Interview: „Wir werden keine einzige Note von Mozart spielen“

Regisseur Peter Sellars über das Programm seines Mozartjahr-Festivals „New Crowned Hope“, den kulturellen Jet-Set, eine magische Flöte, die Salzburger Festspiele und das Polit-Opfer Wolfgang Amadeus Mozart.

profil: Herr Sellars, Sie planen für 2006 das Mozart-Festival „New Crowned Hope“. Wie oft sind Sie zurzeit in Wien?
Sellars: Jeden Sonntag. Ich halte an der Universität für angewandte Kunst Architekturkurse.
profil: Am Sonntag?
Sellars: Es geht nicht anders, weil ich die restliche Zeit an der Pariser Oper „Tristan und Isolde“ inszeniere. Wahrscheinlich werde ich in meinem Uni-Kurs alleine herumsitzen (lacht).
profil: Was werden Sie unterrichten?
Sellars: Nachdem sich Architekten im 20. Jahrhundert hauptsächlich um Fragen der Form gekümmert haben, beschäftige ich mich mit den Inhalten von Architektur. Wer ist sichtbar in einer Stadt? Wer hat einen Job und wer nicht? Wer fühlt sich in Wien zu Hause und wer nicht? Warum werden Schwarze an Wiener Bushaltestellen angestarrt? Wie ist die Wiener Kultur eigentlich strukturiert, deren Teil wir sind?
profil: Was haben diese Fragen mit Architektur zu tun?
Sellars: Wien ist eine Stadt, deren Architektur nicht zeigt, wer hier lebt. Es wird die Illusion einer Vergangenheit aufrechterhalten, die ihrerseits bereits bloß eine Illusion der Welt vermittelte. Die Bauwerke Wiens kommunizieren, dass Afrikaner Außenseiter bleiben sollen. Ich will eine Architektur entwerfen, die zeigt, dass in dieser Stadt auch Afrikaner, Chinesen, Inder, Türken usw. leben.
profil: Was qualifiziert Sie dazu, Architektur zu unterrichten? Sie haben als Opern- und Theaterregisseur Karriere gemacht.
Sellars: Ich habe nur einen geringen Teil meines Lebens in Opern- und Theaterhäusern verbracht. Die meiste Zeit beschäftige ich mich mit Architektur, Film und Kunst. Es geht doch nicht darum, stupid eine Oper nach der anderen zu inszenieren. Mich interessiert, wie Leute zusammenleben, wie Kunstformen eine Gesellschaft kreieren und prägen.
profil: Die Ergebnisse Ihres Uni-Lehrgangs werden 2006 als Programmteil von New Crowned Hope präsentiert. Wo ist die Verbindung zu Mozart?
Sellars: In seinem letzten Lebensjahr war Mozart nicht fähig, auch nur eine einzige Note zu veröffentlichen. Das ist unglaublich. Mozart hat Musik immer aus dem Ärmel geschüttelt. Doch plötzlich bekam er keine Arbeit mehr. Viele Menschen müssen ihre Heimat verlassen, weil sie keine Arbeit finden können. Bei Mozart hatte es politische Gründe. „Don Giovanni“ und „Figaro“ waren so antiaristokratisch, dass sie immer wieder von den Spielplänen genommen wurden. Nach „Così fan tutte“ war er am Ende. Dabei musste er seinem Vater gegenüber so tun, als liefe alles prima. Er schrieb, dass er Aufträge hätte – was nicht stimmte. Dass er demnächst zu Geld käme – was nicht passierte. Das ist für viele Menschen in Wien knallharte Realität. Menschen, die von der architektonischen Fassade der Stadt ignoriert werden.
profil: Seit vielen Jahren steht in Wien ein „Haus der Kulturen“ zur Debatte. Wird das multikulturelle Zentrum 2006 auf der Donauplatte realisiert?
