Interview: „Kunst ist ein Krankheitsbild“

Der designierte Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann über seine Bestellung, seine Pläne, sein Leiden an der Kunst und seine Sehnsucht nach einem bürgerlichen Leben.

profil: Staatssekretär Franz Morak hat Sie, nur fünf Tage nachdem er zum ersten Mal mit Ihnen gesprochen hatte, zum Burgtheaterdirektor designiert: Waren Sie von dem Tempo überrascht?
Hartmann: Franz Morak hatte zuvor Adjutanten ausgeschickt, die sich sehr subtil bei mir erkundigten, ob ich im Falle einer Anfrage bereitstünde. Er wollte wohl nicht erleben, dass er sich um mich bemüht und ich hinterher Nein sage. Deshalb war mir lange Zeit nicht klar, dass wir uns bereits in einem Gespräch befanden.
profil: Zumal Sie Ihren Job erst 2009 antreten werden. Warum wurden Sie schon jetzt bestellt?
Hartmann: Von mir aus hätte man die Entscheidung auch später treffen können. Man braucht keine drei Jahre Vorlaufzeit, um ein Theater zu übernehmen.
profil: Der Job jagt Ihnen keinen Respekt ein?
Hartmann: Zu uns Theaterleuten gehört immer auch eine Spur Hybris. Wenn wir die nicht hätten, würden wir so etwas wie das Burgtheater ja gar nicht machen. Ich bin kein Hasardeur, aber ich traue es mir zu.
profil: Warum geben Sie Ihren Vertrag als Direktor des Zürcher Schauspielhauses so leichtherzig auf? Sie sind dort erst seit vergangenem September im Amt.
Hartmann: Ich gebe das Theater nicht leichtfertig auf.
profil: Es wirkt so, als sei Ihnen die eigene Karriere wichtiger als das Zürcher Theater.
Hartmann: Ich fände es schade, wenn die Entscheidung so aufgenommen würde. Ich habe in Zürich Freunde, meine Frau lebt gerne dort, insofern spricht alles gegen Wien. Aber als ich die Schweizer Politiker gefragt habe, ob sie mich für die Burg ein Jahr früher aus meinem Vertrag entlassen würden, haben sie mir alles Gute gewünscht. Das Angebot ist eine Lebensperspektive. Außerdem bleibe ich ja noch drei Jahre in Zürich.
profil: Wien gilt als Intrigenhochburg. Haben Sie wenigstens ein bisschen Angst?
Hartmann: In Wien mag die Intrige, wie auch die Musik und das Theater, zu ihrer höchsten Kunst entwickelt worden sein – das heißt nicht, dass in anderen Städten nicht genauso intrigiert wird. Und unter dem Mantel der Rechtschaffenheit und Biederkeit das oft noch hinterhältiger.
profil: Was bedeutet Macht in Ihrem Beruf?
Hartmann: Ich bin teamfähig, habe aber auch einen gesunden Machtinstinkt und merke, wenn ein Betrieb Steuerung braucht. Im Theater etabliert man Macht nicht, indem man sich autoritär verhält, sondern indem man das Theaterethos hochhält.
profil: Ist der Repräsentationscharakter des Burgtheaters für Sie eine Belastung oder ein Anspruch?
Hartmann: Die Burg ist ein Theater, das immer im Gespräch ist, das Stellung nehmen soll und um das niemand herumkommt, wenn es Stellung nimmt. Österreich sucht seine Identität im Burgtheater. Das macht es einzigartig. Auch ich verstehe die Welt nur durch das Theater. Und wenn die österreichische Nation ein so theatralisches Selbstverständnis hat, sind wir ja schon nahe beieinander.
profil: Als im Februar 2000 die schwarz-blaue Regierung angelobt wurde, setzte Direktor Klaus Bachler Diskussionsrunden auf den Spielplan: Würden Sie ähnlich handeln?
