Interview: „Komplett unsinnige Vorschläge“

Die grüne Ex-Abgeordnete Monika Langthaler kann sich über den hohen Ölpreis nicht uneingeschränkt freuen, über die Senkung der Körperschaftsteuer hingegen schon.

profil: Sie galten im Parlament als eher pragmatische Grüne mit wenig Berührungsängsten gegenüber der ÖVP. Seit Sie die Politik verlassen haben, um Unternehmerin zu werden, sind Sie wohl noch ein Stück pragmatischer geworden. Manche Ihrer grünen Parteifreunde, die keine Unternehmerkarriere einschlagen wollen, haben demgegenüber ein erheblich fundamentalistischeres Politikverständnis.
Langthaler: Natürlich gibt es auch Politikerinnen und Politiker, die vom realen Leben ein wenig abgehoben sind, weil sie seit vielen Jahren nichts anderes als Politik machen. Gleichzeitig ist es aber auch natürlich, dass politische Vertreterinnen und Vertreter die Überzeugungen, derentwegen sie in die Politik gegangen sind, mit großem Engagement relativ kompromisslos vertreten. Vor allem, wenn sie in der Opposition sind.
profil: Überzeugungen, die bei den Grünen sowohl wirtschafts- wie auch gesellschaftspolitisch meist recht deutlich links der Mitte angesiedelt sind.
Langthaler: Wenn man sich die Geschichte der Grünen ansieht, dann war das immer eine Mischung von Personen, die teilweise aus dem eher linken Spektrum, aber teilweise auch aus dem bürgerlichen Segment gekommen sind.
profil: Sind die österreichischen Grünen tatsächlich regierungsfähig?
Langthaler: Absolut, auf jeden Fall. In Oberösterreich zeigen sie in der dortigen Koalition mit der ÖVP, dass es funktioniert. Das wäre auch auf Bundesebene so.
profil: Sie haben nach Ihrem Ausscheiden aus der Politik ein Unternehmen gegründet und sind ins Lobbying eingestiegen ...
Langthaler: Das ist so nicht richtig. Wir sind keine Lobbying-Agentur. Brainbows bietet in erster Linie Beratung im Bereich der Corporate Social Responsibility, wozu unter anderem die Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten gehört. Wir unterstützen größere Unternehmen dabei, Wege zu finden, wie man die drei Dimensionen Ökologie, Soziales und Ökonomie tatsächlich leben kann. Unser zweiter Tätigkeitsschwerpunkt ist, dass wir uns überlegen, wie die Welt in 15 oder 20 Jahren ausschauen und welche Auswirkungen das haben könnte. Und dieses Know-how vermarkten wir.
profil: Auf Ihrer Homepage preisen Sie allerdings Ihre Lobbying-Aktivitäten und Ihre „langjährigen guten, freundschaftlichen Beziehungen“ zu Politik, Interessenvertretungen und Medien an und verweisen auf Ihr „inniges, stetig wachsendes Beziehungsnetzwerk“.
Langthaler: Wir bieten den Unternehmen unsere Unterstützung auch dann an, wenn es mit wichtigen Stakeholdern Probleme gibt. In diesem Sinne betreiben wir Lobbying. Sei das, dass wir für Unternehmen Round Tables mit betroffenen Anrainern organisieren oder mit Vertretern aus der Politik oder aus dem Bereich nichtstaatlicher Organisationen. Aber wir sind keine klassische Lobbying-Agentur.
profil: Sie beraten sowohl die Telekom Austria als auch das Land Niederösterreich. Ist die beabsichtigte Einführung einer Handymastensteuer vernünftig?
Langthaler: Das ist im niederösterreichischen Landtag im Vorfeld viel zu wenig diskutiert worden. Dass man versucht, in diesem Bereich prinzipiell ordnungspolitisch einzugreifen, halte ich allerdings schon für überlegenswert.
profil: Warum?
Langthaler: Es gibt ja tatsächlich immer stärkere Widerstände gegen neue Masten. Damit muss man sich auseinander setzen. Aber die große Aufregung ist mir andererseits nicht wirklich nachvollziehbar.
profil: Die große Aufregung über die Steuer oder über die Masten?
