Interview: „Ich liebe es, auf Partys zu sein“

Der Erste Nationalratspräsident Andreas Khol (ÖVP) über die Plage der späten Geburt, moderne Keuschheit und die Verwendung von Kondomen sowie über Tücken des Kindergeldes.

profil: Herr Präsident, Sie sind sechsfacher Familienvater. Haben Sie Ihren Kindern von Partys abgeraten und haben Sie genügend Enkelkinder?
Khol: Ich sehe keinen Gegensatz zwischen Partys und Kindern. Einer meiner Söhne hat gesagt, es soll schon vorgekommen sein, dass auf und nach Partys Kinder konzipiert wurden. Elisabeth Gehrer hat eine Diskussion darüber angeregt, worin eigentlich der Sinn des Lebens besteht. Dass nicht nur materielle Güter, sondern auch ideelle Werte wie Kinder Sinn des Lebens sind. Und wir müssen auf etwas aufmerksam machen: Es macht einen Unterschied, ob man als 35-Jährige das erste Mal Mutter wird oder als 25-Jährige.
profil: Sie kritisieren, dass Frauen in Österreich Kinder zu spät bekommen?
Khol: Ich kritisiere nicht. Aber wir als ältere Generation haben die Verantwortung, der jüngeren Generation zu vermitteln, dass Kinder einen unschätzbaren Wert darstellen und die Chancen, Kinder zu haben, ab einer gewissen Zeit unwiederbringlich sind.
profil: Gerade die ÖVP setzt sich immer für die mündige Bürgergesellschaft ein. Ist es nicht eine Bevormundung, wenn man den Jugendlichen sagt: Schaut nicht auf Karriere, auf die Wohnung in Ibiza, sorgt für Nachwuchs?
Khol: So hat es Frau Gehrer ja nicht gemeint. Die Entscheidung zum Kind bleibt eine höchstpersönliche Entscheidung. Ich glaube, dass wir in Österreich und in weiten Bereichen der industrialisierten Welt noch nicht damit fertig geworden sind, dass seit ungefähr zwanzig Jahren fast jedes Kind ein Wunschkind ist oder sein kann, aufgrund der Verhütung. Und ich bin ein absoluter Befürworter zeitgerechter Aufklärung und Information über möglichst schonende Verhütung.
profil: Stehen Sie da nicht im Widerspruch zur katholischen Kirche?
Khol: Nein. Mir hat Bischof Stecher einmal gesagt: „Wenn der liebe Gott den Regen gibt und den Regenschirm, dann kann die Verwendung des Regenschirms nicht sittenwidrig sein.“ Ich bin praktizierender Katholik, aber in diesem Punkt bin ich nicht der Meinung des Heiligen Vaters. Ich halte Verhütung für absolut notwendig. Ich glaube, dass Kondome absolut wichtig sind und junge Leute sie auch benützen sollen.
profil: Der Chef der FP-Jugend hat eine Verhütungsmittelsteuer vorgeschlagen.
Khol: Solchen Unsinn kommentiere ich nicht. Wir sind froh, wenn die jungen Menschen, wenn sie Verkehr haben, geschützt Verkehr haben. Der moderne Begriff der Keuschheit ist verantwortete Sexualität. Man muss verantwortete Sexualität und nicht Zufallssexualität propagieren.
profil: Der Kinderwunsch wird oft erst dann umgesetzt, wenn er finanziell und beruflich leistbar wird. Da handelt die heutige Jugend doch sehr verantwortungsvoll.
Khol: Der Trend geht heute in die Richtung: Zuerst das Nest bauen, dann einrichten, dann persönlich sicher sein und dann erst ein Kind. Ich halte die Rahmenbedingungen und die partnerschaftliche Ehe für wichtig und das Kindergeld. Nur: Das Geld ist nicht allein ausschlaggebend. Ich habe eine Tochter in England, die drei Kinder hat. Dort gibt es nur drei Monate vor und drei Monate nach der Geburt Karenz – und ungefähr 800 Schilling Kindergeld im Monat. Trotzdem gibt es dort einen Babyboom, weil es einfach „in“ ist, Kinder zu haben. Und um diese Grundeinstellung geht es.
profil: Staatssekretärin Haubner hat das Fehlen von 90.000 Kinderbetreuungsplätzen beklagt.
Khol: Da stimmt die Statistik nicht, weil etwa in Tirol private Einrichtungen und Tagesmütter gar nicht mitgezählt wurden. Die Behauptung, wenn es mehr Kinderbetreuung am Nachmittag gäbe, gäbe es auch mehr Kinder, stimmt einfach nicht.
profil: In den skandinavischen Ländern gibt es eine höhere Geburtenrate als bei uns, weil dort auch Beruf und Familie leichter vereinbar sind.
Khol: Das überzeugt mich nicht. Wir sind ein Land, das mit den drei Karenzjahren, dem Kindergeld und anderen Förderungen wirklich Weltspitze ist. Dennoch haben wir in den letzten 15 Jahren 10.000 Geburten jährlich verloren. Das sind 400 Schulklassen jedes Jahr. Da stellt sich die Alternative: Wenn wir die Kinder im eigenen Land nicht haben, werden wir Familien mit Kindern aus unseren Nachbarländern benötigen. Wir müssen bald über die Zuwanderung diskutieren.
profil: Wie halten Sie selbst Kontakt zur Jugendszene? Gehen Sie auf Partys oder Clubbings?
Khol: Clubbings weniger, die sind mir zu spät. Ich liebe es, auf Partys zu sein. Ich halte Kontakt zu meinen Kindern, zu ihren Freunden. Ich bin keiner, der sagt, die heutige Jugend wäre so schlimm, die gestrige war besser. „Mein Gott, die heutige Jugend“, habe ich im Jahr 1949 schon gehört. Das habe ich nie zu meinen Kindern gesagt. Ich habe eine sehr bunte Palette. Ich habe vier Enkelkinder von zwei Töchtern. Ich hoffe, dass es noch mehr werden.