Interview: „Ich halte das eher für eine Holzhammermethode“

Siemens-Österreich-Chef Albert Hochleitner lehnt die 40-Stunden-Woche und das Streichen von Feiertagen ab und findet, dafür sei schlicht nicht genug Arbeit vorhanden. Albert Hochleitner, 64, studierte Technische Physik in Wien und trat 1965 in die damaligen Wiener Schwachstromwerke ein, die 1971 Teil der Siemens AG Österreich wurden. Als Leiter einer ambitionierten Entwicklungsabteilung erntete er seine ersten Lorbeeren und bekam innerhalb des Siemens-Konzerns die Chance, internationale Erfahrung zu sammeln: Er bekleidete Führungsfunktionen in Deutschland und Kanada. Im Jahr 1992 wurde er zum Vorstandsmitglied, ein Jahr darauf zum Stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden und 1994 schließlich zum Generaldirektor der Siemens AG Österreich ernannt. Hochleitner ist Präsident der Wiener und Vorstandsmitglied der Österreichischen Industriellenvereinigung sowie Vorsitzender des Fachverbandes für Elektro- und Elektronikindustrie. Besonders engagiert er sich in der Forschungspolitik. Seit 1995 sponsert Siemens – Hochleitner gilt als Opern-Fan – maßgeblich die Salzburger Festspiele.

profil: Heinrich von Pierer, der Vorstandsvorsitzende des Siemens-Konzerns, sorgte in Deutschland für beträchtliches Aufsehen, als er zuerst ganz prinzipiell die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche forderte und dann sowohl die Gewerkschaft als auch den Siemens-Betriebsrat dazu brachte, für zwei Siemens-Werke eine solche Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich tatsächlich zu akzeptieren. Sie selbst sind in dieser Frage wesentlich zurückhaltender und stellen solche Forderungen nicht auf. Geht es uns in Österreich so viel besser?
Hochleitner: Es ist gut und richtig, dass das Thema der Kosten pro Arbeitsstunde jetzt auf dem Tisch ist. Die Diskussion bloß auf die Verlängerung der Arbeitszeit zu fokussieren greift aus österreichischer Sicht allerdings zu kurz. Die von Ihnen angesprochene Vereinbarung für zwei Siemens-Werke in Nordrhein-Westfalen, die neben einer Verlängerung der Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden auch Veränderungen beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld einschließt, bringt Einsparungen bei den Personalkosten von bis zu 30 Prozent. In Österreich arbeiten wir 38,5 Stunden. Eine Verlängerung auf 40 Stunden brächte eine Ersparnis von bloß vier Prozent der Personalkosten. Diese machen nur 25 Prozent der Gesamtkosten aus.
profil: In den betroffenen deutschen Siemens-Werken wurde das fixe Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen und in eine erfolgsabhängige Prämie umgewandelt, die nur dann gezahlt wird, wenn profitabel gearbeitet wird. Ein Vorbild auch für Österreich?
Hochleitner: Ich glaube nicht, dass es generell sinnvoll ist, über Kürzungen und Streichungen zu diskutieren. Das würde auf die Mitarbeiter sehr demotivierend wirken. Es geht vielmehr darum, die Rahmenbedingungen zu flexibilisieren und das aktuelle Niveau der Lohnkosten nicht weiter ansteigen zu lassen, insbesondere nicht durch Automatismen wie Biennalsprünge und Ähnliches.
profil: Das 13. und 14. Gehalt künftig nur noch als erfolgsabhängige Prämie zu zahlen wäre eine solche Flexibilisierung.
Hochleitner: Das ist in Österreich erstens völlig unrealistisch, und zweitens würde das, wie erwähnt, für die Betroffenen sehr demotivierend wirken. Prinzipiell ist es aber schon richtig, dass wir in der Lage sein müssen, Konjunkturschwankungen besser abzufedern. Dazu wäre etwa eine Verlängerung der so genannten Durchrechnungszeiten wünschenswert, damit dann, wenn es Aufträge gibt, etwas länger gearbeitet werden und dann, wenn weniger zu tun ist, die wöchentliche Arbeitszeit reduziert werden kann. In diesem Zusammenhang muss man übrigens anerkennend festhalten, dass die Bereitschaft der österreichischen Gewerkschaften, kreative Lösungen auf betrieblicher Ebene zu akzeptieren, erheblich größer ist als in Deutschland.
profil: In den neuen EU-Mitgliedsstaaten unmittelbar jenseits der österreichischen Grenzen herrschen ganz andere Verhältnisse. Dort betragen die Stundenlöhne nur einen Bruchteil, es wird im Schnitt deutlich länger gearbeitet, und die Menschen sind vielfach nicht schlechter ausgebildet als hier. Ihre Forderung nach ein bisschen mehr Flexibilisierung und einem Bremsen des Anstiegs der Lohnkosten klingt ein wenig so, als wollten Sie einen Schwerverletzten mit ein paar Pflastern behandeln.
