Interview: „In Österreichs Filmszene herrscht überall nur noch Verhinderung“

Die Regisseurin Barbara Albert über politische Naivität, Striptease-Szenen und das Krisenalter 30 plus, über die grassierende Unlust in der Filmbranche und ihre Tragikomödie „fallen“, mit der sie Anfang September im Wettbewerb des Filmfestivals in Venedig antreten wird.

profil: Mit „fallen“, Ihrem dritten Spielfilm, reisen Sie demnächst, wie schon vor sieben Jahren mit Ihrem Debüt „Nordrand“, zum Festival nach Venedig – um dort erneut am Wettbewerb teilzunehmen. Was steht für Sie auf dem Spiel? Worauf hoffen Sie?
Albert: Auf dem Spiel steht einerseits wenig: Auf einen Preis hab ich noch nie zu hoffen gewagt. Allein die Tatsache, im Wettbewerb eines so bedeutenden Festivals zu laufen, ist ja schon ein Gewinn, eine Art Preis: Man wird von der Weltöffentlichkeit wahrgenommen, hat einen – hoffentlich – starken Auftritt. Andererseits birgt eine solche Aufmerksamkeit natürlich immer auch das Risiko, bei der Premiere abzustürzen.
profil: Beim Filmfestival in Locarno Anfang August hatte man Sie in die Jury berufen. Gegen Ende traten Sie überraschend aus: weil Sie am Drehbuch des Schweizer Wettbewerbsbeitrags mitgearbeitet hatten. Hätte Ihnen und den Organisatoren Ihre Befangenheit nicht schon früher auffallen müssen?
Albert: Ist sie ja. Alle wussten lange vorher, woran sie waren. Ich hatte mich mit der Jury und dem Festivaldirektor darauf geeinigt, mich im Fall des Films „Das Fräulein“ natürlich der Stimme zu enthalten. Letztlich wurde das aber eine politische Sache: Die Festivalleitung wurde wegen des vermeintlichen Formfehlers in den Zeitungen so stark attackiert, dass ich es vorzog, mich aus der Jury zurückzuziehen.
profil: „fallen“ handelt von 36 Stunden, die fünf ehemalige Schulfreundinnen miteinander verbringen. Wie passt da der Filmtitel dazu?
Albert: Die Doppeldeutigkeit des Wortes ist gewollt. Wer sich fallen lassen kann, fühlt sich auch frei; aber es geht auch um die Fallen, die einen im Leben erwarten und den Träumen im Weg stehen: die Fallen, in die meine Heldinnen, jede auf ihre Weise, unweigerlich tappen – von der Kleinfamilie bis zur Kriminalität.
profil: Ihr Film verhandelt große Themen und Fragen: das Älterwerden, die Sehnsucht nach Freiheit und Utopie, der Sinn politischen Denkens und Handelns. Hatten Sie keine Angst davor, Ihr Werk zu überfrachten?
Albert: Nach meinem Film „Böse Zellen“, in dem ich mich mit dem Über-Thema Tod auseinandergesetzt hatte, erschienen mir die Themen nun so leicht, dass ich eine Überfrachtung nicht befürchten musste. Ich wollte „fallen“ möglichst schnell herstellen, um die Energie, die ich beim Schreiben hatte, auch beim Inszenieren noch zu spüren.
profil: Was meinen Sie mit „schnell“? Waren das nicht dennoch gute anderthalb Jahre vom Schreiben bis zur Fertigstellung?
Albert: Ungefähr, ja: Im Juli 2004 begann ich die Arbeit am Drehbuch, im März 2006 endete der Feinschnitt. Es hat trotz allem wieder länger als erwartet gedauert, was damit zu tun hatte, dass die Finanzierung zunächst gar nicht so leicht war. Aber 20 Monate sind für die Herstellung eines Films eigentlich nicht lang.
profil: Tatsächlich wirkt „fallen“ drängender, bewegter als Ihre Filme davor.
