Interview: „Von Schüssel wird nicht viel bleiben“

Kabarettist Alfred Dorfer über sein neues Programm, das politische Personal in Österreich und die Schwierigkeit, heute Satire zu machen.

profil: Kurz vor der Premiere Ihres Programms „heim.at“ vor sechs Jahren kam es zu einer innenpolitischen Zäsur: der schwarz-blauen Wende. Kurz vor der Premiere Ihres aktuellen Programms „fremd“ wird Österreich vom Bawag/ÖGB-Skandal erschüttert. Wie werden Sie darauf reagieren?
Dorfer: Ob und wie die aktuellen Ereignisse vorkommen werden, entscheide ich kurzfristig. „fremd“ ist im Unterschied zu „heim.at“ kein Stück mit Lokalkolorit, keine Bestandsaufnahme einer nationalen Gefühlslage, sondern hat im weitesten Sinn europäische Inhalte, die man genauso gut in Frankreich, Skandinavien oder Spanien verstehen sollte. Aktuelle Bezüge werden ja gern als „kabarettistisch“ bezeichnet. Ich halte zwar tagespolitische Themen für durchaus spannend, wollte aber in diesem Fall einen anderen Weg gehen – anders als in „Dorfers Donnerstalk“, wo die Aktualität quasi erste Pflicht ist.
profil: Welches kabarettistische Potenzial birgt die Bawag/ÖGB-Krise?
Dorfer: Hier ist die Satire in Wahrheit schon passiert – und wie will man mit schwarzem Humor auf eine bereits erfolgte Überhöhung reagieren? Im Prinzip ist es nicht die Aufgabe von Satire, bereits bestehender Satire hinterherzujagen. Hat man früher die Ansicht vertreten, dass in der Überhöhung Missstände auffälliger und transparenter werden, passieren in unserer Innenpolitik und unserem sozialen Umfeld heute laufend Dinge, mit denen die Überhöhung schon vorweggenommen wird. Die Aufgabe der Satire ist in diesem Fall meiner Ansicht nach, die Auffälligkeit durch Reduktion herzustellen.
profil: In der österreichischen Innenpolitik gerät das Kabarett gegenüber der Realsatire mittlerweile routinemäßig ins Hintertreffen: BZÖ, Ortstafeln …
Dorfer: Das Publikum in Deutschland hat das übrigens für einen Scherz gehalten. Wenn andererseits ein deutscher TV-Kommentator sagt, die niedrige Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt habe nichts mit Misstrauen gegenüber der Politik zu tun, dann sind wir schon mitten in der Satire. Für mich wird es immer schwieriger, hier noch einen Zugang zu finden. Vielleicht besteht die genreadäquate Reaktion ja darin, all das gar nicht mehr humoristisch aufzuarbeiten.
profil: Kann man daraus schließen, dass es Sie zusehends nervt, lustig sein zu müssen? Wollen Sie das Pickerl „Kabarettist“ endgültig abschütteln?
Dorfer: Ich fand Schubladen immer schon lässlich. Theatralische, musikalische oder kabarettistische Elemente sind für mich kein Widerspruch. Ich habe mit diesen Genrebegriffen nie etwas anfangen können – oder mit der Frage: Ist das jetzt noch Kabarett oder schon Theater? Aber eine Diskussion „Was ist Theater?“ wäre sicher höchst spannend – mit denjenigen, die solche Einteilungen vornehmen.
profil: Nun gibt es aber gewisse Erwartungshaltungen, auch und gerade in Ihrem Fall. Können Sie darüber so einfach hinweggehen?
Dorfer: Das war für mich mit ein Grund, die Premiere von „fremd“ in Deutschland zu machen, weil ich austesten wollte, ob mein Konzept über die Grenzen hinweg verständlich bleibt oder nicht. Und erfreulicherweise war das der Fall. Der einzige Erwartungsdruck, den ich mir selbst auferlege, ist der, keine Redundanz zu spüren.
profil: Was meinen Sie damit?
Dorfer: Nicht das Gefühl zu haben, ein Sequel von etwas Früherem zu machen. Ich hatte auch keine Lust, eine klare aristotelische Form auf die Bühne zu stellen, mit Anfang und Schluss und klar überschaubarem Personal und Handlungsverlauf. Das entspricht unserer realen Wahrnehmung einfach nicht: Wir finden in unserer Wirklichkeit keine Stücke mehr vor, sondern Fragmente, abgebrochene, zerfallende Geschichten. Deshalb lasse ich vor den Augen des Publikums Geschichten entstehen und wieder verschwinden. Ob man das nun als Theaterstück oder als Kabarett sehen will, bleibt den Betrachtern überlassen.
profil: Wie geht es mit „Dorfers Donnerstalk“ weiter?
Dorfer: Es wird vor den Nationalratswahlen wieder eine Staffel geben – so ist es jedenfalls vereinbart.
profil: Waren Sie überrascht über die relativ großen Freiheiten, die der ORF Ihnen ließ?
Dorfer: Das war der Deal – und der wurde eingehalten. Es gab in 30 Folgen nur zwei Beanstandungen durch die ORF-Rechtsabteilung und eine Verschiebung. Außerdem hätte jede Form von Zensur nur Staub aufgewirbelt.
profil: Wissen Sie, wie ÖVP-Klubchef Wilhelm Molterer darauf reagierte, dass Sie ihn ständig auf die Schaufel genommen haben?
Dorfer: So routiniert, wie Herr Molterer agiert, wird er in der Öffentlichkeit natürlich sagen, er habe es sehr lustig gefunden.
