert die Pressefreiheit nicht, auch solche Karikaturen drucken zu dürfen?
Kaczynski: Nein. Ich finde, dass man religiöse Gefühle generell nicht verletzen darf. Ich finde aber, dass wir unserem Kulturkreis entsprechend primär unsere eigenen religiösen Werte verteidigen sollten. Was aber nichts daran ändert, dass die Publikation der Mohammed-Karikaturen trotzdem dumm war. Das sind einfach vollkommen unnötige Beleidigungen.
profil: In Weißrussland stehen Wahlen an. Wollen Sie die Demokraten dort unterstützen?
Kaczynski: Ein demokratisches Weißrussland ist unser großer Wunsch. Wir werden uns engagieren, wir haben dafür für polnische Verhältnisse auch ein relativ großzügiges Budget. Wir betreiben einen Sender, der nach Weißrussland sendet, wir bemühen uns, die Haltung der Weißrussen zu ändern. Aber ich denke, nach heutigem Stand der Dinge würde man mich nicht einmal nach Weißrussland reinlassen.
profil: Sie liegen mit manchen polnischen und deutschen Medien im Clinch. Jetzt hört man, dass die große polnische Tageszeitung „Rzeczpospolita“ vom deutschen Springer-Verlag übernommen werden könnte. Haben Sie was dagegen?
Kaczynski: Egal, was für Fehden ich mit Medien haben mag: Ich bin überzeugt, dass es im Interesse Polens liegt, wenn möglichst viele polnische Zeitungen in den Händen polnischer Verleger bleiben.
Interview: Piotr Dobrowolski, Berlin

Lech Kaczynski, 56, ist seit Dezember Staatspräsident Polens. Der rechtskonservative Jurist war Professor an der Universität Danzig, bis er sich gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Jaroslaw daranmachte, das politische System in seinem Land aufzurollen. Während Lech im Präsidentenpalast regiert, steht sein Bruder Jaroslaw der größten Regierungspartei, der PiS, vor. Er hat das Amt des Ministerpräsidenten nur deshalb ausgeschlagen, um eine gewisse schlechte Optik zu vermeiden. Berühmt sind die Kaczynski-Zwillinge seit 1962, als sie die Doppelhauptrolle in einem populären Kinderfilm spielten.