Interview: „Ich bin ein verdammter Experte im Weltverbesserungsgeschäft“

Seit seinen Benefiz-Spektakeln „Live Aid“ und „Live 8“ gilt der Musiker Bob Geldof als Popheiliger. Vor seinem Wien-Besuch diese Woche spricht er mit profil über Entwicklungshilfe, die Bedeutung Österreichs und sein Verhältnis zu Tony Blair.

profil: Es sind fast 18 Monate vergangen seit „Live 8“ und dem G8-Gipfel. In Gleneagles machten die Staats- und Regierungschefs der weltgrößten Industrieländer vollmundige Versprechungen. Inwieweit haben sie ihre Ankündigungen bezüglich Schuldenerlass und Aufstockung der Entwicklungshilfe auch realisiert?
Geldof: „Live 8“ war ein Riesenerfolg. Das ganze Event war kein kulturelles Ereignis, was mich ohnehin nicht interessiert, sondern eine zielgerichtete Aktion. Drei Milliarden Menschen haben sich zu einer Lobby formiert und Druck auf Politiker gemacht, Afrika auf ihren Plan zu setzen.
profil: Trotzdem sollen die Geldflüsse nicht wie angekündigt laufen.
Geldof: Das stimmt. Um das angestrebte Ziel bis 2010 zu erfüllen, wie Blair versprach, hätte die Entwicklungshilfe auf 3,2 Milliarden Dollar aufgestockt werden müssen. Es sind aber nur 1,8 Milliarden Dollar. Es ist ein langsamer Prozess. Zu Blair habe ich ein besonderes Verhältnis: Er war Mitglied einer Rock-’n’-Roll-Band und sah seinerzeit „Live Aid“. Aber wir dürfen uns auch freuen. 23 afrikanische Länder mit ingesamt 300 Millionen Menschen sind heute schuldenfrei, und zwar erstmals. Man muss sich das vorstellen: Du wirst in die Schuldensklaverei hineingeboren, und wenn du stirbst, stehst du fünfmal mehr in der Kreide wie zu deiner Geburt, ohne dass du irgendeine Schuld dafür trägst. Das hat nun ein Ende. Und nur auf dieser Basis kann sich Wirtschaft entwickeln.
profil: Im Dezember 2005, wenige Monate nach dem G8-Gipfel, hat die WTO-Konferenz in Hongkong jegliche Hoffnung auf Handelserleichterung, eine entscheidende Voraussetzung für das Funktionieren von Wirtschaft, für die Entwicklungsländer aber wieder begraben.
Geldof: Das war ein komplettes Desaster. Unglaublich! Was für eine Perfidie, einerseits den UN-Beschluss für die Millenniums-Entwicklungsziele zu unterzeichnen, aber andererseits keinerlei Bedingungen zur Dezimierung der weltweiten Armut zu schaffen. In diesem Deal war nichts für die Armen drin. Ich kann nur hoffen, dass das WTO-Abkommen von Hongkong nicht das vorläufige Ende dieser Debatte ist.
profil: Warum haben Sie das Thema Handel bei „Live 8“ ausgespart?
Geldof: Wir hätten in Gleneagles nicht viel Zugeständnisse auf diesem Gebiet bekommen können. Unsere vorrangigen Themen waren andere. Aber das wenige, auf das wir gehofft hatten, konnten wir nicht mehr thematisieren, denn dann gingen schon die Bomben in London hoch.
profil: Beim Millenniums-Gipfel einigten sich die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen darauf, die Mittel für Entwicklungshilfe bis 2015 auf 0,7 Prozent des jeweiligen Bruttonationalprodukts zu steigern. Damit könnte die weltweite Armut um die Hälfte gesenkt werden.
