„Ich sehe wenige Persönlichkeiten in der Politik“

„Jedermann“ Nicholas Ofczarek über die Einsamkeit auf der Bühne, die Lustlosigkeit der österreichischen Kulturpolitik und die Sinnlosigkeit mancher Strache-Aussagen.

Interview: Herbert Lackner

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Herr Ofczarek, Ihre Familienfeste stelle ich mir witzig vor.
Ofczarek: Warum?

profil: Sie sind Schauspieler, Ihre Frau ist Schauspielerin. Ihre Eltern sind Opernsänger, Ihre Tochter spielt wahrscheinlich auf der Schulbühne. Da muss es hoch hergehen.
Ofczarek: Wir sind natürlich eine hochdramatische Familie, oft zu dramatisch. Aber lustigerweise spielt der Beruf keine so große Rolle. Es wäre vielleicht außergewöhnlicher, wenn nur einer in dem Metier tätig wäre.

profil: Sie kommen also nie nach Hause und sagen: „Schatzi, heute beim ‚Jedermann‘ habe ich wieder …“
Ofczarek: Nein. Ich sage höchstens, heute war eine gute oder weniger gute Vorstellung. Aber im Prinzip wird über die Arbeit eher wenig gesprochen, weil man ohnehin den ganzen Tag damit beschäftigt ist und es außerdem Wichtigeres gibt. Wie kommen die ande­ren dazu, dass ich eine Rolle weiterspiele oder meine Befindlichkeiten nach ­Hause trage?

profil: Wie lernt man stundenlange Shakespeare-Texte auswendig?
Ofczarek: Wochenlang. Ich hasse es, ich finde das furchtbar. Es gibt Kollegen, die fotografieren das ab. Meine Frau zum Beispiel, sie hat ein fotografisches Gedächtnis. Ich muss den Text mit Handlungen, mit Bildern und Situationen verbinden.

profil: Ist diese Vorbereitung der einsame Teil des Jobs?
Ofczarek: Ja, der Job ist manchmal überhaupt sehr einsam.

profil: Wirklich?
Ofczarek: Ja. Letztlich steht man allein auf der Bühne. Und das Textlernen ist ein sehr mühsamer Teil.

profil: Sind Sie schon einmal hängen geblieben?
Ofczarek: Natürlich, wie jeder.

profil: Was macht man dann?
Ofczarek: Das Lustige ist, man merkt es meistens nicht, wenn man hängt. Man glaubt, der andere hängt, und man überlegt, wie man ihm helfen kann. Im Nach­hinein stellt sich dann heraus, dass man selber ­gehangen ist. Was tut man? Ruhig bleiben. Da ich es meistens nicht merke, bleibe ich sehr ruhig und ­versuche, dem armen Kollegen zu helfen.

profil: Wie geht’s dann weiter?
Ofczarek: Es geht immer irgendwie weiter. Einmal hat mich das Burgtheater zu Mittag angerufen und gefragt, ob ich die Rolle des Grafen im „Reigen“ übernehmen kann, weil der Kollege Lorenz erkrankt war. Ich kannte das Stück und habe mir den Text angesehen – aber er ging nicht rein in meinen Kopf. Ich habe dann aus dem Buch gespielt, für das Publikum ist das ja ganz amüsant. Am nächsten Tag hatte ich die letzte­ Vorstellung der „Jungfrau von Orleans“, die ich schon 30-mal gespielt hatte, und die Überkonzentration vom Vorabend verkehrte sich ins Gegenteil, sodass ich in nahezu jeder Szene gehangen bin. Da bin ich dann sogar zum I­nspizienten und zum Textbuch abgegangen, aber ganz in Ruhe.

profil: Hat das Publikum bei Ihnen schon einmal gebuht?
Ofczarek: Ja, es ist schon länger her, dass ich Buh-Rufe bekommen habe. Aber manchmal gibt es so einzelne Buhs.

profil: Ärgern Sie sich über schlechte Kritiken?
Ofczarek: Man ärgert sich natürlich schon. Wo die Schwachstellen eines Stücks liegen und was mir weniger gelungen ist, das weiß ich sowieso selbst. Ich beziehe aus Kritiken daher selten eine Information, die mich weiterbringt.

profil: Beim „Jedermann“ im Vorjahr hatten Sie von Beginn an gute Kritiken, dennoch muss sich ein Schauspieler immer ein wenig dafür entschuldigen, dass er in diesem Stück mitspielt. Das ist, als ob man den Universitätsprofessor mit dem billigsten Boulevardblattl erwischt.
Ofczarek: Das ist aber ein harter Vergleich. Ich habe mich noch nie dafür entschuldigt. Es wird kein Schauspieler den „Jedermann“ ablehnen. Das ist eine Weltrolle, die toll zu spielen ist, und es ist die anstrengendste Rolle, die ich je gespielt habe. Der „Jedermann“ ist verbunden mit dem Domplatz und dieser Stadt, er ist ein Erlebnis. Dieses Herumgeraunze kommt meistens von Leuten, die ihn noch nie gesehen haben.