Albert: Dann bin ich froh. Die Szene in der Morgendämmerung beispielsweise, in der die fünf Frauen über Politik sprechen, war diesbezüglich eine Gratwanderung, die ich aber unbedingt riskieren wollte. Allerdings war ich dabei nicht immer sicher: Noch in der Drehnacht hab ich den Text geändert.
profil: Die Diskussion, die Ihre Heldinnen da führen, klingt politisch naiv, aber sie passt ins Bild der Charaktere.
Albert: Anders ginge das nicht. Die sind alle übermüdet und wollen aus dieser übernächtigen, alkoholisierten Stimmung heraus noch über Politik reden, aber wie sie das tun, zeigt, wie wenig sie sich wirklich damit auseinandersetzen.
profil: Sie klingen wie späte Teenager. Das ist ein Thema des Films: dass man sich mit knapp über 30, aus Angst vor dem Älterwerden, plötzlich besonders jugendlich benehmen will. Sehen Sie 30 als ein Krisenalter?
Albert: Die Marke 30 ist schon ein Wendepunkt. Als Autorin habe ich mich gefragt: Können meine Figuren es schaffen, noch einmal anzufangen? Sie sind alle in ihre Existenzen verstrickt, gefangen in ihren Gewohnheiten, sie sitzen fest. Ich wollte zeigen, dass da dennoch etwas Neues beginnen kann. Aber das Teenagerhafte, Kindliche ergibt sich auch aus dem Déjà-vu dieser Wiederbegegnung.
profil: Das ist doch auch ein Phänomen unserer Zeit: Das Erwachsenwerden wird systematisch vertagt.
Albert: Klar: Niemand will älter werden, wir alle nicht. Ich denke aber, dass dieser Jugendkult bald enden wird, wenn wir wirklich kapiert haben werden, vor welche Probleme uns eine derart überalterte Gesellschaft stellt.
profil: Man könnte meinen, Ihr Film sei als Komödie geplant.
Albert: Wirkt er denn lustig?
profil: Manchmal sehr.
Albert: Finde ich auch, aber ich habe gelernt, mich da nicht zum Gradmesser zu machen. Ich fand ja auch „Nordrand“ und „Böse Zellen“ stellenweise sehr amüsant. Das sah sonst kaum jemand so.
profil: Man wird auch „fallen“ fairerweise eine Tragikomödie nennen müssen.
Albert: Vielleicht. Ich fand meine beiden anderen Filme, ehrlich gesagt, noch lustiger, aber auch deshalb, weil sie einen fieseren Humor hatten.
profil: Für Ihre Verhältnisse ist „fallen“ fast demonstrativ optimistisch geraten.
Albert: Mag sein. Vermutlich wollte ich noch einmal etwas halbwegs Positives inszenieren vor meinen beiden nächsten Filmen, die – glaube ich – sehr heftig werden.
profil: Heftig? In welchem Sinn?
Albert: In beiden Filmen werden dunklere Themen zum Einsatz kommen, Motive wie Tod und Gewalt wieder verstärkt im Spiel sein.
profil: Eines der beiden Projekte, hört man, wird in Amerika entstehen?
Albert: Ja, eine Low-Budget-Produktion, ein Independentfilm: Ich wurde gemeinsam mit Filmemachern wie Jia Zhangke, Fruit Chan und Hany Abu-Assad gebeten, einen Beitrag für die geplante US-Filmreihe „The American Dream“ zu inszenieren. Ich werde dabei unter anderem von einem gewalttätigen Jugendlichen erzählen.
profil: Der andere geplante Film wird eine große Euro-Koproduktion?
Albert: Ja, mit drei bekannten europäischen Schauspielern, die ich aber noch nicht nennen will, da bin ich abergläubisch. Der Film wird jedenfalls zum Teil auf Englisch gedreht werden.
profil: „fallen“ ist eine Hommage an Ihre fünf Hauptdarstellerinnen. Wie viel Persönliches ist in diese Porträts eingeflossen?
