Interview: „Wir ermutigen zum Risiko“

Jeffrey Karp, Biochemiker am renommierten Massachusetts Institute of Technology, nennt Vorzüge einer engen Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft, erklärt, warum die wirklich neuen Ideen von jungen Kreativen kommen – und verrät, warum zu strenge Regeln jede Innovation ersticken.

profil: Wie definieren Sie eigentlich den Begriff Innovation?
Karp: Es geht darum, etwas Neues zu schaffen. Und zwar etwas, das wirklichen Einfluss auf die Gesellschaft hat und so neuen Wohlstand bringt. Innovation bedeutet, Ideen aufzugreifen und etwas zu entwickeln, das die Welt verändert. Als Erstes muss dabei das Problem identifiziert werden. Es gibt viele Forscher, die Lösungen für unwichtige Probleme entwickeln. Innovation bedeutet aber, wirkliche Probleme zu lösen. Als nächsten Schritt muss man eine große Idee für einen neuen Ansatz finden.
profil: Und wie gehen Sie am Massachusetts Institute of Technology, dem MIT, dann an die Realisierung? Was bedarf es zur Umsetzung?
Karp: Typischerweise zuerst einmal Geld. Man muss ein Stipendium oder einen industriellen Sponsor für die Startphase finden. Es gibt am MIT für die Startphase auch eigene Fonds, die aus Stiftungen stammen, zum Beispiel ein Startstipendium in Höhe von 50.000 Dollar und das Innovationsstipendium in Höhe von 250.000 Dollar. Diese Stipendien dienen speziell für Erfindungen, die kommerzialisiert werden sollen. Es gibt auch externe Stipendien der Regierung, die etwa 100.000 bis 150.000 Dollar umfassen und für Hochrisikoprojekte gedacht sind.
profil: Bleiben wir beim Thema Geld: Das MIT wird vor allem in Europa gerne als Modell für eine erfolgreiche Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft gepriesen. Haben Sie denn gar keine Berührungsängste vor Partnern mit vorwiegend kommerziellen Interessen?
Karp: Die enge Kooperation mit der Wirtschaft ist für uns ein wichtiger Punkt, und es gibt dazu viele unterschiedliche Modelle. Wir sind mit mehr als 100 Forschern eben eines der größten Biotechnologielabors der Welt. 20 Unternehmen wurden bereits im Rahmen von Forschungsprojekten gegründet. Jedes Jahr kommen zwei oder drei dazu, und 180 Patente wurden von Unternehmen lizenziert.
profil: Würden Sie sagen, dass der Einfluss der Industrie in Ihrem Forschungsbereich stark ist?
Karp: Sehr stark. Es gibt am MIT ein eigenes Industry Liaison Office, um die Projekte des MIT bei der Industrie zu bewerben. Es vermittelt Unternehmen, die Forschungsfachwissen suchen, aber auch Kontakte. Ein- oder zweimal im Jahr werden am MIT so genannte Showcases für Technologien veranstaltet, um den Austausch zu fördern. Wir arbeiten eben nicht allein um der Wissenschaft oder der Grundlagenforschung willen. Am MIT liegt der Fokus auf der Umsetzung von Forschung.
profil: Was konkret ist Ihre Aufgabe in dem Zusammenhang?
Karp: Ich leite einige Programme am Institut und arbeite mit der Industrie zusammen, derzeit mit vier bis fünf Unternehmen. Wir haben kürzlich eine sehr hohe finanzielle Unterstützung über 1,3 Millionen Dollar erhalten, um biomedizinische Klebematerialien zu erzeugen. Ich lenke solche Initiativen, um Leute zu rekrutieren und sie in den Laboratorien zu unterstützen. Meist geht es um biomedizinische Forschung.
profil: Wie kann man sich die Suche nach Partnern aus der Wirtschaft im Detail vorstellen? Genügt hier schon der Name MIT?
Karp: Der Name MIT hilft sicher. Prinzipiell gibt es zwei typische Wege. Einerseits suchen Unternehmen Kontakt zum MIT, meist über das Industrial Liaison Office. Sie wollen beispielsweise neue Methoden und Produkte entwickeln, um das Geschäft zu beleben, da in den alten Geschäftsfeldern nur noch schwache Profite eingefahren werden. Der andere Weg ist, dass Forscher für ihre Ideen Unternehmen suchen. Das läuft ebenfalls über das Industrial Liaison Office.
profil: Wie erklären Sie sich eigentlich das anhaltende Interesse der Wirtschaft an den Forschungen des MIT?