profil: Vielleicht ist es die Botschaft des Stücks, die befremdet: Erst nach der Läuterung durch die katholische Kirche kann der Sünder gereinigt und beruhigt vor das Jüngste Gericht treten.
Ofczarek: In unserer Inszenierung war das stark abgeschwächt. Ich habe gesagt: Muss ich wirklich in den Dom gehen und Beichte ablegen? Das haben wir dann vermieden. Aber dass man geläutert wird, etwas einsieht und zu einer Spiritualität findet oder dann plötzlich Gott erkennt – das hat nichts mit der katholischen Kirche zu tun. Das ist etwas zutiefst Menschliches.

profil: Es ist vielleicht nur Trostsuche.
Ofczarek: Es geht darüber hinaus. Ich glaube auch aus eigener Erfahrung daran, dass man in Krisensituationen sehr wohl feststellt, dass es da noch einen tieferen Sinn gibt.

profil: Sie haben einmal gesagt: „Je älter ich werde, desto gläubiger werde ich.“ Das klingt ein wenig nach dem Jedermann, der auch das Muffensausen bekommt, als ihn der Tod holen will.
Ofczarek: Bei mir ist es aber kein Muffensausen, sondern es ist die Summe meiner Erfahrungen. Nicht in einem katholischen, sondern in einem spirituellen Sinn. Ich unterhalte mich darüber oft mit meinem Kollegen Robert Palfrader, der glaubt, dass nach dem Tod gar nichts mehr ist. Das glaube ich nicht.

profil: Sind Sie so erzogen worden?
Ofczarek: Mein Vater ist katholisch, meine Mutter ist protestantische Irin. Sie gehört zur anglikanischen Community in Wien. Ich bin protestantisch getauft und habe überhaupt nie Interesse dafür gehabt. Es ist eher die Summe von Erfahrungen, die mich an etwas glauben lässt.

profil: Hat es Sie nie gereizt, einen wilden Brecht zu spielen? So ein Lehrstück mit erhobener Faust?
Ofczarek: In den Achtzigern auf der Schauspielschule haben wir „Furcht und Elend im Dritten Reich“ gespielt. Ein ziemlich gutes Stück. Aber im Moment scheint Brecht nicht en vogue zu sein, dabei wäre gerade wieder einmal die richtige Zeit für dieses Stück.

profil: Ist das politische Theater aus der Mode gekommen?
Ofczarek: Im Prinzip ist zum Beispiel Schnitzlers „Professor Bernhardi“, den wir gerade in einer hervorragenden Inszenierung von Dieter Giesing am Burg­theater spielen, hochpolitisch. Der Abend zeigt Machtmechanismen auf, ohne zu werten. Die Wertung liegt beim Publikum. Brecht wertet selbst.

profil: Haben Sie während des Spielens Zeit, ins Publikum zu schauen und zu sehen, wie es reagiert?
Ofczarek: Ab und zu sieht man ein bisschen was, aber man sollte mit der Konzentration eher beim Bühnenpartner sein. Man sieht jedenfalls, wenn in den ersten Reihen zuweilen jemand einnickt. Die Stimmung des Publikums spürt man in den ersten Sekunden. Man spielt die gleiche Vorstellung an zwei auf­einanderfolgenden Tagen und merkt sofort: Die Grund­stimmung ist eine andere. Das ist ein unwägbarer Vorgang, ich weiß immer noch nicht, wovon das abhängt.

profil: Sie haben einmal gesagt, Sie hätten komischerweise noch nie den Bundeskanzler oder den Bürgermeister im Saal gesehen. Wäre Ihnen das wichtig?
Ofczarek: Ich habe tatsächlich noch nie den Bundeskanzler bei einer Theater- oder Kinopremiere gesehen. Der Bundespräsident geht ganz gerne ins Theater. Aber sonst sieht man sehr wenig bis gar keine Politiker, die interessieren sich offenbar nicht dafür. Natürlich gibt es Ausnahmen wie Alfred Gusenbauer oder Andreas Khol. Aber zum Fußballmatch gehen alle, obwohl ich nicht glaube, dass sich alle für Fußball interessieren. Aber es hat halt eine andere Breitenwirkung. Es besteht offenbar kein großes Interesse der Politik an Kunst und Kultur.

profil: Außer wir bekommen einen Oscar.
Ofczarek: Ja, das ist das typisch Österreichische. Man ist fast versucht zu glauben, die Kulturpolitik meint: Na seht’s, es geht ja eh, ihr kriegt auch mit dem wenigen Geld einen Oscar. Aber dass das eine riesige Chance wäre, für eine Filmindustrie, das wird nicht begriffen. Genauso war es mit Christoph Waltz. Der war auch schon vor dem Oscar ein Weltklasseschauspieler. Aber dann hat man ihn plötzlich vereinnahmt: „Unser Österreicher Christoph Waltz und unser Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky“. Plötzlich sind das alles Vorzeige-Österreicher, aber das Interesse am österreichischen Film fehlt.

