Interview mit dem Journalisten & Schauspieler Thaddäus Podgorski

Mit seinem echten Vornamen spricht ihn fast niemand an: Thaddäus Podgorski war immer der „Teddy“ und wird es wohl auch jenseits seines 70. Geburtstags bleiben. Im Österreichischen Rundfunk brachte es der Sohn polnischstämmiger Eltern vom einfachen Reporter bis zum Chef des Hauses. Er erfand den Sendungstitel „Zeit im Bild“ und Formate wie die „Seitenblicke“. Von 1986 bis 1990 war Podgorski ORF-Generalintendant. Als ihn das Kuratorium nicht wiederbestellte, verließ er den Rundfunk und arbeitet seither als Schauspieler und Regisseur an verschiedenen Wiener Theatern.

profil: Herr Podgorski, das ist der erste Sommer, den Sie ganz am Mondsee verbringen, zwei Monate lang. Fehlt Ihnen was?
Podgorski: Noch nicht. Aber schön langsam wird’s mich dann wieder in die Stadt ziehen. Ich habe eigentlich fast jeden Sommer hier verbracht, aber oft den Urlaub unterbrochen, weil ich auch gespielt habe. Das mache ich heuer nicht.
profil: Sie sind ja keine Diva ...
Podgorski: ... naja ...
profil: ... deshalb kann man auch sagen, dass Sie vor einigen Wochen Ihren 70. Geburtstag gefeiert haben. Ein Einschnitt?
Podgorski: Ich glaube schon. Mit 70 hat man irgendwie das Gefühl, sich nicht mehr jung fühlen zu dürfen. Man müsste die unrunden Geburtstage feiern und die runden auslassen. Bei den runden steht danach immer so eine hässliche neue Zahl davor.
profil: Sie arbeiten ja weiter. Im Oktober führen Sie Regie bei „Ein seltsames Paar“ in den Kammerspielen. Wen würden Sie denn darstellen, würden Sie mitspielen?
Podgorski: Eindeutig den Sportreporter, der im Film von Walter Matthau gespielt wurde. Ich glaube, ich kann den Pedanten nicht einmal spielen, so schlampig bin ich.
profil: In letzter Zeit geben Sie ja gerne Gestapo-Beamte oder ähnliche Gestalten.
Podgorski: Die Unsympathischen sind die dankbarsten Rollen, da reduziert sich wirklich alles auf die Schauspielerei. Man kommt nicht in Gefahr, um Sympathien zu buhlen. In der Volksoper, wo ich einen Gauleiter spiele, hat mir nach der Vorstellung eine ältere Dame gesagt: Sie müssen ein Nazi sein, weil so kann man das sonst nicht spielen. Habe ich gesagt: Küss die Hand, gnädige Frau, das war jetzt ein sehr schönes Kompliment.
profil: Was war eigentlich der beste Job, den Sie gehabt haben? Radiosprecher, Fernsehreporter, ORF-Sportchef, Intendant, Generalintendant, Regisseur, Schauspieler?
Podgorski: Alles, was ich gemacht habe, hat mir zum jeweiligen Zeitpunkt sehr gut gefallen. Aber ich ziehe Tätigkeiten vor, bei denen man gestalterisch tätig ist. Da ist natürlich das Theater wunderbar.
profil: Und was war Ihr schlimmster Job? Ich tippe: Generalintendant des ORF.
Podgorski: Nein, das war nur in der Endphase schlimm, vor der Nicht-Wiederbestellung. Die Kuratoren erwarten, dass man sich vor ihnen niederkniet, damit man wiedergewählt wird. Ich habe diese Ochsentour nicht gemacht, weil ich gar nicht so großen Wert darauf gelegt habe, unter diesen Voraussetzungen wiedergewählt zu werden. Ich hatte damals ja gewagt zu verlangen, was im Gesetz steht, nämlich dass ich als gewählter Generalintendant die Intendanten und Direktoren vorschlagen kann. Aber das wollten natürlich die Parteien untereinander auspackeln.
profil: Ziemlich genau vor 16 Jahren habe ich gemeinsam mit Peter Rabl in Salzburg ein Interview mit Ihnen gemacht. Ihre zentrale Aussage war: Politiker raus aus dem ORF-Kuratorium! Wenige Monate später waren die Politiker immer noch im ORF, aber Sie waren draußen.
