Interview: „Ich bin ein Paranoiker“

Der russische Computerspezialist und Unternehmer Eugene Kaspersky über Computerviren, das immer höhere Niveau der Hacker, Cyberkriminalität als Industrie, seine Zeit in der KGB-Schule und Viren als mögliche Waffe für Terroristen.

profil: Können Sie sich erinnern, wann und wie Sie Ihr Interesse für Computer entdeckt haben?
Kaspersky: Mit zehn, zwölf Jahren hatte ich eine Vorliebe für mathematische Aufgaben und Formeln. Ich wusste schon 1975, dass ich ein technisch begabter Mensch bin. Geschichte und Literatur mochte ich nicht, da waren die Schulnoten eher mäßig. Deshalb bin ich in die KGB-Schule gegangen.
profil: Haben Sie auch für den Geheimdienst gearbeitet?
Kaspersky: Damals war ich undiszipliniert, ein halber Rowdy oder Hooligan, wie man bei uns sagt. Ich dachte, dass es für mich nicht schlecht wäre, einige Zeit mit Schulterklappen herumzulaufen. Deswegen habe ich an einer Militärhochschule studiert. Für den KGB habe ich jedoch nie gearbeitet, nur für das Verteidigungsministerium.
profil: Inzwischen befassen Sie sich seit gut eineinhalb Jahrzehnten mit Computerviren. Haben sich Ihrer Erfahrung nach in diesem Zeitraum die Hacker und jene, die Virenprogramme schreiben, verändert?
Kaspersky: Natürlich, der Typus der Menschen, die Viren schreiben, hat sich vor allem durch die wirtschaftliche Bedeutung, die das Internet heute hat, erheblich geändert. Als das Internet vor zehn, fünfzehn Jahren im Embryonalzustand war, konnte man praktisch kein Geld verdienen. Damals wurden Virenprogramme nur von Schülern und gewöhnlichen Halbstarken geschrieben.
profil: Erinnern Sie sich noch, wann Sie selbst sich das erste Mal mit einem Computervirus beschäftigt haben?
Kaspersky: Am Ende meines Studiums, 1989, wurde mein Computer mit einem Virus infiziert. Aber ich konnte ihn wiederherstellen. Ich habe dann gelernt, dass es unter Computerfachleuten zwei Typen gibt: Die einen sind Konstrukteure, die anderen Destrukteure. Konstrukteure entwickeln etwas Eigenes, erfinden Neues. Destrukteure wollen erforschen, was andere entwickelt haben. Ich bin immer ein Destrukteur gewesen. Für mich ist es tausendmal interessanter zu erforschen, wie etwas funktioniert.
profil: Wie kam es dann zur Gründung von Kaspersky Lab?
Kaspersky: Am Anfang waren Computerviren mein Hobby, so wie andere Schmetterlinge sammeln. 1991 gab es eine wirtschaftliche Krise in der ehemaligen Sowjetunion. Wir hatten fast überhaupt kein Geld mehr zum Leben. In dieser Zeit habe ich versucht, meine ersten Antivirenprogramme zu verkaufen, allerdings ohne Erfolg. Unser Ziel war es dennoch, die weltweit besten Antivirenprogramme zu entwickeln. Wir wollten zunächst eine führende Position auf dem russischen Markt erreichen. Das haben wir mittlerweile geschafft. Heute geht es darum, unser Unternehmen zum weltweit führenden zu machen.
profil: Ihre Arbeit erfordert mehr oder weniger, in ständiger Alarmbereitschaft zu leben, quasi 24 Stunden auf der Suche nach Viren. Haben Sie sich dadurch verändert?
Kaspersky: Ja, sicher. Wer lange Zeit mit Computern arbeitet, bekommt so etwas wie einen Computerakzent. Ich habe das nach drei Jahren bei mir zu beobachten begonnen. Ich begann wie ein Computer zu denken. Und die Arbeit mit Computerviren macht aus allen, die sich damit befassen, letztlich Paranoiker. Was die Sicherheit angeht, bin ich ein Paranoiker.
profil: Konnten Sie verfolgen, wie aus den vormaligen „Halbstarken“, wie Sie sie nennen, professionelle Virenprogrammierer wurden?
Kaspersky: Als sich 1995 die ersten gebührenpflichtigen Internetprovider wie AOL zu etablieren begannen, kamen die Trojaner-Programme. Damit entstand eine neue Generation von Virenautoren. Die jugendlichen Hobby-Hacker wurden von Kriminellen abgelöst. 90 Prozent aller Trojaner-Programme werden derzeit geschrieben, um auf illegale Weise an Bank- und Personeninformationen zu kommen.
profil: Wissen Sie, wer diese Kriminellen sind und woher sie kommen?
Kaspersky: Heute sind es keine Einzelpersonen mehr, die derartige Programme schreiben. Es gibt Gruppen in verschiedenen Ländern, in Brasilien, China, aus dem Baltikum, die aus 30 und mehr Menschen bestehen. Aber alle diese Gruppen arbeiten für sich, jedenfalls derzeit noch. Ich befürchte, dass es in der Zukunft unter diesen Gruppen einen Kampf ums Überleben gibt. Und nur die Stärksten und Klügsten werden überleben. Wir als Unternehmen, das sich mit Computersicherheit befasst, werden wohl künftig gegen Verbrecher mit höherem Niveau kämpfen müssen.
profil: Die ersten Hacker sind mit bestimmten Idealen angetreten. Das Internet sollte eine demokratische Plattform sein. Wenn man in fremde Netzwerke einbrach, dann, um zu demonstrieren: Seht her, so unzureichend sind eure Sicherheitsvorkehrungen. Gibt es in Ihrer Arbeit heute noch ethische Grundsätze?
Kaspersky: Unsere Mission ist es, Computernutzer zu schützen, ihnen Sicherheit zu geben und sie über Gefahren zu informieren. Außerdem arbeiten wir mit der Polizei zusammen, nicht nur in Russland, sondern weltweit. Antivirenspezialisten leisten zwar keinen hippokratischen Eid wie die Mediziner, aber sie haben ähnliche ethische Werte.
profil: Wenn Sie 1997 mit 2005 vergleichen: Wie viele Viren gab es damals, als Ihr Unternehmen gegründet wurde, und wie viele gibt es heute?
Kaspersky: Im Jahr 1997 gab es ungefähr 20.000 bis 30.000 verschiedene Viren. Heute sind es zwischen 200.000 und 300.000, vielleicht auch mehr. Die Anzahl der Viren ist rapide gestiegen. 1997 war das Virenschreiben Kunst und Hobby, jetzt ist es eine Industrie.
profil: Wie arbeitet diese „Virenindustrie“?
Kaspersky: Wir wissen nicht genau, wie sie funktioniert. Ein paar Menschen schreiben das Programm, andere verbreiten es, sammeln gestohlene Informationen. Und wieder ein anderer kassiert das Geld und überweist es auf ein bestimmtes Konto.
profil: Die meisten Viren werden in China, Brasilien und Russland produziert. Warum nicht in den westlichen Industrienationen, in Europa und den USA?
Kaspersky: Vor allem zwei Faktoren sind entscheidend: erstens die wirtschaftliche Entwicklung. In Ländern mit einer intakten Ökonomie ist die Kriminalitätsrate ganz generell niedriger. Ein zweiter Faktor ist die jeweilige Mentalität. In Japan werden beispielsweise praktisch kaum Viren geschrieben. Japaner begehen keine Verbrechen, da es für sie eine Schande wäre. Und wenn wir nach Europa oder in die USA blicken, so fällt auf, dass die meisten Computerviren von Immigranten geschrieben wurden.
profil: Wie kann man die Hacker-Industrie auf gesellschaftlich-politischer Ebene bekämpfen?
Kaspersky: Die heutige Architektur der Computersysteme und der Netzwerke, die im Wesentlichen vor 35 Jahren entwickelt wurde, verfügt kaum über Schutz gegen das Eindringen von Hackern. Natürlich könnte man sichere Netzwerke entwickeln, aber dann müssten wir wieder bei null anfangen, und das ist nicht möglich. Der einzige, passive Schutz ist, Antivirensoftware zu installieren sowie nicht neugierig zu sein und E-Mails unbekannter Herkunft nicht zu öffnen. Global wird man die Hacker-Industrie wohl nie besiegen können. Es gab schon immer Verbrecher und Gauner, und die wird es auch künftig immer geben. Sogar dann, wenn alle gebildet sind, reich und satt. Es wird sich immer jemand finden, der ein Virenprogramm entwickelt.
profil: Inwieweit könnte das Internet für terroristische Anschläge benutzt werden?
Kaspersky: Es wäre jedenfalls möglich, dass dies geschieht.
profil: Wie könnte das funktionieren?
Kaspersky: Wie es ablaufen könnte, will ich nicht erzählen. Ich habe Angst, dass dieses Szenario eines Tages Realität werden könnte.
profil: Könnte das Internet künftig auch in der Kriegsführung eine Rolle spielen?
Kaspersky: Heute werden Internetinformationen immer wichtiger für das staatliche System. Die Zerstörung solcher Informationssysteme hat theoretisch auch militärische Relevanz. Es ist nicht ausgeschlossen, dies in die Planung militärischer Strategien und Manöver einzubeziehen. Die Attacken gegen Computernetze eines Landes können dann Teil geplanter Operationen sein. Es kann zu Desinformation, Propaganda und zur Störung des Informationsstroms des Gegners kommen. Alles ist möglich. Ich hoffe natürlich, dass so etwas nicht passieren wird.

