Interview: „Ich bin wie eine gute Hure“

Der US-Fotograf David LaChapelle gilt als König der Künstlichkeit. In dem limitierten Bildband „Artists and Prostitutes“ überhöht er Amerikas Stars in Inszenierungen voll Glamour, Sex und Gewalt. Ein Gespräch über künstlich aufgeblasene Egos und die Grausamkeit des Prinzips Ruhm.

profil: Salvador Dalí behauptete, dass seine Bilder ihm immer zuerst im Traum erschienen seien. Ist Ihnen diese Art von Arbeitserleichterung auch vergönnt?
LaChapelle: Lustig, dass Sie mich das fragen. Erst gestern Nacht hatte ich – nach Langem – wieder einen intensiven Traum. Mein Hotelzimmer wuchs und wuchs und war bevölkert von lauter Verrückten, die reihenweise Minibars leer soffen. Und ich dachte mir: „Oh Gott, was wird das alles kosten, und wer wird das vor allem bezahlen?“
profil: Die Traumdeutungs-Amateurin in mir würde sagen: Im wahren Leben überziehen Sie ständig Ihre Budgets.
LaChapelle: Nein, nein – ich bin durchaus verantwortungsbewusst im Umgang mit Geld. Außerdem liebe ich die Natur, gehe wahnsinnig gerne in Wälder, trinke keinen Tropfen und nehme keine Drogen.
profil: Das klingt nach einem Vorzeigebürger aus Bush-Amerika. Wenn Sie den US-Präsidenten fotografieren könnten, würden Sie es tun?
LaChapelle: Hören Sie auf! Mir wird kotzübel bei der bloßen Vorstellung. Die meisten Hollywood-Stars sind doch schon Fakes in Menschenform – hinterhältig und unecht. Aber darin werden sie von jedem Politiker um ein Zehnfaches übertroffen.
profil: Sie haben Hillary Clinton fotografiert, ganz brav und bieder. Warum plötzlich so zahm?
LaChapelle: Das war an ihrem letzten Tag als First Lady. Ich habe sie in einem rosa Kostümchen wie eine Immobilienmaklerin fotografiert – weil sie nicht ist, sondern nur etwas verkauft. Und wenn sie damit aufhörte, würde sie aus dem Spiel fallen. Das weiß sie, und deswegen macht sie weiter.
profil: Kein Land ist so von seinen Stars besessen wie die USA. Die Protagonisten dieser Celebrity-Kultur bevölkern auch vorrangig Ihre Fotos. Dennoch hat man oft den Eindruck, dass sie letztlich nur austauschbares Werkzeug für Ihre Inszenierungen sind.
LaChapelle: Sie haben Recht: Mich interessiert dieses ganze hysterische Brimborium, das um Pop- und Filmstars gemacht wird, überhaupt nicht. Da tobt ein Krieg, und worüber zerbrechen wir uns den Kopf? Darüber, wer was auf dem roten Teppich getragen hat. Sehr krank.
profil: Wie motivieren Sie sich dann für Ihre Porträts?
LaChapelle: Eine wirklich gute Hure lehrte mich einmal, dass man sich bei jedem Kunden etwas aussuchen muss, was man gern hat. Das können Schuhe oder die Frisur sein – was auch immer. Dieses Prinzip habe ich übernommen. Ich bin wie eine gute Hure und konzentriere mich auf dieses eine Ding, das ich an meinem Klienten mag.
profil: Und welche Funktion haben die Verlage und Zeitschriften in diesem Spiel: jene des Zuhälters?
LaChapelle: Der Vergleich gefällt mir. Wichtig ist mir, dass ich meine Kunden nie verletze oder bloßstelle. In dem Moment, in dem ich abdrücke, liebe ich sie. Meine Kamera ist keine Waffe. „Make them look pretty“, hat Andy Warhol immer gesagt.
profil: Dennoch wittert man in Ihren Bilderwelten immer so etwas wie Explosionsgefahr.
LaChapelle: Für die Leute, die ich fotografiere, ist es nie bequem. Aber dieser Hauch von Gefährlichkeit passiert mir einfach. Ich gehe nicht morgens auf den Set und sage mir: „Hey, wie werden wir die Welt heute wieder schockieren?“ Das wäre doch schwachsinnig.
profil: Dennoch wurden Fotos von Ihnen schon zu öffentlichen Skandalen hochstilisiert – etwa die Christus-am-Kreuz-Inszenierung des Rappers Kanye West auf dem Cover des „Rolling Stone“.
