Interview: „Wir zeigen Filme. Wo ist das Problem?“

Miroljub Vuckovic und Tillmann Fuchs, die umstrittenen neuen Leiter des Austro-Filmfestivals Diagonale, über Boykott, Bescheidenheit und Verkaufsvorteile.

profil: Sie planen, das österreichische Kino mit Ihrer Diagonale, die in knapp sechs Monaten erstmals über die Bühne gehen soll, „verstärkt“ zu würdigen. Was genau muss man sich darunter vorstellen?
Vuckovic: Wir werden Filme aus anderen Territorien hinzufügen, um das österreichische Kino in seiner Präsenz zu verstärken. Ich sage es ganz klar, denn Journalisten finden es oft problematisch, mit mir zu reden, weil ich ihnen zu anekdotisch, zu metaphorisch bin: 70 Prozent österreichische Filme, 30 Prozent Kino aus anderen Ländern.
profil: Ihre Antritts-Pressekonferenz letzte Woche fand in gereizter Atmosphäre statt. Haben Sie mit dieser Stimmung gerechnet?
Vuckovic: Ja, das hat man mir schon prognostiziert. Aber mein Ziel ist es, mich mit Filmen zu beschäftigen. Ich meine, ich kann mich auch mit der lokalen Szene befassen, aber wenn ich 72 Stunden am Tag dazu brauche, Frieden zu schließen mit dem Milieu, das ich hier vorfinde, dann braucht das eine Menge Energie. Effizient ist das nicht.
Fuchs: Was uns in Österreich vorgeworfen wird, ist ja teilweise wirklich unsachlich, auch disqualifizierend für die, die solche Vorwürfe äußern. Ich war schon kurz davor, mich bei Miroljub für meine Landsleute zu entschuldigen.
profil: Sie sind von Staatssekretär Franz Morak bestellt, der die Diagonale aus offenbar politischen Gründen neu besetzt hat. Das Misstrauen, das Ihnen die hiesige Filmszene daher entgegenbringt, verstehen Sie nicht?
Fuchs: Ich sehe darin kein Problem, das man nicht managen kann. Diese Reaktionen haben ja einen Grund: Ich glaube, dass all die Leute, die gegen uns auftreten, Angst haben, dass ihnen die Plattform Diagonale abhanden kommt. Es liegt an uns, diesen Leuten die Angst zu nehmen. Gerade die nicht-kommerziellen Elemente an der Diagonale – der abstrakte Film, der Avantgarde- und Kurzfilm – haben ja den Charme des Festivals ausgemacht. Ihn wollen wir erhalten.
profil: Sie meinen, die schlechte Stimmung sei unbegründet?
Fuchs: Nein, das behaupte ich gar nicht. Aber das ist nicht unsere Sache. Sehen Sie: Mir ist ein interessanter Job angeboten worden, von dem ich aus der „Wiener Zeitung“ erfahren habe. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung von den vorherigen Leitern der Diagonale. Es ist sehr einfach: Das ist eine Tätigkeit, von der ich meine, sie gut ausfüllen zu können.
profil: Aber Sie werden auch differenzieren können zwischen einem Festival, das schlecht läuft und einen Wiederaufbau nötig hat, und einem, das zwar bestens läuft, aber vom zuständigen Politiker demontiert wird.
Fuchs: Ich glaube, die Wahrheit liegt zwischen diesen beiden Positionen. Da kommen viele Dinge zusammen, die die gegenwärtig schlechte Chemie erzeugt haben.
profil: Es sieht nun so aus, als wären weite Teile der hiesigen Filmszene nicht gewillt, mit Ihnen zu kooperieren: Werden Sie Ihr Festival dennoch wie geplant durchziehen?
Vuckovic: Ihre Frage ist realistisch – und weil sie das ist, wird es auch einen Weg geben, mit ihr umzugehen. Wir werden uns um Vertrauen bemühen mit positiver Energie, wir werden aktiv sein, werden alle einladen, doch dabei zu sein. Aber das Problem liegt außerhalb der Diagonale. Es liegt offenbar an der Beziehung zwischen der Filmbranche und dem Staatssekretariat. Die Diagonale ist nur ein Symptom des Problems, nicht das Problem selbst.
Fuchs: Meine Antwort ist ganz einfach: Ich habe einen Vertrag unterschrieben, und ich pflege meine Verträge einzuhalten. Zum Rest Ihrer Frage würd ich sagen: We cross the bridge when we come to it.
profil: Leute wie Haneke, Seidl, Albert und Rebic teilen mit, an Ihrer Diagonale nicht teilnehmen zu wollen. Was sagen Sie dazu?
Vuckovic: Ich bin ja keiner, der anderen Eigentum wegnehmen will. Jeder soll mit seinen Filmen verfahren, wie er will.
profil: Ihr neuer „wirtschaftlicher Beirat“ wird mit Vertretern von Bund, Land und Stadt rein politisch besetzt sein. Der Verdacht politischer Abhängigkeit liegt nahe.
Fuchs: Nein. Die neuen Statuten sehen keinerlei künstlerisches Mitspracherecht dieses Beirats vor. Das ist ein reines Formalgremium, das darauf achtet, dass ich meine Geschäfte richtig führe. Das ist das einzige Kontrollgremium, das wir haben. Also gibt es keine Abhängigkeit von der Politik.
profil: Das Konzept, das Sie letzte Woche vorgelegt haben, ist eher nur eine Liste von Selbstverständlichkeiten: Es sollen Preise vergeben, gute Filme gezeigt werden, es wird Jurys geben und international gedacht werden. Einzige Neuerung: Es wird mehr an Zeit und Geld geben, und eine „Projektbörse“ soll geschaffen werden. Ist das alles?
Fuchs: Man kann es auch anders beschreiben: Der USP (unique selling proposition, zu Deutsch: das schlagende Verkaufsargument, Anm.) der Diagonale wird darin liegen, dass man heimische Filmemacher und Produzenten mit möglichen Koproduktionspartnern vernetzt. Wir halten die Diagonale, wie sie war, ja für gut, an der wir nichts großartig umdrehen müssen. Wir wollen nur etwas hinzufügen. Das Wichtigste dabei ist, wenn ich Miroljub richtig verstanden habe, die Projektbörse und 2005 dann der Filmmarkt.
Vuckovic: Der Markt, den wir planen, soll Industry Office heißen; es gibt so viele große Filmmärkte auf dieser Welt. Wir wollen, was wir tun, Schritt für Schritt machen. Bescheidenheit ist die Mutter der Intelligenz.
profil: Wo werden die Filme Ihrer Diagonale denn laufen? Haben Sie schon Zusagen der Grazer Kinobetreiber?
Fuchs: Klar. Schubert-Kino, Royal English Cinema, Rechbauer, Kiz-Kino. Die kennen den Termin, wissen Bescheid. Gut, wir haben jetzt noch keinen Mietvertrag mit denen unterschrieben. Aber es ist nicht so, dass wir bei absolut null stehen.

