Interview: „Logbücher verraten mir alles“

Der Schiffsforscher Nigel Pickford über seine Arbeitsmethode, trügerische Dokumente und Wracks als wertvolle Wissensquelle.

profil: Mr. Pickford, wie viele verschollene Schiffe kennen Sie?
Pickford: Ich habe eine Menge Informationen über eine Menge Wracks, 10.000 Akten sind sicher keine Übertreibung. Die meisten Informationen stammen aus Archiven und Bibliotheken aus der ganzen Welt. Es braucht lange Zeit, sie zu finden.
profil: Was sind die größten Hürden dabei?
Pickford: Es gibt immer fehlende Dokumente. Andere Dokumente findet man zwar, aber sie sind irreführend. Nur weil etwas in einem Dokument steht, heißt das ja noch lange nicht, dass es auch stimmt. Man muss extrem kritisch sein. Ich kann Ihnen Zeitungsartikel aus dem 17. Jahrhundert zeigen, und sie sind genauso schlecht wie die heutigen.
profil: Wie ist es möglich herauszufinden, wie etwa die Wetterbedingungen vor Jahrhunderten waren?
Pickford: Ich habe kürzlich ein Schiff erforscht, das im 17. Jahrhundert sank, und ich weiß genau, wie das Wetter war, weil ich fünf verschiedene Logbücher von anderen Schiffen hatte.
profil: Das ist die Hauptquelle?
Pickford: Ja. Es verrät mir, wie die Gezeiten waren, die Strömung, die Geschwindigkeit des Schiffes. Logbücher verraten mir alles. Sie sind 400 Jahre alt, aber voller Details.
profil: Wissen Sie, was das wertvollste Schiff aller Zeiten war?
Pickford: Jeder hat da eine andere Ansicht, jeder nennt ein anderes Schiff. Der Wert hängt von der Art der Artefakte ab, vom Zustand der Artefakte, der Datierung von Münzen.
profil: Boomt die Wracksuche tatsächlich?
Pickford: Es geschieht viel auf verschiedenen Ebenen. Aber einen wirklichen Boom sehe ich nicht, schon deshalb, weil es juristisch ziemlich kompliziert ist.
profil: Weil alle möglichen Seiten Ansprüche erheben?
Pickford: Das ist immer das Problem. Nehmen wir ein spanisches Schiff, das in, sagen wir, indonesischen Gewässern verloren wurde. Indonesien sagt, es gehört uns, weil es in unseren Gewässern liegt. Spanien sagt, es ist unseres, weil es ein spanisches Schiff ist. Derjenige, der es gefunden hat, sagt auch, es gehört mir. Und dann kommt noch jemand, der sagt, aber mir gehört die Fracht.
profil: Praktisch jedes Bergungsunternehmen behauptet von sich, das einzige an seriöser Forschung interessierte zu sein. Wie sehen Sie die Szene?
Pickford: Archäologie ist sehr langsam und sehr teuer. Man kann stets nur ein wenig Archäologie betreiben. Die Vorstellung, dass wir Archäologie an drei Millionen Schiffswracks auf der ganzen Welt betreiben können, ist einfach verrückt.
profil: Lassen sich Wissenschaft und Geschäft vereinen?
Pickford: Aus kommerzieller Sicht ist die Archäologie durchaus hilfreich. Ein Schiff wird viel wertvoller, wenn man seine Geschichte kennt. Die Historie nützt dem kommerziellen Aspekt.
profil: Bringt Wracksuche neues Wissen?
Pickford: Wracks sind eine gute Quelle, um Geschichte zu verstehen. Wir erfahren Neues über Münzen und Frachten, die transportiert wurden, über die Bauweise von Schiffen, auch über die Eigner, weil sie Artefakte zurücklassen.
profil: Was ist der aufregendste Moment Ihrer Arbeit?
Pickford: Ich mag die Archivrecherche, weil man versucht herauszufinden, was passiert ist. Es ist aber auch erfreulich, wenn jemand das Wrack dann dort findet, wo man ihn hingeschickt hat. Es ist in Summe eine sehr befriedigende Erfahrung.