Interview mit OMV-Chef Ruttenstorfer: "Profitieren eindeutig vom hohen Ölpreis"

OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer erklärt, warum Gas für den Einsatz erneuerbarer Energien unverzichtbar ist und warum ihm ein stark schwankender Ölpreis Schwierigkeiten macht.

Interview: Andrea Rexer

profil: Herr Ruttenstorfer, der Ölpreis fällt und fällt, die globale Ölnachfrage ist 2008 erstmals seit fast 30 Jahren zurückgegangen – müssen Sie Ihr Geschäftsmodell neu ausrichten?
Ruttenstorfer: Unser Geschäftsmodell setzt schon seit Längerem auf eine Verbreiterung: Neben Öl bauen wir massiv den Geschäftsbereich Gas aus, da wir glauben, dass das der Energieträger der nahen Zukunft sein wird. Langfristig kommen dann alternative Energien ins Spiel. Wäre der Ölpreis länger hoch geblieben, so hätte das diese Entwicklung noch beschleunigt. Wir lassen uns nicht von kurzfristigen Schwankungen des Ölpreises vom Kurs abbringen.

profil: Zu Zeiten des hohen Ölpreises argumentierten die Ölkonzerne, so auch die OMV, mit gestiegenen Produktionskosten. Wenn das gestimmt hat – machen Sie jetzt Verluste?
Ruttenstorfer: Ich kann Ihnen versichern, dass uns die heutigen Preise erlauben, in allen unseren Fördergebieten gewinnbringend zu arbeiten. Es würde sogar ein noch tieferer Ölpreis Gewinne bringen. Aber natürlich heißt das auch, dass wir dazu gezwungen sind, die gestiegenen Förderkosten zurückzudrehen. Zwar ist der Ölpreis heute auf dem Niveau von 2004, aber unsere Kosten haben sich in der Zwischenzeit fast verdoppelt: Es gab Engpässe bei Stahl oder bei Rohranlagen. Jetzt versuchen wir die Lieferanten herunterzuverhandeln. Das wird sicher ein zwei-, dreijähriger Prozess werden.

profil: Wie weit ist der Abstand nach unten noch, bis Sie nicht mehr kostendeckend arbeiten ­können?
Ruttenstorfer: Da ist noch genug Luft. Sie brauchen sich um die OMV keine Sorgen zu machen.

profil: Ich sorge mich eher um die Konsumenten, die offenbar im vergangenen Jahr sehr viel oben drauflegen mussten, obwohl eine Kostendeckung mehr als erreicht war.
Ruttenstorfer: Ein zu hoher Ölpreis ist auch nicht in unserem Interesse. Ideal wäre ein Preis, der einerseits für Konsumenten interessant ist und uns andererseits erlaubt, genügend Investitionen für die Zukunft zu tätigen. Leider schafft das freie Spiel der Märkte das nur selten: Einmal ist es zu teuer, dann wieder zu billig. Für uns liegt die Herausforderung darin, auch in Zukunft Reserven sichern zu können. Bei den Ölfeldern fällt auf natürlichem Weg die Förderung jährlich im Schnitt um sieben bis zehn Prozent ab – deswegen müssen wir neue Quellen finden und erschließen. Das kostet natürlich viel Geld. Ein Ölpreis von 40 Dollar ist hart an der Grenze dessen, was ausreicht, um die nötigen zusätzlichen Reserven zu erschließen. Die Ölindustrie braucht etwa 60 Dollar, um den Reservenersatz leisten zu können. Es besteht die Gefahr, dass dieser Investitionsengpass letzten Endes wieder zu einer Preiserhöhung führt.

profil: Wann spüren wir das bei der Förderung?
Ruttenstorfer: Das zeigt sich in ein, zwei Jahren bereits in sinkenden weltweiten Reserven und in fünf bis zehn Jahren in der Förderung.

profil: Auch bei der OMV?
Ruttenstorfer: Wenn wir so investieren wie in diesem Jahr, können wir unsere Förderung halten. Wenn der Ölpreis zwei, drei Jahre so niedrig bleibt, wäre das zu hinterfragen.

