Interview: „Wir riechen einfach schlecht“

Der Sieg des Kleinbürgertums. Die Ohnmacht der Kunst. Elisabeth Gehrers Suppentopf. Burgtheaterdirektor Klaus Bachler rechnet ab: mit Österreich, mit der Regierung und mit der Leberknödelmentalität.

profil: In der US-amerikanischen Politik spricht man vom „Lame duck“-Effekt: Ein Präsident, dessen Nachfolger bereits gewählt ist, sitzt nur mehr den Rest seiner Amtszeit ab, ohne noch entscheidende politische Akzente setzen zu können. Sie haben vor einem Jahr Ihren Wechsel an die Staatsoper München für 2008/2009 bekannt gegeben. Vor Kurzem wurde Ihr Nachfolger als Burgtheaterdirektor präsentiert: Matthias Hartmann. Sind Sie damit selbst zur „Lame duck“ geworden?
Bachler: Das wäre am Theater gar nicht möglich. Hier ist sozusagen jeden Tag alles vorbei und muss wieder von vorn beginnen. Ich will in Wien jetzt noch das Theater zu Ende bringen, das ich mit vielen Menschen über die Jahre hinweg gemacht habe. Der Drang, sich permanent zu erneuern, ist dabei vielleicht nicht mehr so groß. Andererseits kann eine solche Übergangssituation auch etwas Befreiendes haben.
profil: Das heißt, Sie werden jetzt die Sau rauslassen?
Bachler: Nein, ich habe immer schon gemacht, was ich wollte, und mich dabei nie um die Politik oder irgendwelche Institutionen gekümmert. Insofern bin ich in keiner neuen Situation. Den „Lame duck“-Effekt gibt es für mich nicht, denn entweder fliegt die Ente und muss irgendwann weiterfliegen, oder sie ist eh nie geflogen.
profil: Möglicherweise sehen andere Sie aber als lahme Ente.
Bachler: Das würde mich wundern. Die vergangene Spielzeit zum Beispiel war eine unglaublich lebendige. Wir haben sehr viel Neues gewagt: die Interventionen von Christoph Schlingensief und Hermann Nitsch, die an der Burg früher nie denkbar gewesen wären. Wir haben zum ersten Mal eine Oper inszeniert. Und die kommende Spielzeit bietet das radikalste Programm, das ich jemals gemacht habe: Wir spielen auf der einen Seite Shakespeare, auf der anderen Seite neue Literatur, alles andere wird gestrichen.
profil: Hat sich Ihr Verhältnis zu Wien verändert, seit Sie wissen, dass Sie die Stadt verlassen werden?
Bachler: Ich leide immer mehr an Wien, was aber weniger mit meinem Job als mit meiner Eigenschaft als Staatsbürger zu tun hat. Mir wird die Entwicklung, die Österreich genommen hat, immer unangenehmer bewusst. Dieses Land hat geistig eklatant abgerüstet. Es ist in den vergangenen zehn Jahren auf eine fast schmerzhafte Weise gröber, fantasieloser und unsensibler geworden, was ich darauf zurückführe, dass allerorten das Kleinbürgertum gesiegt hat.
profil: Worüber hat es gesiegt?
Bachler: Über das, was Österreich immer ausgemacht hat – nämlich eine sehr individuelle, widersprüchliche, schlampige und insofern auch offene Gesellschaft zu sein. Das Kleinbürgertum dagegen ist konformistisch, engstirnig, ängstlich, neidisch, präpotent und xenophob, und das macht unsere Gesellschaft heute vor allem aus, sehr viel stärker und offenkundiger als früher jedenfalls. Man schottet sich gegen alles ab, was einen infrage stellen könnte.
profil: Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?
Bachler: Sie hat nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt. Zwei, drei Jahrzehnte wurde alles überdeckt vom Wiederaufbau, von einem scheinbaren Heilungsprozess. Mit dem Ende des Wirtschaftswunders musste man dann bar bezahlen und merkte plötzlich, dass die Intelligenz, die hochkarätige Wissenschaft und die Kunst überhaupt keine Rolle mehr spielten. Das ist zwar ein gesamteuropäisches Phänomen, in Österreich aber besonders virulent. Die Innenwirkung bekommen wir täglich zu spüren. Was wir uns jedoch viel zu wenig bewusst machen, ist unsere Außenwirkung.
profil: Wie würden Sie Österreichs Außenwirkung beschreiben?