Hartmann: In dem Moment, in dem einem Theater eine so zentrale Position gegeben, es als Diskussionsforum gebraucht wird, muss es diese Position auch nutzen.
profil: Kann Theater auf politische Wirklichkeiten reagieren? In Ihrer Burgtheaterinszenierung von Schillers „Räuber“ lenkten Sie 1995 den Blick auf die RAF und Greenpeace, auf Skins und Yuppies.
Hartmann: Nächste Saison zeigen wir in Zürich mit „Motortown“ ein Stück von Simon Stephens, das den Irak-Krieg thematisiert. Es ist gut, wenn Autoren aktuelle Themen aufgreifen, aber es ist nicht unsere vorderste Aufgabe, auf diese Weise Aufmerksamkeit für das Theater zu generieren. Politische Dimension entsteht nicht aus einem vordergründigen Kommentar, sondern daraus, wie Theater mit Menschen umgeht.
profil: Im deutschen Feuilleton wird ein erbitterter Streit um das Regietheater geführt: Muss das Theater zu mehr Bürgerlichkeit zurückfinden, wie etwa „Der Spiegel“ propagiert?
Hartmann: Das halte ich für Unsinn. Man darf die eine Art, Theater zu machen, nicht gegen die andere ausspielen. Man hat mich als Gemischtwarenhändler beschimpft, aber mich interessieren Gemischtwarenläden eben mehr als Fachgeschäfte. Am Burgtheater muss „Arsen und Spitzenhäubchen“ ebenso Platz haben wie die klassische Dramatik. Es geht darum, die besten Schauspieler und Regisseure zu verpflichten, und man muss den Mut haben – auch wenn es ein altehrwürdiger Betrieb ist –, das Theater immer wieder auf die Probe zu stellen. Man muss herausfinden, wie und ob so eine Illusionsmaschine in unserer Zeit noch funktioniert.
profil: Klaus Bachler hat die Toten Hosen, Hermann Nitsch und Christoph Schlingensief an die Burg geholt: Wie weit reicht Ihr Theaterbegriff?
Hartmann: Der hört da noch lange nicht auf. Theater findet statt, wenn Menschen auf der Bühne etwas machen und die Zuschauer mit ihnen gemeinsam etwas herstellen. Dass ich bei den Toten Hosen nicht da war, finde ich schade. Ich sehe nicht ein, warum alles, was komisch, romantisch oder sinnlich ist, nicht auch intelligent sein soll. Diese Trennung ist typisch deutsch.
profil: Was bedeutet für Sie Texttreue? Ihren „Hamlet“ in München 1998 nannten Sie selbst ein „Kamikaze-Projekt“.
Hartmann: Auch in meiner Inszenierung von Shakespeares „Othello“ habe ich den Text zerlegt und montiert. Unter Texttreue verstehe ich gar nichts. Wenn Schiller in der Regieanweisung schreibt: „abwechselnd errötend oder erbleichend“, wie soll man das texttreu spielen?
profil: Sie würden also Goethes „Faust“ durchaus auf offener Burgtheaterbühne von einem Regisseur zerfleddern lassen?
Hartmann: Ich habe keine Theaterdoktrin. Ich finde diese Diskussionen nicht nur uninteressant, sondern falsch. Wer sie anzettelt, will doch bloß eine Ideologisierung des Theaters.
profil: Womit wird es das Burg-Publikum also in Hinkunft zu tun haben?
Hartmann: Mit allem, das kann ich versichern. Es gibt nur gutes und schlechtes, aber kein ideologisches Theater.
profil: In der Ära Claus Peymann gab es noch eine weitere Kategorie: skandalisiertes Theater. Wie viel Provokation braucht die Gattung?
Hartmann: Was der Skandal in Wien bedeutet, muss ich erst noch recherchieren. Hier wird ja geradezu gefordert, dass Theater sich einmischt und eine gesellschaftliche Virulenz erzeugt. Ich muss gestehen, dass mir das von meinem Naturell her eher fremd ist. Ich brauche kein Feuerwerk draußen, um zu zeigen, dass es drinnen brennt.
profil: Werden Sie sich zu tagespolitischen Vorgängen äußern?