Langthaler: Über die Handymasten. Ich glaube, dass es in Bezug auf das Landschaftsbild und den Naturschutz weit größere Brocken gäbe.
profil: Teil Ihres Geschäftes ist es, Unternehmen, die beispielsweise bei größeren Bau- oder Infrastrukturvorhaben Probleme mit einer lokalen Bürgerinitiative haben, solche Proteste tunlichst vom Hals zu schaffen. Sie verdienen daran vermutlich recht gut. Andere sehen die Vielzahl derartiger Protestinitiativen und die daraus resultierende Verzögerung wichtiger Projekte allerdings mittlerweile als Problem für den Wirtschaftsstandort Österreich?
Langthaler: Ich berate niemanden, wie man Bürgerinitiativen „vom Hals kriegt“, sondern wir versuchen, Unternehmen zu beraten, wie man mit Bürgerinitiativen oder Umweltorganisationen in einen Dialog treten kann und dass man diese Menschen und ihre Anliegen ernst nehmen soll.
profil: Weil es sonst lästig und vor allem teuer werden kann?
Langthaler: Nein, weil diese Menschen in den seltensten Fällen von vornherein Unrecht haben: Sehr oft haben Bürgerinitiativen oder Umweltorganisationen sehr vernünftige Einwände oder Vorschläge.
profil: Nicht selten auch absurde Einwände.
Langthaler: Querulanten gibt es überall. Und es gibt ja beispielsweise auch Bürgerinitiativen gegen Windräder. Es ist also nicht so, dass jede Bürgerinitiative automatisch von mir unterstützt wird. Und ich glaube, dass man in Österreich einige Infrastrukturprojekte umsetzen muss, etwa wenn man sich die Energieversorgungssituation anschaut. Wir brauchen zum Beispiel sicher neue Kraftwerke.
profil: Brauchen wir auch zusätzliche 380-kV-Leitungen?
Langthaler: Ja, das glaube ich. Und zwar in der Steiermark ebenso wie den Lückenschluss in Oberösterreich und Salzburg.
profil: Und was raten Sie der Verbundgesellschaft, einem Ihrer Kunden, wie mit jenen Menschen umzugehen ist, die nicht neben einer Stromleitung wohnen wollen?
Langthaler: Alle Verbund-Manager wissen, dass kein Mensch gerne neben einer 380-kV-Leitung wohnen möchte. Auch die Verbund-Manager nicht. Wichtig ist, dass man versucht, gemeinsam mit den Betroffenen Lösungen zu finden, sei das in Form von Grundstücksübernahmen oder von Ausgleichszahlungen. Was aber nichts daran ändert, dass man jetzt einige Lückenschlüsse im Stromnetz vornehmen muss, weil sonst zum Beispiel im Süden Österreichs für Unternehmen Probleme resultieren können, die nicht zu verantworten sind. Was aber nicht heißt, dass man deshalb andere Formen der Energieerzeugung und -distribution vernachlässigen darf.
profil: Mit Windrädern und Biomasse wird man aber für die Großindustrie nicht genug Strom erzeugen können.
Langthaler: Es wäre ja auch kompletter Unsinn, jetzt von einem Extrem ins andere zu fallen. Es geht um einen vernünftigen Mix. 100 Prozent des Stroms aus Windenergie zu gewinnen ist technisch unmöglich und wäre auch Blödsinn.
profil: Sie sind vermutlich recht erfreut darüber, dass der Ölpreis jetzt so hoch ist.
Langthaler: Da gibt es bei mir sicherlich ein lachendes und ein weinendes Auge. Wenn fossile Energieträger teurer werden und man feststellt, dass man mit diesen Ressourcen vorsichtig umgehen sollte, dann ist das sicher positiv. Wenn eine Preissteigerung aber mit einer solchen Dynamik abläuft, dann ist das nicht unbedingt positiv.
profil: Warum nicht?
Langthaler: Dass sozial Schwache durch den hohen Ölpreis plötzlich Schwierigkeiten bekommen, ihre Wohnungen zu heizen, ist natürlich problematisch. Deshalb herrscht bei mir jetzt nicht ungetrübte Freude: Super, der Ölpreis ist hoch! Und ich bin auch die Letzte, die immer nur sagt: Verzicht, Verzicht. Aber man sollte sich in Europa darauf einstellen, verstärkt in energie- und stromsparende Technologien zu investieren.
profil: Sowohl der Wirtschafts- als auch der Finanzminister unterstellen den Ölkonzernen, dass sie die Situation nutzen, um ungebührlich hohe Profite einzustreifen.