Bachler: Wir sind im Fokus der Welt von einem kommunikativen, offenen, sehr beliebten zu einem dubiosen, reaktionären Land geworden. Staaten werden von Außenstehenden in erster Linie ja nach Symbolen beurteilt, und die Symbole, über die Österreich heute identifiziert wird, beschreiben eine klare Abwärtslinie – von der Waldheim-Affäre und gewissen Aussagen gewisser Politiker über eine rechts-rechte Regierung bis hin zur Restitution. Wir geben ein jämmerliches Bild ab, und das bleibt am Ende des Tages übrig. Früher habe ich auf Reisen immer gern betont, Österreicher und nicht Deutscher zu sein. Inzwischen würde ich es lieber umgekehrt halten.
profil: So argumentieren sonst doch eigentlich nur die so genannten Nestbeschmutzer.
Bachler: Im alten Griechenland wurden Kritiker als Helden verehrt, heute geht es nur mehr darum, sie möglichst schnell mundtot zu machen. Auch das ist ein sehr österreichisches Problem, das durch Mozartkugeln und Sängerknaben leider nicht mehr übertüncht werden kann. Österreich lebt vor allem von seiner Nostalgie, aber darunter ist was faul im Staat, und zwar gewaltig. Wir riechen einfach schlecht.
profil: Wenn der Fisch vom Kopf her stinkt, welche Rolle spielt dann die Regierung in diesem Prozess?
Bachler: Man kann der ÖVP jedenfalls nur hochachtungsvoll zu ihrem Machiavellismus gratulieren. Von der größten Wahlniederlage an die Regierungsmacht zu gelangen, dann den kleinen Koalitionspartner so oft zu teilen, bis es ihn praktisch nicht mehr gibt, der Bevölkerung nur Belastungen aufzuerlegen und ihr gleichzeitig einzureden, dass es zu ihrem Besten sei, und schließlich eine der Hauptsäulen der Gesellschaft, die Gewerkschaft, zu atomisieren – das ist ein echtes Kunststück! Natürlich waren in der Bawag Gangster am Werk, aber dass deshalb nun auch gleich die Gewerkschaft zur Disposition steht, und zwar selbst in der SPÖ weit gehend unwidersprochen, halte ich für verheerend: Die Arbeitnehmer haben nichts mit irgendwelchen kriminellen Bankgeschäften zu tun. Es ist bezeichnend, dass hier keine Unterschiede mehr getroffen werden und Begriffe wie „Ideologie“ oder „soziale Verantwortung“ zu Schimpfwörtern verkommen sind. Das alles kulminiert in dem zynischen Satz: Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es den Menschen gut.
profil: Ein Satz, den immerhin der Bundeskanzler gern verwendet …
Bachler: … wodurch er trotzdem nicht richtiger wird. Das Umgekehrte ist nämlich wahr: Wo es den Menschen schlecht geht, steigt der wirtschaftliche Erfolg. Es gibt heute keine Arbeitswirtschaft mehr, sondern nur noch eine Geldwirtschaft. Kritik an dieser Entwicklung ist nicht erwünscht. Alle reden von Wachstum, niemand denkt in diesem Land ernsthaft über die einzige Ressource nach, die uns noch bleibt – den menschlichen Geist, den letzten unerschöpflichen Weltrohstoff sozusagen. Wir können unsere Zukunft nur in die Bildung investieren. In Österreich liegt nun aber die einzigartige Situation vor, dass sich das gesamte Bildungswesen in den Händen einer Flöte spielenden Volksschullehrerin befindet, die völlig immun gegen jede Kritik ist und nur auf die Hochrufe ihres Chefs reagiert. So schlittert sie dahin und erntet dafür bestenfalls Schweigen und Schulterzucken.
profil: Elisabeth Gehrer ist durchaus scharfer Kritik ausgesetzt.
