Interview: „Wir ringen mit den Heuschrecken“

Der neue ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz über den Konkurrenzkampf gegen die Privaten, seine Neudefinition der „Quote“ und die Pläne für das Programm.

profil: Herr Dr. Wrabetz, was muss ein Generaldirektor des ORF eigentlich können?
Wrabetz: Er muss die Fähigkeit besitzen, eine Vision zu entwickeln, wie das Unternehmen im 21. Jahrhundert aufgestellt sein soll. Und er muss den Mitarbeitern und der Öffentlichkeit auch kommunizieren können, welcher Weg dorthin führt.
profil: Hat Monika Lindner das nicht ausreichend gekonnt?
Wrabetz: Meine Vorgänger haben sich weit gehend an die Tradition gehalten, die Tätigkeit der Nachfolger nicht zu kommentieren. Das impliziert natürlich, dass man das auch gegenüber den Vorgängern so hält.
profil: Im ORF geben bei Personalentscheidungen ja nicht immer nur entsprechende Fähigkeiten den Ausschlag. Wichtiger ist meist, ob die infrage kommende Person gerade ins politische Spiel passt.
Wrabetz: Wenn das ausschließlich so wäre, dann gäbe es das Unternehmen schon längst nicht mehr. Der ORF hat trotz dieses politischen Umfelds, das es ja schon seit 50 Jahren gibt, meist die Richtigen an die entscheidenden Positionen gebracht.
profil: Manchmal müssen die richtigen Leute auch dran glauben. Gerd Bacher war sicher kein schlechter Medienmanager und ist dennoch zweimal gefeuert worden.
Wrabetz: Ja, aber dennoch hat es das Unternehmen immer wieder geschafft, die negativen Auswirkungen solcher Eingriffe abzuwehren. Bei allen Versuchen politischer Einflussnahme, die es immer wieder gegeben hat, hat der ORF seine Fähigkeit zur Selbstbehauptung bewiesen.
profil: Dennoch erwartet sich die Politik nach der Bestellung einer neuen Geschäftsführung stets entsprechende Gegenleistungen. Wird der neue Generaldirektor Wrabetz standhaft bleiben?
Wrabetz: Ja, ganz sicher. Es ist aber nicht Aufgabe des ORF, im Kampf mit der Politik zu stehen. Als großes Medienunternehmen hat der ORF viele Funktionen, von der Kultur bis zu den Minderheiten, die für die Gestaltung des Landes sehr wichtig sind. Da kann es auch eine normale Kooperation mit der Politik geben. Wichtig ist allerdings, dass die redaktionelle und personelle Unabhängigkeit gewahrt ist.
profil: Ihre Vorgängerin Monika Lindner hat in einem profil-Interview gemeint, das Recht der Betriebsräte, die Geschäftsführung zu wählen, solle abgeschafft werden. Sehen Sie das auch so?
Wrabetz: Soll ich mich gegen einen Wahlmechanismus aussprechen, der funktioniert hat? Nachdem mich alle Betriebsräte gewählt haben, sieht man, dass das durchaus auch positive Seiten hat. Aber im Ernst: Das ist sicher etwas, das bei einer Gesamtreform zur Diskussion stehen wird.
profil: Seit Gerd Bacher hat kein Generalintendant zwei Geschäftsperioden geschafft. Ist es für den ORF kein Problem, dass es keine größere personelle Kontinuität an der Spitze gibt?
Wrabetz: Ja, aber es wäre auch falsch, würde man seine gesamte Tätigkeit nur darauf ausrichten, dass man nach fünf Jahren wieder gewählt wird. Ich möchte mein Programm in den kommenden fünf Jahren erfüllen und nicht vom ersten Tag an daran denken, ob ich wieder gewählt werde oder nicht.
profil: Sie kommen aus einer freiheitlichen Familie und waren dennoch schon früh bei den sozialistischen Studenten. Wie ist das in der Familie aufgenommen worden?
Wrabetz: Wahrscheinlich ist in Österreich die Mehrheit der Bevölkerung – und sicher die Mehrheit der politisch Interessierten – anderer Meinung als die jeweilige Elterngeneration. Ich sehe das nicht als etwas Außergewöhnliches. Bei uns zu Hause war Interesse für Politik ebenso wichtig wie eine offene Diskussion als Teil einer liberalen Erziehung. Ich habe mich über die Anti-AKW-Bewegung und die Friedensbewegung politisch dann eben in eine andere Richtung bewegt als mein Vater.
profil: Welche ideologischen Versatzstücke haben Sie aus Ihrem Elternhaus mitgenommen?
Wrabetz: Sicher die Überzeugung, dass man Respekt vor der Meinung des anderen haben soll.
profil: Die nationale Komponente hat in der freiheitlichen Familie Wrabetz keine wichtige Rolle gespielt?
Wrabetz: Nein. Im Gegenteil: Meinem Vater war immer wichtig, dass man sich als Europäer fühlt.
profil: Die ORF-Mitarbeiter haben in den letzten Monaten ein hohes Maß an Selbstbewusstsein an den Tag gelegt. Normalerweise macht so etwas den Chefs Angst. Ihnen auch?
