Interview: „Schreckliche Lemuren“

Regisseur Claus Peymann über das trügerische Idyll der „Seitenblicke“-Gesellschaft und die Unmöglichkeit, ihr nicht zu erliegen.

Claus Peymann, 65, ist Intendant des renommierten Berliner Ensembles (BE). 1966 begann er seine Regie- und Intendanten-Karriere am Frankfurter Studio TAT. Nach einem Intermezzo an der Schaubühne Berlin wurde er Schauspieldirektor in Stuttgart und Bochum. Von 1986 bis 1998 leitete er das Burgtheater in Wien.

profil: In Kürze wird im ORF die 5000. „Seitenblicke“-Sendung ausgestrahlt. Was fällt Ihnen dazu ein?
Peymann: Um Gottes willen! Ich hatte gehofft, nach fünf Sendungen sei alles vorbei. Aber so hält sich eben der Schrecken. Das Burgtheater hat ja auch schon mindestens 50.000 Vorstellungen hinter sich.
profil: Sie sind offenbar kein Freund dieses Formats?
Peymann: Ich bin wahrscheinlich außer Thomas Bernhard der einzige Österreicher, der konsequent jede Mitarbeit bei den „Seitenblicken“ verweigert hat. Am Anfang zumindest. Da bin ich vor den Redakteuren davongelaufen wie der Teufel vorm Weihwasser. Aber das hat anscheinend meinen Wert bei diesen Kultur-Playboys noch erhöht. Die „Seitenblicke“-Journalisten haben mir wie die Wahnsinnigen nachgestellt und mich am Ende doch noch erobert. Auch ich wurde schließlich zu einem der Wiener Lokalmatadoren, die jeden Abend ihre verschwitzten Nasen in die Kamera halten. Und auch ihren glitzernden Po, versteht sich.
profil: Wie hatten es die Society-Jäger geschafft, Sie doch noch zu gewinnen?
Peymann: Da muss man, glaube ich, von einer homoerotischen Komponente sprechen. Das sind alles so verführerische Männer, die einen anlächeln und dann nur Schweinereien fragen. Die Vergiftung findet bei diesen Interviews unter dem Deckmantel von geheucheltem Enthusiasmus statt. Alle reden nur darüber, wie herrlich und köstlich diese Veranstaltung ist, auf der man gerade ist. Die vergifteten Messer bleiben im Verborgenen. Irgendwann haben mir die Interviews sogar ein klein wenig Spaß gemacht.
profil: Das klingt jetzt fast wehmütig.
Peymann: Sie werden lachen, aber hier in Berlin, also im Norden Sibiriens, habe ich sogar ein bisschen Sehnsucht nach den „Seitenblicken“. Natürlich ist es im Grunde eine knapp an der Unterhose vorbeigeführte „Chichi“-Sendung. Aber sie schafft es, Kulturfiguren ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit zu rücken. So etwas fehlt in Deutschland, wo in Wahrheit kein Hahn nach uns Künstlern kräht. Und ich meine jetzt nicht nur mich, den ollen Peymann. Aber ich glorifiziere, wie Sie vielleicht merken. Natürlich sind es auch oft nur schreckliche Lemuren, die einem da von irgendeiner Burg Feuchtenstein oder aus Mörbisch entgegentanzen.
profil: An welche Lemuren denken Sie?
Peymann: Wer zählt die Lemuren? Wer nennt ihre Namen? Ein großer Teil von Österreich besteht ja nur aus Lemuren.
profil: Wie würden Sie einem Marsmenschen die Spezifika der österreichischen Gesellschaft erklären?
Peymann: Dem Marsmenschen würde ich sofort eine Mozartkugel in den Rachen schieben, und er würde an Vergiftung eingehen. Nein, wie könnte man das erklären? In Österreich und speziell in Wien geht eben alles so seinen Josefstädter Gang. Alles ist Fassade und Kulisse, aber man ist tüchtig unterwegs. Das ist vielleicht auch schon wieder eine Qualität. Auch, wenn es nur eine Gier ist nach News und weniger nach Profil.
profil: Wie wirkt es auf Sie, wenn Politiker die „Seitenblicke“ als Forum nutzen, um in den Augen der Öffentlichkeit zu „menscheln“?
Peymann: Ich finde es grauenvoll. Aber ich bin jetzt Gott sei Dank in einem Alter, wo mir langsam alles egal wird. Ich werde einfach altersblind.
profil: Verliert ein Politiker an Glaubwürdigkeit, wenn er sich zu oft in Boulevardsendungen präsentiert?
Peymann: Ich glaube schon, dass die Leute das heuchlerische Spiel durchschauen, wenn irgend so ein Onkel aus Kärnten seine Lederhose spazieren führt. Diese Pseudohemdsärmeligkeit und dieses aufgesetzte Pseudoprivate wird durchaus entlarvt.
profil: Die „Seitenblicke“ zeigen ausschließlich eine schöne, nette, heile Welt. Liegt darin das Erfolgsgeheimnis?
Peymann: So ist es. Es gibt ja auch das so genannte „Seitenblicke“-Gesicht, das mittlerweile zum zweiten Gesicht der Österreicher wurde. Oder ist es das wahre Gesicht?
profil: Wie erkennt man das?
Peymann: Durch das kuschelige Grinsen und die Botschaft, die da lautet: „Was sind wir glücklich, was sind wir sexy, wie herrlich ist die Welt!“ Auch wenn der Krebs natürlich an allen Stellen wuchert. Das gehört alles ins Programm dieses Pseudoglücks, dieser lächerlichen Harmonisierung. Aber man kennt das ja auch aus der Kultur: Je größer der Premierenflop, desto fröhlicher sind die Gesichter der Schauspieler, Regisseure und Intendanten. Und dabei war das Ganze doch eine einzige schöne Scheiße.