Albert: Ich hab gleich im ersten Gespräch mit meinen Schauspielerinnen festgehalten, dass sie ihre Figuren bitte nicht mit sich selbst verwechseln sollten. Ich hab die Rollen zwar für sie, aber nicht ihnen auf den Leib geschrieben. Auch wenn es ein paar Eigenheiten gibt, die ich unbedingt erhalten wollte: Nina Prolls Lachen beispielsweise, das ich so sehr mag. Oder Birgit Minichmayrs Strenge: Sie war in Antonin Svobodas Film „Spiele Leben“ sehr wild, sehr exzessiv gewesen, dem wollte ich ein introvertiertes, geheimnisvolleres Bild entgegensetzen. Manche meiner Darstellerinnen wollte ich eher gegen den Strich besetzen, bei anderen bestimmte Fähigkeiten nutzen: Ursula Strauss etwa, das wusste ich, würde eine Szene wie den Striptease hinkriegen und völlig natürlich über die Bühne bringen.
profil: Ihre Erzählung wird immer wieder von kurzen assoziativen Fotoserien unterbrochen. Wie kam es zu diesem strukturellen Element?
Albert: Für mich ist „fallen“ ein Spiel mit den Schichten der Zeit, ein Film über das Ineinanderfließen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Fotos zeigen die Zukunft, sie weisen voraus, während die Lieder, die dazu zu hören sind, aus der gemeinsamen Vergangenheit, der Schulzeit der Mädchen, stammen.
profil: Nebenbei bietet Ihr Film auch eine kritische Bestandsaufnahme des spezifisch österreichischen Provinzialismus.
Albert: Ich klappere in „fallen“ viele Stationen ab, die meine Filme während der letzten zehn Jahre geprägt haben: die Provinz-Disko, das ländliche Österreich, der weibliche Blick auf den Alltag. In gewisser Weise sehe ich den Film, was seine Themen betrifft, aber auch als Abschluss. Es gibt in Österreich eine gewisse Enge, die ich beklemmend finde, auch im Filmschaffen. Ich spüre da immer mehr das Verlangen auszubrechen: Darum geht es auch in meinem Film – ums Ausbrechen.
profil: Seit 1999 produzieren Sie als Co-Chefin des Unternehmens Coop99 auch die Filme anderer. Wie hat sich Ihr Leben in den letzten Jahren durch diese Doppelbelastung verändert?
Albert: Ich muss zugeben, dass ich mich danach sehne, mich künftig wenigstens eine Zeit lang wieder aufs Schreiben und Regieführen zu konzentrieren. Man kann nicht intensiv inhaltlich arbeiten und nebenbei aufwändige Koproduktionen wie „Grbavica“ abwickeln. Ich glaube, auf Dauer muss ich mich für eines entscheiden: Entweder ich schreibe und drehe Filme – oder ich produziere sie.
profil: Das heißt, Sie werden sich langfristig gegen das Produzieren entscheiden?
Albert: Nein, das heißt es nicht. Aber ich werde versuchen, meine Filmarbeit und das Produzieren doch besser voneinander zu trennen, mich zum Schreiben und Drehen wirklich zurückziehen.
profil: Wie hat sich das Filmemachen in Österreich denn seit 1999, dem Jahr Ihres Durchbruchs mit „Nordrand“, verändert? Ist es schwieriger, unangenehmer in der Branche geworden?
Albert: Ich empfinde das so, ja. 1999 hab ich eine Euphorie gespürt, den Willen, so etwas wie ein Filmland zu werden. Heute, da Österreich dies ist oder sein könnte, herrscht in der Kinoszene überall nur noch Verhinderung. Einige der Produzenten arbeiten lieber gegen- statt miteinander und haben offenbar kein Interesse mehr daran, Lust auf den österreichischen Film zu machen. Stattdessen gibt es Diskussionen über zu wenig Publikum und populärere Filme.
profil: Vielleicht haben Sie in der Zwischenzeit nur den romantischen Blick auf die Filmszene eingebüßt.