Geldof: Das ist doch sowieso nichts, null. Ich wiederhole: verdammte 0,7 Prozent! Ein Klacks für funktionierende Wirtschaftssysteme. Und damit halbieren wir nicht nur die Armut in Afrika, sondern wohlgemerkt auf der ganzen Welt.
profil: Österreich rangiert zurzeit bei nicht gerade rühmlichen 0,2 Prozent, hat noch nicht einmal einen Stufenplan, bis wann das Ziel von 0,7 Prozent erreicht werden soll, und ist gleichzeitig das sechstreichste Land auf der OECD-Skala.
Geldof: Ich komme diese Woche nach Wien, da werde ich mit ein paar Leuten reden. Aber die werden sich dann, völlig zu Recht, die Frage stellen: „Wer, verdammt, ist Bob Geldof?“ Ich hoffe trotzdem, dass der Prozentsatz für Entwicklungshilfe steigen wird. Schließlich scheinen mir die Österreicher verlässlich zu sein. Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mir versichert, dass Afrika ganz oben auf ihrer Agenda steht. Ich bin auch sehr glücklich, dass wir Russlands Präsidenten Wladimir Putin für unsere Sache gewinnen konnten. Auch Italiens Premierminister Romano Prodi nimmt die Sache ernst. Ihnen allen gehört mein Vertrauen. Schließlich sind sie nicht wie Silvio Berlusconi, der etwas unterschreibt und dann weggeht.
profil: Wie schätzen Sie die politische Bedeutung von Österreich ein?
Geldof: Sehr hoch, weil es an einer sehr sensitiven Stelle in Europa liegt. Als Brückenland zu den neuen EU-Staaten hat Österreich große Bedeutung. Österreich sollte mit ebenfalls kleinen, wirtschaftlich florierenden Ländern wie Irland, Holland und Belgien enger kooperieren. Wie Sie ja wissen, bin ich kein Brite, sondern Ire.
profil: Für sich selbst benutzen Sie gerne die Definition „der Junge mit der Gitarre“. Ist der Junge mit der Gitarre nicht manchmal müde, ständig die Welt zu verbessern?
Geldof: Ich bin jetzt seit 22 Jahren in diesem Weltverbesserungsgeschäft, und, glauben Sie mir oder nicht, ich bin in dieser Zeit ein verdammter Experte auf diesem Gebiet geworden. Manche denken vielleicht noch immer: Hey, das ist doch dieser naive Popstar! Aber, glauben Sie mir, der weiß über die Angelegenheiten inzwischen mehr als so mancher Experte. Ich werde weiter Konzerte organisieren, Menschen mobilisieren, mit den Politikern reden.
profil: Mit „Live 8“ haben Sie das Charity-Prinzip in Richtung eines Agitations-Aktionismus verlassen. Hier ging es nicht mehr um das Sammeln von Geld wie bei dem Konzertmarathon von „Live Aid“ 1985, sondern darum, massiven politischen Druck zu erzeugen. Welcher Gedanke stand dahinter?
Geldof: Zu den Zeiten von „Live Aid“ herrschte noch der Kalte Krieg, die Welt war in Kapitalismus und Kommunismus aufgeteilt. Der Dialog zwischen den politischen Anführern fand noch nicht statt. Wir konnten also nur die Symptome bekämpfen und nicht die Strukturen. Und das Symptom war eine Hungersnot in Äthiopien, die 30 Millionen Menschen mit dem Tod bedrohte. Also haben die Jungen und Mädchen mit den Gitarren sich zusammengetan, um den globalen Plan zu ändern. Inzwischen haben sich die Umstände geändert. Es gibt nicht mehr links und rechts; diese Aufteilung ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts komplett überholt.
profil: Das heißt, Geld zu sammeln ist auf Dauer ehrenhaft, aber nicht zielführend.
Geldof: Mit „Live Aid“ brachten wir 200 Millionen Dollar zusammen; durch den Druck von „Live 8“ 2005 aber fließen Milliarden von Dollar an zusätzlicher Entwicklungshilfe, da ist der Schuldenerlass noch nicht eingerechnet. Und drei Milliarden Menschen haben sich zu einer Lobby geformt. Das sind einfach andere Dimensionen.
profil: Europaweit schüren rechte Politiker die Angst vor jenen Millionen Afrikanern, die sich aus wirtschaftlichen und politischen Gründen auf der Flucht befinden.