profil: Politiker müssen auch ein wenig schauspielern. Spielen sie gut?
Ofczarek: Ich finde nicht. Ich sehe sehr wenige Persönlichkeiten in der Politik. Anscheinend kommt man mit echter Persönlichkeit in der Politik nicht mehr weit, weil zu viele Zugeständnisse zu machen sind. Man sieht den Politikern an, dass ihnen die Berater etwas eingeimpft haben. Aber mangels Persönlichkeit bringt ihnen das nicht viel, und ihr Spiel wirkt einschläfernd.

profil:
Heinz-Christian Strache ist diesbezüglich auch keine Spitzenkraft?
Ofczarek: Er sagt, die Lösung für alles sei: Ausländer raus. Dass das aber nicht die Lösung sein kann, liegt ja wohl auf der Hand. Es werden allerdings von allen Couleurs nur noch Schlagworte gebraucht, nicht nur von Strache. Die Politik ist heutzutage nicht mehr imstande, Inhalte zu vermitteln und zu verfolgen – das macht den Wähler unwissend und bildet den Nährboden für Angstmache und Verhetzung.

profil: Schreckt es Sie, dass Strache vielleicht Kanzler wird?
Ofczarek: Das schreckt mich natürlich. Aber wir sind eine Demokratie, und anscheinend möchte ein Teil der Wähler Strache als Kanzler erleben. Er arbeitet mit Populismus und Angst und trifft offenbar damit bei vielen ins Schwarze. Sollte er Kanzler werden, wird sich schnell zeigen, dass sich das nicht ausgeht. Die FPÖ war ja schon einmal in der Regierung, und es hat nicht funktioniert. Was damals an Korruption und Freunderlwirtschaft passiert ist, kommt erst jetzt ans Licht. Leider scheinen die Leute das schon wieder vergessen zu haben.

profil: Fühlen Sie sich als Europäer?
Ofczarek: Ich war vor sieben Jahren länger in Kanada und habe dort gemerkt: Ich bin Europäer. Dort ist mir aufgefallen, dass mir etwas abgeht. Ich bin kein ständiger Museumsgeher, kein großer Theaterbesucher – dort bin ich sowieso den ganzen Tag. Aber in Kanada haben mir Kultur und Kunst gefehlt, dort habe ich gemerkt, wie lebensnotwendig das für mich ist.

profil: Beunruhigt Sie die Griechenland-Krise?
Ofczarek: Natürlich. Die Nächsten werden möglicherweise die Italiener sein. Die EU ist gerade am Scheitern. Mein Gefühl ist, dass es bald nur noch eine Kern-EU geben wird. Wie alles, was viel zu schnell gewachsen ist, stößt die EU gerade an ihre Grenzen – und das betrifft nicht nur sie. Der Neoliberalismus ist inzwischen überall eingezogen: in der Wirtschaft, im Theater, im Sport. Es geht sich alles nicht mehr aus. Alles ist eine Blase, alles geht viel zu schnell. Die Leute scheitern an sich selbst, die psychischen Erkrankungen sind nicht zufällig so stark gestiegen. Nichts ist mehr greifbar. Also wird es eine Neuordnung geben müssen.

profil: Zurück zur Kunst: Gibt es eine Rolle, die Sie immer spielen wollten und nie spielen durften?
Ofczarek: Ich habe großes Glück, weil ich ein paar Rollen, die ich immer spielen wollte, schon gespielt habe, zum Beispiel Richard III. Es gibt Rollen, die erst auf mich zukommen, weil sie etwas mit dem Alter zu tun haben. Ich möchte gerne einmal den Hofreiter im „Weiten Land“ spielen, aber dazu bin ich noch zu jung. Es gibt ein Fach, das ich nie gespielt habe: den jugendlichen Liebhaber, den Helden. Aber das macht nichts, das sind eh fade Rollen.

profil: In Wien werden drei große Theater von Schauspielern geführt: die Volksoper, die Josefstadt und das Volkstheater. Reizt Sie das nicht?
Ofczarek: Das finde ich gut, aber ich will das nicht machen. Ich habe diesen Machtanspruch nicht.

profil: Herr Direktor Ofczarek klingt doch gut.
Ofczarek: Klingt nett. Das Problem ist nur, man muss als Direktor auch Beschlüsse fassen, die über Existenzen entscheiden können. Nein, das brauche ich nicht.

profil: Und Schauspieler sind ein schwieriges Kollektiv.
Ofczarek: Das ist ja das Problem. Kollektiv kann man gar nicht sagen. Jeder ist auf eine andere Art schwierig.

profil: In Salzburg gibt es das Lokal Triangel, in dem immer eine Speise nach dem jeweiligen Jedermann benannt ist. Welche Speise heißt denn Ofczarek?
Ofczarek: Ich weiß es nicht. Man hat mich gefragt, und mir ist nichts eingefallen. Der Wirt hat dann einfach etwas genommen. War es ein Salat? „Salat Ofczarek“? „Jausenteller Ofczarek“ fände ich auch ganz gut.

Fotos: Monika Saulich für profil