Sellars: Das Haus der Kulturen hat eine sehr komplexe politische Vergangenheit, die wohl niemand ganz versteht. Momentan gibt es den Plan, die Universität für angewandte Kunst auf die Donauplatte zu übersiedeln. Was ein Haus der Kulturen sein könnte, müsste man erst definieren. Es gibt dazu eine Studie der Wiener Kunsthalle. Gemeinsam mit dem Völkerkundemuseum und einem internationalen Kuratorenteam hat sie für das Mozart-Festival viele Ideen entwickelt, die wir in einer Ausstellung zeigen werden.
profil: Mozart-Jahr-Intendant Peter Marboe hat für 2006 ebenfalls eine große Mozart-Ausstellung in Auftrag gegeben.
Sellars: Die beiden Ausstellungen sind völlig unterschiedlich. Für New Crowned Hope werden Fachleute unterschiedlicher Kulturen ganz andere Blicke auf Mozart werfen. Der Austausch an Ideen wird enorm sein. Als Künstler ist es für mich wichtig, einen Prozess in Gang zu setzen. Wer weiß schon, was dabei am Ende rauskommen wird? Ich nicht. Ich hoffe, dass die Ausstellung lebendig sein und den Menschen das Gefühl vermitteln wird, dass sie ein Teil davon sind.
profil: Soll die Ausstellung im Haus der Kulturen stattfinden?
Sellars: Teile werden in der Kunsthalle zu sehen sein, andere Teile in Außenbezirken, das muss nicht das Haus der Kulturen sein. Es soll eine Pendelbewegung entstehen. Ich will das Zentrum an die Peripherie tragen, sodass die Leute dort sagen: Moment mal, wir sind ja auch das Zentrum. Wien ist eine Stadt, in der fast das gesamte Kulturbudget in einem einzigen Bezirk ausgegeben wird. Die Verteilung ist seit 400 Jahren völlig unproportional. Ich betone das andere Mozart-Bild: Als politische Persona non grata konnte er „Die Zauberflöte“ nicht in der Stadt realisieren, sondern musste dafür in ein Vorstadttheater gehen, in die Suburbs.
profil: Sie haben bei einer kambodschanischen Ballettgruppe eine neue „Zauberflöte“ in Auftrag gegeben. Auch die Staatsoper, die Volksoper und das Theater an der Wien werden 2006 die „Zauberflöte“ zeigen. Wer braucht eine vierte Fassung?
Sellars: Oh, wir spielen keinen einzigen Ton von Mozart. Während des gesamten Festivals nicht. Wir zeigen auch nicht Mozarts „Zauberflöte“, sondern ein neues kambodschanisches Stück mit kambodschanischem Inhalt und kambodschanischer Musik. Ich bitte die Künstler bloß, sich mit dem Stoff der „Zauberflöte“ auseinander zu setzen. Der klassische kambodschanische Tanz erzählt ähnliche magische Geschichten wie Mozart in der „Zauberflöte“ und weiß, wie man diese auf die Bühne bringt. Noch wichtiger freilich ist, dass in Kambodscha das zentrale Thema der „Zauberflöte“ virulent ist: die Frage nach Vergebung. Wie lebt man nach einem Genozid der Roten Khmer? Bringt man die Verbrechen vor Gericht? Wird es Gnade geben? Jeder auf der Straße kann jemand gewesen sein, der deine Schwester oder deinen Bruder gefoltert hat. Wie kann daraus wieder eine Gesellschaft werden?
profil: Im Zentrum von New Crowned Hope stehen die Spätwerke Mozarts: „Die Zauberflöte“, „La Clemenza di Tito“ und das „Requiem“. Wie werden Sie diese Werke umsetzen?
Sellars: Man wird nicht sagen können, welche Produktion für „Titus“ steht, welche für das „Requiem“ und welche für „Die Zauberflöte“: Die Projekte entwickeln sich, und am Ende wird die ursprüngliche Idee längst wieder verschwunden sein. Alles wird Teil von allem sein.
profil: Sie wissen also nicht, was auf Ihrem Festival zu sehen sein wird?