Wrabetz: Nein, das Unternehmen lebt ja von selbstbewussten Mitarbeitern. Das finde ich positiv – auch wenn ich nicht alle Erwartungen, die mit meiner Wahl verbunden wurden, eins zu eins erfüllen werde können.
profil: Kann man ein Medienunternehmen demokratisch führen?
Wrabetz: Nein. Es ist ganz sicher nicht demokratisch führbar. Am Ende des Tages bin ich dazu da, um zu entscheiden. Das heißt nicht, dass dann alle einer Meinung sein oder immer alles positiv und richtig finden müssen.
profil: Der ORF ist ja ein schwer zu leitendes Medienunternehmen. Die Bildschirmpräsenz schafft Eitelkeiten, die es bei Printmedien nicht in diesem Maß gibt …
Wrabetz: … darum müssen wir bei aller Wichtigkeit des Unternehmens und unserer Bildschirmpersönlichkeiten stets darauf achten, nicht abgehoben zu wirken. Es gab einmal eine Seheruntersuchung, bei der die Befragten zeichnen mussten, wie sie den ORF sehen – und da ist sehr oft eine Burg herausgekommen. Das ist nicht das Bild, das wir haben wollen. Wir sind in erster Linie Dienstleister für unsere Zuseher. Daran müssen wir arbeiten. Es ist schon gut, bedeutend zu sein. Der ORF ist ein tolles Unternehmen und hat sich auch in schwierigen Zeiten gut geschlagen. Aber der Stolz darauf muss mit dem Public-Service-Gedanken Hand in Hand gehen: Wir im ORF müssen uns bewusst sein, dass uns ein wertvolles öffentliches Gut anvertraut wurde.
profil: Aber die Zuseherquoten sinken ebenso wie die Werbeerlöse – und die Kosten steigen. Wie wird der neue Generaldirektor diese Entwicklung umdrehen?
Wrabetz: Der ORF ist – daran glaube ich ganz fest – langfristig in dieser Form und mit diesem Aufgabengebiet finanzierbar und führbar, wenn wir das richtig machen.
profil: Sehr optimistisch. Monika Lindner hat in ihrem Abschiedsinterview in profil gemeint, der ORF sei so langfristig nicht finanzierbar.
Wrabetz: Ich glaube, sie hat gemeint, dieser Zustand könnte eintreten, wenn bestimmte Rahmenbedingungen nicht passen. Natürlich wird sich unsere Rolle verändern. Wenn es 400 verschiedene Kanäle gibt, wird der ORF-Anteil am Gesamtkonsum anders sein als bei zehn Konkurrenzprogrammen. Aber wir müssen die für die Österreicherinnen und Österreicher relevantesten Programme bieten. Wir müssen in Relation zu unseren Hauptmitbewerbern stark sein. Dort, wo Meinung gebildet wird, dort, wo ein Thema am nächsten Tag Tagesgespräch ist – das soll in unseren Programmen stattfinden. Wenn Fliegenfischer sich hin und wieder einen Fliegenfischer-Kanal anschauen und uns damit ein paar Seherminuten verloren gehen – das ist egal.
profil: Heißt das, dass man im ORF künftig nicht mehr so gebannt auf die Quote schaut, sondern die Quote eher qualitativ beurteilt?
Wrabetz: Wir müssen den Quotenbegriff neu definieren. Beim so genannten Tagesmarktanteil aller gesehenen Fernsehminuten „wiegen“ jene überproportional viel, die einen hohen Fernsehkonsum aufweisen. Diese Gruppe wird aber kleiner werden, weil ja andere mediale Möglichkeiten, wie etwa das Internet, dazukommen. In Zukunft wird die Reichweite – also die Maßzahl, wie viel Prozent der Gesamtbevölkerung z. B. bei Topereignissen erreicht werden – viel wichtiger.
profil: Wenn Sie als Generaldirektor einen Einstandswunsch an den Gesetzgeber frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Wrabetz: Eine Entwicklungsgarantie, damit wir die Möglichkeit haben, auch auf den neuen Plattformen, in der digitalen Welt, entsprechend präsent zu sein. Dass wir uns bei Spartenkanälen und im Online-Bereich entwickeln und die Möglichkeiten von High-Definition-TV bis Handy-TV nützen können.
profil: Darüber wird vielleicht gar nicht die nationale Politik entscheiden, sondern die EU. Brüssel prüft schon, ob gebührenfinanzierte Anstalten wie der ORF künftig bei Sportlizenzen oder Filmrechten noch mitbieten dürfen.