Langthaler: Die Gewinne der Ölkonzerne waren in den letzten Jahren tatsächlich exorbitant. Wenn man sich anschaut, was Exxon im letzten Jahr verdient hat, geht das über jede reale Vorstellung hinaus ...
profil: Ihr Kunde OMV verdient zurzeit auch sehr gut.
Langthaler: Das ist schon richtig. Aber Sie interviewen mich ja vermutlich auch deshalb, weil ich gelegentlich Dinge sage, die manchen vielleicht nicht so gut gefallen.
profil: Ölkonzerne sind für Umweltorganisationen beliebte Angriffsziele. Als Shell eine alte Ölbohrplattform im Meer versenken wollte, inszenierte Greenpeace eine weltweite Kampagne, deren Hauptargument die Schadstoffmengen waren, die angeblich freigesetzt würden. Nachträglich hat sich herausgestellt, dass die Behauptungen heillos übertrieben waren. Trotzdem ist es jetzt verboten, alte Plattformen im Meer zu entsorgen. Heiligt der Zweck solche Mittel?
Langthaler: Greenpeace vertritt im Zusammenhang mit der Ölbohrplattform „Brent Spar“ immer noch die Meinung, dass ihre Zahlen gestimmt haben. Ich glaube auch, dass es für Shell ein heilsamer Schock war und dass es am Schluss eigentlich lauter Gewinner gab. Shell hat seither wirklich einen Nachdenkprozess begonnen, der sich mittlerweile auch in Investitionen im Bereich Solarenergie und Biomasse niederschlägt.
profil: Manche Unternehmen ziehen aus derartigen Kampagnen die Konsequenzen und verlagern heikle Produktionsstätten in die Ukraine oder nach China, weil die Umweltstandards dort niedriger sind und man von Umweltorganisationen nicht so leicht drangsaliert werden kann.
Langthaler: Deshalb ist es wichtig, dass diese Organisationen ihre globalen Netzwerke ausbauen. Und genauso wichtig ist es, dass man versucht, in diesen Ländern Sozial- und Umweltstandards einzufordern.
profil: Wie fordert man in China ökologische Standards ein?
Langthaler: Das wird im Laufe der Zeit schon gelingen, weil der Druck der restlichen Welt immer größer werden wird und es auch die westlichen Unternehmen auf Dauer nicht gerne sehen, wenn es Konkurrenten gibt, die dort unter laxeren Bedingungen billiger produzieren können.
profil: Was raten Sie Ihren Kunden, wie mit Globalisierungskritikern, etwa der Organisation Attac, umzugehen ist?
Langthaler: Wenn es einen unmittelbaren Vorwurf einer Organisation gibt, rate ich immer, mit dieser Organisation und ihren Vertretern in einen Dialog zu treten.
profil: Manche Globalisierungskritiker fordern die Enteignung von Großkonzernen. Da wird im Dialog mit einem Konzernchef kaum ein Kompromiss zu finden sein.
Langthaler: Es wird immer Punkte geben, wo man sich nicht findet. Und man kann von einem Unternehmen, egal ob es OMV, Shell oder Verbund heißt, auch nicht verlangen, dass es Greenpeace wird. Die Frage ist aber, ob es im Rahmen ihrer Tätigkeiten Möglichkeiten gibt, mehr Rücksicht zu nehmen, sei das im ökologischen, sozialen oder gesellschaftspolitischen Bereich.
profil: Was halten Sie von Attac ?
