Interview: „Ich empfinde nur Hass und Ekel“

Jean-Denis Lejeune, Vater der ermordeten Julie, über den Dutroux-Prozess und seinen einsamen Kampf für Gerechtigkeit. Jean-Denis Lejeune, 44, ist der Vater der in Marc Dutrouxs Gefangenschaft gestorbenen damals achtjährigen Julie. Er hat 1998 „Child Focus“ gegründet, das Europäische Zentrum für vermisste und sexuell ausgebeutete Kinder.

profil: Was erwarten Sie sich vom Prozess gegen Marc Dutroux?
Lejeune: Absolut nichts. Ich erwartete 1995, dass man meine Tochter sucht und sie mir wiedergibt. Heute habe ich nichts zu erwarten.
profil: Interessieren Sie sich überhaupt für den Prozess?
Lejeune: Ich bin sehr aufmerksam und neugierig, wie der Prozess ablaufen wird. Ich fürchte aber, dass er so verlaufen könnte wie die Untersuchungen: schlecht. Denn auf unsere Frage „Wer hat die Mädchen entführt, was hat man mit ihnen gemacht?“ gab es keine Antworten.
profil: Vom Prozess erwarten Sie sich diese Antworten auch nicht?
Lejeune: Nicht nach acht Jahren.
profil: Was halten Sie davon, Namen und Wohnorte von verurteilten Pädophilen öffentlich zu machen?
Lejeune: Ich halte das für keine gute Sache, dass alle darüber Bescheid wissen. In England hat eine Zeitung eine Liste von Pädophilen veröffentlicht. Daraufhin wurden Menschen getötet, die überhaupt nicht pädophil waren – nur weil sie einem ehemaligen Pädophilen ähnlich sahen. Es macht aber Sinn, dass Polizeidienste und Bürgermeister wissen, dass ein rückfälliger oder ehemaliger Pädophiler in ihrer Gemeinde lebt.
profil: Wie denken Sie über die Todesstrafe?
Lejeune: Das ist wirklich eine sehr persönliche Angelegenheit, über die ich nicht sprechen möchte. Denn ich will nicht, dass das falsch interpretiert wird.
profil: Was fühlen Sie, wenn Sie den Namen Dutroux hören?
Lejeune: Ekel. Dieser Typ ist teilweise verantwortlich für das, was mit meiner Tochter geschehen ist. Ich kann nur Hass und Ekel empfinden für diese Person und sein Gefolge.
profil: Das Ansehen Belgiens hat stark unter dieser Affäre gelitten. Wie berechtigt ist das Image vom Land der Korruption und der Kinderschänder?
Lejeune: Es ist insofern berechtigt, als wir, die Familien Russo und Lejeune, unseren Kampf allein führen mussten. 14 Monate lang haben wir keine Neuigkeiten von unseren Kindern erhalten, über die in der ganzen Welt geredet worden ist. Als man dann 1996 den Horror entdeckt hat, gab es einen Volksaufstand. Es ist aber falsch, dieses Image der Pädophilie und der Korruption Belgien allein zuzuschreiben.
profil: Ist die Bevölkerung noch so sensibel wie bei Ausbruch der Affäre?
Lejeune: Nein, sicher nicht. Das ist aber normal. Die Menschen verdrängen gewisse Sachen, selbst wenn es unbewusst passiert. Aber es ist ein latentes Feuer, und es braucht nicht viel, um es wieder aufflammen zu lassen.
profil: Die Dutroux-Affäre hat in Belgien eine ganze Reihe von Reformen nach sich gezogen, besonders bei der Polizei und im Justizwesen. Sehen Sie diese Reformen als geglückt an?
Lejeune: Durch die Justizreform haben die Opfer besseren Zugang zu ihren Akten. Sie können ihre Dossiers rascher studieren und den Untersuchungsrichter um zusätzliche Ermittlungen bitten. Es sind auch spezielle Richter eingesetzt worden, die auf Fälle von vermissten und misshandelten Kindern spezialisiert sind. Die Polizeireform ist aber weit davon entfernt, ein Erfolg zu sein.