LaChapelle: Zwanzig Minuten auf CNN, 400 Artikel im Netz, Aufruhr bei der
„Catholic League“. Ich bin gläubig, in meiner Familie gibt es einige Priester, aber ich begreife die Aufregung nicht. Und das alles, weil ein Schwarzer die Dornenkrone trägt. Was für ein Land!
profil: Aber Sie lieben dieses Land doch auch. Ihre Fotos sind immer wieder hymnische Beschwörungen der amerikanischen Kitsch- und Trivialkultur.
LaChapelle: Weil das für mich die einzige Möglichkeit ist zu überleben. Nehmen wir Las Vegas: Ich ertrage die Stadt eigentlich nicht, ich finde sie grauenhaft. Trotzdem benutze ich sie immer wieder als Location. Indem ich mich über die Supermärkte, Heiratskapellen, Spielhöllen oder Motels Amerikas lustig mache, lerne ich auch, damit zu leben. Das ist meine einzige Chance.
profil: Gilt das auch für Stars wie Britney Spears?
LaChapelle: Nein, um Gottes willen! Ich verletze niemanden. Ich bin kein Zyniker. Als ich Britney für den „Rolling Stone“ in Lolita-Pose mit gepunkteten Höschen fotografierte, hat das ihrer Karriere einen kräftigen Schub verpasst. Allerdings haben ihre Agenten auch fünf Jahre nicht mit mir gesprochen und Britney heftig davon abgeraten, je wieder mit mir zu arbeiten. Ich hatte ihrer Ansicht nach das Sauber-Image zu sehr befleckt.
profil: War die Chemie zwischen Ihnen und einem Star auch schon einmal so schlecht, dass Sie das Shooting abgebrochen haben?
LaChapelle: Aber ja. Das war zum Beispiel mit Michael Jordan auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Er kam mit einem ungefähr 40-köpfigen Hofstaat auf den Set. Ich wollte ihn als Ludwig XIV. inszenieren – alles blau und sehr gold. Das passte ihm nicht. Aber er war nicht in der Lage, es mir selbst zu sagen, sondern schickte ständig seine Leute zum Verhandeln. Dann habe ich mich vor ihm aufgepflanzt und ziemlich laut gesagt: „Hey, bist du nicht in der Lage, für dich selbst zu sprechen?“
profil: Kein Happy End?
LaChapelle: Nein. Er sprach nicht mit mir, sondern hat mich nur mit einem Blick angesehen, der signalisierte: „Wie kannst du es wagen, du kleiner Knipser!“
profil: Die Zeiten, als Marilyn Monroe betrunken auf dem Set erschien, einen Schleiertanz aufführte …
LaChapelle: … und dann mit dem Fotografen schlief, um später in Ohnmacht zu fallen, sind leider vorbei. Stars bestehen hauptsächlich aus künstlich aufgeblasenen Egos.
profil: Gilt das auch für Madonna?
LaChapelle: Madonna ist privat ungeheuer witzig, nur beim Arbeiten … pfuhhh. Am Ende eines Arbeitstages mit ihr sagt man sich: „Ich kann noch immer nicht glauben, dass das Foto wirklich gemacht worden ist.“
profil: Ihr Stil prägte die Werbe- und Popästhetik nachhaltig und wird als Porno Chic bezeichnet. Mögen Sie dieses Label?
LaChapelle: Ich bin in den achtziger Jahren aufgewachsen. Damals begann der Aids-Wahnsinn, und in New York starben die jungen Männer wie die Fliegen. Möglicherweise ist das die Ursache dafür, dass ich eine sexuell aufgeladene Gegenwelt kreieren wollte, in der noch alles möglich ist.
profil: Wie Andy Warhol integrieren Sie Pornodarsteller oder Transsexuelle in Ihre Kunstwelt. Hat er Sie in dieser Hinsicht beeinflusst?
LaChapelle: Das kommt aus meiner tiefen Empathie für alle Outcasts. Meine beste Freundin, Amanda, ist eine Transsexuelle, die ich immer wieder fotografiere. Was sie durchzumachen hat, kann sich keiner vorstellen. Die Gesellschaft findet Transsexuelle im Film und auf den Society-Seiten cool, aber nicht in der eigenen Nachbarschaft. Ich weiß noch genau, wie es sich anfühlt, ausgestoßen zu sein.
profil: Lag das an der Kombination US-Provinz und Homosexualität?