Langthaler: Ich halte manches, was da gesagt wird, für sinnvoll, vieles aber auch für blanken Unsinn. Und was mich immer wieder irritiert, ist, dass sich in der Antiglobalisierungsbewegung generell sehr viele vom sehr linken Rand und auch manche vom sehr rechten Rand wiederfinden. Zu sagen, man ist gegen die Globalisierung, ist allerdings beinahe so, wie wenn jemand sagt: Ich bin gegen die Schwerkraft. Es gibt eine globalisierte Welt, ob ich die jetzt gut finde oder nicht. Ich persönlich finde sie gut, glaube aber, dass es auch in diesem globalisierten, liberalisierten Markt gewisse Spielregeln geben soll, an die sich alle halten müssen.
profil: Sie befassen sich intensiv mit dem Thema Corporate Social Responsibility. Vereinfacht gesagt geht es darum, Unternehmen dazu zu bringen, mit ihren Nachbarn und der Umwelt einigermaßen zivilisiert umzugehen und zu den eigenen Mitarbeitern nicht allzu ekelhaft zu sein.
Langthaler: Ganz so simpel ist es nicht. So wie vernünftige Politik längerfristige Konzepte braucht, genauso muss sich ein Unternehmen überlegen: Wo wollen wir in zehn Jahren sein? Wie kommen wir dorthin? Und wie schaut die Welt rund um uns dann aus? Da geht es um Nachhaltigkeit, um die Auswirkungen des eigenen unternehmerischen Handelns auf die Umwelt, aber auch auf das soziale und gesellschaftliche Umfeld.
profil: Bis jetzt ist die Erstellung so genannter Nachhaltigkeitsberichte eine freiwillige Angelegenheit, die sich nur wenige große Unternehmen antun. Hielten Sie eine gesetzliche Verpflichtung für sinnvoll?
Langthaler: Im Moment glaube ich nicht, dass ein Gesetz notwendig ist, obwohl es in Österreich ohnedies in manchen Aspekten schon erste Ansätze dazu gibt.
profil: Gibt es Kunden, die Sie nicht betreuen würden?
Langthaler: Drei Kundengruppen würden wir nie nehmen: erstens die Atomindustrie, zweitens die Gentechnikindustrie und drittens die FPÖ.
profil: Waffenhersteller würden Sie beraten?
Langthaler: Nein, natürlich auch nicht.
profil: Als Politikerin haben Sie immer ganz fürchterlich über die ÖVP-Landwirtschaftsminister geschimpft. Jetzt ist der aktuelle ÖVP-Landwirtschaftsminister Ihr Kunde.
Langthaler: Ich habe damals viele Minister kritisiert, weil das ein Teil meiner Aufgabe als Umweltsprecherin der Grünen war. Ich habe gelegentlich auch komplett unsinnige Vorschläge für Klein- und Mittelunternehmen gemacht. Das sehe ich jetzt in meiner Rolle als Unternehmerin, in der ich wirklich versuche, das zu leben, was ich in der Politik gefordert habe. Dass das in der Praxis oft alles ein bisschen schwieriger und mühsamer ist, das sieht man erst ...
profil: ... wenn man feststellt, dass höhere Gehälter für Mitarbeiter zulasten des eigenen Gewinns gehen?
Langthaler: Nein, da geht es eher um Dinge wie erweiterte Karenzmöglichkeiten bei vollem Lohnausgleich, die von grüner Seite oft gefordert wurden. Dinge, wo ich jetzt weiß, dass sie für kleine Unternehmen wirklich schwierig bis nicht mehr finanzierbar sind, so schön sie in der Theorie auch klingen mögen.
profil: Wie stehen Sie zur Senkung der Körperschaftsteuer, die von den Grünen heftig kritisiert wird?
Langthaler: Ich begrüße die Senkung.
profil: Wie viel ersparen Sie sich?
Langthaler: Das kann ich Ihnen jetzt nicht im Detail sagen. Aber ich glaube nicht, dass Sie in Österreich einen Unternehmer finden, den das nicht freut. Ich habe auch schon öffentlich gesagt, dass ich den Vorschlag der Grünen, die Körperschaftsteuer im Falle einer Regierungsbeteiligung wieder zu erhöhen, für nicht sehr gescheit halte.
profil: Sie begrüßen Steuersenkungen also?
Langthaler: Na ja, Steuersenkungen in manchen Bereichen. Wenn ich mir in unserem kleinen Unternehmen die Lohnnebenkosten anschaue, die wir zahlen, dann sind die erheblich. Umgekehrt weiß ich, dass ein funktionierender Staat für ein funktionierendes Gesundheits-, Sozial- und Bildungssystem auch entsprechende Steuereinnahmen braucht.

Interview: Stefan Janny