Bachler: Aber nicht innerhalb des Machtsystems. Dort ist sie geschützt und kann ungestraft die Saliera in die „Kronen Zeitung“ halten wie einen Tiroler Suppentopf – die perfekte Metapher übrigens für den geistigen Zustand des Landes: eine einzige Leberknödelsuppe. Österreich ist in solchen Fragen seit jeher besonders gefährdet, weil wir keine Demokratietradition haben – offenbar nicht einmal eine Verfassungstradition, wenn man etwa sieht, wie Herr Haider in der Ortstafelfrage agiert.
profil: Auch Deutschland hat keine sehr lange Demokratietradition …
Bachler: … aber im Unterschied zu Österreich auch nicht ein so hermetisches Obrigkeitsdenken, das letztlich auf die Monarchie zurückgeht. Die gescheiterte Fusion zwischen OMV und Verbund macht deutlich, wie monarchistisch Österreich in Wahrheit bis heute funktioniert. Nicht umsonst spricht man von den „Landesfürsten“ – die ihrem Titel auch alle Ehre machen. Es ist doch absurd: Österreich, ein Land von der Größe Bayerns, leistet sich neben einer Zentralregierung neun weitere Vollregierungen! Sämtliche Budgetprobleme wären über eine Föderalismusreform mit einem Schlag zu lösen, aber kein Mensch greift da hin.
profil: Weil, um Ihrer Argumentation zu folgen, Österreich immer noch Weltreich spielen will?
Bachler: Genau. Wir erhalten uns das monarchistische Weltreich im Kleinen über die Repräsentation, denn etwas anderes haben wir nicht mehr, und ersticken dabei die demokratischen Grundprozesse. Signifikantes Beispiel dafür ist der ORF. Zwar muss man es begrüßen, wenn jemand von innen aufsteht und sagt: So nicht! Aber der Ansatz ist leider völlig schief, denn es geht nicht in erster Linie um den Parteieneinfluss. Der ORF wurde gegründet zum Zwecke des Parteieneinflusses und war schon immer eher albanischer Staatsfunk als eine freie Rundfunkanstalt. Mal haben die Schwarzen kontrolliert, mal die Roten, jetzt sind es wieder die Schwarzen. Der Unterschied liegt auf der Ebene der verantwortlichen Personen. Gerd Bacher mag ein strammer Rechter gewesen sein, aber er war auch ein leidenschaftlicher Journalist, der die Konfrontation liebte und etwas bewegen wollte.
profil: Das trauen Sie der aktuellen ORF-Führung nicht zu?
Bachler: In der Chefetage am Küniglberg sitzen heute leidenschaftliche Konformisten, die nur eines im Sinn haben: ihren Job zu erhalten und dem Kanzler zu gefallen. Ganz Österreich will heute dem Kanzler gefallen: Museums- und Operndirektoren, Banken- und Versicherungschefs und die Minister sowieso.
profil: Und der Burgtheaterdirektor?
Bachler: Ich werde in die Geschichte eingehen als der einzige Burgtheaterdirektor, der dem Kanzler niemals die Hand geschüttelt hat. Ich will mich diesem gamsbebarteten, lodenbejackten Provinzfürstenklima nicht aussetzen, in dem auf Gutsherrenmanier alles weggedrückt wird, was zu einem Diskurs führen könnte. Bruno Kreisky war immerhin klug und weltoffen genug, Kritiker zuzulassen, bis zu einem gewissen Grad sogar zu fördern. Heute wird die Opposition zu Tode gestreichelt, der Koalitionspartner zu Tode gespalten – und den Rest macht man unter sich aus. Ich halte es für keinen Zufall, dass der österreichische Bundeskanzler Wahlhilfe für seinen „lieben Freund Silvio“ leistete, während ganz Europa sich schon von Berlusconi distanzierte. Der liebe Silvio hat gezeigt, wie man die Menschen in einer medial zugemüllten Entertainment-Kultur zwischen Caorle und Fußballmatch ruhig stellen kann.
profil: Welcher Stellenwert kommt denn dem Burgtheater im sedierenden Sog der Entertainment-Kultur zu?
Bachler: Erstens muss man fragen: Was kann Kunst? Ich glaube, sehr wenig. Der schönste Satz dazu stammt von Anton Tschechow: „Die Kunst ist nicht der Arzt, sie ist der Schmerz.“ Kunst kann Wahrheiten aufzeigen, Dinge durchlässiger machen – aber sie kann überhaupt nichts Konkretes bewirken. Im Theater müssen wir uns fragen, welche Stücke über Macht, zwischenmenschliche Vorgänge und den Verlust von humanen Werten wir auf den Spielplan setzen wollen. Wir können nur dazu beitragen, die Menschen zum Denken anzuregen, statt sie einzulullen. Wer in die Burg geht, muss sich immerhin mit etwas auseinander setzen.
profil: Nationalratspräsident Andreas Khol gilt als leidenschaftlicher Theatergänger, er versäumt praktisch keine Burgpremiere. Ist das in Wahrheit nicht eine sehr sinnfällige Metapher für die Ohnmacht der Kunst?
