Interview: „Unser Ruf steht auf dem Spiel“

Staatsoperndirektor Ioan Holender über das Theater an der Wien, die Sinnhaftigkeit der Bundestheaterholding und die Drohung der Philharmoniker, die Staatsoper zu verlassen.

profil: Vergangene Woche wurde das Theater an der Wien feierlich als Opernhaus eingeweiht: Warum sind Sie der Eröffnung ferngeblieben?
Holender: Weil ich mir lieber in meinem eigenen Haus die „Walküre“ angehört habe und weil mich das Programm nicht interessiert hat.
profil: Mit dem Theater an der Wien wurde immerhin ein neues Opernhaus eingeweiht.
Holender: Es ist kein neues Opernhaus, weil dort auch bis jetzt Oper gespielt wurde. Dass im Theater an der Wien aber ab jetzt nur noch Oper gespielt wird, ist das sehr erfreuliche Ergebnis einer Entscheidung, für die ich zehn Jahre lang fast einsam gekämpft habe.
profil: Heute gelten Sie als einer der schärfsten Kritiker von Intendant Roland Geyer: Wie kam es zu dem Sinneswandel?
Holender: Das ist doch kein Sinneswandel, ich kritisiere nur, dass ein Haus keine Identität erhält, wenn es nur an hundert Abenden pro Jahr spielt.
profil: Das entspricht dem Prinzip eines jeden Stagione-Betriebs. Das Pariser Châtelet spielt auch nicht öfter.
Holender: Das Châtelet ist ein Operngebäude, in welchem sich jedermann einmieten kann, und hat mit dem Stagione-Betrieb nichts zu tun. Wenn ein Theater nur achtmal pro Monat aufsperrt, verzichtet es nicht nur auf Einnahmen, sondern auch auf kontinuierliche Aufmerksamkeit. Da fragt der Besucher nicht, was man heute spielt, sondern ob man spielt. Warum die Kulturpolitik hier keine klare Leistungsvorgabe gesetzt hat, ist unverständlich.
profil: Intendant Geyer hat angekündigt, Künstler möglichst exklusiv an das Theater an der Wien binden zu wollen. Bringt Sie das unter Druck?
Holender: Mich überhaupt nicht! Wollte man ein solches Vorhaben tatsächlich umsetzen, hätte man außerdem ganz andere Künstler engagieren müssen. Denn mit Fabio Luisi und Bertrand de Billy hat man Dirigenten engagiert, deren Karrieren und Tätigkeit aufs Engste mit der Staatsoper verbunden sind. Die Sänger Elina Garanca, Adrian Eröd, Bo Skovhus, Soile Isokoski, Angelika Kirchschlager, Natalie Dessay oder Michael Schade, um nur einige zu nennen, singen regelmäßig in der Staatsoper. Die Intendanz des Theaters an der Wien soll also nicht behaupten, sie versuche, sich von den anderen Wiener Opernhäusern abzuheben. Es wäre spannend gewesen, wenn sie für Wien neue Künstler gebracht hätte.
profil: Das Theater an der Wien will sich vor allem durch avanciertes Regietheater unterscheiden.
Holender: Sänger und Dirigenten sind immer noch jene, derentwillen das Publikum in die Oper geht, aber zuerst einmal soll das Theater produzieren, dann kann man darüber urteilen. Über die drei Da Ponte/Mozart-Opern, die von der Staatsoper dort unter Riccardo Muti gezeigt wurden, sagte Wiens Kulturstadtrat, dass sie das Niveau vorgeben sollten. Wenn dem so ist, wäre das wunderbar. Vielleicht ist die erste Opernpremiere, die im Theater an der Wien nun herauskommen wird, ja deshalb ein Gastspiel der Staatsoper. Wir produzieren Mozarts „Idomeneo“.
profil: Müssen Sie befürchten, Publikum zu verlieren?
Holender: Ich stehe mit dem Theater an der Wien in keinem Konkurrenz-Verhältnis und werde sicher kein Publikum verlieren. Genauso bin ich davon überzeugt, dass das Theater an der Wien sein Publikum finden wird. Es ist wunderbar, dass dort Barockopern gezeigt werden. Es ist weniger wunderbar, wenn man dort die gleichen Werke mit zum Teil den gleichen Sängern wie die Staats- und Volksoper spielt.
profil: Durch den vorzeitigen Rückzug von Direktor Rudolf Berger schlitterte die Volksoper in eine Image-Krise: Welchen Platz soll das Haus in der veränderten Wiener Opernlandschaft einnehmen?
Holender: Für die Volksoper hat sich prinzipiell nichts geändert, vorausgesetzt, sie konzentriert sich endlich auf jenes Repertoire, welches in Wien niemand anderer spielt: die Operette, die Spieloper und die Werke der Spätromantik, also Opern wie „Lakme“, „Adriana Lecouvreur“, „Tiefland“, aber auch wichtige Werke des 20. Jahrhunderts. Musicals hingegen soll man den Wiener Musicalbühnen überlassen, weil die Volksoper die dafür notwendigen Künstler nicht im Ensemble hat.
profil: Die Volksoper kämpft vor allem auch mit finanziellen Problemen.
Holender: Das Hauptproblem der Volksoper besteht nicht darin, dass sie bei der Ausgliederung unterdotiert wurde, weil das nicht wahr ist. Es besteht darin, dass sie ein anonymes Haus geworden ist. Früher kannte man die Künstler, derentwegen man hingegangen ist: Minich, Martikke, Sorell, Kuchar, Serafin oder Slabbert. Wer ist heute die Operetten-Diva an der Volksoper? Wer der Operetten-Tenor? Man weiß es nicht, weil die Sänger permanent wechseln, noch rascher als die jeweiligen Direktoren.
