Interview: „Keinerlei sexuelle Motivation“

Thomas Müller, international gefragter Kriminalpsychologe und Profiler, über die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Serienkillern, die Motive Aileen Wuornos’ und die Rationalität des Serienmords. Thomas Müller, 39 Der gebürtige Innsbrucker ist der führende Kriminalpsychologe und Profiler Europas. Nach seiner Ausbildung an der FBI-Akademie in Quantico begann Müller, den Kriminalpsychologischen Dienst des Innenministeriums einzurichten. Seine Analysen trugen 1997 maßgeblich zur Verhaftung des Briefbomben-Attentäters Franz Fuchs bei.

profil: Alle Statistiken sagen uns, dass nur ein Bruchteil aller Serienmörder weiblich ist. Was ist der Grund dafür?
Müller: Der inhaltliche Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Serienmördern ist grundsätzlich ein zweifacher. Erstens liegt er in der Anzahl und zweitens in der Auswahl der Opfer. Männliche Serienmörder töten in der Regel Leute, die sie nicht kennen, wohingegen Serienmörderinnen in den meisten Fällen Menschen umbringen,
die ihnen nahe stehen. Außerdem töten männliche Serienmörder grundsätzlich, oder zumindest in den meisten Fällen, aus einem sexuellen Motiv heraus, während Frauen ausschließlich aus einer Bereicherungshandlung oder einem persönlichen Grund töten.
profil: Diese Tatsache spiegelt sich auch in dem Film „Monster“ wider.
Müller: Ja, sämtliche Tötungsdelikte von Aileen Wuornos sind so genannte „criminal enterprise homicides“, also Tötungsdelikte, die mit einer finanziellen Bereicherung verbunden sind – wobei
in Wuornos’ Fall auch die persönliche Komponente hinzukommt. Eine sexuelle Motivation liegt im Fall Wuornos jedoch keineswegs vor. Es gibt meines Wissens nach auch gar keine Serienmörderin, die aus sexuellen Motiven mehr als drei Menschen umgebracht hat.
profil: Aber Wuornos war doch keine reine Raubmörderin.
Müller: Nein. Bei Aileen Wuornos ist der Umstand entscheidend, dass sie die Prostitution zwar ausgeführt hat, selbst aber von ihrer sexuellen Präferenz her lesbisch war. Darüber hinaus war der Umstand, dass sie sich gedemütigt gefühlt hat, letztlich der ausschlaggebende Grund. Sie hat sich gesagt: „Wenn ich die Leute umbringe, muss ich mich nicht prostituieren, um an das Geld heranzukommen.“
profil: Der Fall Wuornos scheint auch insofern eine Ausnahme zu sein, als hier vergleichsweise gewalttätig gemordet wurde – und nicht etwa mit Gift, der bevorzugten Tötungsart von Serienmörderinnen.
Müller: Bei Serienmördern ist die Wahl der Tötungsart niemals zufällig. Es besteht immer ein Zusammenhang zwischen der Auswahl der Opfer und der Auswahl der Tötungsart. Die Auswahl des Opfers ist kriminalpsychologisch deshalb wichtig, weil diese Entscheidung erstens frei wählbar ist und weil sie schon eine Aussage über die Motivlage des Täters zulässt. Die zweite Kernentscheidung, die ich als Mörder treffen muss, ist: „Wie bringe ich die Person um?“ Heute wissen wir, dass diese beiden Entscheidungen miteinander in Verbindung stehen. Da gibt es keinen Zufall.
profil: Wie sehr gehen Serienmörder bei derartigen Entscheidungen rational vor, und welche Rolle spielen Affekthandlungen?
Müller: Wenn Sie ein einzelnes Tötungsdelikt betrachten, gibt es zweifelsohne Affekthandlungen. Sobald es aber drei Opfer gibt und zwischen den einzelnen Delikten eine Abkühlungsphase besteht, können Sie sehr schwer mit einem Affekt argumentieren. Diese Person hat ja aufgrund ihrer früheren Handlungen und deren Konsequenzen gelernt, was dann passiert. Nämlich, dass sich der andere nicht mehr rührt und eben tot ist. Also wird es bei steigender Anzahl der Opfer immer schwieriger, mit Affekten zu argumentieren, auch wenn es seitens der Verteidigung in Gerichtsverfahren immer wieder versucht wird.
profil: Oft wird dabei auch, insbesondere bei Giftmorden wie jenen in Lainz, das „Münchhausen by proxy“-Syndrom ins Spiel gebracht – eine psychische Störung, die den Täter dazu treibt, anderen Schaden zuzufügen, um Aufmerksamkeit zu erregen.
Müller: Das stimmt. Aber ich muss nochmals ganz klar betonen, dass eine Affekthandlung bei Serienmor-den mit hohen Opferzahlen nicht mehr gegeben ist. Das so genannte „Münchhausen by proxy“-Syndrom ist ein psychopathologischer Begriff für einen Sachverhalt, der sehr häufig bei Verletzungen oder Tötungshandlungen an Kindern festzustellen ist: Frauen streben aufgrund ihrer Psychopathologie eine gewisse Form der Aufmerksamkeit an, die sie sonst nicht bekommen, weshalb sie diese Aufmerksamkeit jetzt auf eine Person oder mehrere andere ableiten. Sehr häufig handelt es sich dabei um Kinder. Dabei kann es zu äußerst grotesken Situationen kommen, etwa dass Kinder in Wartezimmern von Krankenhäusern von ihren Müttern gewürgt werden. Diese Mütter rufen dann um Hilfe, um die Aufmerksamkeit des Notarztes auf sich zu ziehen. Das hat aber mit der klassischen Form von Tötungshandlungen nichts mehr zu tun. Denn bei diesem Syndrom geht es ja vor allem darum, Aufmerksamkeit zu erregen und Hilfe zu bekommen, was bei einem abgeschlossenen Mord bekanntlich nicht mehr möglich ist.