Wrabetz: Das ist in der Tat eine große Gefahr. Aber ich halte das nicht für die Mehrheitstendenz in der EU. Das wird von unseren Konkurrenten aus dem Telekom-Bereich angestrebt, aber an sich ist den Medienverantwortlichen in der Kommission klar, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk nur als Gesamtauftrag, also auch mit Sport und Unterhaltung, funktionieren kann. In Wirklichkeit ist das ein großes Ringen zwischen einem wichtigen europäischen Kulturgut, nämlich dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und den „Heuschrecken“. Die Medienwelt verändert sich ja. Gerade eben ist Sat.1/ProSieben von Hedgefonds übernommen worden, Premiere gehört mehrheitlich Hedgefonds. Die großen Mediengruppen verwandeln sich von Unternehmer- bzw. Verlegerbetrieben in kapitalmarktgetriebene Konzerne, aggressiv in den Methoden der Durchsetzung ihrer kurzfristigen finanziellen Interessen.
profil: Und die Politiker sollen den ORF vor den Heuschrecken beschützen, damit sie weiterhin eine gute Plattform für ihre Auftritte haben.
Wrabetz: Schützen können wir uns nur durch unsere eigene Stärke. Ich bin ein begeisterter Demokrat und glaube, dass sich Demokratie über Politik vermittelt. Wenn die Leute keine Information mehr haben, werden sie auch an demokratischen Prozessen nicht teilnehmen können. Welche großen privaten Fernsehanstalten haben denn überhaupt noch eine Redaktion in Brüssel?
profil: Noch einmal: sinkende Erlöse, steigende Kosten. Das kann sich nicht ausgehen. Muss der ORF einsparen?
Wrabetz: Erfreulicherweise steigen momentan unsere Werbeerträge. Dennoch ist eine konsequente Fortsetzung des Sparkurses notwendig. Wir gehen davon aus, dass wir in den nächsten fünf bis acht Jahren eine starke Pensionierungswelle haben. Dann geht die ganze Aufbaugeneration. Da wird nicht alles nachbesetzt werden.
profil: Es zeichnet sich ab, dass im neuen Wrabetz-Programm viel „Best of“ aus den letzten drei Jahrzehnten enthalten sein wird: „Stadtgespräche“, „Club 2“. Gibt’s nichts Neues?
Wrabetz: Es wird sehr viel Neues geben. Es wird auch nicht eine Wiederauflage der alten „Stadtgespräche“ geben, sondern ein zeitgemäßes Bürgerforum. Und auch der „Club 2“ wird nicht eins zu eins wiederkommen.
profil: Das alte Sofa bleibt im Fundus?
Wrabetz: Das kann man als Gag hinstellen, aber die Sendung muss trotzdem ganz anders sein. Details stehen da noch nicht fest. Es wird auch eine vollkommen neue Informationsqualität auf ORF 1 geben, wo es bis auf die durchgeschaltete „ZiB 1“ bisher ja fast keine Informationssendungen gegeben hat. Wir arbeiten an einer eigenständigen Informationsleiste und an einer Steigerung der fiktionalen Eigenproduktionen.
profil: Anspruch oder Quote, mehr Bacher oder mehr Zeiler. Wo sehen Sie sich?
Wrabetz: Gerd Bacher hat als Erster das öffentlich-rechtliche Fernsehen im deutschsprachigen Raum klar definiert, Gerhard Zeiler hat im ORF als Erster die Antwort darauf gegeben, wie man als Öffentlich-Rechtlicher gegen die Privaten bestehen kann. Wir werden öffentlich-rechtliches Angebot in Zeiten des Internets und der Übersättigung mit TV-Trash neu definieren. Wir werden mit dem neuen Programmschema einen Schwerpunkt auf so genanntes „anspruchsvolles Programm“ setzen, indem wir zum Beispiel einen zusätzlichen Hauptabendtermin für Dokumentationen in ORF 2 planen, einen eigenen Termin für europäischen Film und einen eigenen Termin für den Art-Film. Und trotzdem werden wir mit anderen Maßnahmen insgesamt die Breite beibehalten. Das ist der Versuch beides zu kombinieren – Anspruch und Quote.
profil: Und die Privaten sind dann ein Jausengegner?
Wrabetz: Das nicht. Aber sehr relevante Teile des Publikums sind von gewissen Formaten, die ja immer schriller wurden, und von der exzessiven Unterbrecherwerbung wirklich übersättigt.
profil: Würmerfressende Promis im Dschungelcamp …
Wrabetz: Das will heute niemand mehr.
profil: Die Zeiten, als zehn Leute im Container saßen und dabei auch vom ORF gefilmt wurden, sind endgültig vorbei?
Wrabetz: Ja, das ist vorbei. Darin besteht die Krise der Kommerziellen. Es ist ja seit „Big Brother“ keine wesentliche Innovation aus dem Privatfernsehbereich gekommen. „Dancing Stars“ kam von der BBC.
profil: Ihr Hauptquartier auf dem Küniglberg muss generalsaniert werden. Oder sucht der ORF ein neues Quartier?
Wrabetz: Das muss im ersten Quartal entschieden werden. Ein Gebäude ist etwas Wichtiges, etwas Emotionales, der Küniglberg ist eine sehr bekannte Adresse. Aber für mich ist das keine ideologische, sondern eine unternehmerische Frage.
profil: Päpste und Kaiser legen sich bei Amtsantritt immer ein Motto zu. Wie lautet denn das Ihre?
Wrabetz: Wer wagt, gewinnt!

Interview: Herbert Lackner