Sellars: Einige Produktionen stehen fest. Ich zeige etwa einen Dokumentarfilm einer jungen Regisseurin aus Burkina Faso. Nichts, was ich in meinem Leben je gesehen habe, kam Mozarts „Titus“ so nahe. Der Film handelt vom Bürgerkrieg, der schon 35 Jahre dauert. Ein Massaker folgt dem anderen. Schließlich erkennt der Rebellenführer, dass der sinnlose Krieg endlich aufhören muss, und lädt den Präsidenten zu einem Abendessen ein. Seine eigenen Truppen glauben, dass er verrückt geworden ist, seine eigene Familie verachtet ihn. Zudem entpuppt sich der Präsident als totales Arschloch. Trotzdem muss dieser Frieden zustande kommen. Ich habe den Film Simon Rattle gezeigt. Auch für ihn war klar: Das ist Mozarts „Titus“.
profil: Welche Filme werden Sie noch in Auftrag geben?
Sellars: Wegen der langen Vorlaufzeit ist das Filmprogramm so gut wie fertig. Gerne würde ich zwölf Filme produzieren, da das Geld dafür aber nicht ausreicht, starten wir mit sechs Filmen. Die Namen der Regisseure werden für ziemliches Aufsehen sorgen, wenn wir sie auf dem Film-Festival von Cannes präsentieren. Der junge chinesische Regisseur Jia Zhang-ke etwa wird dabei sein. Er hat uns einen faszinierenden Film über die letzten Jahre der Kulturrevolution vorgeschlagen.
profil: Wie können Sie sich mit einem Gesamtbudget von zehn Millionen Euro überhaupt sechs Filme und Stars wie Jia Zhang-ke leisten?
Sellars: Die Leute arbeiten für sehr wenig Geld. Trotzdem muss ich extreme Abstriche machen. Das Programm wird nicht so sein wie ursprünglich erhofft. Ganze Teile werden nicht stattfinden können. Ich muss unbedingt noch mehr Sponsorengelder auftreiben.
profil: Aus welchen Teilen wird sich New Crowned Hope zusammensetzen?
Sellars: Es wird Ausstellungen geben, Filme, Konzerte, Bühnenwerke und die Architekturprojekte der Studenten. Die Hauptteile des Programms werde ich kommenden Oktober präsentieren. Der neuseeländische Choreograf und Regisseur Lemi Ponifasio wird sich etwa mit Mozarts „Requiem“ beschäftigen. Dafür tat er sich im Wiener Völkerkundemuseum um, wo sich das halbe Ladegut von Kapitän James Cook befindet. Die Bezüge zu Mozart sind frappierend. Der erste Katalogeintrag ist eine magische Flöte, eine Zauberflöte, die nur wenige Jahre nach Mozarts Tod nach Wien kam. Einer der Gründungsväter des Museums wiederum war Karl Giesecke, den manche für den Kolibrettisten der „Zauberflöte“ und das Vorbild des Sarastro halten. Magische Flöten wurden damals von Pazifikvölkern bei Ritualen verwendet. Ponifasio wird mit seiner Tanzgruppe ein solches Ritual neu kreieren, um seine Vorfahren aus dem Keller des Völkerkundemuseums endlich in Wien willkommen zu heißen, sie zu ehren und hier zu beherbergen.
profil: Dass Sie bislang nicht genau sagen konnten, wofür Sie Ihr Budget von zehn Millionen Euro ausgeben werden, hat Ihnen massive Kritik eingebracht, etwa von Staatsoperndirektor Ioan Holender.
Sellars: Die Leute tun sich mit meinem Festivalgedanken schwer, weil er sich so deutlich von der europäischen Festivalidee unterscheidet. Ich arbeite hart an New Crowned Hope. Aber ich betreibe keinen Supermarkt, ich nehme nicht ein Stück davon und ein Stück hiervon. Dieses Instant-Shopping der Intendanten, die diverse Agenten anrufen und eigentlich bloß noch Termine fixieren, interessiert mich nicht.
profil: Was stört Sie an Festivals wie Salzburg?