Albert: Natürlich bin ich heute erfahrener als 1999, und ich sehe auch, dass die Euphorie noch nicht ganz verschwunden ist; aber der kulturpolitische Kampf, der ums österreichische Kino tobt, ist so stark, dass sich der Druck im Arbeitsalltag auszuwirken beginnt. Man muss als Künstlerin heute viel politischer denken und agieren als noch vor ein paar Jahren. Die Abhängigkeit von den Förderstellen, die selbst so sehr auf die Politik angewiesen sind, ist viel deutlicher geworden. Das Problem ist offensichtlich: Dänemark hat vor Jahren, als sich der Erfolg des dänischen Kinos eingestellt hat, Geld in die Filmbranche zu investieren begonnen. Von mehr kommt mehr: Das hat sich ausgezahlt. Bei uns ist nichts dergleichen passiert.
profil: Aber das Seltsame ist doch, dass der internationale Erfolg heimischer Filme bei erhöhtem Druck und schwindenden Budgets nachweislich nicht geringer wird. Reagieren Österreichs Filmemacher auf Existenzangst mit Mehrleistung?
Albert: Glaube ich nicht. Filmemachen ist ein Prozess mit enormer Vorlaufzeit, sodass die negativen Auswirkungen verfehlter Filmpolitik wohl erst in den nächsten Jahren sichtbar werden. Die Arbeit von Regietalenten, in die in den letzten Jahren investiert wurde und die mit ihren ersten Filmen international erfolgreich waren, ist derzeit stark gefährdet; eine Regisseurin wie Ruth Mader wird systematisch an ihrer Entwicklung gehindert – um nur ein Beispiel zu nennen. Natürlich: Für einige wenige wird das Geld auch hier reichen, und es werden wohl auch in Zukunft einzelne wahrnehmbare Kinoerfolge möglich sein. Aber das Fatale daran ist, dass sich die Politik stets auf genau diese paar Erfolge ausredet – statt in eine breitere kreative Basis zu investieren. Drei oder vier Leute tragen die Filmwirtschaft nicht.
profil: Eine Aktion namens „Ziel : Publikum“, initiiert von drei Wiener Produzenten, will nun die „Zuschauerfreundlichkeit“ des hiesigen Kinos erhöhen: als wollten das nicht alle anderen auch.
Albert: Diese Kampagne impliziert, es gäbe unter Österreichs Filmproduzenten eine Fraktion, die wüsste, wie man mehr Publikum erreichen kann. Maßnahmen wie diese treiben die Spaltung voran. Ich bin schon seit Jahren der Meinung, dass wir eine Arbeitsgemeinschaft gründen sollten, um das Image des heimischen Films zu verbessern.
profil: Im Abspann Ihres Films richten Sie Dank an „die bösen und die guten Zellen“, aber auch an „den Zufall“, „die Vespa“ und „die ungarischen Pferde“. Was heißt das?
Albert: Das sind nur kleine private Anspielungen: Vor zwei Jahren, nach „Böse Zellen“, hab ich eine Vespa gekauft – und mir damit selbst gewissermaßen Bewegung verordnet. Das hat auch auf den Film abgefärbt.
profil: Und der Zufall hilft beim Filmemachen sowieso immer.
Albert: Stimmt – und „Böse Zellen“ war ja thematisch ganz stark am Zufall orientiert.
profil: Bleiben nur die ungarischen Pferde.
Albert: Während der Vorbereitung des Films bin ich mit Gabriela Hegedüs, einer meiner Schauspielerinnen, in einem Moment, da es mir gerade nicht so gut ging, nach Ungarn gefahren, wo sie reiten lernen sollte für eine damals noch geplante Cowgirl-Traumsequenz. Als wir auf diesen ungarischen Pferden durch die Landschaft ritten, war das so schön, dass ich eben das dringende Bedürfnis hatte, mich dafür in aller Form zu bedanken.

Interview: Stefan Grissemann