Bachler: Bei fast jeder Premiere schau ich von meiner Loge auf den Herrn Khol hinunter, der meistens im Parkett, Reihe sechs, sitzt, und frage mich: Wie wirkt das auf ihn, und warum kommt er immer wieder? Möglicherweise dient ihm das Geschehen auf der Bühne als Diskussionsgrundlage, denn anders kann ich es innerhalb seines eigenen Weltbilds nicht verstehen. Da sitzt einer, der früher die „roten Gfrießer“ beschimpfte, und dann stehen sie auf der Bühne – und er schaut ihnen gern zu und applaudiert auch noch! Vielleicht liegt darin das metaphysisch Gefährliche am Theater: Es abstrahiert so stark, dass man seinen Inhalten bequem ausweichen kann. Ich mag es, wenn man sich einer Sache stellen und sie dann befürworten oder ablehnen kann. Deshalb war mein Liebling in der katholischen Kirche Bischof Krenn, weil man bei ihm immer genau wusste, woran man war. Bei Kardinal Schönborn dagegen kriege ich seltsame Zuckungen, weil ich es da nie weiß. Gut ist in meinen Augen, was sich zeigt. Und wenn jemand wie Andreas Khol dem Theater so leicht entgehen kann, dann zeigt es sich vielleicht nicht genug.
profil: Haben Sie der Bundesregierung Ihre Distanz jemals direkt signalisiert?
Bachler: Aus meiner Haltung habe ich nie ein Hehl gemacht. Unmittelbar nach der schwarz-blauen Wende machte ich das Burgtheater zu einem offenen Forum für eine Diskussion darüber, was mit uns passiert. Seit dieser Zeit gab es keinen Kontakt mehr, und das ist auch in Ordnung so.
profil: Immerhin wurde Ihr Vertrag aber von der amtierenden Regierung verlängert.
Bachler: Aus einem einfachen Grund: Ich war sehr erfolgreich. Außerdem konnte man durch meine Verlängerung den schnellen Abgang von Dominique Mentha (Bachlers Nachfolger als Volksoperndirektor, Anm.) nach außen hin kompensieren. Als Liebeserklärung an mich durfte man es sicher nicht verstehen. Es gibt heute jedenfalls keine Tür in Wien, wo ich anklopfen könnte.
profil: Ihr Vorgänger Claus Peymann würde Ihre Selbsteinschätzung wohl kaum teilen und vielmehr für sich selbst in Anspruch nehmen, die Burg für systemkritische Ansätze geöffnet zu haben.
Bachler: Es ist schwer für mich, dazu etwas zu sagen. Peymann ist ein Bonmot von vorgestern, ein alter Mann, dem außer einem „News“-Redakteur niemand mehr zuhört. Er lebt nur in der Vergangenheit, die Gegenwart erreicht ihn gar nicht mehr. Er merkte schon während seiner Burgtheater-Zeit nicht, dass er nur der Pausenclown im System und als Polit-Entertainer und Unterhaltungskasperl in diesem barocken Wien bestens aufgehoben war. Im Unterschied zu mir konnte Peymann mit den Politikern auch sehr gut, und zwar mit allen. Er machte sogar einmal eine Burg-Führung für FPÖ-Politiker. Auf jeden Fall hat die Burg heute eine ganz andere Bandbreite als unter Peymann.
profil: Ärgert es Sie insgeheim nicht manchmal, dass Ihnen ein Eklat wie „Heldenplatz“ nie gelungen ist?
Bachler: Überhaupt nicht. Ich denke, dass wir langfristig wesentlich mehr bewirkt haben. „Heldenplatz“ war ein Event, und ob Peymann den Misthaufen selber vor die Tür schüttete oder nicht, macht dabei gar keinen Unterschied. Ich habe dem Wiener Publikum vielleicht nicht so viel Spektakel geliefert, andererseits hat die Burg heute mehr Publikum als früher, ohne deshalb publikumsfreundlicher zu sein.
profil: Ich skizziere das gängige Klaus-Bachler-Klischee: ein smarter, alerter Theatermanager, der einen luxuriösen Gemischtwarenladen betreibt und nirgendwo anecken will.
