Interview: „Hormonwesen bis ins hohe Alter“

Der Salzburger Urologe Andreas Jungwirth über Testosteron-Ersatz zur Erweckung der Manneskraft. Andreas Jungwirth, 42, Urologe am LKH Salzburg, gilt als einer der führenden Andrologen Österreichs.

profil: Beneiden Sie als Experte für männliche Sexualhormone manchmal Ihre Kollegen von der Gynäkologie?
Jungwirth: In der Tat sind Männer im Vergleich zu Frauen eine recht schwierige Klientel. Sie behaupten so lange, sie seien kerngesund, bis sie tot umfallen. Bei Frauen ist der Präventionsgedanke wesentlich stärker verankert. Männer hinken hinterher.
profil: Sie testen bei Patienten mit Beschwerden wie Libidoverlust, Schweißausbrüchen und Leistungsabfall in einem Großversuch, ob Testosteron-Pillen bei solchen Leiden einen positiven Effekt zeitigen. Gibt es schon Ergebnisse?
Jungwirth: Unsere Patienten hier in Salzburg haben auf die Therapie durchwegs positiv reagiert. Die Gesamtauswertung läuft aber noch. Für manche ist die Einnahme ein Problem: Die Pillen müssen morgens und abends zu einem möglichst fettreichen Essen eingenommen werden. Wer nicht frühstückt, kommt schon mal nicht infrage. Da sind die Testosteron-Gels besser geeignet.
profil: Ein Problem des Gels ist, dass auf die Partnerin über den Hautkontakt auch Testosteron übertragen werden kann.
Jungwirth: Ja sicher. Zwar schadet theoretisch ein wenig Testosteron den Frauen nicht und wirkt sogar positiv auf ihr Lustempfinden. Zum Problem wird’s aber, wenn ihnen, extrem ausgedrückt, ein Bart wächst.
profil: Wie hoch ist denn die über die Haut übertragbare Dosis?
Jungwirth: Das kann schon das Hundertfache des natürlichen weiblichen Testosteron-Spiegels ausmachen.
profil: Deshalb empfiehlt der Hersteller, dass sich die Männer am besten am Morgen vor dem Frühstück eincremen sollen.
Jungwirth: Wir halten dennoch den Abend für besser, weil es dem natürlichen Hormonrhythmus besser entspricht. Die Männer können das Gel nach einer Stunde abwaschen oder ein Leibchen überziehen, bevor sie die Partnerin umarmen.
profil: Die Diagnose Testosteron-Mangel ist an sich reichlich umstritten. Man hat den Eindruck, dass hier über aggressive Werbung ein Lifestyle-Medikament eingeführt werden soll.
Jungwirth: Das ist schon ein Problem, wenn das in diese Richtung läuft. Eine Überdosis Testosteron wirkt als Doping und kann unter anderem zu erhöhter Aggressivität führen. Sinnvoll ist die Therapie nur bei tatsächlichem Mangel.
profil: Wie hoch ist die Gefahr, dass Testosteron-Ersatz einen schlafenden Prostatakrebs aufweckt?
Jungwirth: Testosteron verursacht keinen Prostatakrebs. Wenn die Therapie hingegen als Reizdosis wirkt und ein bestehender Krebs sichtbar wird, hat man eigentlich Glück gehabt, weil er dann ja früher entdeckt und auch behandelt werden kann.
profil: Beim Hormonersatz für Frauen kam kürzlich die große Ernüchterung, als Langzeitstudien ein höheres Krebs- und auch Herzinfarktrisiko zeigten. Ist es nicht fahrlässig, denselben Weg nun auch für Männer zu propagieren?
Jungwirth: Diese Vorbehalte haben auch viele Ärzte und zögern deshalb, Hormonersatz überhaupt in Betracht zu ziehen. Sie übersehen dabei aber einen grundlegenden Unterschied. Bei Frauen kommt es in der Menopause zur weit gehenden Einstellung der Östrogen-Produktion. Wenn ich nun weiter Hormone gebe, so handle ich gegen die Natur. Männer hingegen bleiben ein Leben lang Hormonwesen. Noch 80-Jährige produzieren in ihren Hoden Testosteron und können Kinder zeugen. Hier wird also nichts zugesetzt, was dem Körper fremd ist, sondern nur ein Mangel ergänzt. Ich sehe diese Gefahr also gar nicht.