Interview. Konrad Plautz, derzeit die Nummer eins unter den österreichischen Schiedsrichtern,

Konrad Plautz, 41. Der Tiroler legte 1984 die Schiedsrichterprüfung ab und gehört heute zu den 26 Elite-Referees des europäischen Fußballverbands UEFA. Im vergangenen April leitete er etwa das Champions-League-Halbfinale Villareal gegen Arsenal. Für die Weltmeisterschaft wurde Plautz zwar nicht nominiert, bei der EM in zwei Jahren hofft er aber auf einen Einsatz. Plautz gilt als einer der besten Läufer seiner Branche. Bei einem Test lief er 3600 Meter in zwölf Minuten.

Plautz stammt aus dem Bergdorf Navis, arbeitet im Hauptberuf als Qualitätskontrollor im Gerätewerk Matrei und betätigt sich nebenbei als Spielleiter der Heimatbühne Navis.

profil: Die Schiedsrichter sind die großen Verlierer dieser WM. Nach fast jedem Spiel gibt es heftige Kritik an den Entscheidungen. Wie zufrieden sind Sie mit den Leistungen der Kollegen?
Plautz: Es hat natürlich Fehler gegeben, das war ja offensichtlich. Aber es gab keinen Schiedsrichter, der 90 Minuten lang schlecht war, wie das oft behauptet wird.
profil: Graham Poll, der das Spiel Kroatien – Australien gepfiffen hat, wirkte zumindest die meiste Zeit so, als hätte er den Faden verloren.
Plautz: Den Faden verloren hat er erst zum Schluss, als er dem Kroaten Simunic zum dritten Mal die gelbe Karte gezeigt hat. Aber dafür kann ich nicht dem Schiedsrichter allein die Schuld zuweisen. Das Team als Ganzes (die Assistenten, der Ersatzschiedsrichter, Anm.) hat hier versagt. Das Kommunikationssystem funktionierte nicht so, wie man sich das vorgestellt hat. Oder sie haben nicht miteinander gesprochen. Aber auch ohne Kommunikationssystem wäre dieser Fehler auf alle Fälle zu vermeiden gewesen. Zu Beginn hat Poll eine Elfmetersituation falsch beurteilt, aber das war in der ersten Halbzeit sein einziger Fehler.
profil: Hätten Sie im Spiel Italien gegen Australien den Elfmeter in der 95. Minute gegeben?
Plautz: Nein, ich hätte weiterspielen lassen. Aber ich habe die Zeitlupe gesehen und tu mir leichter als der Schiedsrichter, der sofort entscheiden muss. In der Zeitlupe war für mich keine strafbare Handlung zu sehen.
profil: Es gibt extrem viele gelbe und rote Karten. Ist der Fußball so brutal geworden, oder sind die Schiedsrichter überempfindlich?
Plautz: Das Spiel ist nicht brutaler geworden. Es wird wohl eine FIFA-Anweisung sein, härter zu strafen.
profil: Finden Sie das gut?
Plautz: Ich hoffe, dass es in Österreich nicht auch so kommt. So wie es jetzt gemacht wird, tendiert es wirklich in Richtung berührungsloses Fußballspiel. Und das soll es ja nicht sein. Wie gesagt: Ich weiß nicht, welche Weisungen die FIFA ausgegeben hat. Aber es ist auffällig, dass alle Schiedsrichter etwa die gleiche Linie haben und von Anfang an viele Karten gezeigt haben. Erst hieß es, die Spieler werden sich daran gewöhnen, und nach der Vorrunde wird es weniger Karten geben, weil sie wissen, was erlaubt ist und was nicht. Nur: In den Achtelfinalspielen sind sogar noch mehr gelbe Karten gezeigt worden. In der Vorrunde waren es durchschnittlich fünfeinhalb pro Spiel, und jetzt sind wir schon bei sechs oder sieben.
profil: Im Spiel Deutschland gegen Schweden gab es eine rote Karte für den Schweden Teddy Lucic. Der Schiedsrichter hat über das ganze Gesicht gegrinst, als er sie dem Spieler zeigte. Sind vielleicht ein paar Sadisten unter Ihren Kollegen?