Hartmann: Claus Peymann gehört zur 68er-Generation, die qua Amt einen pädagogischen Lehrauftrag hatte. Diese Theaterleute glaubten, in dem Moment, in dem sie Intendanten oder Regisseure sind, würden sie mehr als andere Menschen wissen. Ihre Kompetenz erlischt seltsamerweise wieder, wenn sie keine Regisseure oder Intendanten mehr sind. Ich bin kein Pädagoge. Ich gebe keine Antworten, sondern stelle Fragen. Anstatt Moral zu konsumieren, soll mein Publikum seine Fantasie anwerfen.
profil: Das Burgtheater ist ein Großbetrieb mit 600 Mitarbeitern: Bleibt Ihnen da genug Zeit, um selbst zu inszenieren?
Hartmann: Wie bisher werde ich auch in Wien zwei Arbeiten pro Jahr machen. Ich definiere mich in erster Linie als Regisseur, das ist mein ganzes Leben. Das ist gar nicht bloß ein Privileg. Ich wollte gar nicht Künstler werden: Meine Eltern wollten das.
profil: Was wollten denn Sie?
Hartmann: Ich wollte meiner Bestimmung entkommen und lieber Kaufmann werden. Alles, was mit Kunst zu tun hatte, war furchtbar für mich. Bei jedem schönen Sonnenuntergang gleich ein Bild zu malen oder ein Lied zu komponieren ist ja auch kein Spaß. Meinen Eltern war natürlich klar, dass ich Künstler werden muss. Als ich älter war, fing ich dann auch noch an zu schreiben.
profil: Was ist denn daran so furchtbar?
Hartmann: Für Thomas Mann ist Kunst bekanntlich Krankheitsbild: das Krankhafte und gleichzeitig die Sublimierung dieses Krankhaften. Das ist sicher eine bürgerliche Vorstellung, aber ich teile sie. Doch meiner Bestimmung ausweichen konnte ich trotzdem nicht. Nach zwei abgebrochenen Lehren ging ich auf die Schauspielschule und gründete dann ein Jugendtheater. Aber bis heute sind viele meiner Freunde Anwälte, Banker oder Ärzte. Das sind Menschen in bürgerlichen Berufen, die in schönen Häusern wohnen. Ich besuche sie gerne und stelle mir vor, ich wäre ein ganz normaler Mensch. Das tröstet mich. Für ganz kurze Zeit habe ich dann den Eindruck, ich könnte so ein ausgesöhntes Dasein führen.
profil: Sie leben in permanentem Widerspruch zu sich selbst?
Hartmann: Es gibt eine Art Schizophrenie, in der viele Künstler leben und die dennoch häufig missverstanden wird. Persönlich gehen sie an Abgründen und Depressionen entlang, in Gesellschaft ziehen sie sich allerdings einen Anzug an. Jeder Mensch, der halbwegs begabt auf einer Bühne Kunst macht, kann nicht ganz bei Trost sein.
profil: Übertreiben Sie da nicht ein wenig?
Hartmann: Sicherlich belohnt uns die Gesellschaft auch für diesen Kampf. Etwa wenn ich heute unter großem Beifall als Burgtheaterdirektor designiert werde. Das versöhnt, Theaterleute sind ja geltungshungrig. Künstler brauchen Aufmerksamkeit.
profil: Was denken Sie, wenn Sie als Regisseur Mist gebaut haben? Am Burgtheater sind Sie etwa mit „Kasimir und Karoline“ gescheitert.