profil: Welche Rolle hat der niedrige Ölpreis beim Ergebnis des vierten Quartals 2008 gespielt?
Ruttenstorfer: Eine sehr große. Er ist ja binnen eines Quartals von über 100 Dollar auf 40 Dollar gefallen. Wenn Sie über zwei Millionen Tonnen Öl liegen haben, müssen Sie das berücksichtigen. Das verzerrt ein Ergebnis so, dass sich niemand mehr auskennt. Wir weisen in Zukunft, wie andere große Ölfirmen auch, unser Ergebnis „vor Lager­effekten“ aus. Hätte man das im vierten Quartal bereits gemacht, wären wir auf über 700 Millionen gekommen – das wäre also ein besseres Ergebnis als im Vorjahresquartal gewesen.

profil: Wie lange liegt das Öl im Schnitt bei der OMV?
Ruttenstorfer: Länger als drei Monate.

profil: Im Sommer wurden Sie von der Bundeswettbewerbsbehörde angegriffen. Man warf Ihnen vor, Sie würden Preissteigerungen beim Rohöl sofort, Preissenkungen aber nur zögerlich weitergeben. Wenn Sie so viel Öl auf Lager haben, hätten Sie zu Zeiten steigender Ölpreise doch billiger verkaufen können.
Ruttenstorfer: Ich glaube, die Menschen würden es noch weniger verstehen, wenn wir die Preise mit drei Monaten Verzögerung weitergeben. Wir haben übrigens einen wissenschaftlichen Gutachter beauftragt, der festgestellt hat, dass wir Erhöhungen und Senkungen sofort weitergeben.

profil: Damals, vor einem halben Jahr, wurden Sie mehrmals in den Medien mit der Aussage zitiert, dass Sie vom steigenden Ölpreis nicht profitieren würden. Jetzt leiden Sie am niedrigen Ölpreis und müssen Ihre Lager abwerten – ganz offensichtlich haben Sie im Sommer aber Ihre Lager aufwerten können.
Ruttenstorfer: Ich glaube nicht, dass ich gesagt habe, dass wir davon nicht profitieren. Ich habe gesagt, wir haben ein lachendes und ein weinendes Auge. Klar, in der Förderung ist es ein Vorteil. Aber für den Absatz beim Kunden ist es ein Nachteil, weil der Verbrauch reduziert wird.

profil: Darf ich also festhalten, dass die OMV von einem hohen Ölpreis profitiert?
Ruttenstorfer: Wir profitieren eindeutig von einem hohen Ölpreis. Vielleicht habe ich damals nicht direkt zum Ausdruck gebracht, dass das zwei Seiten hat. Aber die Ölindustrie profitiert natürlich tendenziell in der Förderung. In der Raffinerie ist es dafür aber nachteilig.

profil: Jetzt wollen Sie ein 300 Millionen schweres Sparprogramm auflegen. Trifft das auch das Personal?
Ruttenstorfer: Nein, der Hauptpunkt liegt woanders: Wir verhandeln mit unseren Lieferanten, damit wir die Kosten wieder eindämmen, die jüngst so sehr gestiegen sind. In Rumänien sparen wir durch Modernisierung. Außerdem bauen wir neben Wien ein zweites Zentrum für Buchhaltung, IT und Personalverwaltung in Bukarest. Während IT sehr stark hier in Wien bleibt, bauen wir die personalintensiveren Dinge in Rumänien aus. Das hilft uns auch sehr stark, die Kosten herunterzubringen.

profil: Und trotz dieser Verlagerung entsteht kein Arbeitsplatzverlust in Österreich?
Ruttenstorfer: Nein, Personalabbau ist kein Thema. Wir stellen sogar noch immer ein – wenn auch wenig und sehr spezifisch.