Hochleitner: Auch wir mussten harte und schmerzhafte Maßnahmen vornehmen. So haben wir beispielsweise die Kabelfertigung in Österreich eingestellt, weil wir zur Erkenntnis gekommen sind, dass wir diese Produktion hier nicht mehr profitabel betreiben können. Wir müssen auf die geringeren Lohnkosten in Zentral- und Osteuropa reagieren, indem wir uns auf jene Tätigkeitsbereiche konzentrieren, die wir auch in Zukunft gewinnbringend betreiben können. Wir arbeiten mit flexiblen Einheiten in überschaubaren Größenordnungen, und unsere Felder in Österreich sind Konzentration auf die anspruchsvollen Tätigkeiten und die Spitzentechnik.
profil: Können Sie uns ein Beispiel geben?
Hochleitner: Nehmen Sie die zu Siemens Österreich gehörende STS – Siemens Transportation Systems (früherer Name war SGP), die sich auf U-Bahnen und Fahrgestelle spezialisiert hat. Das ist ein absolutes High-Tech-Thema, bei dem es entscheidend darauf ankommt, dass die Aufgaben bei der Abwicklung eines Auftrags zwischen Österreich und dem Auftraggeberland richtig verteilt werden. Was bei den U-Bahnen bedeutet, dass die Entwicklung, das Engineering, die Projektleitung und der Anlauf der Fertigung in
Wien stattfinden. Die Fertigung der Fahrzeuge kann dann in dem jeweiligen Auftraggeberland stattfinden. Denn das Geschäft mit einem Land hat etwas mit der Wertschöpfung in diesem Land zu tun, und internationale Konzerne müssen dem Rechnung tragen.
profil: Das spräche aber doch dafür, dass Siemens Österreich unter dem gleichen Anpassungsdruck steht wie Siemens Deutschland?
Hochleitner: Wir stehen natürlich unter Anpassungsdruck, aber der Vergleich mit Siemens Deutschland ist irreführend. Siemens ist generell bemüht, die Wertschöpfung und das Geschäft in einem Land in einem vernünftigen Verhältnis zueinander zu halten. Bei Siemens ist in Deutschland heute der Anteil an Wertschöpfung unverhältnismäßig hoch.
profil: Hat man in Österreich nicht immer beklagt, keine Headquarters internationaler Konzerne im Land zu haben?
Hochleitner: Globale Konzerne dieser Art stehen in ihren Mutterländern heute unter einem gewaltigen Anpassungsdruck. In dieser Form trifft das auf Österreich nicht zu. Im Großen und Ganzen hat Österreich heute eine Industrie- und Wirtschaftsstruktur, in der Unternehmensgröße, Marktanteil und inländische Wertschöpfung zusammenpassen – nach dem Prinzip: „Klein, aber fein“. Das ist mit der Situation in jenen europäischen Ländern, in denen die industriellen Flaggschiffe zu Hause sind, kaum zu vergleichen.
profil: Was aber nichts daran ändert, dass die im Vergleich zu den neuen EU-Ländern hohen Lohnkosten auch in Österreich ein Problem darstellen. Schließlich macht der internationale Wettbewerb an den Grenzen nicht Halt.
Hochleitner: Wir sind sicherlich an einer absoluten Schmerzgrenze angelangt. Weil ich die wirtschaftliche Zukunft eines Landes wie Österreich in hervorragender Ausbildung und hoher Motivation der Leute sehe, halte ich nichts von Lohnkürzungen. Ich bin aber überzeugt, dass die Lohnzuwächse künftig geringer ausfallen müssen als bisher. Wobei man einräumen muss, dass die österreichischen Gewerkschaften ohnehin moderater waren als ihre Kollegen etwa in Deutschland. Zudem ist festzustellen, dass wegen zunehmender Automatisierung zum Beispiel in unserer Branche im Fertigungsbereich der Anteil der Lohnkosten an den Gesamtkosten beständig sinkt. Daher halte ich einen zweiten Punkt für mindestens ebenso wichtig, wenn nicht für noch wichtiger: In wirtschaftlichen Sparten mit hohem Kapitaleinsatz ist es ganz entscheidend, die Anlagen optimal auslasten zu können. Diese Flexibilität muss den Unternehmen gegeben werden.
profil: … was aber für das Lohnniveau zunächst mal nicht viel und für die wöchentliche Regelarbeitszeit zunächst mal noch gar nichts heißt.
Hochleitner: Exakt. Bei solchen Modellen zur optimalen Anlagenauslastung könnte sehr leicht herauskommen, dass wir nicht über die 40-Stunden-Woche, sondern über eine 32-Stunden-Woche reden müssen, weil sich das organisatorisch bei Fertigungen im Schichtbetrieb unter Umständen besser ausgeht. Wirklich entscheidend ist also eines: nämlich die Frage, wie viel eine Mitarbeiterstunde das Unternehmen wirklich kostet. Damit im unmittelbaren Zusammenhang steht die Frage der Flexibilität. Alles andere sind meines Erachtens Debatten von minderer Bedeutung.
profil: Aber haben nicht solche Debatten oft über das Sachliche hinaus eine starke symbolhafte Wirkung? Kann es nicht sein, dass beispielsweise das Streichen zweier Feiertage die Leute aufrüttelt und ihnen erst so richtig bewusst macht, dass am Arbeitsmarkt neue Zeiten angebrochen sind?