Bachler: Es liegt in der Natur von Klischees, unausrottbar zu sein. Im Unterschied zu den allermeisten meiner Kollegen komme ich aber von der Bühne. Ich bin kein Manager, sondern ausgebildeter Schauspieler und habe in 20 Jahren über 70 Rollen gespielt. Ich habe mit den Festwochen, der Volksoper und dem Burgtheater die – neben der Staatsoper – wichtigsten Kulturinstitutionen dieser Stadt geleitet, und ich habe das sicher nicht smart oder alert getan, sondern mit großer Leidenschaft und ohne dabei auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen. Ich hatte nie Kontakte zur Politik, ich war immer frei. Dass ich dafür nicht von allen geschätzt werde, ist in meinem Gehalt inkludiert.
profil: Wie kommt es denn, dass man Sie für einen aalglatten Kulturstrategen hält?
Bachler: Keine Ahnung. Meine einzige Strategie ist meine Intuition. Außerdem habe ich von meinem Großvater und meinem Vater wohl ein leidlich charmantes und einnehmendes Wesen mitbekommen, was nicht unbedingt eine Behinderung ist. Trotzdem habe ich ganz wenige Privatkontakte in Wien. Ich gehöre nirgendwo dazu, schlage auch Einladungen zu offiziellen Anlässen prinzipiell aus.
profil: Stößt das nicht auf Irritation?
Bachler: Inzwischen hat man es akzeptiert und hält es für eine Allüre. Ich bin sozusagen die Diva von der Burg. Das kann man sich, wie gesagt, nur leisten, solange man Erfolg hat. Hätte ich nur einmal Mist gebaut, wäre ich sofort fallen gelassen worden.
profil: Nach derzeitigem Stand ist die ÖVP im Begriff, die bevorstehenden Nationalratswahlen triumphal zu gewinnen. Wolfgang Schüssel wäre damit einer der längstdienenden Kanzler der Zweiten Republik. Was wird von ihm bleiben?
Bachler: Nichts. Schüssel ist ein Stratege, der nur ein Ziel hat: seine Macht zu erhalten. Macht hat immer etwas Dämonisches, sie ist die Verführung der Verführbaren.
profil: Glauben Sie, dass Schüssels Machttrieb libidinös besetzt ist?
Bachler: Da kann ich nur Küchenpsychologie betreiben. Nach den vielen Jahren als ewiger Zweiter und Mascherlträger darf Schüssel sich heute endlich wie ein König fühlen – und als EU-Ratspräsident George W. Bush als Erster die Hand schütteln. Insofern muss man mit Schüssel auch kein Mitleid mehr haben, im Unterschied zu den meisten anderen Politikern. Das ist ja ein absoluter Antiberuf: Man
hat keinerlei Gestaltungsspielraum, denn der wird heute von der Geldwirtschaft vorgegeben. Man lebt unter der Lupe, und wenn man eine nicht angemeldete Putzfrau beschäftigt, ist man seinen Job los. Außerdem wird man miserabel bezahlt. Kein Wunder, dass sich Politiker aller Parteien heute bei Frank Stronach wiedertreffen.
profil: Ihr Verhältnis zu Österreich lässt sich offenbar mit einem Wort resümieren: angewidert. Wie wollen Sie das noch drei Jahre aushalten?
Bachler: Das ist eine Frage der inneren Disposition. Immerhin kann ich mich noch aufregen. Und tatsächlich regt es mich auf, wenn ich den Politikern, nicht nur den österreichischen, zuhöre. Glauben die denn im Ernst, dass es so weitergehen, dass man in den kommenden Jahrzehnten Millionen von Arbeitslosen einfach so administrieren kann? Lesen diese Leute denn nicht, haben sie kein Bewusstsein dafür, wie Geschichte funktioniert? Irgendwann wird ihnen das Fass unter dem Arsch explodieren. Arbeit ist nun einmal ein Menschenrecht, und niemand sollte sich zu sicher sein, dass es kein revolutionäres Potenzial mehr in den Menschen gibt. Deshalb beleidigt und verletzt es mich geradezu persönlich, wenn ein österreichischer Gewerkschaftsboss sich auf die Schlachtbank führen lässt und dann auch noch sagt: Ich danke der Bundesregierung, die mir gerade die Eier abgeschnitten hat. Mein Urgroßvater war Gründungsmitglied der Sozialistischen Partei Österreichs, einer der allerersten Sozis in diesem Land. Ein Glück, dass er nicht mehr miterleben muss, wie hundert Jahre Sozialdemokratie in den Orkus geschmissen – nein: in den Swimming-Pool von Herrn Elsner gespült werden.

Interview: Sven Gächter