Interview: „Ohne Herausforderung wächst man nicht“

Der US-Weltraumexperte Neil deGrasse Tyson über den neuen Aufbruch ins All und die Rückgewinnung der technologischen Führerschaft. Neil deGrass Tyson, 45, an der Harvard und der Columbia University ausgebildeter Astrophysiker und Buchautor („One Universe“: At Home in the Cosmos, Joseph Henry Press, 2000), ist Gastprofessor an der Princeton University und seit 1996 Direktor des Hayden Planetarium in New York City.

profil: Was sagen Sie zum neuen Aufbruch ins All?
Tyson: Er könnte der Beginn einer neuen Ära in der Weltraumforschung sein. Wir sind 32 Jahre über den erdnahen Orbit nicht hinausgekommen. Wenn wir es jetzt schaffen, könnten wir überallhin fliegen.
profil: Wohin zum Beispiel?
Tyson: Asteroiden wären interessant. Es könnten ja einige in Richtung Erde unterwegs sein. Wir müssten lernen, deren Flugbahn zu korrigieren, um unser Überleben zu sichern.
profil: George W. Bush will zuerst zum Mond. Lässt sich die Aufbruchsstimmung des ersten Mondabenteuers wiederholen?
Tyson: Die damalige Investition in die Raumfahrt war jahrzehntelang Motor der US-Wirtschaft. Doch jetzt ist unser technologischer Vorsprung dahin. American Airlines kauft bei Airbus ein. Eine Mondstation und ein bemannter Flug zum Mars wären eine neue, spektakuläre Herausforderung.
profil: Kritiker meinen, einen Marsflug könnten genauso gut auch Roboter bewerkstelligen.
Tyson: Als Wissenschafter gebe ich ihnen Recht. Aber Wissenschaft stand bei der Raumfahrt nie im Vordergrund, sondern eine Demonstration der technologischen Stärke und Überlegenheit.
profil: Was wäre dann die Herausforderung beim Bau einer Mondstation?
Tyson: Einen in sich geschlossenen, autarken Lebensraum zu bauen. Dazu bedarf es neuer Materialien. Die Mondstation muss Temperaturunterschiede von hunderten Graden über und unter null aushalten. Diese Probleme muss man lösen, ehe man sich zum Mars aufmacht.
profil: Und wenn diese Probleme gelöst sind, wie kommt man dann vom Mond zum Mars?
Tyson: Antriebstechnologie ist der neue Grenzbereich der Raumfahrt. Wir fliegen noch immer mit chemischem Antrieb. Damit dauert eine Reise zum Mars neun Monate.
profil: Und die Astronauten müssten dort wohl auch einige Monate leben?
Tyson: Auch, um eine günstige Konstellation für die Rückreise abzuwarten. Dann sind sie zwei, drei Jahre unterwegs. In dieser Zeit sind sie der erbgutschädigenden kosmischen Strahlung ausgesetzt. Wenn man die Reise in, sagen wir, einem Monat hinter sich brächte, vermindert man das Risiko.
profil: Wie wäre das zu schaffen?
Tyson: Mit Nuklearantrieb, der wäre viel effizienter.
profil: Es heißt, die NASA sei zu schwerfällig geworden, um derartig ehrgeizige Projekte durchzuführen.
Tyson: Die Kritik trifft nur auf die bemannte Raumfahrt zu. Für ein Mond-Mars-Programm muss die NASA-Organisation gestrafft werden. Aber das traf auch auf die NASA des Jahres 1961 zu, als John F. Kennedy die Vision einer Mondlandung verkündete. Ohne Herausforderungen wächst man nicht.
profil: Lässt sich diese Vision finanzieren?
Tyson: Ganz sicher. Es ist aber keine Frage, dass man das NASA-Budget schrittweise erhöhen und andere Investitionsposten überdenken muss. Die Internationale Raumstation ist im Vergleich zu dem, was sie bringt, ein teurer Posten. Man muss sie entweder einstellen oder ausschließlich zu Forschungszwecken für die Marsmission umwidmen.