Interview: „Wilde Fantasien sind wichtig“

Der Kinder- und Jugendpsychiater und Neurologe Max Friedrich über die Bedeutung des ersten Mals und Verhaltensfehler der Eltern. Max Friedrich, 59, ist Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kinder- und Jugendalters und Berater des Familien-, Justiz- und Gesundheitsministeriums. Vor kurzem erschien sein Buch „Die Opfer der Rosenkriege – Kinder und die Trennung ihrer Eltern“ im Ueberreuter Verlag.

profil: Wie traumatisierend kann ein missglücktes erstes Mal für einen Jugendlichen sein?
Friedrich: Das kann sich zu einem ziemlich lange anhaltenden Trauma auswachsen, weil die Erwartungen natürlich sehr hoch gespannt sind.
profil: Die Wissenschaft konstatiert, die Gesellschaft beklagt das Schwinden der Kindheit. Welche Konsequenzen hat das auf das jugendliche Sexualverhalten?
Friedrich: In den vergangenen 100 Jahren hat sich das Durchschnittsalter der ersten Menstruationsblutung von 14 auf 11,3 Jahre gesenkt. Man muss den Menschen jedoch ganzheitlich betrachten – körperlich, emotional, intellektuell und sozial. Mädchen sind zwar heute deutlich früher körperlich reif, jedoch emotional und intellektuell nicht. Für das erste Mal sind die Zahlen trotz dieser Entwicklungsverschiebung relativ konstant geblieben: Zwischen 15 und 16 Jahren bei den Mädchen, bei den Buben passiert es rund ein halbes bis dreiviertel Jahr später.
profil: Was halten Sie von der politischen Debatte über das Anheben des Schutzalters?
Friedrich: Dass das Schutzalter mit 14 festgesetzt wurde, hat seinen guten Grund. Würde es hinaufgesetzt, hätte diese Regierung es mit Hunderten von Straftätern zu tun.
profil: Wie wirkt sich die mediale Übersexualisierung auf die Sexualethik Jugendlicher aus?
Friedrich: Die Tatsache, dass Sexualität medial, auch in all ihren Negativerscheinungen, jederzeit abrufbereit und zugänglich ist, lässt Jugendliche relativ unberührt. Das ist mehr das Territorium für alte Geilspechte. Rot werden, zigfaches Niederschreiben des Namens der oder des Angebeteten, Handerlhalten, ein erster Kuss, dann die Necking- und die Petting-Phase sind noch immer die gängigen Voraussetzungen für ein erstes Mal. Da hat sich nichts geändert.
profil: Liegen romantische Sehnsucht und sexuelles Verlangen nie wieder so nahe zusammen wie beim ersten Mal?
Friedrich: Das kann man sagen. Denn schon beim zweiten Geschlechtspartner steigt man ja bei einer viel höheren Aktions-Stufe ein.
profil: Wie sollte man sich als Elternteil angesichts des drohenden Endes der Unschuld verhalten?
Friedrich: Reden, reden, reden. Und zwar schon im frühen Alter. Wenn ein Bub im Alter von vier, fünf Jahren erstmals eine Erektion in der Badewanne kriegt, sollte man nicht wegschauen, sondern das thematisieren.
profil: Und später? Lehnen Jugendliche nicht das Verbalisieren solch intimer Angelegenheiten, vor allem mit den Eltern, ab?
Friedrich: Eltern haben natürlich in fortgeschrittenem Stadium eine extrem schlechte Position. Deswegen muss schon vorher geredet werden. Ich würde zu Toleranz raten, auch was die sexuellen Kontakte oder Übernachtungen unter dem elterlichen Dach betrifft. Passieren wird es eh sowieso. Wenn man helfen kann, ungünstige und unappetitliche Umstände zu vermeiden, ist es umso besser. Ich erinnere mich noch mit Schaudern an die VW-Stellung
unserer Tage.
profil: Ist Sexualität für Jugendliche heute angstfreier als früher?
Friedrich: Wesentlich. Die Ängste meiner Generation waren ja vor allem religionsbedingt. Unkeuschheit in Gedanken, Worten und Werken, heißt es ja im Katechismus. Dabei ist Selbstbefriedigung und das Spintisieren wilder Fantasien für die sexuelle Entwicklung so unglaublich wichtig.
profil: Hatten Sie eigentlich ein schönes erstes Mal?
Friedrich: Ja, es war für mich ein wunderschönes Erlebnis, an das ich mich oft gern erinnere.