Interview: „Keine biologische Jungfräulichkeit“

Bibelwissenschafter Roman Kühschelm über Jesu Geburt, seinen Geburtsort und die jungfräuliche Empfängnis. Roman Kühschelm ist Professor für neutestamentliche Bibelwissenschaft an der katholischen Fakultät der Universität Wien.

profil: Gibt die Bibel exakt Auskunft über Geburtsjahr und Geburtstag Jesu?
Kühschelm: Wann die Geburt genau anzusetzen ist, darüber schweigt die Bibel. Weder die Texte von Matthäus noch Lukas, welche die Weihnachtsgeschichte beschreiben, geben da genau Auskunft. Der Text von Matthäus beruft sich auf einen Stern, der die Magier aus dem Osten herbeiführt. Da gibt es verschiedene Identifizierungsversuche, wie etwa eine Sternkonjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische, die zirka 7 v. Chr. gewesen ist. Aber der Stern ist in dem Text wohl eher als Symbolstern gemeint. Und bei Lukas gibt es diese Schwierigkeit mit der von ihm angesprochenen reichsweiten Steuererhebung. Die hat es damals, in der in Frage kommenden Zeit, sicherlich nicht gegeben.
profil: Kann man aus bibelwissenschaftlicher Sicht den Geburtsort von Jesus identifizieren?
Kühschelm: Historisch betrachtet ist Nazareth vorzuziehen. Allerdings haben wir bei Matthäus und bei Lukas unabhängig voneinander schon eine alte Tradition in den Texten verarbeitet, die von Bethlehem spricht. Bethlehem ist dennoch ein theologischer Topos. Im Alten Testament steht: Der Messias wird wie König David aus Bethlehem kommen.
profil: Es gibt frühe nichtchristliche Texte, die spöttelnd darüber sprechen, dass Maria Ehebruch begangen haben soll und dass deshalb in den Evangelien eine jungfräuliche Empfängnis als Schutzbehauptung aufgestellt worden sei.
Kühschelm: Es gibt Texte, die stark in diese Richtung polemisieren. Diese stammen aber alle aus wesentlich späterer Zeit als die Evangelien, so um 200 nach Jesu Geburt. Dort wird Maria vorgeworfen, sie habe sich mit einem römischen Legionär eingelassen. Darum heißt Jesus darin auch Jeschudu Ben Panthera, Sohn einer Wildkatze oder Hure. Das wurde in polemischer Verkehrung aus der jungfräulichen Empfängnis, die in den Evangelien beschrieben wurde, herausgelesen.
profil: Wie interpretieren Sie als Bibelwissenschafter die jungfräuliche Empfängnis heute?
Kühschelm: Über biologische Dinge spricht die Bibel sicherlich nicht. Die Texte berufen sich auf den Propheten Jesaja, Kapitel sieben, Vers 14, der in der griechischen Übersetzung des Alten Testamentes von „Die Jungfrau wird empfangen“ spricht. Im Hebräischen heißt es noch, eine „junge Frau“ wird empfangen. Ich meine schon, dass Matthäus gemeint hat, dass es eine Jungfrau war, aber das hat er sicherlich nicht im biologischen Sinn verstanden. Jungfräulichkeit heißt primär, dass Maria ganz offen war für den Anruf Gottes