Interview mit Schauspieler August Zirner

Der Schauspieler August Zirner über die Enteignung seiner Familie im Wien des Jahres 1938, über Mozarts Lehren und die Diktatur des Geldes.

Interview: Stefan Grissemann

profil:
Ihre Großmutter Ella Zirner besaß einst neben einem Innenstadtwarenhaus auch das Gemäuer des jetzigen Nobelrestaurants „Drei Husaren“. Sie wurde 1938 von den Nazis enteignet und zur Emigration gezwungen. Wurde sie je entschädigt?
Zirner: Das Kaufhaus wurde als Immobilie 1951 restituiert. 1957 verkaufte meine Großmutter für vier Millionen Schilling alles, was sie noch hatte, da sie angeblich verschuldet war. Sie wollte zwar, dass mein Vater auch um den Rest noch kämpfte, aber der hatte dazu keine Lust. Er wollte mit Wien nichts mehr zu tun haben. Heute ist sowieso nichts mehr zu machen, da die Sache bereits verjährt ist. Aber sie gibt Anlass nachzudenken, was das überhaupt ist: Eigentum, Grundbesitz.

profil: Sie wollen nun, auch wenn in der Causa nicht mehr viel zu erreichen ist, wenigstens darüber sprechen?
Zirner: Ja, aber selbst das wird als vermessen empfunden. Ein Anwalt hat mir vor zwei Jahren tatsächlich geraten, lieber nicht von der Enteignung meiner Familie zu sprechen. Er meinte, typisch wienerisch, ich wolle mir doch keine unnötigen Probleme einhandeln. Wieso denn Probleme? Ich erwarte mir materiell ja nichts. Ich stelle keine Restitutionsansprüche, die könnte ich gar nicht mehr geltend machen. Seit 1995 kann das Verbrechen der Enteignung meiner Großmutter nicht mehr geahndet werden.

profil: Sie recherchieren die Geschichte der Enteignung Ihrer Familie seit Jahren – ohne Aussicht auf Entschädigung. Warum?
Zirner: Ich bin neugierig. Als historisch interessierter Mensch will ich herausfinden, wie sich das angefühlt hat, als 1938 entschieden wurde, dass dieses Lokal an jemand anderen als seine rechtmäßige Besitzerin übergeben werden sollte. Ich will wissen, wie dieses Eigentum meiner Großmutter genau abhanden kam. Mir geht’s nur um geschichtliche Korrektheit, um Respekt – um Verantwortung. Ich mag nicht, wenn mit der Geschichte geschludert wird. Man muss den traurigen, ungerechten Tatsachen ins Auge sehen. Es geht letztlich nur darum, der Demütigung meines Vaters und dem Schatten dieser Demütigung, der auf mir lastet, aus biografisch-poetisch-therapeutischen Gründen ein sicheres Wissen entgegenzusetzen. Ich will ja nichts. Ich will nur wissen. Oder besser: Ich will’s mir vorstellen können. Und die Informationen, die ich derzeit kriege, blockieren meine Vorstellung. Sie wecken in mir den Verdacht, dass jemand etwas zu verbergen hat. Da werde ich grantig oder nervös. Ich mag das nicht. Ich mag nicht angelogen werden.

profil: Wann begannen Sie denn, diesen Teil Ihrer Familiengeschichte zu erforschen?
Zirner: Vor 14 Jahren. Damals spielte ich am Rabenhof das Stück „Der Fall Furtwängler“. Und weil ich ja Musikerkind bin, sagte ich zu meinem Regisseur Helmut Griem, der ein alter Linker war, dass meine Sympathie dem Musiker Furtwängler, nicht dem NS-Mitläufer Furtwängler gelte. Griem fragte, wie ich denn dann den Nazi-Hasser spielen wollte. Ich sah und sehe darin aber kein Problem. Im Zuge der Probenarbeit wurde mir bewusst, dass ich über meine Familiengeschichte nicht recht Bescheid wusste. So fing ich an nachzuforschen, ging aufs Grundbuchamt, studierte die Arisierungsgeschichte des Kaufhauses Zwieback. Ich bekam bald merkwürdige Briefe von ehemaligen Angestellten des Kaufhauses, die behaupteten, niemals Nazis gewesen zu sein. Dabei stand schon in deren Bewerbungsschreiben, dass sie „lange vor 1938 leidenschaftliche Befürworter der großen deutschen Idee gewesen“ seien. Und auf der Homepage der „Drei Husaren“ heißt es nun lapidar: „Während des Krieges florierten die Geschäfte, und die ,Drei Husaren‘ waren ein beliebter Treffpunkt der damaligen Gesellschaft.“

profil: Tatsächlich haben sich Wiens NS-Bonzen dort gern zum Essen getroffen.
Zirner: Da steht weiter: „Als Graf Palffy geschäftliche Fehlschläge hinnehmen musste, war die finanzielle Basis so sehr erschüttert, dass das Lokal 1938 an den Berliner Gas­tronomen Otto Horcher verkauft werden musste.“ So fängt die Geschichte des Traditionsrestaurants „Drei Husaren“ an. Von der Enteignung, von den Nazis keine Spur.

profil: Sie meinen, dahinter steckt System?
Zirner: Ja, unbewusst vermutlich. Man enthält Informationen vor, weil man das hübsch Verschlafene solcher Geschichtsdarstellungen nicht brechen will.

profil: Was die Jahre zwischen 1938 und 1945 betrifft, geht man hierzulande eben ungern ins Detail.
Zirner: Genau, es war eine schreckliche Zeit, bestellen wir lieber noch ein Viertel Wein!