profil: Kunststaatssekretär Franz Morak überlegt, Staatsoper und Volksoper unter einer Direktion zusammenzulegen. Kritiker befürchten, dass die Volksoper dadurch an Identität verlieren könnte.
Holender: Ich fände eine Zusammenlegung richtig. Es würde beiden Häusern große Synergien bringen. Die Spielplankoordination und das Einsetzen der Sänger der beiden Häuser könnten viel effektiver gestaltet werden, und der Spielplan der Staatsoper und der Volksoper würden sich in klarster Weise voneinander abheben. Außerdem wäre es viel billiger.
profil: Druck auf die Bundestheater übt die Gewerkschaft aus: Wegen gescheiterter Gehaltsverhandlungen steht eine Streikdrohung im Raum. Rechnen Sie mit Behinderungen des Spielbetriebs?
Holender: Dazu kann es kommen. Viele Mitarbeiter mussten in den letzten Jahren einen Reallohnverlust hinnehmen. Die Regierung hätte bei der Ausgliederung 1999 eine Valorisierung der Gehälter um die Inflationsrate garantieren müssen, was trotz vehementer Bitten von Burgtheaterdirektor Klaus Bachler und mir nicht geschehen ist.
profil: Die Philharmoniker haben vergangene Woche sogar überlegt, sich aus der Staatsoper zurückzuziehen.
Holender: Nicht die Philharmoniker, sondern die seit zwei Wochen neu gewählten Orchesterbetriebsräte haben dies überlegt. Denn es ist absolut tatsachenwidrig, dass ein Großteil der Philharmoniker nicht in der Oper bleiben will. Ich weiß, dass die Äußerungen mit den Wiener Philharmonikern nicht abgesprochen worden sind. Ein Betriebsrat sollte wissen, dass die künstlerische Basis dieses Orchesters die wechselseitige Tätigkeit in Opern und Konzerten und die fixe Staatsopernanstellung die Existenzbasis der Musiker ist. Es ist für mich keine Frage, dass auch Mitgliedern des Staatsopernorchesters eine Gehaltsanpassung zustünde, aber genauso ist es für niemanden zielführend, Drohungen auszusprechen, die erstens niemand ernst nimmt und die zweitens eine positive Stimmung zum gemeinsamen Musizieren willkürlich stören. Ich lasse mich hier ganz bestimmt nicht von irgendjemandem unter Druck setzen.
profil: Die Staatsoper hat allein in der Saison 2003/04 einen Jahresüberschuss von 5,6 Millionen Euro erwirtschaftet. Warum wollen Sie den Gewinn nicht mit Ihren Mitarbeitern teilen?
Holender: Für die laufende Spielzeit könnte ich tatsächlich die gewünschte Gehaltserhöhung von 2,7 Prozent finanzieren, aber nicht mehr ab der kommenden. Ich hätte einfach nicht mehr genug Geld, um den Spielplan umzusetzen. Ganz abgesehen davon, dass ich gar nicht mit der Gewerkschaft verhandeln darf, weil dies in den Zuständigkeitsbereich der Holding fällt, die für alle drei Bundestheater eine Lösung sucht.
profil: Die Gewerkschaft spricht sogar davon, dass die Staatsoper Reserven in der Höhe von 33 Millionen Euro hätte.
Holender: Die Gewerkschaft soll nicht derart unsachliche und falsche Äußerungen tätigen. Es wäre ihr wahrscheinlich sogar recht, wenn ich auch die Gehaltserhöhung für das Burgtheater und die Volksoper zahlen würde, weil immer noch die Vorstellung existiert, dass die Budgets der drei Häuser ein gemeinsamer Topf wären.
profil: Was de facto durch die Holding-Konstruktion auch der Fall ist.
Holender: Die Staatsoper ist eine GmbH, und der Jahresüberschuss von 5,6 Millionen Euro wurde uns und nicht den anderen vorgetragen. Dieses Thema ist vom Tisch.
profil: Welchen Sinn hat die Holding-Konstruktion?
Holender: Das weiß ich nicht. Das müssen jene wissen, die sie ersonnen haben.
profil: Die Holding ist für die Renovierung der Gebäude zuständig.
Holender: Dafür muss man wohl keine eigene Holding gründen und finanzieren. Würde man die Holding ernst nehmen, hätte sie das Staatsopern-Museum und die räumlichen Umbauten in meinem Haus zahlen müssen. Das sind Dauerinvestitionen, welche nicht zum Spielbetrieb gehören, jedoch allein von der Staatsoper bezahlt wurden. Aber wenn ich darum bitte, vor dem Eingang des Museums ein Schild aufzustellen, damit die Besucher dieses finden, muss ich mit der Holding monatelang darüber streiten. Bis heute finden die Menschen ja nicht einmal die Bundestheaterkassen, die ebenfalls in die Zuständigkeit der Holding fallen.
profil: Sie plädieren für eine Abschaffung der Holding?
Holender: Gesetze können geändert werden, und die Holding-Konstruktion ist zumindest äußerst diskutabel. Sie ist eine Nachfolge der k. u. k. General-Intendanz. Eine andere Erklärung dafür habe ich noch nie gefunden. Zwar muss im aktuellen Bezügestreit die Gewerkschaft mit der Holding verhandeln. Ausbaden muss ein Scheitern der Gespräche aber nicht die Holding, denn die spielt ja nicht Theater. Die Staatsoper muss es ausbaden, wenn der Proben- und Vorstellungsbetrieb gestört wird. Unser Ruf steht auf dem Spiel, und unser Publikum wird enttäuscht und verärgert. Nicht das der Holding, denn die hat keines.

Interview: Peter Schneeberger