Interview: „Ich bin Österreich gegenüber nicht nachtragend“

Der französische Bestsellerautor Frédéric Beigbeder über den Jetset, Sex auf Lesereisen, seinen neuen Roman und wie er den Prix Goncourt bekommen will.

Das Interview findet in der Bar des Pariser Hotels „Lutetia“ statt. Frédéric Beigbeder bestellt eine heiße Schokolade.
Beigbeder: Sie trinken Coca-Cola light?
profil: Ja.
Beigbeder: Paris Hilton sagt, man soll kein Cola light trinken. Man vermittelt sonst den Eindruck, man sei fett.
profil: Die Gefahr ist bei mir nicht sehr groß.
Beigbeder: Bei ihr auch nicht. Aber in Los Angeles sehen die Leute nicht auf den Körper, sondern sie ziehen den Schluss: Ah, er trinkt Cola light, also muss er fett sein!
profil: Wo waren Sie gestern Abend?
Beigbeder: Ich habe mit Kanehara Hitomi, einer japanischen Schriftstellerin, zu Abend gegessen. Anschließend waren wir in der Matisse Bar. Eine erstaunliche junge Frau, 22 Jahre alt, drei Romane, zwei Millionen verkaufte Exemplare, sie ist ein Star in Japan. Ich habe sie für den TV-Sender Canal+ interviewt. Vergangene Woche habe ich übrigens Tom Wolfe getroffen. Sehr amüsant.
profil: Ihr gesellschaftliches Leben ist offenbar ebenso intensiv wie jenes von Oscar Dufresne, dem Ich-Erzähler in Ihrem fiktiven Tagebuch „Der romantische Egoist“.
Beigbeder: Ja, aber Oscar trifft sich eher mit Stars des Jetsets und Showbiz – und mit Nutten und Dealern. Ich dagegen versuche eher, Schriftsteller zu frequentieren.
profil: Haben Sie etwas gegen den Jetset?
Beigbeder: Ich habe ihn ein biss-chen satt. Ich treffe lieber Leute, die über Poesie, über Wolken oder über Frauen reden können. Ich mag aber die Trunkenheit, ich liebe es, der Normalität zu entfliehen. Oscar Dufresne ist viel zerstörerischer als ich. Aber ein Buch zu schreiben hat auch den Sinn, die Leute glauben zu machen, dass man ein interessanteres Leben führt, als es tatsächlich der Fall ist.
Richard Bohringer, ein prominenter Schauspieler, kommt an den Tisch, Beigbeder und Bohringer umarmen einander.
Bohringer: Wir sind genau gleich angezogen.
Beigbeder: Aber du siehst besser aus.
Bohringer: Das wechselt.
Bohringer geht wieder.
Beigbeder: Na, bitte. Eben sage ich, ich frequentiere kaum Leute aus dem Showbiz, und baff! – begrüßt mich einer.
profil: Sie sind ein Star in Frankreich.
Beigbeder: Ich bin mit Laura Smet zusammen, der Tochter von Johnny Hallyday (ein Sänger, der in Frankreich ein Superstar ist, Anm.). Das verschärft die Situation. Die Paparazzi folgen uns, es ist fast surrealistisch. Wir waren auf Urlaub auf den Seychellen, und bei unserer Rückkehr waren die Fotos von uns in Badehosen bereits auf dem Cover der People-Zeitschrift „Voici“. Die meisten Leute kennen mich gar nicht als Schriftsteller, sondern weil ich auf Canal+ abends in einer Show auftrete. „He, Canal plus!“, rufen sie mir auf der Straße nach. So heiße ich jetzt.
profil: Sie machen das wegen des Geldes?
Beigbeder: Ich rede in der Sendung über Bücher, ich mag das. Und um ehrlich zu sein: Ich habe zu sehr Angst davor, nur allein zu Hause zu sitzen und nur zu schreiben. Ich brauche Licht und Lärm um mich herum. Ich würde sonst noch verrückter, als ich es schon bin.
profil: Im Buch bezeichnen Sie Ihr Alter Ego Oscar auch als Verrückten, als Snob und Psychopathen. Dabei ist er gar nicht unsympathisch.
Beigbeder: Er kann an einem Tag sehr zynisch sein und am nächsten romantisch. Das gefällt mir. Nicht nur ich, viele Leute meiner Generation sind so. Wir können provokant, verzweifelt sein und gleich darauf sagen: Man muss die Welt ändern, ich glaube ganz fest daran!
profil: Ist für diese Generation letztlich alles belanglos?
Beigbeder: Nein, wir haben beide Eigenschaften in uns. Mir kommt vor, ich lebe auf einer ironischen Ebene und auf einer ernsthaften. Ich kann sagen: Ich liebe diese Frau, und gleich darauf: Ich will mit allen Nutten bumsen. Das scheint widersprüchlich, aber es kommt von ein und derselben Person.
profil: Ah ja.