profil: Das betrifft die schönsten Karrieren: etwa jene des betagten Johannes Heesters, der sich nicht mehr so recht erinnern kann, wie er im Dritten Reich zu so großer Beliebtheit kommen konnte.
Zirner: Aber daran, dass Hitler, wenigstens in seinen Augen, privat ein durchaus netter Kerl war, konnte er sich schon erinnern.

profil: Das musste er schnell wieder zurücknehmen.
Zirner: Er wurde von seiner Frau zurückgepfiffen. Das find ich ja noch besser. Wenigstens hat er Angst vor seiner Frau, wenn schon nicht vor Hitler.

profil: Was ist Ihr Ziel in Sachen „Drei Husaren“? Nur die lückenlose Recherche der Enteignung Ihrer Großmutter?
Zirner: Mein Ziel ist es nachzuempfinden, wie es meinem Vater damals ging.

profil: Weil Sie ihn nicht mehr fragen konnten? Weil er starb, als Sie 15 waren?
Zirner: Ja. Wie fühlt sich das an, zuschauen zu müssen, wie das, was man aufgebaut hat, einem weggenommen und umgebaut wird? Wie wäre das, wenn ich den Leuten, die dieses Restaurant führen, heute mitteilte, dass ihnen das nicht mehr gehörte – und dass ich aus dem Lokal einen Reitstall machen wollte? Weil ich Pferde so liebe. Darüber hinaus habe ich eine politische Partei, eine ganze Bewegung im Rücken, die proklamiert: Wir wollen keine Luxusrestaurants mehr. Wir wollen Pferdeställe. Weg mit den feinen Restaurants! Weg mit BP! Weg mit dem ganzen großkapitalistischen Dreck! Ich glaube nicht an das Selbstverständnis von Eigentum, das liegt auch an meiner Herkunft.

profil: Sie fordern keine späte Restitution, weder Geld noch Immobilie. Wäre es nicht schon aus Gründen historischer Gerechtigkeit nötig, eben darauf zu bestehen?
Zirner: Vielleicht. Aber was soll ich wollen? Für den Rest meines Lebens gut essen gehen? Das tu ich sowieso. Mich fasziniert vielmehr, dass es ein Recht gibt – und in diesem Recht unendlich viele Variationen des Unrechts. Schon die Perfidie, dass man, wenn man nur die richtigen Leute kennt, kriegt, was man braucht, ekelt mich an.

profil: Auch Ihre gegenwärtige Probenarbeit an der Wiener Volksoper, wo Sie „Die Entführung aus dem Serail“ spielen werden, hat wieder Erinnerungen an 1938 geweckt?
Zirner: Die Aufgabe, in Wien eine Mozart­-Oper zu erarbeiten, hat für mich viel mit meinem Vater zu tun, der ein Mozart-Liebender war. Da wird in mir virulent, was ihm in dieser Stadt passiert ist. Als Bassa Selim spreche ich den Satz: „Dein Vater ist schuld, dass ich mein Vaterland verlassen musste. Er brachte mich um Ehrenstellen, Vermögen, um alles. Kurz, er zernichtete mein ganzes Glück.“ Das steht so im Libretto! Ich musste das doch auf meinen Vater beziehen. Mein Glück ist, dass meine beruflichen Engagements fast immer, zu 90 Prozent, mit meinem Leben zu tun haben.

profil: Wirklich? Auch Ihre vielen Krimi-Rollen im deutschen Serienfernsehen?
Zirner: Gut, das sind dann die zehn Prozent, für die das nicht gilt. Aber selbst da gab es ab und zu Überlappungen. Als Spieler – und das bin ich im theatralischen wie im musikalischen Sinne – versuche ich, mit möglichst hohem Verantwortungsbemühen eine Art Flamme weiterzureichen. Ich dachte also: Was für ein Geschenk, in dieser Oper mitwirken zu dürfen! Natürlich bin ich kein Renegat, mein Vater wurde vertrieben, nicht ich. Er wurde aus den Räumen, in denen wir gerade sitzen, nicht nur vertrieben, sie wurden ihm weggenommen von einer Interimsregierung; und das wurde nie wiedergutgemacht. Aber was heißt Wiedergutmachung? Letzten Endes ist das ja nur eine Geste.

profil: Ein Eingeständnis.
Zirner: Ja, nicht mehr. Eine Entschuldigung nützt keinem was. Es geht um Respekt, um eine Verneigung vor der Geschichte. Darum, sich nicht hinter Juristerei zu verschanzen. Denn die ist inzwischen müßig, da sind alle Fristen längst verstrichen. Für mich sind die „Drei Husaren“ ein biografisch-poetischer Ort. Es ist einfach Bullshit, immer nur zu sagen, dass man nicht zurückschauen sollte. Und beim Heurigen singt man dann die seligen Lieder der alten Zeit. Ich mag die Oberfläche nicht unbekratzt lassen. Sogar die Deutsche Bahn hat sich mehr um Aufklärung bemüht als die Politik hier in Wien. Ich möchte meinem Vater eben gern die Ehre erweisen, seiner Kränkung ebenso nachzugehen wie dem Glück, dass er Musiker werden konnte; aber es muss zwischen 1934 und 1938 für ihn sehr unangenehme Situationen gegeben haben. Und wenn ich recht informiert bin, wurde der Österreicher Adolf Eichmann lange vor 1938 nach Berlin beordert. Wie macht ihr das in Österreich mit euren Pogromen? Mit eurer Marginalisierung des Judentums? Es ging – und geht – eben immer ums Eigentum, nicht um die Religion. It’s all about the fucking money.

Foto: Michael Rausch-Schott für profil