Interview mit Pop-Ikone Cyndi Lauper

Interview. Pop-Ikone Cyndi Lauper über Hillary Clinton und Madonna, die Rechte von Lesben und Schwulen und ihr Comeback mit dem aktu­ellen Album „Bring Ya to the Brink“.

profil: Sie sind bereits seit vielen Jahren mit Ihrer „True Colors“-Tournee unterwegs, die mit einer Kampagne für die Rechte von Schwulen und Lesben einhergeht. Warum beschäftigen Sie sich als verheiratete Mutter so intensiv mit dem Thema?
Lauper: Ich bin befreundet und verwandt mit Schwulen und Lesben. Daher ist es auch mein Leben. Es betrifft mich persönlich, so wie uns alle. Wenn man in einem Land lebt, das mit Gleichheit für alle prahlt, aber eine bestimmte Gruppe davon ausnimmt, dann verlieren dabei alle. Wenn auch nur einem diese allgemeinen Bürgerrechte versagt werden, dann hat sie niemand mehr. Denn dann sind die Grundrechte angreifbar. Als Amerikanerin werde ich mein Land nicht verlassen, bloß weil ein oder zwei Leute an der Macht sind, die einer bestimmten Gruppe ihre Bürgerrechte nicht gönnen. Nein, bei uns werden diese Leute vom Volk für das Volk bestellt. Die sollen für uns arbeiten. Das ist mein Geburtsrecht als Amerikanerin, das wurde mir so beigebracht.

profil: Hat die Tournee in den USA auch homophobe Reaktionen hervorgerufen?
Lauper: Keine Ahnung. Aus welchem Grund denn? Homophobe müssen ja nicht zu den Shows kommen. Genauso wie jemand, der ein Problem mit gleichgeschlechtlicher Ehe hat, eben niemanden gleichen Geschlechts heiraten soll. Die Puritaner sind einst in mein Land gezogen, weil sie in ihrer Heimat verfolgt wurden. Sie unternahmen diese lange Schifffahrt nach Amerika. Und als sie dort ankamen, begannen sie selbst, Leute zu verfolgen, die anders waren als sie. Die ganze Reise war umsonst gewesen. Vielleicht hätten sie lieber in England bleiben und ihre Verfolgung durchstehen sollen, um zu begreifen, dass man Leute nicht verjagt. Aber nein, sie mussten in mein Land ziehen!

profil: In den achtziger Jahren waren Sie im Pop-Geschäft eine Vorkämpferin des Feminismus ...
Lauper: Finden Sie? Nun, ich verbrannte schon als Jugendliche auf meiner allerers­ten Demonstration meinen Stütz-BH und alles, was ich finden konnte, das pink war.

profil: Wurde die Verbrennung von BHs auf Demonstrationen nicht als Mythos entlarvt?
Lauper: Ihr Typen sagt immer, das wäre nicht passiert. Das ist genau das, was sie in meinem Land machen. Sie versuchen uns unsere Geschichte zu nehmen, damit sie uns anschwindeln können. Inzwischen haben die Menschen schon vergessen, dass sie das Recht auf freie Meinungsäußerung haben. All diesen armen religiösen Menschen wurden die Gehirne gewaschen. Man hat ihnen erfolgreich eingeredet, dass es in Wahlen um Religion ginge. Dabei könnten diese Figuren, die sie gewählt haben, auf keine Weise so handeln, wenn sie auch nur irgendeine Verbindung zu irgendeiner Art von Gott hätten. Sie haben sich von ihren eigenen Herzen losgelöst, und das ist ein entscheidender Schritt; denn sie begannen, große Fehler zu machen und nicht mehr auf ihre innere Stimme zu hören, die einem sagt, was Recht und Unrecht ist. Sie haben katastrophale Entscheidungen getroffen, aufgrund derer andere draufgingen. Diejenigen, denen man verklickerte, dass man ihren Gott verteidigen würde, wurden allesamt betrogen. Denn ihr Dollar ist jetzt nichts mehr wert.