profil: Sie versuchen Ihre Lieferanten herunterzuhandeln – und sind selbst Lieferant für Austrian Airlines, die genau das Gleiche versuchen. Haben Sie Mitleid mit der angeschlagenen Airline?
Ruttenstorfer: Welche Gefühle ich persönlich habe, zählt hier nicht. Wir sind ein börsennotiertes Unternehmen. Wir können weitergeben, was der Markt erlaubt. Aber nicht mehr.

profil: Die AUA argumentiert, dass der Kerosinpreis in Wien ohnehin überteuert sei.
Ruttenstorfer: Es gibt inzwischen sogar ein Gutachten, das belegt, dass wir zu Marktpreisen anbieten.

profil: Aber auch Sie dürften kein Interesse daran haben, dass die AUA vom Markt verschwindet.
Ruttenstorfer: Wir haben sogar ein hohes Interesse an einem starken Flugknotenpunkt in Wien – das ist die AUA ohne Frage.

profil: In der Jahresbilanz 2008 fällt der gescheiterte Übernahmeversuch des ungarischen Konkurrenten MOL ziemlich stark ins Gewicht. Das bestehende MOL-Aktienpaket der OMV hat rund 1,2 Milliarden Euro an Wert verloren. Nachdem die Aktie so massiv abgewertet hat – sind Sie froh, dass die Übernahme geplatzt ist und Sie nicht noch mehr von dieser in den Büchern haben?
Ruttenstorfer: Ich glaube noch immer, dass die Konsolidierung der fragmentierten Ölindustrie in Mitteleuropa kommt und dass es klug gewesen wäre, diesen Merger durchzuführen. Aber die EU-Kommission hat hier Auflagen erteilt, die uns das letzten Endes nicht erlaubt haben.

profil: Wie lange wollen Sie die MOL-Aktien noch halten?
Ruttenstorfer: Wir haben derzeit nicht vor, sie zu verkaufen. Das gilt nicht für die Ewigkeit, aber heuer werden wir sie durchaus behalten. Ich glaube, wir haben die Aktien zu einem vernünftigen Preis gekauft. Dass der heutige Marktpreis deutlich darunter liegt, haben wir in der Bilanz berücksichtigt. Aber ich glaube, dass die Aktie – wie viele andere auch – wieder raufgeht.

profil: Man könnte das Spiel auch umdrehen und sagen, MOL ist jetzt so billig, da könnte man sie leichter kaufen.
Ruttenstorfer: Das ist schon wahr. Aber das ist vom Tisch.

profil: Wenden wir uns wieder der Zukunft zu: Wie hoch soll der Geschäftsanteil der erneuerbaren Energien werden?
Ruttenstorfer: Gas ist der kommende Energieträger. Vor allem im Bereich der Stromkraftwerke. Außerdem ist er schadstoffärmer als Öl. Deswegen forcieren wir den Ausbau dieses Geschäftsbereichs.

profil: Gas ist aber nicht wirklich ein „erneuerbarer“ Energieträger.
Ruttenstorfer: Aber er ist in einer Zwischenphase notwendig, um diese überhaupt einsetzen zu können. Mit Ausnahme von Biokraftstoffen zielen die „renewables“ Wind, Sonne und Wasserkraft auf Stromgewinnung ab. Allerdings ist Wasserkraft von der Kapazität beschränkt, und Wind und Sonne können nicht 24 Stunden am Tag Strom liefern – deswegen braucht es zusätzlich Gaskraftwerke, um diese Schwankungen auszugleichen. Wir bauen drei große Gaskraftwerke in Rumänien, der Türkei und in Bayern, um einen Schritt in Richtung Strom zu gehen. Erst in einem zweiten Schritt steigen wir dann in Renewables ein. Allerdings muss man bei Sonnenenergie offen sagen, dass wir bei Fotovoltaik noch keine Erfahrung haben. Wenn es später einmal möglich sein sollte, mit konzentrierter Sonnenenergie – also Spiegeln, die das Licht auf einen Punkt lenken –, dann haben wir Stärken. Und die wollen wir einsetzen.