Podgorski: Ich habe auch gewusst, dass das so ausgehen wird. Da zieht man den Kürzeren. Aber man kann es ja probieren. Das vorletzte Interview als Generalintendant habe ich auch dem profil gegeben und gesagt: Die Strukturen im ORF gehören zerschlagen. Da sind dann die Betriebsräte über mich hergefallen. Weil Strukturveränderung ja die Betriebsratsmacht infrage stellt.
profil: Haben Sie je einen Politiker getroffen, der Verständnis für die Medien hatte?
Podgorski: Nicht wirklich. Ein gewisses Interesse stellt man schon fest, weil im Politikerhinterkopf ja immer die Macht des Mediums präsent ist. Aber jemanden, der sich über die Probleme der Medien den Kopf zerbrochen hat, habe ich nie kennen gelernt. Fred Sinowatz war noch am ehesten einer, der das getan hat. Politiker wollen in den Medien vorkommen. Alles andere interessiert sie herzlich wenig.
profil: Umgekehrt gefragt: Kennen Sie einen Journalisten, der als Politiker wirklich gut war?
Podgorski: Helmut Zilk hat das in seiner Art sehr gut gemacht. Er neigte ja von Haus aus dazu, sich selbst darzustellen. Wahrscheinlich tun wir das alle, ich sicher auch. Aber bei ihm hat sich das am besten gefügt.
profil: Zilk hat kürzlich in einem Leserbrief an den „Kurier“ gemeint, Sie hätten in Ihrem Erinnerungsbuch nicht so hart mit Gerd Bacher ins Gericht gehen dürfen. Immerhin habe der den Rundfunk aus der Parteienumklammerung gelöst.
Podgorski: Ich anerkenne das durchaus. Diese Informationsexplosion, wie sie damals von Bacher selbst genannt wurde, war eine großartige Sache. Ich will sein Werk nicht schmälern. Nur erinnere ich mich an verschiedene Dinge, die auch angemerkt werden müssen.
profil: Haben Sie weltanschauliche Klüfte von Bacher getrennt?
Podgorski: Weltanschaulich ist zu viel gesagt. Wir waren einfach von der Mentalität her verschieden. Ich bin nicht so autoritär wie er, und ich neige dazu, vieles zu ironisieren, auch mich selbst. Bacher vertrug es überhaupt nicht, wenn man über eines seiner großartigen Projekte eine ironische Bemerkung machte. Ich habe außerdem immer delegiert, er hat die Macht gern zentralistisch ausgeübt. Aber wir sind einander in vielem auch sehr ähnlich. Wenn wir nicht im ORF gewesen wären, hätten wir sicher ein sehr witziges Verhältnis gehabt.
profil: Beide kritisieren Sie am zeitgenössischen Fernsehen die Quotensucht. Aber die Generalintendanten Bacher und Podgorski standen mit ihrem ORF noch nicht im knochenharten Konkurrenzkampf von heute.
Podgorski: Ich hab damals auch schon auf die Quote schauen müssen, wenn auch nicht in diesem Ausmaß. Aber es ist doch nicht vermessen zu fordern, dass es in Österreich ein gutes öffentlich-rechtliches Programm geben soll. Ich sage ja nicht, dass dauernd Opernübertragungen laufen müssen, aber das Programm sollte wenigstens ein bisschen Anspruch haben. Der ORF versucht eine Zwitterstellung: Einerseits macht er ein paar öffentlich-rechtliche Feigenblatt-Sendungen, hechelt den Rest der Zeit aber den Privaten hinterher und hofft dabei nicht erwischt zu werden.
profil: Weil sinkende Quoten eben auch sinkende Werbeerlöse bedeuten.
Podgorski: Das müsste die Politik lösen. Ständig im Fernsehen vorkommen wollen, aber dann den ORF auf den Strich schicken und zu sagen: „Schauts, wie ihr zu eurem Geld kommt“ – das geht nicht. Von den Rundfunkgebühren geht ein Drittel an Abgaben weg – das sieht der ORF gar nicht. Und dass man dort gute Leute braucht, ist klar.
profil: Verfolgen Sie das aktuelle politische Tagesgeschehen?