Plautz: Da ist natürlich nicht jeder gleich. Aber das gäbe es bei mir nie, dass ich bei einer roten Karte lache. So etwas ist nicht empfehlenswert, weil das grenzt an Verhöhnung, keine Frage.
profil: Täuscht der Eindruck, oder werden Abseitssituationen immer knapper?
Plautz: Es stimmt, dass es für die Assistenten immer schwieriger wird. Die Spieler bewegen sich mehr, es gibt viele Szenenwechsel. Wenn das sehr schnell geht, ist das für das menschliche Auge nicht immer wahrnehmbar. Oft trifft der Assistent dann eine Bauchentscheidung. Eigentlich heißt es ja, im Zweifel für den Angreifer, aber manchmal wird trotzdem zu schnell die Fahne gehoben.
profil: Es wird schon länger darüber diskutiert, ob zur Wahrheitsfindung auf dem Fußballplatz auch Videoaufnahmen eingesetzt werden sollen. Wären Sie dafür?
Plautz: Wenn das sinnvoll gemacht würde, hätte ich sicher nichts dagegen. In besonders strittigen Situationen, also wenn es zum Beispiel darum geht, ob ein Tor zählt oder nicht, würde ich es sogar empfehlen – schon deshalb, weil dann wir Schiedsrichter endlich aus der Schusslinie wären.
profil: Wenn Sie selber auf dem Platz stehen, schauen Sie sich in der Halbzeitpause umstrittene Situationen noch einmal an?
Plautz: Nein, das sollte man auch nicht. Sonst fängt man an, über zu viele Dinge nachzudenken, und dann passieren weitere Fehler. Ich sehe das alles meistens erst nach dem Spiel zu Hause. Und dann erschrecke ich schon oft, weil ich viele Situationen auf dem Spielfeld anders wahrgenommen habe. Das geht aber nicht nur mir so, sondern auch den Kollegen.
profil: Gab es schwarze Tage in Ihrer Karriere, an denen einfach alles danebenging?
Plautz: Alles nicht, aber es gibt schon Tage, wo man sagen muss, dass man besser daheim geblieben wäre. Das Pech bei uns ist leider, dass wir die 90 Minuten durchhalten müssen. Ein Schiedsrichter kann sich ja nicht auswechseln lassen.
profil: Wäre das vielleicht eine Lösung?
Plautz: Nicht wirklich. Natürlich sucht man nach einer gravierenden Fehlentscheidung oft ein Mausloch, in dem man verschwinden möchte. Aber die Frage wäre, wer entscheiden soll, ob der Schiedsrichter ausgetauscht wird oder nicht.
profil: Haben Sie schon einmal Drohungen gekriegt?
Plautz: Morddrohungen, ja. Nach dem Bundesligaspiel Austria Wien gegen FC Kärnten 2001, als wir den Kärntnern drei Tore aberkannt haben.
profil: Haben Sie das ernst genommen?
Plautz: Natürlich macht man sich Gedanken, im ersten Moment war ich ziemlich schockiert. Aber dann hab ich mir gedacht, ich kann mich deshalb nicht verstecken. Es gibt halt leider Gottes sehr viele verrückte Menschen auf der Welt. Manche Kollegen hören auf, wenn ihnen so was passiert. Die sagen dann: Das ist es nicht wert. Was man als Schiedsrichter verdient, ist ja eine Lappalie im Vergleich zu dem, was die Spieler bekommen.
profil: Wie viel verdienen Sie denn?
Plautz: In der Bundesliga kriegen wir 600 Euro und in der Champions-League 250 Schweizer Franken Tagesentschädigung. Reich wird man nicht davon.
profil: Es gibt den Spruch: Einen guten Schiedsrichter erkennt man daran, dass man ihn nicht bemerkt. Stimmt das?
Plautz: Absolut. Wenn dem Zuschauer gar nicht auffällt, dass da ein Schiedsrichter herumläuft, dann macht er alles richtig. Aber bei dem körperbetonten Spiel heutzutage ist das fast unmöglich. Strafstoßentscheidungen werden immer strittig sein.

Interview: Rosemarie Schwaiger