profil: Ihr neuer Österreich-Kurator, Wolfgang Ainberger, hat von der Autonomie gesprochen, die er bei der Programmauswahl selbstverständlich genieße. Was heißt das? Haben Sie als künstlerischer Leiter also kein Einspruchsrecht?
Vuckovic: Sagen wir so: Ainberger hat totale Autonomie, über Filme nachzudenken. Aber irgendwann legen wir unser beider Autonomien zusammen, um zu einem Programm zu kommen. Wir sind Partner. Und ich habe tiefen Respekt vor seiner Biografie; immerhin hat er mit Leuten wie Ulrich Seidl und Barbara Albert gearbeitet. Nein, ich will mir doch keine Feinde machen wegen ein oder zwei Filmen, ich will nichts und niemanden beschneiden. Aber klar: Am Ende unterschreibe ich das Programm.

profil: Das heißt, Ainberger hat, anders als er glaubt, keine Autonomie.

Vuckovic: Doch, doch. Aber wir diskutieren über seine Entscheidungen. Das ist doch keine große Sache.

Fuchs: Vuckovic hat Ainberger ja ausgewählt, weil er großes Vertrauen in ihn setzt, weil er der festen Meinung ist, dass er diese Entscheidungen autonom treffen kann. Aber der künstlerische Leiter ist natürlich Vuckovic. Dies nur zur Erklärung. Aber das ist ja nicht meine Sache, ich bin dafür nicht zuständig.

profil: Herr Vuckovic, woher kannten Sie Ainberger denn?
Vuckovic: Ich habe ihn zusammen mit Herrn Fuchs kennen gelernt. Ich wähle meine Partner nicht, ich akzeptiere sie.
profil: Wer hat Ainberger denn nun gewählt?

Fuchs: Es war meine Idee, ihn ins Spiel zu bringen.
profil: Herr Fuchs, Sie sagen, Ihre Meinung zum Kino sei unbedeutend, da Sie ja bloß Geschäftsführer seien. Glauben Sie wirklich, die Entscheidungen, die der Geschäftsführer eines Festivals trifft, haben mit der dort präsentierten Kunst nichts zu tun?

Fuchs: Es ist natürlich besser, wenn man von dem Produkt, mit dem man handelt, ein bisschen was versteht. Und ich glaube schon, dass das bei mir der Fall ist. Ich war elf Jahre lang beim Fernsehen, habe viel mit Filmemachern zu tun gehabt, war auf sehr vielen Festivals. Es ist nicht so, dass mir der Kinofilm fremd wäre. Ich bin nur kein Experte auf dem Gebiet; aber dafür ist ja der künstlerische Leiter zuständig.
profil: Noch einmal: Wird die Frage, wofür konkret Sie Geld aufwenden wollen, die neue Diagonale nicht sehr prägen?
Vuckovic: Wir wollen mit politischen Fragen doch gar nichts zu tun haben. Die Diagonale zeigt fertige Produkte, das ist alles. Wo ist da das Problem?