Podgorski: Mehr als früher. Die wirkliche politische Auseinandersetzung wird ja verdrängt. Die findet in der Kunst statt, zum Beispiel im Theater. Vielleicht kommt wieder eine große Koalition, dann haben wir überhaupt keine Opposition mehr. Nicht, dass ich dem Jörg Haider nachweine, aber Alexander Van der Bellen kriegt auch schon einen alten Bart und wird immer müder in seinen Zwischenrufen.
profil: Glauben Sie, dass aus Haiders BZÖ noch etwas wird?
Podgorski: Ich hoffe nicht, aber da ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Nein, ich glaube nicht, dass das noch einmal hochzukriegen ist. Haider bröckelt jetzt alles weg.
profil: Hatten Sie schon einmal mit Bundeskanzler Wolfgang Schüssel zu tun?
Podgorski: Wenig. Zuletzt hatte ich ein Gespräch mit ihm, als er noch Wirtschaftsminister war und ich Generalintendant.
profil: Welchen Eindruck macht er im Fernsehen auf Sie?
Podgorski: Vor allem fällt mir auf, dass ich ihn dort für meinen Geschmack zu oft sehe. Er kündigt aber auch sehr viel an. Jetzt wird der soziale Aspekt in der EU ein bisschen mehr herausgestellt, weil die europäische Verfassung eine Abfuhr gekriegt hat. Plötzlich fiel Schüssel diese Idee mit Besteuerung von Spekulationsgewinnen ein, für die er sich in der EU stark machen will. Aber was heißt, er wird sich dafür stark machen in der EU? Gar nichts wird sein. Er springt halt wieder einmal auf einen Zug auf.
profil: In spätestens einem Jahr wird es zu einem Duell Wolfgang Schüssel gegen Alfred Gusenbauer kommen. Wer wird denn Ihrer Meinung nach die Nase vorne haben?
Podgorski: Schwer zu sagen. Ich weiß, zu wem ich halten werde, aber bei der SPÖ hat man immer den Eindruck, sie scheue im letzten Moment vor der Verantwortung zurück. Trotzdem muss man die Zähne zusammenbeißen und hoffen, dass Gusenbauer gut abschneidet.
profil: Einige in der SPÖ meinen, es wäre nicht schlecht, wenn Gerhard Zeiler, ebenfalls eine Zeit lang ORF-Generalintendant und jetzt Chef der RTL-Gruppe, den Job des Spitzenkandidaten übernehmen würde. Glauben Sie, dass er das könnte?
Podgorski: Franz Vranitzky ist aus einer Bank gekommen. Ich kenne Gerhard Zeiler als einen politisch denkenden Menschen. Warum sollte er das also nicht so gut können wie der Herr Vranitzky?
profil: Würden Sie es ihm raten?
Podgorski: Raten würde ich es ihm nicht. So etwas kann man niemandem raten, jedenfalls nicht einem Freund.
profil: Weil Politik ein gnadenloser Job ist?
Podgorski: Ja. Ich glaube aber ohnehin nicht, dass er es machen würde. Andererseits: Zeiler ist ehrgeizig. Man sollte ihn nicht ganz aus den Augen verlieren.
profil: Wie sieht denn Ihre Wunschregierung aus?
Podgorski: Von mir aus könnte die Regierung ruhig rot-grün sein.
profil: Davor fürchten sich viele.
Podgorski: Weil noch das Gespenst aus Deutschland herüberschaut. Schwarz-Grün stelle ich mir weit ärger vor.
profil: Warum?
Podgorski: Weil Schüssel die Grünen sicher noch mehr über den Tisch ziehen würde als seine jetzigen Koalitionspartner. Das wäre ein ständiger Wirbel, und weitergehen würde nichts.
profil: Sie waren viele Jahre Sportchef des ORF. Als Beobachter hat man oft den Eindruck, dass der österreichische Sportjournalismus viel patriotischer ist als etwa der deutsche. Ist das so?