profil: Hat er das gesagt?
Dorfer: Ja. Molterer ist nicht so dumm, sich in der Öffentlichkeit über mich zu ärgern.
profil: Die ersten zwei Staffeln von „Dorfers Donnerstalk“ waren ein durchschlagender Erfolg, sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik. Bei der dritten Staffel waren die kritischen Meinungen eher geteilt. Worauf führen Sie das zurück: auf das Fehlen von Florian Scheuba vielleicht?
Dorfer: Grundsätzlich gilt, dass eine Satiresendung, die einhellige Kritiken hat, eine schlechte Satiresendung ist. Geteilte Kritiken sind aus meiner Sicht erwünscht. Ich hatte einfach das Gefühl, dass nach den ersten beiden Staffeln das Konzept ausgereizt war. Ich wollte das Spektrum erweitern. Dass das geteilte Meinungen hervorrufen würde, war mir klar.
profil: Welches Verhältnis haben Sie heute zu Florian Scheuba?
Dorfer: Ich habe sein Ausscheiden damals bedauert, da ich mir gewünscht hätte, dass Florian auch im neuen Konzept einen wichtigen Platz einnimmt, weil ich ihn für sehr gut halte. Aber er wird ja mit Rupert Henning, Erwin Steinhauer und Thomas Maurer bald eine eigene Sendung verwirklichen. Dafür wünsche ich ihm aufrichtig alles Gute.
profil: Was wird in der historischen Rückschau von Wolfgang Schüssel bleiben?
Dorfer: Nicht viel. Zwar hat er seiner Partei den ersten Kanzler seit 1970 beschert. Sobald er nicht mehr in dieser Position ist, wird er selbst in der ÖVP keine gute Nachrede haben, aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur und der parteiinternen Allianzen. In seiner Zeit als Minister und Vizekanzler hätte man viel darauf verwettet, dass er niemals Bundeskanzler werden würde. Dass er es trotzdem wurde, verdankt er bekanntlich Jörg Haider, worüber dieser sich wahrscheinlich noch im Altersheim maßlos ärgern wird. Was wird historisch von Schüssel bleiben? Ich glaube, nicht viel mehr als von Fred Sinowatz.
profil: Wolfgang Schüssel wird Ihrer Meinung nach als Lachnummer in die österreichische Geschichte eingehen?
Dorfer: Na ja, ihm ist immerhin gelungen, sich von einer Lachnummer zu einem Politiker zu wandeln, dem man sogar gewisse Qualitäten in der Taktik zusprechen muss. An seinen Sympathiewerten hat das aber nichts geändert.
profil: Was wird von Jörg Haider bleiben?
Dorfer: Haider war ein Produkt der großen Koalition, ein Symbol für eine Seite des Landes, die jederzeit abrufbar ist, wenn es um Selbstdefinition über Feindbilder geht. Das ist ein fixer Bestandteil der österreichischen Seele, weshalb man über das Wahlergebnis von Heinz-Christian Strache auch nicht ernsthaft überrascht sein konnte.
profil: Hat Strache dieselbe symbolische Kraft wie seinerzeit Haider?
Dorfer: Strache hat nicht Haiders politische Begabung und außerdem den Makel der Kopie.
profil: Wird der nächste Kanzler Alfred Gusenbauer heißen?
Dorfer: Das glaube ich nicht. Aber ich habe vergangenen September auch nicht geglaubt, dass Angela Merkel deutsche Bundeskanzlerin werden würde. Insofern bin ich ein schlechter Prophet. Es hängt sicher auch davon ab, wie stark die Bawag/ÖGB-Krise auf die Sozialdemokratie abfärbt.
profil: Wäre es um des Wohls der Republik willen zu wünschen, dass Alfred Gusenbauer Bundeskanzler wird?
Dorfer: Wenn einem das Wohl der Republik am Herzen liegt, dann müsste man sich ganz schnell auf die Suche machen nach neuen Politikern. Ich träume auch nicht von Rot-Grün oder von anderen parteipolitischen Konstellationen – ich träume von einer anderen Politik. Dass Fritz Verzetnitsch zurückgetreten ist, ist jedenfalls das Mindeste, was man aufgrund anderer Vorkommnisse auch von Frau Gehrer hätte erwarten dürfen.
profil: Verzweifeln Sie manchmal an Österreich?
Dorfer: Die Verzweiflung ist konkret und Österreich dafür eigentlich fast zu abstrakt. Ich verzweifle manchmal an gewissen Aspekten von Österreich, zum Beispiel am nicht vorhandenen Diskurs. Es gibt keinen Blick auf das Reale, sondern immer nur die Retrospektive als Gegenwart und daneben eine Vielzahl irrationaler Überlagerungen. Das macht mich manchmal etwas nervös.
profil: Wo sehen Sie sich in fünf oder zehn Jahren?
Dorfer: Der schönste Satz von Thomas Muster lautete, er denke immer nur an den nächsten Ballwechsel. Auch ich hatte nie einen großen Plan. Ich habe mir mit 20 auf der Uni nicht überlegt, wo ich mit 40 sein will, genauso wenig, wie ich mir heute überlege: Was kann man mit 60 noch bewegen?
profil: Klingt fast nach Udo Jürgens.
Dorfer: Wobei ich in diesem Zusammenhang aber nicht die körperliche Mobilität meine. Wenn die Frage darauf abzielt, ob ich glaube, dass ich in zehn Jahren noch auf der Bühne stehen werde, dann lautet meine Antwort ja.

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