Hartmann: Öfter habe ich das gegenteilige Problem. Dass man mir vorwirft, über Rettungsmechanismen zu verfügen, die es mir erlauben, jede Produktion so hinzukriegen, dass sie mit null Fehlern durchgeht. Ich sei ein High-Tech-Regisseur, heute titulierte mich ein Journalist als Richtigmacher. Wäre denn ein Falschmacher besser? Nach „Kasimir und Karoline“ hing mir ein Jahr lang die rechte Gesichtshälfte herunter. Das war ein Stresssymptom, ein Nerv war eingeklemmt. Es gibt nichts Anstrengenderes, als Kunst auf Kommando zu machen.
profil: Was der Theaterbetrieb laufend einfordert.
Hartmann: Ich habe von dem Regisseur Fritz Kortner einen Satz übernommen, der mir geholfen hat, mit dem Theaterbetrieb klarzukommen: „Langsam, langsam, wir haben keine Zeit.“ Wenn man seine künstlerische Arbeit mit dem Terminkalender plant, dann scheitert man auf jeden Fall. Man muss sich Arbeitsbedingungen bauen, die dem Risiko eine Chance lassen.
profil: Welche Rettungsmechanismen stehen Ihnen denn zur Verfügung, wenn eine Produktion aus dem Ruder läuft?
Hartmann: Wenn ich merke, dass ich den Wagen nicht in die Garage bringe, hole ich im letzten Moment meine Werkzeugkiste heraus. Es ist ein musikalisch-kompositorisches Wissen – zum Beispiel, wie man Spannung erzeugt –, und dann baue ich die Inszenierung so zu Ende, dass man sie erträgt. Es gibt immer auch ein Publikum, das das goutiert. „Kasimir und Karoline“ war wohl keine großartige Aufführung, sie hatte zu wenig existenziellen Gehalt. Aber ein großes Publikum war zufrieden. Die Vorstellungen waren ausverkauft.
profil: Warum haben Sie um andere österreichische Nationalautoren wie Nestroy, Grillparzer und Bernhard bislang einen Bogen gemacht?
Hartmann: Ich habe aus der Distanz eine respektvolle Liebe zu diesen Autoren. Bisher habe ich Horváth, Schnitzler und Turrini inszeniert – und das Interesse soll sich nachhaltig verschärfen. Nestroy und Raimund sind für einen Piefke schwer zu inszenieren. Wenn sie einer macht, dann wissen es alle Österreicher besser. Wenn sie ein Österreicher macht, dann wird zwar auch geschimpft, aber man geht auch in die Vorstellung. Die Zauberformel, wie man mit Nestroy und Raimund heute umgehen soll, hat niemand. Außer man macht richtige Schmonzetten draus.
profil: Werden Sie die Zusammenarbeit des Burgtheaters mit Elfriede Jelinek und Gert Jonke fortsetzen?
Hartmann: Jonke interessiert mich, Jelinek ebenfalls. Aber natürlich will ich auch eigene Kontakte mitbringen. Ich bin stolz darauf, Lukas Bärfuß, dem amtierenden Dramatiker des Jahres, vor langer Zeit seinen ersten Stückeauftrag gegeben zu haben. Botho Strauß ist für mich der Papst.
profil: Sie haben bereits drei Stücke von Strauß uraufgeführt. Was interessiert Sie so sehr an seiner Arbeit?
Hartmann: Ich habe eine große Sympathie für seine trotzige und antizyklische Denkungsart. Ich mag es nicht, wenn alle immer ins gleiche Gesinnungshorn stoßen und dieselbe Meinung haben. Über die Liebe sagt er, dass zwei Menschen in unserer Zivilisation keine dauerhafte Bindung eingehen können. Ich mag, wie er Gedanken aus der Naturwissenschaft auf unser Gesellschaftsmodell umlegt.
profil: Warum sind Sie verheiratet, wenn Sie die Vereinbarkeit der Geschlechter verneinen?
Hartmann: Strauß selbst ist auch verheiratet. Nur weil man zu einer Erkenntnis kommt, muss man kein Fatalist sein. Sisyphos schiebt seinen Stein auch immer wieder nach oben und hört nicht damit auf.

Interview: Peter Schneeberger