Interview: „Mein Vater war begeistert“

Agnes Cranach, 73, die Tochter von Konrad Lorenz, über Kindheitserlebnisse, gefährliche Tiere und den Fluch des Nobelpreises.

profil: Sie haben einmal vom „Fluch des Nobelpreises“ gesprochen.
Cranach: Ich meinte damit das große Interesse, das so ein Preis nach sich zieht. Es ist zum Beispiel so, dass sich mein Vater ja keine großen Verdienste in Sachen Nationalsozialismus erworben hatte. Wenn er aber wirklich tief verstrickt gewesen wäre, wäre er nicht als einfacher Soldat eingerückt und nicht an die Front geschickt worden. Ohne Nobelpreis hätte das Verhalten meines Vaters während der NS-Zeit niemanden interessiert. Ich selber habe 1992 zu recherchieren begonnen, aber nicht wirklich viel Neues herausbekommen. Mich hat ja interessiert, was damals wirklich vorgefallen ist.
profil: Die Fronten zwischen Kritikern und Befürwortern Ihres Vaters scheinen bis heute verhärtet.
Cranach: Mich stört dieses Hickhack, ohne dass auf Vorwürfe eingegangen wird. So hat er mit dem Begriff „ausmerzen“, den er ein einziges Mal verwendet hat, sicher nicht töten gemeint. Das war kein Begriff, den die Nationalsozialisten erfunden haben, den gibt es viel länger, etwa in der Tierzucht.
profil: Ihr Vater schreibt in seiner Autobiografie: „Menschen haben mich nur interessiert als irgendwie besondere Tiere.“ Hat er sich für Sie als Kind interessiert?
Cranach: Sie müssen sich vorstellen, mein Vater war von 1935 bis er 1940 Professor in Königsberg wurde, fast immer zu Hause. Ich hatte einen eigenen Platz in seinem Beobachtungsgraben, der mit einem Schilfdach bedeckt war und von wo aus man die Teiche beobachten konnte. Ich bin den ganzen Tag dort neben ihm gesessen. Mein Vater war begeistert, dass ich alle Entenmischlinge unterscheiden konnte und die Graugänse persönlich kannte. Eigentlich wollte er, dass ich Zoologie studiere.
profil: Es gibt die Geschichte, dass man die Kinder in einen Käfig stecken musste, um sie vor den frei laufenden Tieren zu schützen.
Cranach: Das war bei meinem Bruder und hauptsächlich wegen der Affen, die für ein kleines Kind gefährlich sein konnten. Aber die hat mein Vater deshalb gleich wieder weggegeben.
profil: Sie selbst mochten die Tiere?
Cranach: Ich habe die Tiere genossen, wobei ich nicht sagen kann, ob es die Tiere an sich waren oder das Zusammensein mit meinem Vater.