Interview: „Sehr kinderlieb bin ich nicht“

Autorin Christine Nöstlinger, die am 13. Oktober 70 wird, über ihre Abneigung gegenüber Streberkindern, Gusenbauers Schulvorschläge und ihre Defizite in Sachen Popmusik.

profil: Sie feiern am Freitag Ihren 70. Geburtstag. Man sagt ja, dass man im Alter wieder zum Kind wird. Haben Sie diesbezüglich Veränderungen an sich bemerkt?
Nöstlinger: Ich glaube nicht, dass ich im Alter zum Kind werde. Auch von meinen Bekannten ist eigentlich niemand kindlicher geworden. Kindischer vielleicht – was ja eher eine negative Eigenschaft ist.
profil: Sie haben in Ihrer Literatur weder Kindheit noch Kinder je in ein verklärtes Licht gerückt.
Nöstlinger: Ich glaube, ich eigne mich zum Kinderbuchschreiben deshalb relativ gut, weil ich nicht sehr kinderlieb bin. Wenn man so milde ist, dass man alle Kinder mag, kommen keine besonders lustigen Bücher zustande. Schließlich gibt es viele grausliche Erwachsene: Die werden doch nicht erst am 18. Geburtstag zum Kotzbrocken.
profil: Sie haben einmal gesagt: „Ich verabscheue Kinder, die beim Spielen die Lehrerin sein wollen.“ Streber sind Ihnen zuwider?
Nöstlinger: Ich bin zwar im Alter weder kindisch noch kindlich geworden, aber meine Abneigung gegen diese Sorte von Kindern habe ich mir erhalten. Natürlich weiß ich: Der arme Zwerg kann nichts dafür. Ich gewinne ihn aber nicht lieb.
profil: Sie wären also keine gute Lehrerin geworden?
Nöstlinger: Ich wäre eine schreckliche Lehrerin. Ich würde ein paar Kinder bevorzugen – aber ich glaube, so sind ohnehin viele Lehrer.
profil: Sie sind in einem Wiener Arbeiterviertel aufgewachsen, Ihre Bezugspersonen waren erklärt antifaschistisch. Demokratie wurde Ihnen schon als Kind als hohes Gut vermittelt. Welche Partei haben Ihre Eltern gewählt?
Nöstlinger: Meine Mutter war durch und durch Sozialdemokratin. Meine Großmutter hat sogar den Buchbestand meines Großvaters der SPÖ vermacht. Mein Vater, nehm ich an, hat manchmal auch kommunistisch gewählt.
profil: Was sagen Sie zum Wahlsieg der SPÖ?
Nöstlinger: Der ist für den Hugo. Ich hätte mir eine Rot-Grün-Mehrheit gewünscht. Die Horrorvision von Schwarz-Blau-Orange traue ich dem Herrn Schüssel durchaus zu.
profil: Die SPÖ hat im Wahlkampf stark auf das Thema Bildung gesetzt. Wie stehen Sie zu Alfred Gusenbauers Vorschlag der Gesamtschule?
Nöstlinger: Die Gesamtschule ist ein alter Hut, dafür habe ich schon in den siebziger Jahren plädiert. Der Vorteil ist, dass man Kinder nicht ab zehn Jahren aussortiert. Ich bin auch für Ganztagsschulen. Meine Enkel besuchen die nicht ungern.
profil: Aber in Ihren Büchern ist die Schule doch meist eine Zwangsanstalt, die den Kindern jede Kreativität austreibt.
Nöstlinger: Das ist etwas übertrieben! In meinen Büchern gibt es auch liebe Lehrer und nette Schüler. Jedenfalls wird die Schule aber nicht besser, wenn die Kinder weniger Zeit in ihr verbringen.
profil: Wie stehen Sie zur Rechtschreibreform?
Nöstlinger: Die ist mir völlig Blunzn: Ich schreibe, wie ich will, habe aber nichts dagegen, wenn ein Lektor meine Rechtschreibung ändert. Früher hat es auch keine festeren Regeln gegeben. Ich habe ein handschriftliches Manuskript von Goethe gesehen, in dem er Kraft mit drei f geschrieben hat. Solange man kapiert, was mitgeteilt wird, soll jeder schreiben, wie er will.
profil: Nervt es Sie manchmal, dass jeder mit Ihnen nur über Kinderbücher und Kinder reden will?
Nöstlinger: Ich bin weder Psychologin noch Pädagogin; wenn ich meine Meinung über Kinder abgebe, verstehe ich nicht mehr als jede Hausfrau und Mutter. Jemanden, der für Erwachsene schreibt, fragt ja auch niemand: Was braucht die 45-jährige Frau? Was soll man für den 60-jährigen Mann schreiben? Eine Kinderbuchtante ist anscheinend für alles zuständig. Da schwingt natürlich eine gewisse Missachtung für diesen Literaturzweig mit.
profil: Mit anderen Autoren spricht man eher über Sprache und Inhalt?
Nöstlinger: Über den Inhalt redet man bei Kinderbüchern auch: ob er für Kinder gut oder schlecht ist. Aber Sprache ist das Wichtigste. Eine Astrid Lindgren ist ja nicht so gut, weil sie herrliche Geschichten geschrieben hat, sondern weil sie einen kolossalen sprachlichen Witz hatte.