Karp: Das hat sicherlich mit der Kultur zu tun. Leute werden bei uns ermutigt, Risiko einzugehen und sich an Aufgaben heranzuwagen, die bislang keiner lösen konnte. Dieses Modell hat wiederum eine gewisse Art von Studenten und Assistenten, die so genannten Postdoctoral Fellows, angezogen, von denen eigentlich die Mehrzahl der Ideen stammen. Die Forschungs- und Projektleiter, die Principal Investigators, haben sicher ihre Funktion, um zu den Innovationen beizutragen, aber es sind vor allem auch jene sehr kreativen, jungen Leute, die neue Ideen bringen. Sie leisten fantastische Arbeit in den Laboren und schreiben auch an Publikationen mit. Sehr wichtig ist, dass das MIT multidisziplinär arbeitet. Das schafft Innovationen. Die Grenzen zwischen den Instituten sind sehr durchlässig. Dank der guten Finanzierung ist es auch möglich, viel Expertise an einem Ort zu bündeln. Die Forschung in der Industrie fokussiert sich hingegen meist nur auf ein Produkt oder Problem.
profil: Naturgemäß können aber bedeutende und weitreichende Innovationen, die noch dazu hohe Gewinne versprechen, auch Risiken bergen, etwa im Zusammenhang mit ethischen Fragen bei der Stammzellenforschung. Sehen Sie da keine Gefahren?
Karp: Das MIT hat hier klare Standards: Kontroverse Technologien werden klar unterstützt, es gilt aber viele Regeln zu beachten. Therapien mit menschlichen Stammzellen sind beispielsweise noch in weiter Zukunft, aber es ist sehr wichtig, daran zu arbeiten, um beispielsweise Krankheiten wie Parkinson künftig behandeln zu können. Die Stammzellforschung dient aber auch dazu, Krankheiten besser zu verstehen und so neue Therapien entwickeln zu können.
profil: Dennoch gibt es immer auch ein Missbrauchspotenzial. Nicht zuletzt deshalb ist man in Ländern wie Österreich eher zurückhaltend, was allzu enge Verknüpfungen mit kommerziellen Absichten betrifft.
Karp: Das ist sicherlich möglich und in gewissen Szenarien auch wahrscheinlich. Aber man muss diese Risiken mit den Vorteilen abwägen. Neue Technologien können Leben retten und die Lebensqualität von Menschen verbessern. Für mich ist das eine einfache Frage: Wenn der Forschung in neuen, wenig erforschten Bereichen zu harte Kriterien auferlegt werden, werden Kreativität und akademische Freiheit erstickt. Die Lösung ist, an diesen ethisch herausfordernden Therapien zu arbeiten und zugleich klare Regeln aufzustellen, um vor Missbrauch zu schützen.
profil: Trotzdem geht es vielfach nicht nur darum, die Lebensumstände von Menschen zu verbessern, sondern nun mal auch um viel Geld.
Karp: Sicher, seit dem Bayh-Dole Act1), der Erfinder an den Lizenzeinkünften beteiligt, kann für einige Leute der finanzielle Anreiz die wichtigste Motivation sein, innovative Forschung zu betreiben. Andere wiederum wollen nur einen Beitrag zur Gesellschaft leisten.
profil: Gibt es hier nicht auch einen großen Druck seitens der Investoren und Interessenkonflikte?
Karp: Wenn ein Unternehmen ein Labor unterstützt, muss das Labor in dem spezifischen Bereich des Unternehmens die Arbeit abbrechen, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Ich habe bislang noch keine Konflikte gesehen.
profil: Es gibt keinen Druck?
Karp: Leute, die bei uns arbeiten, sind Druck gewöhnt. Der Unterschied zwischen dem Druck von Unternehmen und dem Druck durch Stipendien äußert sich darin, dass Unternehmen rascher Forschungserfolge fordern. Mit Stipendien ist man flexibler. Der meiste Druck kommt aber von Kollegen, die gerade Erfolge erzielt haben. Das will man selbst auch schnell erreichen.

Interview: Alfred Bankhamer

1) Mit dem Bayh-Dole Act aus dem Jahr 1980 erlangten die US-Universitäten das Recht auf Patente aus öffentlich finanzierter Forschung. Die Lizenzeinkünfte müssen mit den Forschern geteilt werden: Ein Drittel bekommen die Forscher, ein Drittel erhält das Technologie-Lizenzierungsbüro, ein Drittel das jeweilige Institut.