profil: Selbst wenn Sie drei große Gaskraftwerke zur Stromgewinnung bauen – damit ist noch nicht klar, woher das Gas kommen soll.
Ruttenstorfer: Russland ist unser wichtigster Partner und wird dies auch auf absehbare Zeit bleiben. Aber schon heute decken wir die Hälfte unseres Bedarfs aus eigener Förderung in Mitteleuropa und aus der Nordsee.

profil: Spätestens seit dem Gaskonflikt sind die Menschen skeptisch, ob die russische Gazprom ein verlässlicher Partner ist.
Ruttenstorfer: Gazprom war 40 Jahre lang ein verlässlicher Partner. Wahr ist, dass im Jänner für 14 Tage kein Gas geflossen ist. Wahr ist aber auch, dass in Österreich kein einziger Kunde weniger Gas bekommen hat.

profil: Aber wir waren kurz davor.
Ruttenstorfer: Ich will jetzt nichts gegen die Medien sagen. Auch wir wissen natürlich, dass wir abhängig von Russland sind, deswegen haben wir sehr früh große Gasspeicher ausgebaut. Der Lieferstopp war aber weniger für Westeuropa als vielmehr für Südosteuropa ein Problem. Man sieht ­daran, wie wichtig es wäre, durch diese Länder eine Pipeline zu legen – Nabucco. Dass dieser Korridor fehlt, hat die Gaskrise wieder deutlich gemacht. Gas aus dem Mittleren Osten soll in Zukunft unser starkes, drittes Standbein werden – über Nabucco.

profil: Ist denn schon klar, aus welchen Ländern das Gas kommen soll?
Ruttenstorfer: Es gibt noch keine Verträge mit Lieferländern, weil die endgültige Bauentscheidung noch nicht gefallen ist.

profil: Warum sollte man auch eine Pipeline bauen, die kein Gas liefert?
Ruttenstorfer: Das ist ein Henne-Ei-Problem. Ohne Pipeline nützt auch das Gas nichts. Wir gehen so vor: Zuerst müssen die Türken dem Gastransit zustimmen. Dann können Gashändler – so wie die Econgas (eine OMV-Tochter, Anm.) – bestimmte Kapazitäten buchen. Sobald diese unterzeichnet haben, wird gebaut. Und sobald die Pipeline steht, können wir mit den Lieferantenländern verhandeln. Gas gibt es jedenfalls in der Region genug.

profil: Gas, das die Russen auch haben wollen – und sich bei den Verhandlungen mit den Lieferländern wie Aserbaidschan oder Turkmenistan offenbar geschickter anstellen als die EU. Müssten sich EU-Politiker stärker ein­setzen?
Ruttenstorfer: Die EU unterstützt dieses Projekt voll. Dass es mehr sein könnte, kann man natürlich immer sagen. Ich glaube, die Chancen, dass Nabucco kommt, waren nie besser als jetzt, aber endgültig entschieden ist es nicht.

profil: Können wir derweil auf Gas aus dem Iran hoffen? Wie ist der Stand des dortigen Projekts?
Ruttenstorfer: Dort geht derzeit nichts weiter. Da in Kürze Wahlen sind, gibt es keine Entscheidungen, die in den nächsten Monaten fallen.

profil: Wie blicken Sie dem Jahr 2009 entgegen? Mit welchem Ergebnis rechnen Sie?
Ruttenstorfer: 2009 wird kein Rekordjahr. Das Ergebnis wird niedriger sein, aber wir werden weiter einen starken Cash Flow haben, der es uns erlaubt, unseren Wachstumskurs fortzusetzen.

profil: Aber konkrete Zahlen nennen Sie nicht. Weil es so schlimm wird oder – was eigentlich noch schlimmer wäre – weil Sie es aufgrund des schwankenden Ölpreises und der fortschreitenden Krise gar nicht wissen?
Ruttenstorfer: Wir haben noch nie konkrete Zahlen genannt, sondern immer nur: Das Ergebnis steigt, bleibt gleich, oder es fällt. Jetzt sage ich: Es fällt.