Geldof: Zuallererst: Europa wird ganz schnell begreifen lernen müssen, dass es diese Arbeitskräfte braucht. Die demografischen Prognosen zeigen uns, dass Europa einen drastischen Geburtenrückgang erleiden wird. Und diese Lücken gilt es zu füllen. Aber noch einmal: Links oder rechts ist heute ohne Bedeutung. Die treibende und einende Kraft ist die Angst der Menschen, ihren Job zu verlieren. Und diese Angst instrumentalisieren Politiker zu ihren Gunsten.
profil: Was kommt nach dem Ende der Ideologien?
Geldof: Es gibt eine Entwicklung hin zu einer Politik der Werte, einer Wertepolitik zugunsten humanitärer Angelegenheiten. Denn wir alle müssen begreifen, dass wir Afrika dringend brauchen werden, und zwar so dringend wie Afrika uns jetzt, wegen seiner Rohstoffe und auch als wichtigen Handelspartner. Indem wir die extreme Armut beseitigen, schaffen wir dafür überhaupt erst die Voraussetzungen. Ein Afrika, in dem die Grundschulausbildung und die medizinische Versorgung gesichert ist, hat auch für unsere ökonomische Zukunft Bedeutung. Und noch etwas: Wir vergessen, dass Afrika unser Nachbar ist, nicht nur psychologisch, sondern auch geografisch: Der Kontinent Afrika beginnt gerade acht Meilen südlich von Europa. Und südlich der Sahara sind Millionen von Menschen zu arm, um überhaupt am Leben bleiben zu können.
profil: Immer wieder äußern Ökonomen und Entwicklungshelfer die Kritik, dass Afrika zwar der Kontinent mit der höchsten Entwicklungshilfe ist, aber gleichzeitig die geringsten Fortschritte aufzuweisen hat. Teilen Sie diese Vorbehalte?
Geldof: Kritik, ob berechtigt oder unberechtigt, ist überlebensnotwendig, um uns weiterzubringen. Und sie animiert uns dazu, uns jeden Tag an den Verhandlungstisch zu setzen, was natürlich verdammt langweilig ist.
profil: Warum sterben trotz Schuldenerlass und Entwicklungshilfe in Afrika noch immer unzählige Menschen, weil es nicht genug Moskitonetze oder Wasserpumpen gibt?
Geldof: Das hängt mit der Größe des Kontinents zusammen. Allein die Sahara hat die Fläche der USA. Es gibt sehr schlechte Verkehrswege, die Verteilung ist äußerst schwierig. Dann kriegt man so ein Kind endlich in die Schule, schon wird es von einer Fliege gebissen und muss sterben, weil kein Malariamedikament in der Nähe ist.
profil: Sie sprechen das Problem der Verteilung an. Ist es nicht so, dass die Hilfsgelder häufig in den Händen von korrupten Politikern landen?
Geldof: Diese Kritik hat ihre Berechtigung. Als Mitglied einer Kommission zur Beobachtung von Afrika, deren Vorsitz Kofi Annan übernommen hat, kann ich nur sagen, dass hier Experten aus der ganzen Welt versammelt sind. Mit Ländern wie dem Sudan oder Zimbabwe, deren Führer Tyrannen sind, setzen wir uns gar nicht an den Verhandlungstisch. Andererseits weisen in Afrika gerade die demokratisch am höchsten entwickelten Länder auch das stärkste Wirtschaftswachstum auf. Moçambique und Botswana, die hohe Summen an Entwicklungshilfe bekommen, legen jährlich um neun bis 15 Prozent zu. Wenn Österreich auf so einem Wachstumstrip wäre, wäre es das reichste Land auf diesem verdammten Planeten!

Interview: Angelika Hager, Edith Meinhart