profil: Sie haben unlängst bei einem Konzert der ehemaligen Präsidentschaftsanwärterin Hillary Clinton Ihren neuen Song „Same Old Story“ gewidmet. Sind Sie noch erzürnt über den Ausgang des demokratischen Kandidatenrennens?
Lauper: Ich hatte vor diesem Konzert nie zum Wahlkampf Stellung bezogen, weil ich mich der Aufgabe verschrieben hatte, die Leute überhaupt erst einmal zum Wahlgang zu motivieren. Dieses Anliegen wollte ich nicht durch eine Wahlempfehlung meinerseits abwerten. Aber als Clinton ihre Kandidatur schließlich aufgab, hab ich klar festgestellt: Was über sie verbreitet wurde, war sexistisch, und als Frau finde ich es zum Kotzen, solchen Dreck mit anzuhören. Aber ich weiß, dass die Glasdecke, die uns am Aufstieg hindert, schließlich zerschmettert werden wird, denn hinter jeder Frau, die daran anstößt, warten schon zwanzig andere. Deswegen hatte ich auch zu Beginn meiner Laufbahn so viel Selbstvertrauen. Ich wusste, dass ich nicht die Einzige bin. Wo ich herkomme, gibt es jede Menge Frauen, die so denken wie ich. Ich habe nur die Möglichkeit, mein großes Maul aufzumachen und was zu sagen. Und das werde ich auch tun.

profil: Wurden im Zuge der Vorwahlkampagne zwischen Clinton und Barack Obama nicht Antisexismus und Antirassismus gegeneinander ausgespielt?
Lauper: Schätzchen, ist dir klar, dass sie in meinem Land einen Nachrichtensender haben, der in Wahrheit nur Editorials verbreitet? Das sind keine News, sondern ein paar Leute, die ihren Senf abgeben und dazu ein paar Bilder zeigen. Sie zeigen ein paar Clips, und als Einleitung dazu sagen sie: „Die Unruhestifterin X hat gesagt ...“ Wenn jemand eine Unruhestifterin genannt wird, ist das kein Faktum mehr, sondern eine Meinung. Es ist nicht Fox News, es ist Fox Editorial. Die sollten das nicht Nachrichten nennen dürfen, wenn sie nur subjektive Kommentare verbreiten. Die sollten wegen falscher Produktbezeichnung verklagt werden. In meinem Land ist diese Trennungslinie verwischt worden. Hoffentlich kommt das wieder aus der Mode, wenn die Leute einmal draufkommen, dass sie übers Ohr gehauen werden.

profil: Was ist aus der Girl Power geworden, deren Pionierin Sie in den achtziger Jahren waren?
Lauper: Es hat einen Backlash gegeben, nicht wahr? Heute sieht man keine Girl Power mehr. Man sieht frauenfeindlichen Scheiß und Mädchen, die sich verhalten, als wären sie lobotomisiert, abgestumpft, interesselos, wie betäubt. Babes, ihr habt keine Power! Ihr könntet genauso gut Halsband und Leine tragen. Das ist nicht Selbstermächtigung, das ist rückwärts gerichtet. Aber auch dagegen ist wieder ein Backlash im Kommen. Und für all diese Typen, die Leute wie mich zurückdrängen wollten, wird es noch ein schlimmes Erwachen geben.

profil: Was meinen Sie damit?
Lauper: Ich habe nie klein beigegeben. Ich bin eine Songschreiberin, ich suche Austausch, und ich präsentiere Ideen. Ich versuche nicht zu predigen, obwohl ich weiß, dass ich sehr rechthaberisch und von mir eingenommen bin. Aber ich mache meine Tourneen nicht, um den Leuten zu sagen, was sie zu tun haben, oder meine Fahne zu schwenken, sondern um sie gemeinsam zum Lachen und zum ausgelassenen Tanzen und zum Singen zu bringen. Aber sie sollen dabei auch Zugang zu Informationen erhalten, damit sie sich nicht isoliert, einsam oder hilflos zu fühlen brauchen, sondern sich selbst helfen können. Meine Tour ist in Amerika mit einer Selbsthilfe­initiative verbunden. Wenn man zur schwulen, lesbischen, bisexuellen oder Transgender-Community gehört und Fragen hat, kann man bei meinen Konzerten direkt Berater ansprechen. Auch für Eltern, deren Kinder gerade ihr Coming-out hatten, stehen andere Eltern zur Hilfe bereit und Ärzte, die Vorträge halten. Man kann sich da wirklich Wissen aneignen, man muss kein Opfer sein. Ich musste auch erst lernen, was Transgender überhaupt bedeutet. Dass wir im Mutterbauch erst alle weiblich sind, bis das Gehirn die Botschaft schickt, die uns männlich oder weiblich macht. Und wenn es vorkommt, dass die Natur dabei einmal danebenhaut, dann wird man männlich, obwohl man weiblich sein hätte sollen. Oder umgekehrt.