Interview: Ariane Eichenberg, Michael Marek

Eugene Kaspersky, 40, zählt seit vielen Jahren zu den schillernden Figuren der internationalen Computerszene. Im Jahr 1965 in Noworossijsk geboren, absolvierte der Kettenraucher und Liebhaber des Münchner Oktoberfests seine Ausbildung am Institut für Kryptografie, Kommunikation und Informationswesen des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Dort entschlüsselte Kaspersky sein erstes Virus Ende der achtziger Jahre. Gemeinsam mit seiner Frau Natalja, 39, gründete er 1997 Kaspersky Lab, das führende Antivirenunternehmen Russlands, das heute auch international zu den bedeutendsten Unternehmen in dieser Branche zählt. Die dort entwickelten Programme, die Computer gegen Viren, Würmer und Hacker-Angriffe schützen sollen, liegen in den Produkttests der Fachzeitschriften meist ganz vorne. Zwischen 200.000 und 300.000 Viren umfasst die digitale Enzyklopädie des Unternehmens. Amerikanische Großkonzerne gehören ebenso zu den Kunden von Kaspersky wie mittelständische Unternehmen und Heimanwender. Von der Moskauer Zentrale aus, einem unansehnlichen und vom Grau der Autoabgase angefressenen 16-stöckigen Gebäude in der Held-Panfilov-Straße, versucht das Unternehmen auf anderen Märkten Fuß zu fassen. Weltweit gibt es mittlerweile elf Niederlassungen mit 550 Beschäftigten, unter anderem in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und in den USA. Der Internet-Immunologe bezeichnet sich, was das World Wide Web betrifft, selbst als Paranoiker.