Sellars: Salzburg ist, was es ist. Ich habe die Festivals in Los Angeles und Adelaide geleitet und dort völlig andere Festivalformen ausprobiert, abseits des Kultur-Jet-sets, der die ganze Welt überzieht. Bei New Crowned Hope geht es mir um Wien und die Frage, was diese Stadt braucht. Als Lemi Ponifasio im Völkerkundemuseum stand und ihm die Exponate mit weißen Handschuhen gereicht wurden, sagte er: „Das ist ja alles sehr nett. Aber eigentlich ist diese Flöte nur ein Stück Holz. Mein Volk wollte damit Menschen helfen. Das Stück Holz war uns nie wichtig. Ihr legt zwar die Flöte in einen Schaukasten, beutet meine Landsmänner aber tagtäglich aus. Die Flöte wollt ihr haben, den Menschen verweigert ihr die Einreise.“
profil: Sie wurden als Direktor des australischen Adelaide Festival gekündigt, noch ehe das Festival stattgefunden hat. Was war passiert?
Sellars: Ich wurde 1996 am Morgen nach jener Wahl gefeuert, die John Howard an die Macht brachte. Das war kein Zufall, die konservative Regierung wollte eben kein multiethnisches Festival. Freilich fand ein Gros des Festivals dennoch statt, da Politiker noch immer nicht begriffen haben, dass man ein Festival nicht innerhalb von vier Monaten absagen kann. Thema war die Kultur der Aborigines. Was das Land verstörte. Für Australier kommt richtige Kultur noch immer aus dem Ausland.
profil: Ihr Los Angeles Festival war für das Publikum größtenteils gratis. Wie teuer werden die Tickets fürs Mozart-Festival sein?
Sellars: In Los Angeles haben wir oft einen Künstler in einem Theater präsentiert, für das man Eintritt zahlen musste, und ihn am nächsten Tag in einem öffentlichen Park auftreten lassen. So etwas stelle ich mir auch für Wien vor. Ein und dieselbe Vorstellung kann in einem afrikanischen Restaurant und am nächsten Tag etwa im Konzerthaus stattfinden.
profil: Kann es sein, dass manche Projekte nicht rechtzeitig fertig werden?
Sellars: Wenn Projekte für 2006 nicht fertig werden, können wir sie nicht machen. Dann werden sie vielleicht 2008 in anderer Form bei anderen Gelegenheiten realisiert. Was in Ordnung ist, denn wir haben den Entwicklungsprozess in Gang gebracht.
profil: Bevor Ihr Festival startet, setzen Sie noch einmal auf Tradition: Bei den heurigen Wiener Festwochen bringen Sie Bach-Kantaten auf die Bühne. Was interessiert Sie an dem gottesfürchtigen Tonsetzer?
Sellars: Als ich die Universität verließ, wurde ich von einer Gruppe von Musikern aufgenommen, die in einer Kirche jeden Sonntag eine Bach-Kantate aufführte. In den Bänken saßen Obdachlose, Flüchtlinge, anonyme Alkoholiker. Da wurde mir klar, worum es in Bachs Kantaten geht: um Menschen, die in der größten Krise ihres Lebens stecken. Die Kantate 199 etwa handelt von einer Frau, die sich umbringen will – und wie sie sich durch all das Leid wieder zurückarbeitet.
profil: Die Kantaten werden von Lorraine Hunt Lieberson gesungen, die wiederholt mit Maria Callas verglichen wurde.
Sellars: Ich habe mit Lorraine die Kantate 82 vor vier Jahren erarbeitet. Damals erfuhr sie, dass ihre Schwester Krebs hatte. Sie sagte alle Auftritte ab, um bei ihrer Schwester sein zu können, sie zu betreuen, zu waschen, zu füttern. Als die Schwester gestorben war, wurde bei Lorraine selbst Brustkrebs diagnostiziert. Sie musste sich furchtbaren Therapien unterziehen. Heute, drei Jahre später, ist sie vollkommen gesund. Wie sie die Kantaten singt, hat sich verändert. Sie führt die Gesten mit unglaublicher Intensität und Verstehen aus. Es geht um ihre eigene Begegnung mit dem Tod.