profil: Und all das haben Sie nun in einer tanzbaren Party-Platte umgesetzt?
Lauper: Ja, ich will, dass die Leute sich gut fühlen. Ich schreibe über alles, was ich rund um mich höre. Und dass man immer wieder aufstehen kann, wenn man am Boden ist. Jeder hat es in sich.

profil: Sie hatten ja selbst schon einiges durchgemacht, als 1983 „Girls Just Want to Have Fun“ herauskam ...
Lauper: Ich war dreißig. Aber ich habe immer gesagt: Wollen Sie unter meine Motorhaube schauen oder meinen Kilometerstand prüfen? Es geht um die Idee. Was du singst und wie du singst, ist, wer du bist, nicht dein Alter. Da gibt es Leute, die halb so alt sind wie ich und nicht einmal schwitzen auf der Bühne, weil sie sich nicht bewegen. Oder sie machen irgend so einen Aerobic-Tanz. Ich mag diese Kurse nicht, da war ich nie gut drin.

profil: Madonnas Bühnenshows gleichen einem Workout. Verleugnet Ihre einstige Rivalin Madonna ihr Alter?
Lauper: Oh bitte. Wovon sprechen Sie da? Finden Sie, dass man in einem bestimmten Alter nur bestimmte Dinge tun sollte? Kann ich Ihnen eine Frage stellen: War sie außer Atem?

profil: Allerdings. Und einige Zeilen kamen vom Playback, damit sie Zeit zum Verschnaufen hatte. Es sah mehr nach schwerer Arbeit als nach Spaß aus.
Lauper: Das muss am Anfang einer Tournee gewesen sein. Madonna ist sehr unterhaltsam und eine großartige Athletin. Inzwischen ist sie sicher schon fit wie der Terminator.

profil: Unlängst haben Sie bei einem Werbespot für das Quizspiel „Trivial Pursuit“ Regie geführt. Ihr Einstieg in eine andere Branche?
Lauper: Das war ein Spaß. Das Tolle an der Werbung ist, dass man da Produktionsassistenten hat. Ich musste nicht in Geschäften nach Büchern suchen und mich an der Kassa anstellen, ohne dass mir jemand beim Tragen hilft. Jemand anders hat das für mich besorgt. Ich mag es, Regie zu führen, weil man die Leute mit seiner Stimme inspirieren und in ihren Köpfen Bilder zum Leben erwecken kann. Es geht immer darum, wie man sich selbst in seinem Kopf sieht. Das ist wie bei kleinen Kindern. Wenn mein Sohn Eishockey spielt, dann ist er in seinem Kopf der große Wayne Gretzky und vollbringt heroische Taten. Das kann man von den Gesichtern der Kinder ablesen. Wenn man auf der Bühne steht, ist das auch so. Man ist, wer man denkt, dass man ist. Und nachher sieht man Bilder von sich selbst und denkt: Ich hatte ja keine Ahnung, ich dachte, ich wär viel größer! Hab ich Ihnen jetzt eigentlich genug über meine neue Platte erzählt?

profil: Nicht wirklich.
Lauper: Ich habe sie in Schweden und in England aufgenommen. Es war das erste Mal, dass ich aus der Perspektive einer Dichterin geschrieben habe. Ich bin allein durch die Straßen gegangen, ich hatte nicht einmal einen Bodyguard dabei. Ich war vollkommen außer Rand und Band, ganz in Schwarz mit einem Fedora-Hut. In meinem Kopf war ich Greta Garbo. Bloß bin ich viel kleiner, aber in meinem Kopf war ich groß.

Interview: Robert Rotifer