Hochleitner: Diese Sache mit den Feiertagen und den Fenstertagen – also den arbeitsfreien Freitagen zwischen einem Donnerstag-Feiertag und dem Wochenende –, die halte ich eher für einen Auswuchs der Diskussion. Die Fenstertage werden in der Regel ja nicht geschenkt, sondern ohnehin eingearbeitet. Und das Abschaffen von Feiertagen ist, genauso wie das Verlängern der wöchentlichen Regelarbeitszeit, angesichts der unterausgelasteten Kapazitäten in vielen Bereichen der Wirtschaft einfach keine Lösung.
profil: Die Befürworter der 40-Stunden-Woche argumentieren damit, dass auf diese Weise die Kostensituation der Unternehmen verbessert würde, was wiederum das Wachstum fördere und auf diesem Weg der Kapazitätsauslastung und schließlich auch der Beschäftigung zuträglich sei. Teilen Sie nicht diese Ansicht?
Hochleitner: Es ist mir natürlich klar, dass das Arbeitsvolumen einer Volkswirtschaft keine Konstante ist und dass man durch verschiedenste Maßnahmen dieses Arbeitsvolumen verändern, sprich steigern kann. Vorschläge wie die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich oder das Streichen von Feiertagen halte ich aber nicht für geeignet, das vorhandene Arbeitsvolumen innerhalb der nächsten zwei oder drei Jahre signifikant anzuheben. Es ist unter normalen Umständen sogar auszuschließen. Damit bliebe ausschließlich der negative Effekt einer Belastung unseres Arbeitsmarktes.
profil: Von einem Signal an die Bevölkerung, dass wir alle in Zukunft mehr arbeiten müssen und dafür möglicherweise nicht mehr so viel Geld bekommen wie gewohnt – davon halten Sie also nichts?
Hochleitner: Wenig. Ich hielte das eher für eine Holzhammer-Methode. Missverstehen Sie mich nicht: Ich bin froh, dass Themen wie Lohnkosten und die Situation Österreichs im internationalen Wettbewerb jetzt eine so hohe Priorität in der öffentlichen Diskussion haben. Hier Zusammenhänge bewusst zu machen und mögliche Veränderungsschritte auf ihre Sinnhaftigkeit abzuklopfen, das finde ich außerordentlich wichtig. Aber Vorschläge wie etwa die 40-Stunden-Woche für alle weisen in die falsche Richtung: Dafür ist schlicht nicht genug Arbeit da. Da finde ich es schon vergleichsweise vernünftiger, das vorhandene Arbeitsvolumen auf mehr Leute aufzuteilen.
profil: Ein Topmanager der Industrie bläst ins alte Horn der Arbeitszeitverkürzer?
Hochleitner: Ich rede vor allem vom Flexibilisieren. Das ist volkswirtschaftlich von entscheidender Wichtigkeit. Dass die Arbeitslosenstatistiken mit ihren vier oder fünf Prozent Arbeitslosigkeit geschönt sind, wissen wir doch alle. In Wirklichkeit ist die Zahl der Arbeitslosen auch in Österreich höher. In einer solchen Situation die Regelarbeitszeit zu verlängern hätte zwangsläufig zur Folge, dass man sehenden Auges in eine höhere Arbeitslosigkeit steuert. Angesichts drohender Unterauslastung in den Fertigungen hätten wir auch ein Problem, derartige Maßnahmen unseren Mitarbeitern begreiflich zu machen.
profil: Was würden Sie denn mit dem Geld tun, würde die Siemens-Belegschaft in weiser Selbstbeschränkung künftig auf Teile der kollektivvertraglich ausverhandelten Lohnerhöhungen verzichten?
Hochleitner: Ich würde das ausgezeichnet finden und sofort unsere Lohn- und Gehaltsstruktur umbauen: Die Individualisierung der Gehälter ist ungeheuer wichtig. Wir brauchen mehr Raum für – auch – finanzielle Motivation, für individuelle Gehaltserhöhungen und für die Gehaltspflege unserer Leistungsträger. Wenn bei den Lohnrunden alle mehr Geld bekommen, ohne dass das irgend etwas mit der persönlichen Leistung zu tun hat, habe ich damit ein Problem. Wenn also das Wunder geschähe, von dem Sie sprechen, dann bekäme Siemens rascher als sonst eine entsprechende Lohnstruktur.
profil: Sind die Österreicher eigentlich fleißig?
Hochleitner: Ja. Das sind sie.
profil: Und woran stellen Sie das fest?
Hochleitner: Wenn wir Projekte haben, die massiven persönlichen Einsatz in Form von Mehrarbeit, Nachtarbeit oder Ähnlichem erfordern, brauchen wir niemanden dazu anzutreiben. Das ist keineswegs in allen Ländern so.
profil: Die Österreicher glauben immer, dass die Deutschen um vieles fleißiger seien als sie.
Hochleitner: Das stimmt nicht. Die Österreicher lassen sich nur sehr viel weniger gern beim Schwitzen zuschauen.