Beigbeder: Ich weiß nicht, ob meine Arbeit interessant ist. Aber wenn es irgendetwas Besonderes in meinen Büchern gibt, dann ist es die totale Schizophrenie, die Widersprüchlichkeit der Personen. All meine Protagonisten sind fasziniert vom Hedonismus, und gleichzeitig tragen sie eine Naivität und Unschuld und Sanftheit in sich. Daher der Titel, den ich F. Scott Fitzgerald gestohlen habe: „Der romantische Egoist“ – eigentlich ein Oxymoron. Er hat den Titel vor einem Jahrhundert kreiert, und ich finde ihn unglaublich modern und für unsere Zeit zutreffender als auf seine.
profil: Sie waren Kommunikationsberater der Kommunistischen Partei. Haben Sie politische Überzeugungen?
Beigbeder: Als der Chef der KP mich angerufen und vorgeschlagen hat, Verantwortlicher für die Kommunikation seiner Partei zu werden, habe ich mich erst totgelacht. Dann sagte ich mir, eigentlich entspricht es ein wenig meiner Einstellung – eher links und globalisierungskritisch.
profil: Wie war der Job?
Beigbeder: Es war ein Desaster. Drei Prozent bei den Präsidentschaftswahlen, das schlechteste Ergebnis aller Zeiten. Die haben mich danach nie wieder angerufen. Wie eine verlassene Mätresse. Aber ich finde, die wesentliche Begabung eines Romanciers, der realistische Romane schreiben will und keinen „Harry Potter“, ist es, neugierig zu sein. Das Angebot, tief in ein Milieu wie jenes des kommunistischen Apparats einzutauchen, darf man nicht ausschlagen.
profil: Sind Sie eine Leitfigur für Ihre Generation?
Beigbeder: „Neununddreißigneunzig“, mein erster Bestseller, hatte so einen Effekt, er wurde als ein satirisches, nihilistisches Manifest über einen glamourösen, dekadenten Lebensstil gelesen. Ich verkörpere jetzt wohl den Autor um die vierzig, der gern in seiner Zeit lebt, mit allen enervierenden Aspekten – Fashion, Fernsehen, Pailletten. Das wirft man mir oft vor.
profil: Sie entsprechen nicht dem Bild des bedächtigen Schriftstellers.
Beigbeder: Ich bin von einer Art Irrsinn getrieben, immer anderswo sein zu wollen, als ich gerade bin. Ich ziehe dauernd um, ich wechsle ständig den Beruf. Erst die Werbung, dann Journalismus, dann Fernsehen.
profil: Nur das Schreiben bleibt?
Beigbeder: Ja, das Schreiben gründet irgendwo zwischen Megalomanie und Misanthropie. Man muss schon ziemlich eingebildet sein, um anzunehmen, man habe etwas zu sagen.
profil: Objektiv gesehen, führen Sie ein allzu leichtes Leben.
Beigbeder: Ja, das ärgert viele. Sie finden, ich sei nicht ernsthaft. Aber ich finde, ein Autor soll nicht immer ernsthaft sein. Man kann auch lachend schreiben. Wichtig ist, dass viele hübsche Frauen mit einem Autor schlafen wollen.
profil: Klappt das auch im Ausland?
Beigbeder: Sie meinen, ob ich auf Lesereisen viel rumschlafe? Sehr enttäuschend. Das letzte Mal, als ich in Wien war – totale Fehlanzeige.
profil: Sie kommen jetzt wieder.
Beigbeder: Das beweist, dass ich Österreich gegenüber nicht nach-tragend bin.
profil: Die meisten der Namen von Jetset-Menschen in „Der romantische Egoist“ hat man im Ausland nie gehört. Ist das ein Problem?
Beigbeder: Ich finde nicht, dass das wichtig ist. Es sind zwei Liebesgeschichten, die Namen und Orte sind nur ein Dekor. Die Namen werden auch in Frankreich in zwei Jahren vergessen sein. Ich glaube, dieses Buch wird von allen meinen Büchern am besten altern. In zwanzig, fünfzig Jahren wird man es lesen als Blick auf das Leben in den angesagten Bars in Paris zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
profil: Werden Sie einmal echte Memoiren schreiben?
Beigbeder: Mein Leben fasziniert mich enorm, aber ich bin nicht sicher, ob es faszinierend genug ist. Im Moment arbeite ich lieber an völliger Fiktion. Originell wäre es, wenn ich über jemanden schriebe, der einer ganz anderen sozialen Schicht angehört: einen Jugendlichen aus der Banlieue, der Autos anzündet.
profil: Die französische Literatur geht an dem Thema vorbei. Der junge Tom Wolfe hätte genau darüber geschrieben.
Beigbeder: Genau dasselbe hat Tom Wolfe auch zu mir gesagt. Aber Françoise Sagan, die immer nur über Reiche schrieb, hat einmal ein Buch über Arme geschrieben, und es war ihr schlechtestes. Andererseits bekommen Komiker, wenn sie einmal eine ernste Rolle spielen, den Academy Award verliehen. Ich müsste wohl ein besonders trübsinniges Buch schreiben, dann würde ich den Prix Goncourt kriegen. Schade eigentlich, dass ich so weit gehen muss, damit man mein unglaubliches Genie erkennt. Aber vielleicht mache ich es, um meine Steuern zahlen zu können.

Interview: Robert Treichler