LaChapelle: Natürlich. Alle haben mich gehasst, ich hatte keine Freunde. Sie beschimpften mich als Schwuchtel und Tunte. Und ich provozierte ihren Hass, indem ich einen Tag im Cowboy-Kostüm und dann wieder als Elvis Costello verkleidet in der Schule erschien. Ich wollte nur eines: nicht so sein wie die anderen. Gleichzeitig aber war ich so verzweifelt, dass ich mich ernsthaft umbringen wollte.
profil: Was hat Sie davor bewahrt?
LaChapelle: Der Gedanke an meine Eltern. Es hätte sie umgebracht. Ich hatte alle notwendigen Pillen zur Seite geschafft und lag schon in der Badewanne. Aber meine Eltern waren wirklich coole Leute, die mich sehr freigeistig erzogen haben. Sie hatten kein Problem damit, dass ich schwul bin und immer dasselbe Motiv kritzelte – eine Frau mit riesigen Brüsten, die allerlei Abenteuer zu erleben hatte.
profil: Mit 15 setzten Sie sich nach New York ab. Ein Befreiungsschlag?
LaChapelle: Das war für mich das Paradies, denn dort fanden es alle sehr niedlich, dass ich in einem Cowboykostüm herumspazierte. Und dann das Studio 54 – da standen sie alle: Liza Minnelli, Halston, Margaux Hemingway, und sie sahen so unvorstellbar bedeutsam aus.
profil: Hat Andy Warhol Sie in jener Zeit künstlerisch adoptiert?
LaChapelle: Nein, Andy kam später. Ich lernte ihn bei einem Konzert der Psychedelic Furs kennen. „Du solltest Model werden“, sagte er. Am nächsten Tag hatte ich einen Termin bei seinem Magazin „Interview“ und durfte meine Fotos zeigen. Dort war ich zuvor schon einmal rausgeflogen. Andy sah sich die Bilder von nackten, im Wasser springenden Knaben an und meinte nur: „Das ist ja großartig!“ Was ich damals nicht wusste: Er fand prinzipiell alles großartig – selbst ein dummes Butterkekschen.
profil: Über Warhol kursieren unzählige Klischees. Wie haben Sie ihn erlebt?
LaChapelle: Er war unfassbar geizig, und zwar so krankhaft, dass er selbst in der kleinen Teeküche in der Factory die Pappbecher aus dem Mist fischte, um die Kaffeereste zusammenzuschütten. Andererseits zeichnete ihn eine unglaubliche Großzügigkeit aus. Er nahm mich, den kleinen Niemand, zum Beispiel in die VIP-Lounge bei einem Prince-Konzert mit und stellte mich jedem mit den Worten vor: „Das ist David, dieser wahnsinnig berühmte Fotograf.“ Kein Mensch kannte mich zu dieser Zeit. Ich begriff erst später, dass es ihm nur darum ging, die Aufmerksamkeit von sich selbst abzulenken. Sie war ihm unangenehm.
profil: Seltsam. Schließlich basiert die Celebrity-Kultur von heute weit gehend auf dem Warhol-Diktum, dass jeder einmal in seinem Leben berühmt sein sollte, und sei es auch nur für 15 Minuten.
LaChapelle: Und gerade deswegen war es so traurig, mit ansehen zu müssen, wie New York am Ende mit Andy umging. Seine Vernissagen waren schlecht besucht, er bekam lausige Kritiken und kaum Einladungen. Ich war selbst einmal dabei, als eine Frau in einem Buchladen Andy seine Perücke vom Kopf riss. Er empfand das als genauso demütigend, wie angeschossen zu werden. Erst nach seinem Tod wurde er wieder in die Höhe geschrieben. Das Prinzip Ruhm ist unglaublich grausam.
profil: Wie schützen Sie selbst sich vor dieser Grausamkeit?
LaChapelle: Ich gehe in die Wälder und konzentriere mich auf mein nächstes Foto. Ich war gestern bei einem Konzert von Kris Kristofferson. Es war wie eine Messe. Seine Songs haben mich tief bewegt. Ich will ihn als umgedrehte Pieta fotografieren: Er sitzt da wie Jesus und hält eine nackte, junge Frau in den Armen. Genau so muss es sein.

Interview: Angelika Hager