profil: Ist „Harry Potter“ sprachlich gesehen ein gutes Buch?
Nöstlinger: Im Original ist es nicht schlecht geschrieben, aber ich kann dieses Fantasy-Zeug nicht leiden. Ich bin beim Lesen von „Der Herr der Ringe“ eingeschlafen. Wenn Kinder das Bedürfnis haben, in Fantasiewelten zu flüchten, dann hat das etwas mit dem Leben zu tun, das sie führen müssen. Bei mir war Fantasie immer ein Vehikel, um die Gesellschaft, in der wir leben, zu erklären und nicht, um eine ganz andere Welt zu erfinden.
profil: Was macht ein gutes Kinderbuch für Sie aus?
Nöstlinger: Das kann man nicht so einfach sagen. Der Kinderbuchmarkt ist relativ schmal, aber Kinder sind sehr verschieden. Es gibt nicht für alle Sorten von Kindern Spezialliteratur, zumindest nicht so, wie das am Erwachsenensektor durchaus der Fall ist. Ein gutes Kinderbuch sollte Kindern sinnlich wahrnehmbar machen, was eine interessante Sprache ausmacht. Die Geschichten sind mir relativ egal – man kann alle Probleme der Welt in einem Kinderbuch beschreiben, aber man muss sich vorstellen: Was interessiert ein Kind daran?
profil: Sie haben sehr viel geschrieben, mittlerweile gehen Sie es etwas ruhiger an.
Nöstlinger: Eigentlich habe ich nur so viel geschrieben, weil ich mir meine Zeit nicht einteilen kann. Weil ich seit frühester Kindheit dazu neige, erst das Unnötige zu tun und dann das Nötige. Ich habe ein gewisses Stress-Vergnügen. Aber mit 70 schafft man dieses Arbeitstempo einfach nicht mehr. Ich habe zum Glück durch meine Buch-Backlist eine gewisse finanzielle Rücklage. Aber wenn man gerne Geld ausgibt, muss man viel schreiben.
profil: Wofür geben Sie denn gerne Geld aus?
Nöstlinger: Ich will einfach nicht sparen. Ich kenne die Schinkenpreise quer durch Wien nicht, sondern kaufe den Schinken dort, wo er am teuersten ist. Ich gehe gerne locker mit dem Geld um.
profil: Wie hat sich im Laufe der Jahre Ihr Menschenbild beim Schreiben verändert?
Nöstlinger: Ganz sicher habe ich früher bösere Mütter beschrieben als heute. Damals war ich selbst Mutter und konnte recht biestig sein. Ich glaube auch, dass es heute in einer gewissen Schicht mehr nette Mütter und Väter gibt.
profil: Wie sieht eine typische Nöstlinger-Figur aus?
Nöstlinger: Ich weiß vor allem, was ich nicht kann. Man hat ja nur sich selbst als kindliches Modell. Ich hätte nie behauptet: Ich weiß, was in meinen Kindern vorgeht. Das ist eine Illusion von Müttern. Ich kann nicht über Kinder schreiben, die sehr sportlich sind. Ich war immer total unsportlich. Ich kann mir nicht vorstellen, über einen Streber anders als hämisch zu schreiben. Ich weiß nicht, was in so einem Menschen vorgeht.
profil: In Ihren Büchern kommen weder Markenprodukte noch Popsongs vor. Für Kinder und Jugendliche ist diese Welt doch ganz zentral.
Nöstlinger: Marken wechseln schnell, Bücher sollen länger halten. In der Musik wechselt alles noch schneller. Mein großes Problem ist: Ich mag und ich kenne diese Musik nicht.
profil: Aber Madonna kennen Sie schon?
Nöstlinger: Die finde ich schrecklich. Ich mag nur Jazz. Aber das alles fällt meinen Lesern ohnehin gar nicht auf – die denken sich die Musik selbst dazu.
profil: Zum Fall Natascha Kampusch haben Sie einen medienkritischen Kommentar geschrieben, in dem Sie dem Fernsehen und den Zeitungen Voyeurismus vorgeworfen haben.
Nöstlinger: Mich hat der ganze Fall nicht sonderlich beschäftigt. Das ist eine erstaunliche Geschichte, aber auf der Welt gibt es Dinge, die mich mehr interessieren.
profil: Schauen Sie viel fern?
Nöstlinger: Ich schaue immer fern. Ich schreibe meine Texte zuerst mit der Hand, und manchmal drehe ich dabei den Fernseher auf. Ich kann sogar in eine Gerichtsshow auf RTL versinken. Meist kommt dann mein Mann vorbei und fragt, ob ich wahnsinnig geworden bin – dann drehe ich schuldbewusst ab.
profil: Vor rund zehn Jahren haben Sie in einem Interview gesagt, Sie wollten Tischlern lernen. Haben Sie sich inzwischen Bett, Tisch und Stuhl selber gezimmert?
Nöstlinger: Habe ich das behauptet? Dann ziehe ich mich auf den alten Adenauer zurück und sage: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? Richtige Ziele habe ich nie gehabt, mir ist alles passiert. Ich bin eben keine Streberin.

Interview: Karin Cerny