Podgorski: Ich finde, dass gerade die Deutschen sehr chauvinistisch sind. Bei uns wirkt alles ein wenig emotionaler und manchmal auch provinzieller. Aber es stimmt schon: Es werden die oft lächerlichsten Anlässe gesucht, um jemanden zu vereinnahmen. Die Südtiroler sind natürlich eigentlich Österreicher. Und wenn bei einem Formel-1-Auto die linke Hinterachse von einem österreichischen Mechaniker gebaut wurde, dann sollen wir für die linke Hinterachse die Daumen halten. Das sind halt Versuche, das Interesse des Zuschauers für diese Übertragung zu gewinnen. Viele Sportarten werden ja nur dann attraktiv, wenn ein Österreicher vorne ist. Als wir den Judo-Weltmeister stellten, hat ganz Österreich bei Judo-Übertragungen mitgefiebert, obwohl man bei Judo-Übertragungen nun wirklich nichts zu sehen bekommt, was von Interesse ist.
profil: Sie haben den wichtigsten und interessantesten Medienjob des Landes gehabt. Jetzt sind Sie Schauspieler und begnügen sich oft mit Nebenrollen ...
Podgorski: ... nur mit Nebenrollen, das sind oft die besten.
profil: Was treibt einen da eigentlich noch? Die Spitze haben Sie ja schon gehabt.
Podgorski: Ein gewisser theatralischer Aspekt war immer meine Stärke bei verschiedenen Fernsehsendungen, etwa bei „Panorama“ oder bei „Seinerzeit“. Ich habe beim Theater begonnen und höre dort auf. Aber man kann nicht nach 35 Jahren Pause die Hauptrollen spielen.
profil: Hatten Sie nie Angst, dass dieser Hang zum Bunten, etwa Ihre Freundschaft mit Udo Proksch, den Job in Mitleidenschaft zieht?
Podgorski: Das hatte ja nichts mit meinem Job zu tun. Ich habe den Udo als Student kennen gelernt und war mit ihm befreundet. Viele andere sind dann mit ihm noch viel besser befreundet gewesen als ich. Aber ich habe ihn halt lange gekannt. Warum sollte ich mit ihm nicht verkehren? Er war ein sehr sympathischer und amüsanter Mensch.
profil: Nicht immer, offenbar.
Podgorski: Ich habe ihn nur so kennen gelernt.
profil: Hat man Ihnen in Ihrer langen Laufbahn je gesagt: Teddy, brems dich ein bisschen ein, du bist jetzt ein Mann der Nomenklatura.
Podgorski: Nein. Und ich fände das auch wirklich abscheulich. Warum soll sich ein Mensch ändern, nur weil er eine andere Funktion kiegt? Das ist doch eine Heuchelei. Gerd Bacher war mit dem Filmhändler Leo Kirch oft in der Ägäis auf Segeltörn. Passt das zu dem Job?
profil: Denken Sie noch an die harten Jahre in der ORF-Chefetage, oder haben Sie die verdrängt?
Podgorski: Ich denke gerne daran. Es war ja manchmal auch sehr lustig.
profil: Was würden Sie heute anders machen, wenn Sie noch einmal in solche Ämter kämen?
Podgorski: Unter den Voraussetzungen, unter denen ich als Generalintendant angetreten bin, würde ich es heute nicht mehr machen. Ich habe es wirklich nur auf Bitten von Fred Sinowatz gemacht und mich nicht darum gedrängt. Ich habe geglaubt, ich würde schon etwas verändern können. Aber das geht nicht. Ich habe die politische Starrheit in diesem Unternehmen unterschätzt.
profil: Sie haben einmal in einem Fernsehportät auf die Frage nach Ihrem Lebenstraum gesagt: Ich hätt gerne ein Hausboot auf der Seine. Haben Sie schon eines?
Podgorski: Nein. Das habe ich in Paris gesagt, wo das Interview stattgefunden hat. Die Gestalterin der Sendung hat mich gefragt, was mein Herzenswunsch wäre. Mir ist nichts eingefallen, und es ist gerade ein Hausboot vorbeigefahren. Hab ich also gesagt: ein Hausboot. Aber warum nicht? Wenn man mich wieder an die Oper von Paris engagiert, dann wär mir ein Hausboot schon recht.

Interview: Herbert Lackner